Dokumentation:

Mittelalterliche Leprosenhäuser im heutigen Baden-Württemberg . . . . . . . .

Einleitung:

Die vorliegende 6. Kartenlieferung "Mittelalterliche Leprosorien im heutigen Baden-Württemberg" umfasst den geographischen Raum mit der zweitgrößten Anzahl nachzuweisender Leprosenhäuser in Deutschland. Mit insgesamt 185 Orten liegt es knapp hinter Bayern (190 Orte) und deutlich vor Nordrhein-Westfalen (154 Orte).
Das wird den kundigen Leser, der die bisherigen Dokumentationen und Kartenlieferungen aufmerksam verfolgt hat, nicht überraschen.
Waren es anfangs vor allem die Staufer und Zähringer, die in der Region des vorliegenden Kartenblattes durch gezielte Städtegründungen ihre Herrschaft und ihr Territorium zu sichern suchten, folgten ihrem erfolgreichen Konzept rasch weitere Adelsgeschlechter und ließen im Raum ihrer Stammsitze eine außerordentlich städtereiche Landschaft entstehen. Allein die entstandenen 25 Reichsstädte im heutigen Baden-Württemberg (von insgesamt 50 Reichsstädten im Deutschen Reich) geben Beispiel für das politische, wirtschaftliche und kulturelle Aufblühen der Region, getragen vom regen Nah- und Fernhandel, den ein umfangreiches Verkehrsnetz (Fernhandelsstraßen: Frankfurt, Nürnberg, Augsburg, Basel, Straßburg; Wasserstraßen: Rhein, Donau, Neckar, Kocher, Jagst, Tauber) ermöglichte. Handel und Wandel erzeugten sowohl die Mobilität in der Bevölkerung, die zur Ausbreitung der Lepra beitrugen, als auch den wachsenden Reichtum des städtischen Bürgertums, der wiederum in den sozial-caritativen Leistungen der Städte Ausdruck findet, speziell in den Stiftungen der Leprosorien vor den Stadtmauern.


Der Überblick:
13. Jahrhundert:

1. Schlatt (um 1220)
2. Ulm (1246)
3. Überlingen (um 1250)
4. Freiburg (1251)
5. Konstanz (1259)
6. Heitersheim (1277)
7. Schwäbisch Hall (1277)
8. Ravensburg (1279)
9. Stuttgart (1280)
10. Esslingen (1282)
11. Pfullingen (1289)
12. Reutlingen (1289)
13. Tübingen (1289)
14. Ettlingen (1292)
15. Bad Wimpfen (1293)
16. Rottweil (1298)
17. Alpirsbach (1299)
18. Säckingen (13. Jh.)
19. Staufen (13. Jh.)
20. Heilbronn (Ende 13. Jh.)

14. Jahrhundert:
1. Biberach (1307)
2. Renchen (1313)
3. Nürtingen (1315)
4. Bad Wurzach (1321)
5. Villingen (1322)
6. Schwäbisch Gmünd (1326)
7. Ulm (1326)
8. Ehingen a.d.D.(1327)
9. Kirchheim U.T. (1328)
10. Esslingen (1331)
11. Weinsberg (1342)
12. Horb (1345)
13. Isny (1345)
14. Weingarten (1345)
15. Pfullendorf (vor 1346)
16. Pforzheim (1348)
17. Riedlingen (1349)
18. Waldsee (1349)
19. Waiblingen (1350)
20. Rottenburg (1352)
21. Balingen (1357)
22. Plochingen (1366)
23. Breisach (1375)
24. Oberndorf (1379)
25. Gerlingen (1381)
26. Munderkingen (1383)
27. Schlierbach (vor 1384)
28. Ellwangen (1384)
29. Fellbach (1394)
30. Kenzingen (1395)
31. Reutlingen (Mitte 14. Jh.)
32. Emmendingen (13. Jh.)
33. Mengen (14. Jh.)
34. Oberkirch (14. Jh.)
35. Offenburg (14. Jh.)

15. Jahrhundert:
1. Göppingen (1401)
2. Sulz (1402)
3. Ebingen (1405)
4. Dischingen (1407)
5. Wangen (1413)
6. Geislingen (1418)
7. Calw (vor 1423)
8. Bad Mergentheim (1424)
9. Heimerdingen (1424)
10. Hüfingen (1427)
11. Mosbach (vor 1430)
12. Heidelberg (1430)
13. Unlingen (1444)
14. Öhrigen (1445)
15. Aalen (1447)
16. Nagold (1447)
17. Saulgau (1450)
18. Ravensburg (1454)
19. Schorndorf (1456)
20. Neuenburg (1465)
21. Haigerloch (1472)
22. Friedrichshafen (1276)
23. Crailsheim (1477)
24. Herrenberg (1483)
25. Hechingen (1486)
26. Wildberg (1488)
27. Hornberg (1491)
28. Bopfingen (1495)
29. Weil d. Stadt (1499)
30. Künzelsau (vor 1500)
31. Tiengen (vor 1500)
32. Langenau (15. Jh.)
33. Rosenfeld (15. Jh.)
34. Urach (15. Jh.)
35. Wespach (15. Jh.)

16. Jahrhundert:
1. Neresheim (um 1500)
2. Schömberg (1501)
3. Meersburg (1502)
4. Engen (vor 1503)
5. Merklingen (vor 1510)
6. Markdorf (1510)
7. Gaildorf (1512)
8. Bad Schussenried (1515)
9. Stühlingen (1527)
10. Möckmühl (1528)
11. Hosskirch (1530)
12. Leutkirch (1530)
13. Scheer (1531)
14. Blankenloch (1532)
15. Adelsberg (1537)
16. Blaubeuren (1537)
17. Winnenden (1537)
18. Münsingen (1554)
19. Tettnang (1555)
20. Bietigheim (1556)
21. Baden-Baden (vor 1559)
22. Sindelfingen (1559)
23. Dornhan (1564)
24. Wolfach (vor 1566)
25. Rheinhausen (1570)
26. Marbach (1574)
27. Tuttlingen (1575)
28. Buchau (1580)
29. Möhringen (1584)
30. Endingen (vor 1589)
31. Schiltach (1590)
32. Mörsch (1596)
33. Eschach (16. Jh.)
34. Geisingen (16. Jh.)
35. Kaiserringen (16. Jh.)
36. Langenenslingen (16. Jh.)
37. Trochtelfingen (16. Jh.)
38. Spaichingen (vor 17. Jh.)

17. Jahrhundert:
1. Löfflingen (um 1601)
2. Neuffen (um 1605)
3. Ochsenhausen (1608)
4. Dürmentingen (vor 1610)
5. Stetten am kalten Markt (1614)
6. Leonberg (1617)
7. Altshausen (1626)
8. Schlier (1635)
9. Freistett (vor 1620)
10. Giengen (1650)

18. Jahrhundert:
1. Friedingen (1791)

Undatiert:
1. Achern
2. Adelsheim
3. Allensbach
4. Backnang
5. Bohlingen
6. Bruchsal
7. Bühl
8. Durlach
9. Elzach
10. Friesenheim
11. Friolzheim
12. Gengenbach
13. Gernsbach
14. Gröningen
15. Gundelfingen
16. Haslach
17. Hayingen
18. Heidelberg
19. Heidenheim
20. Heimsheim
21. Horn
22. Ilshofen
23. Jestetten
24. Kisslegg
25. Konstanz
26. Kork
27. Laiz
28. Melchingen
29. Messkirch
30. Mühlheim an der Donau
31. Neuenstein
32. Rastatt
33. Reichenau
34. Rheinbischofsheim
35. Rohrdorf
36. Salem
37. Sankt Georgen
38. Steißlingen
39. Sigmaringen
40. Sipplingen
41. Stockach
42. Stollhausen
43. Tauberbischofsheim
44. Triberg
45. Uffhausen
46. Vaihingen
47. Waldkirch
48. Waldshut
49. Weinheim
50. Wertheim
51. Wiesensteig
52. Wollmatingen.

Zusammenfassung:
Die insgesamt 191 Leprosenhäuser in Baden-Württemberg sind wiederum an den für Leprosorien typischen Standorten zu finden (an Handelswegen, Fluss- oder Bachverläufen, außerhalb der Stadtmauern) und werden in dieser Region überwiegend als "Feldsiechenhaus" (Konstanz: "Arme Kinder im Feld"), "Sondersiechenhaus" oder Gutleuthaus bezeichnet. In Esslingen, Heidelberg, Konstanz, Ravensburg, Reutlingen und Ulm lassen sich jeweils zwei Leprosorien nachweisen. Viele Häuser finden wir mit eigener Kapelle und Friedhof ausgestattet.

Als Patrozinien sind am häufigsten genannt:
St. Katharina ( Bad Wimpfen?, Ehingen, Horb, Kirchheim, Pfullendorf, Pfullingen, Reutlingen, Riedlingen, Rottenburg, Schwäbisch Gmünd, Überlingen, Ulm);
St. Leonhard (Aalen, Hüfingen, Isny, Leutkirch, Oberndorf, Tauberbischofsheim, Ulm);
St. Nikolaus (Ellwangen, Geislingen, Horb, Schwäbisch Hall, Wangen);
St. Wolfgang (Crailsheim, Göppingen, Künzelsau);
St. Georg (Ettlingen, Pforzheim, Ravensburg, Scheer);
St. Jakob (Heilbronn, Munderkingen, Weil d. Stadt);
Hl. Geist (Freiburg); Hl. Kreuz (Oberndorf, Ravensburg, Schorndorf);
St. Laurentius (Heidelberg);
St. Johannis (Bopfingen, Säckingen);
St. Magdalena (Biberach, Staufen);
St. Markus (Langenau); St. Rochus (Bad Mergentheim);
St. Ulrich (Konstanz);
Unser Lieben Frauen (Bad Schussenried, Messkirch, Saulgau, Sulz, Tübingen);
Allerheiligen (Balingen, Rottweil);
St. Martin (Bad Schussenried);
St. Pantaleon (Pfullingen).

Leprosenhausordnungen sind erwähnt für
Ulm (1348/1466),
Esslingen (1405/1657),
Überlingen (1424),
Freiburg (1480),
Biberach (1491),
Engen (1503),
Konstanz (1453/1553),
Ravensburg (1570/1604),
Staufen (1576),
Schwäbisch Hall (1590),
Ochsenhausen (1608).

Für das Leprosenhaus St. Katharina in Ulm werden 30 Bewohner (1370), in Rohrdorf 11 und Heilbronn 20-30 Bewohner erwähnt. Einige Häuser werden offensichtlich sehr lange als Leprosenhäuser genutzt: Gaildorf (1646 noch Aussätzige erwähnt), Stuttgart (1709 ein lepröser Junge aus Schiltach), Isny (1735: 2 Lepröse), Staufen (1758 letzter Leprakranker verstorben).
Mit dem Rückgang der Lepra erfolgt spätestens im 18. und 19. Jahrhundert bei vielen Häusern ein Funktionswandel. Ehemalige Leprosenhäuser werden als Armenhäuser (z.B. Allensbach, Baden-Baden, Crailsheim, Endingen, Gaildorf, Sankt Georgen, Löffingen, Pfullendorf, Dischingen, Giengen, Heilbronn, Herrenberg, Langenau, Kisslegg, Schwäbisch Hall, Mühlheim, Oberndorf, Rottenburg, Tübingen, Wespach) oder Spitäler ( z.B. Durlach, Endingen, Haslach, Heitersheim, Pfullendorf, Säckingen, Tiengen, Villingen, Aalen, Bopfingen, Bad Mergentheim, Schwäbisch Gmünd, Ulm, Heilbronn, Geisingen) weiter geführt. Aus den ehemaligen Leprosorien in Pfullendorf und Hechingen wurden dann 1876 und 1900 Gasthäuser.

Literaturhinweis:
Aussatz-Lepra-Hansen-Krankheit. Ein Menschheitsproblem im Wandel, Teil 1: Katalog, bearb. von Christa Habrich, Juliane C. Wilmanns, Jörn Henning Wolf, Ingolstadt 1982 (Kataloge des Deutschen Medizinhistorischen Museums, hg. von Jörn Henning Wolf und Christa Habrich, Heft 4), S. 117ff.
Englisch, August, Über Leprosorien in Württemberg, med. Diss. Frankfurt/M. 1951
Keyser, Erich/Heinz Stoob, Deutsches Städtebuch, 5 Bd. (1939-74)
Reicke, Siegfried, Das deutsch Spital und sein Recht im Mittelalter, 2 Bde, Stuttgart 1932, ND Amsterdam 1970 (Kirchenrechtl. Abh. 111-114)
Staerk, Dieter, Gutleutehäuser und Kotten im Südwestdeutschen Raum. Ein Beitrag zur Erforschung der städtischen Wohlfahrtspflege in Mittelalter und Frühneuzeit, in: Die Stadt in der Geschichte, FS Edith Ennen, Bonn 1973, S. 529-553
Virchow, Rudolf, Zur Geschichte des Aussatzes, besonders in Deutschland, in: Virchows Archiv path. Anat. 18 (1860), S.138-162, 273-329; 19 (1860), S. 43-93 ; 20 (1861), S. 166-198, 459-512.

Jürgen Belker-van den Heuvel, Münster

Details der Leprosenhäuser im heutigen Baden-Württemberg

Übersichtskarte der Leprosenhäuser im heutigen Baden-Württemberg

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