Letzte Aktualisierung 19.11.00.

“ Sieben Hundert Jahren Deutsch-Litauischer Beziehung”     Dr. Wilhelm Storost-Vydunas Originalausgabe 1932 in Tilsit

Deutsche kommen ins Land

Die Bedeutung des Zuges der Deutschen nach dem Aistenlande.

 

Eine Geschichte von unausdenkbarem Weh hob an, als Deutsche ins Land kamen. Und ganz schwer drängt sich die Frage auf: “Wie konnte das nur so werden?” Nun, der Weg hierher ist gemacht. Und das wirkt weiter durch all die 700 Jahre. Was geschehen ist, kann nicht ausgelöscht  werden. Der Zug der Deutschen gegen das Aistenvolk, gegen die Litauer, ist Tatsache und erweist sich weiter als eine solche. Vielleicht müßte man vom Schicksalswillen sprechen. Das ganze Leben wird ja von einer großen, geheimnisvollen Macht getragen, und aller Menschenwille kann doch nur aus ihr seine Kraft erhalten. Nichts besteht für sich allein. Also mußte es wohl so kommen, daß Deutsche herandrängten. Das Menschenleben gewinnt Gehalt und Höhe durch die Wechselwirkung einzelner und ganzer Völker. So werden diese einander von Bedeutung, und ein gegenseitiges Suchen findet statt. Im Osten, Süden und Westen von Slawen umdrängt, im Norden vom finnischen Stamm benachbart, lebten die Aisten im Bewußtsein einer eigenen, schätzenswerten Art. Das ewig unruhige Polentum konnte demi harmonischen Gleichmut des Litauertums nur wenig Förderung bringen. In noch geringerem Maße war das den russischen Stämmciu möglich, deren Eigenart sich seit jeher in den schroffsten Gegensätzen gebärdet. Das Litauertum braucht einen schweren und tief gegründeten seelischen Ausdruck als sein Gegenüber. Nur ein solches kann es zu einer Kraftentfaltung in Verbindung mit den Wirklichkeiten der Sinneswelt anregen. Und dazu ist wahrscheinlich unter den Völkern am ehesten das deutsche geeignet.

So rückte dieses denn auch heran im Norden übers Meer und im Westen über fremdes Land, durch fremdes Volk hindurch. Und es heißt oft, als kamen die meisten jener deutschen Menschen mit dem Bewußtsein einer Menschheitsmission. Deutsche Gelehrte, die über jenen Zug schreiben, betonen dieses ausdrücklich. Doch ist es nicht leicht, dem ohne weiteres zuzustimmen. Im Norden des Aistenlandes erschienen gegen Ende des 12. Jahrhunderts zunächst Kaufleute aus Norddeutschland, vor allem aus Lübeck. Und erst nach ihnen kamen Priester und Kreuzfahrer (1200). Die Priester schufen sich 1204 in den Schwertbrüdern eine bewaffnete Macht und führten dann Kriege, “um die eingeborenen Völker dem Christentume zuzuführen.” Andere Deutsche kamen von Westen mit dem ganz deutlich bekundeten Anspruch, höhere, geistige Werte ins Aistenvolk tragen zuwollen, nämlich dem Christentum Raum zu schaffen. Allerdings war von ihnen über dasselbe offenbar noch keine wirkliche Klarheit gewonnen. Der Glaube an zwei Lebensmächte, an Gott und den Teufel, an ein Gottes- und ein Teufelsreich hatte den Geist der Andrängenden wie ein giftiges Gas umnebelt, und so kamen sie wie von einem Rausch befangen.

Darum traten auch von vornherein sonderbare Kräfte in der Betätigung der Deutschen in den Vordergrund. Statt zu pflegen, zu bauen und zu fördern wurden sie Zerstörer. Und so entwickelten sich Geschehnisse, die zu denen gehören, welche in der Menschheitsgeschichte als ein ungeheures Leid empfunden werden. Noch heute fragt manchmal die Seele der Menschheit, wann wohl im Deutschtum die Besinnung auf seine ureigenste Aufgabe dämmern, wann es wohl zu einem Segen auch für die Völker werden wird, welche keine achtbare materielle Macht in der Welt bedeuten. Kein Volk ist dazu berufen, Zerstörer und Vernichter zu sein. Wecken, Fördern, Pflegen ist eine viel edlere und würdigere Aufgabe. Und je mächtiger ein Volk ist, desto mehr wird von ihm erwartet. Macht verpflichtet. Ihr Beruf ist zu tragen, zu helfen, aufzurichten. Nur ausnahmsweise kann es dem Mächtigen auferlegt sein, auch zu verderben.                                                                            

Der Ruf zur Fahrt nach dem Prußenlande.