AUTOCHTONEN

“ Sieben Hundert Jahren Deutsch-Litauischer Beziehung”     Dr. Wilhelm Storost-Vydunas Originalausgabe 1932 in Tilsit

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Bemerkungen zu gegenwärtig bevorzugten Ansichten

“Unsere Heimat (Ostpreußen-R.A.) gilt heute wie vor Jahrhunderten als ein Teil des alten Prußenlandes. Und wenn dieses auch zu den baltischen Ländern gezählt wird, so sondert man es in der Vorstellung doch deutlich ab von Litauen und Lettland.

In politischer Hinsicht ist das allerdings begründet. Aber für die Betrachtungen des alten Landes und Volkes ergibt das eine falsche Einstellung. Was in den letzten fünf Jahrhunderten geworden ist, kann nicht Maß und Name für das frühere sein. Dadurch wird jedes Verständnis für die alten Verhältnisse unmöglich gemacht.

Das gesamte Baltenland ist geographisch betrachtet eine Einheit, trotzdem die einzelnen Gaue sich durch ihre Besonderheiten kennzeichnen. Sie zu einander fremden Bezirken zu machen, schafft Unklarheiten. Das  elektromagnetische Schwingungsfeld beginnt im Quellgebiet der Memel und wogt weit nach Westen zur Ostsee und bis gegen die Weichsel hin. Die Pflanzenwelt besteht dort überall aus denselben Arten. Von den Buchen gedeiht hier noch die Weißbuches. Und auch die Tierwelt ist, wenn schon teilweise vernichtet, noch mit verschiedenen Gattungen charakteristisch für das Land.

So sind auch die Menschen hier seit grauer Vorzeit Kinder dieser Erde. Ihre Urheimat könnte vielleicht das jetzt vom baltischen Meer überflutete Land sein. Die angeblichen Beweise aus Altertumsfunden für Einwanderungen ins Aistenland bestätigen zweifelsfrei doch nur einen Handelsverkehr aus dem Westen, Norden, Süden und Südwesten mit den Bewohnern unserer Heimat.

Auch scheint es unrichtig zu sein, von verschiedenen Völkern zu reden, die das Baltenland bewohnt haben sollen. Die übertriebene Betonung der sprachlichen Besonderheiten einer Gegend, eines Gaues dürfte nicht genügen, um aus einem Volke mehrere verschiedene Völker zu machen.

Ein viel richtigeres Verständnis des alten Landes und Volkes wird gewonnen, wenn endlich zugegeben wird, was mit gutem Grund doch nicht bestritten werden kann, daß hier seit uralten Zeiten ein einziges Volk wohnte. Schon die nie geleugnete Tatsache der gemeinsamen Religion des ganzen Landes sollte Beweis genug dafür sein.

Ob die Samen, Sudauer, Kuren, Letten usw. sich von den Litauern schon vor 700 Jahren so stark unterschieden, daß sie als besondere Völker angesehen werden müßten, erscheint wirklich sehr zweifelhaft. In einem verhältnismäßig kleinen Lande ohne trennende natürliche Schranken, wie z.B. Gebirge sie bilden, sich verschiedene Völker kaum denkbar. Im Altgriechischen gab es ja auch verschiedene Mundarten. Die ionische wurde sogar jenseits des Meeres gesprochen. Und niemand macht auch nur den versuch, sie für die Sprache eines anderen Volkes zu erklären. Dem Aistenvolk aber soll sonderbarerweise die Einheit bestritten werden.

Und nach Altertumsfunden verschiedene Kulturen unter ihnen erkennen zu wollen, ist erst recht unangebracht. Als richtig dürfte wohl gelten, daß die Küstenbewohner des Aistenlandes wegen ihres berühmten Bernsteins von fremden Kaufleuten häufiger aufgesucht und darum stärkere Anregungen von ihnen wie auch von den zeitweilig im Lande sich niederlassenden Fremden und den eingetauschten Gegenständen empfingen als die weiter östlich wohnenden. Doch waren diese wegen anderer Tauschwaren, wie z.B. Marderfelle gewesen sind, auch nicht ohne  Beziehungen zu der übrigen Kulturwelt.

An der großen Völkerbewegung im 4. bis 6. Jahrhundert hat das Aistenvolk nicht teilgenommen. Seine Art bezeugt noch heute, daß es seit jeher seßhaft gewesen und auch geblieben ist. Immer war seine Friedlichkeit sein Ruhm. Und durch eine solche kennzeichnen sich nur Standvölker. Wandervölker, als welche die Germanen seit jeher und auch noch heute anzusehen sind, tragen die männlichen Eigenheiten des ruhlosen Suchens und Drängens. Standvölker dagegen bewahren ein Gleichgewicht des Männlichen und Weiblichen, so daß bei ihnen mehr wesenhaftes Menschentum zur Vorherrschaft gelangen kann.

Von ganz besonderer Beweiskraft für das Baltenvolk als der uralten Bewohnerschaft unseres Landes ist ihre Sprache. Völker, die ihre Wohnsitze verlegen, ändern dieselbe. Das geschieht nicht sowohl infolge der neuen Umwelt, als vielmehr durch Aufnahme fremden Blutes, also fremder Gestaltungs- und Ausdruckskraft in ihren Blutbestand.

Die litauische Sprache, in der sich diejenige des Baltenvolkes bisher am reinsten erhalten hat, steht unter allen europäischen Sprachen der Ursprache der Indogermanen am nächsten. Und wenn das Altpreußische noch einige ältere Züge aufweist, so können dies nur Eigenheiten dieser Mundart und nicht Merkmale einer besonderen Sprache sein. In Mundarten des Deutschen gibt es ja Ähnliches.

Zudem weisen die Altertumsfunde trutz allem eine zusammenhängende Kulturentwicklung auf, wie sie nur in demselben Volke unter Beziehung zu andern Völkern möglich ist. Die fremden Einwirkungen sollten aber nicht bloß als germanische aufgefaßt werden. Die verschiedensten Völker kommen seit den Phöniziern, Griechen, Römern und andern neben den Germanen in Betracht.

In manchen wissenschaftlichen deutschen Werken, wie z.B. in dem schönen  von Dr. Wilhelm Gaerte, Urgeschichte Ostpreußens, 1929, ist zu lesen, daß im Westen und Norden des Baltenlandes germanische Völker gewohnt hätten. Dazu ist zu sagen, daß gegenüber nur zeitweiligen Niederlassung der Aistenstamm sich immer wieder als die dauernde Bewohnerschaft des alten Landes erwiesen hat.

Schließlich muß noch an die Suggestionen erinnert werden, der sich auch Gelehrte nicht zu entziehen vermögen. Die gehässigen Berichte alter Chronisten werden immer wieder angeführt trotz des Eingeständnisses ihrer Fragwürdigkeit.