Die Klapper 1999 . . . . . . . . .

Hagioskope
Unbeachtete Zeugnisse der
Leprageschichte

Der Ordensbruder wollte gerade zum Altar zurückkehren, als er an der Außenmauer des Seitenschiffes ein Klopfen hörte. Natürlich! Er hatte die Leprakranken vergessen, die beiden unglückseligen Aussätzigen, denen er erlaubt hatte, im muffigen Beinhaus auf dem Kirchhof unterzukriechen. Athelstan versorgte sie mit Essen und Trinken sowie mit einer Schüssel Wasser mit Maulbeeren, damit sie sich waschen konnten [...]. Gern hätte er mehr für sie getan, aber das Kanonische Recht war unerbittlich: Ein Aussätziger durfte nicht zusammen mit der übrigen Gemeinde die Kommunion empfangen, sondern nur durch den Lepraspalt, ein kleines Loch in der Kirchenmauer. Crim (der Meßdiener) besann sich auf seine Pflichten, nahm einen kleinen Eschenzweig und reichte ihn dem Ordensbruder. Der legte eine Hostie auf das Ende und schob sie durch den Lepraspalt. Das wiederholte er und kehrte nach einem geflüsterten Gebet zum Altar zurück, um die Messe zu Ende zu bringen”[1].

Kirche St. Johann in Oesede

Kirche St. Johann des ehemaligen
Benediktinerinnenklosters Oesede

Was der unter dem Pseudonym Paul Harding veröffentlichende britische Historiker Paul C. Doherty zur atmosphärischen Verdichtung innerhalb des bunten Handlungsrahmens seines Kriminalromans um den Dominikanermönch Bruder Athelstan und den Coroner Sir John Cranston für die Kirche St. Ecronwald im London des Jahres 1377 so detailliert beschreibt, verweist auf eine von der Forschung bisher weitgehend unbeachtete Quelle mittelalterlicher Leprageschichte. Lepraspalten, sogenannte Hagioskope, haben als stumme Zeugen einer bewegten Vergangenheit in Kirchenmauern vieler Länder die Jahrhunderte überdauert. Mit dem Verschwinden der Lepra aus Mitteleuropa geriet ihre ursprüngliche Funktion häufig in Vergessenheit. Mancherorts, wie in der Kirche des ehemaligen Bene­diktinerinnenklosters im niedersächsischen Georgsmarienhütte (Stadtteil Kloster Oesede) wurden sie im Laufe der Zeit mehr oder weniger gründlich verfüllt, zugemauert und unter Schichten von Putz verborgen.

Die Anfänge des Frauenklosters Oesede reichen bis in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts zurück. Am 15. Januar 1170 begann das Wirken der ersten Benediktinerinnen in der von dem Edlen Ludolf und seiner Ehefrau Tedela gestifteten, der Jungfrau Maria, dem Heiligen Kreuz und Johannes dem Täufer geweihten Ordens­niederlassung[2]. Wie für Konvente üblich, so besaß auch das Kloster Oesede seine eigene Kirche. In der nach Norden gelegenen Wand des Langhauses gab während der 1980er Jahre plötzlich bröckelnder Putz unvermutet ein Hagioskop frei. Den Zweck eines solchen Hagioskops illustriert die eingangs angeführte Schilderung bereits recht genau. Der schießschartenartige Spalt in der Kirchenwand diente den von der Teilnahme an der Messe und dem gemeinsamen Empfangen der Kommunion Ausgeschlossenen, vornehmlich Leprakranken, dazu, den Gottesdienst verfolgen zu können. Wie das aus dem Griechischen stammende Wort “Hagioskop” andeutet, waren die Öffnungen so angelegt, dass der Betrachter auf “das Heilige schauen”, also den Altar und die dort vom Priester vollzogenen Handlungen sehen konnte. Das Hagioskop in der Klosterkirche war somit an einer ungewöhnlichen Stelle angebracht, denn der Spalt in der Mauer des Seitenschiffs gewährte keine Sicht auf den Hauptaltar. Klärung brachte die in der Folge ausgeführte archäologische Untersuchung des Kircheninnenraumes. In einem für das Hagioskop idealen Blickwinkel tauchten in der Kirchenmitte die Überreste eines Altars auf. Der Grund für dessen ungewöhnliche Platzierung und damit auch die des Hagioskops ließ sich mit Hilfe der schriftlichen Überlieferung aufklären. Demzufolge ging die Stiftung des Altars auf eine Marienvision des ersten Oeseder Propstes Theoderich an der nämlichen Stelle zurück. Sein Nachfolger Bernhard stiftete den Marienaltar, der am 24. Mai 1203 durch den Bischof Gerhard geweiht wurde[3].

Hagioskop in der Seitenwand

Hagioskop in der Seitenwand der Kirche St. Johann. Im Vordergrund Überreste des Marienaltars

Zeigt das Kloster Oeseder Beispiel bereits, dass Hagioskope keineswegs immer an der gleichen Stelle einer mittelalterlichen Kirche zu suchen sind, präsentiert sich andernorts die Formenvielfalt dieser Lepraspalten. Im niedersächsischen Stadthagen beispielsweise sind gleich drei solcher Öffnungen nebeneinander angeordnet. Die Kirche St. Laurent, oberhalb des bekannten Badeortes Deauville in der Normandie gelegen, verfügt an den beiden gegenüberliegenden Seiten des Chores über je ein Hagioskop. Im Gegensatz zu dem im Kloster Oesede und dem vermauerten in der Schloßkirche von Bad Iburg sind diese normannischen Hagioskope rund. Sie bieten einen direkten Blick auf den Hauptaltar der kleinen Kirche, die größtenteils noch die Bausubstanz des 13. Jahrhunderts aufweist. Rund zwanzig Kilometer weiter westlich von Deauville, in Dives-sur-Mer, hat sich ein weiteres Hagioskop erhalten. An der Südseite der Apsis der aus dem 12. Jahrhundert stammenden und in den folgenden Jahrhunderten mehrfach erweiterten Kirche Nôtre Dame des Küstenstädtchens findet sich ein Hagioskop in rechteckiger Form. Die Beschriftung “trou aux lépreux”, Leprosenloch, verweist auf dessen ursprüngliche Bestimmung. Wie in der Beschreibung aus Hardings Roman mussten hier ebenfalls die leprakranken Benutzer dieses Hagioskops die Messe auf dem Friedhof stehend verfolgen. Auch in den Generalkapitelsbeschlüssen des Zisterzienserordens tauchen bisweilen Hinweise auf die Anwesenheit Leprakranker auf Friedhöfen von Ordenshäusern auf. Die Platzierung vieler Hagioskope in den zum Friedhof gelegenen Kirchenwänden ist vermutlich kein Zufall. Vielmehr deutet sich hier ein Zusammenhang mit mittelalterlichen Auffassungen des Leprakranken an. Die während des ausgehenden Mittelalters besonders in einigen Gebieten Frankreichs gängigen kirchlichen Riten zur “Aussetzung” des Kranken sahen nicht selten ein Lesen der Totenmesse und Formen einer symbolischen Bestattung vor[4]. Die Zeremonie schloss nach manchen Versionen mit den Worten des Priesters, sis mortuus mundo vivens iterum in Deo. Das Bild dieses “Toten für die Welt” erfüllte der Leprakranke auf dem Friedhof, der die Auferstehung seiner Seele durch das eifrige Verfolgen der Messe und die Teilnahme an der Kommunion vorbereitete. Als “lebender Leichnam”[5] schwebte er bis zu seinem tatsächlichen physischen Ableben in einem Zustand zwischen dem Diesseits - mit allen Fährnissen des Alltags - und einem symbolisch bereits konstruierten Jenseits.

Hagioskop von außen

Hagioskop. Ansicht von außen

Das III. Laterankonzil hatte 1179 in seinen Beschlüssen (nicht nur?) verordnet, dass Leprakranke nicht mit Gesunden leben, sondern statt dessen eigene Gemeinschaften bilden sollten[6]. Eine jahrhundertelange Entwicklung fand mit dieser kirchenrechtlichen Fundierung einer Unterbringung Leprakranker in Leprosorien ihren Ausdruck. Die Leprosorienkomplexe sollten nach dem Willen des Heiligen Stuhls neben einem eigenen Friedhof auch über eine eigene Kirche zur geistlichen Versorgung ihrer siechen Bewohner verfügen. Die Sorge der Geistlichkeit für das Seelenheil der Leprakranken war schon in den frühmittelalterlichen Konzilsbeschlüssen deutlich zutage getreten. Damit stellt sich die Frage nach dem Sinn und der Verbreitung von Hagioskopen. Offenbar gelang es nicht allerorts, die Leprosorien mit dem geforderten eigenen Gotteshaus auszustatten. Gerade in dünner besiedelten, ländlichen Gegenden, wo die Zahl der Erkrankten sich möglicherweise nur auf einen oder zwei beschränkte, dürfte es an Mitteln zur Umsetzung der Konzilsbeschlüsse gefehlt haben. Die geistliche Versorgung dieser einzelnen Unglückseligen wurde infolgedessen über die Anlage von Hagioskopen in der örtlichen Kirche oder Kapelle geregelt. Es ist vor diesem Hintergrund nicht verwunderlich - die angeführten Beispiele zeigen dies - dass man auf Lepraspalten nur in kleineren Ortschaften, kaum aber in zentralen Kirchen größerer Städte stößt. Dort standen den im Leprosorium untergebrachten Siechen eigene Kapellen zur Verfügung. Einen besonderen Zweck erfüllten die Hagioskope offenbar für die kaum fassbare Zahl der Leprakranken, die aus welchen Gründen auch immer keinen Platz im Leprosenhaus ihrer Heimatstadt bekommen hatten und statt dessen ihren Lebensunterhalt als umherziehende Bettler auf der Straße sichern mussten. Lagen die nächsten Leprosorien, die Unterschlupf für eine Nacht und manchmal auch länger gewährten, zu weit voneinander entfernt, um sie in einem Tagesmarsch zu erreichen, überbrückten die Hagioskope zumindest den dadurch entstehenden Mangel an geistlicher Zuwendung. Eine systematische Erfassung der Hagioskope könnte unter Hinzuziehung schriftlicher Überlieferungen und archäologischer Befunde neue Erkenntnisse gerade zu den Lebensbedingungen solcher vagierenden Leprakranken liefern.

Kai Peter Jankrift, Münster

Zurück zum Inhaltsverzeichnis Klapper 1999

[home]


[1] Paul Harding, Das Haus des roten Schlächters. Kriminalroman aus dem mittelalterlichen London, Frankfurt 1993, S.28f. Teile des vorliegenden Beitrags basieren auf Ergebnissen von Recherchen im Rahmen von der DFG am Institut für Theorie und Geschichte der Medizin geförderten Projekts “Formen, Strukturen und Entwicklungen mittelalterlicher Seuchenbekämpfung in regionalen Kontexten”.

[2] Hierzu Hermann Quckenstedt, Dat syne seele dorch eyne gedechtnisse euwelich leven scholle. Über Stifter und Memorienstiftungen in Oesede und Kloster Oesede im Mittelalter und in der Neuzeit, in: Georgsmarienhütte. Junge Stadt-Alte Traditionen, Georgsmarienhütte 1995 [= Beiträge zur Geschichte Georgsmarienhüttes und seiner Stadtteile 2], S.111ff.

[3] Ebenda, S.112

[4]Edmond Martène (Ed.), De antiquis ecclesiae ritibus, Antwerpen 1736, vol. II lib. III cap. 10, p.1003-1013 [Neudruck: Hildesheim 1967]

[5]Richard Toellner, Zur Einführung - Lepra ist anders, in: Lepra - Gestern und Heute, Münster 1992, S.1

[6] Concilium Oecumenicorum Decreta, Ed. Joseph Alberigo, Claudio Leonardi e.a., Bologna 1973, S.222f.


Bezug der Klapper:
Archive und Bibliotheken erhalten die Klapper kostenlos. Für andere Abonnenten kostet das Jahresabo 4,00 EUR. Bestellungen bitte an

Gesellschaft für Leprakunde
Albrecht-Thaer-Straße 14
Postfach 150151
48061 Münster


© Gesellschaft für Leprakunde e.V. Münster

email