Die Klapper 1995 . . . . . . . . .

Robert Koch und die Lepra

 

Bei den Vorarbeiten zum Reichsseuchengesetz (heute Bundesseuchengesetz) konnte man davon ausgehen, daß im Deutschen Reich der letzte Leprakranke im Jahre 1712 in Köln gestorben sei. Ende des 19. Jahrhunderts wurden in den Kreisen Memel und Heidekrug Lepraherde entdeckt.

Der Direktor des Instituts für Infektionskranke in Berlin, Prof. Dr. Robert R. Koch, Entdecker des Tuberkelbazillus, erhielt vom Kultusminister von Preußen den Auftrag, die Ausdehnungen der Lepra festzustellen und geeignete Mittel zur Abwehr dieser Krankheit anzugeben.

Über diese Reise und ihre Ergebnisse berichtete Koch und veröffentlichte diese Ergebnisse im Klinischen Jahrbuch 1897. Der Gesellschaft für Leprakunde gelang es, antiquarisch ein Exemplar dieses Berichtes zu erwerben. Dieser Originalbericht von Koch ist die Grundlage der nachfolgenden Ausführungen.

Die ersten Andeutungen vom Auftreten der Lepra im Kreise Memel - so Koch - seien bis zum Jahre 1870 zurück zu verfolgen. Möglich sei auch, daß der eine oder andere Fall etwas früher vorgekommen sei. Da die Lepra mit offenkundigen, auch von Laien gar nicht zu verkennenden Symptomen verlaufe, könne sie nicht lange Zeit unbemerkt geblieben sein.

Daher ist Koch der Meinung, daß die Lepra im Kreise Memel neueren Ursprungs sein müsse und von irgendwoher eingeschleppt worden sei. Hierzu biete aber gerade das Memelgebiet mehrfache Gelegenheit.

Als Lepraländer, aus denen über See die Lepra eingeschleppt worden sei, bezeichnet Koch Rußland, Schweden und Norwegen. Dann macht er auf den recht lebhaften Landverkehr mit dem benachbarten russischen Gouvernement Kowno und mit Kurland aufmerksam. 36.000 sogenannte Grenzkarten, die einen achttägigen Aufenthalt jenseits der Grenze erlaubten, seien im Jahre 1895 ausgegeben worden. In der fraglichen Zeit sei die Lepra in Norwegen und Schweden im raschen Zurückgehen gewesen. In den benachbarten Ostseeprovinzen hingegen habe sie in erschreckender Weise zugenommen. Für Koch konnte es daher keinen Zweifel geben, daß die Krankheit von Osten und Norden her über die russische Grenze in den Memeler Kreis eingedrungen sei.

Interessanterweise fand Koch jedoch die Stadt Memel selbst von der Lepra völlig verschont. Dagegen zeigte sich die Lepra in der Nähe der russischen Grenze und später auch vorzugsweise im Norden des Kreises Memel und in den Vororten der Stadt. Betroffen sei lediglich die litauische Landbevölkerung, die durch den Marktverkehr und durch Schmuggel veranlaßt wurde, auf russisches Gebiet hinüberzugehen und dadurch am leichtesten mit russischen Händlern, ländlichen Arbeitern und Bettlern in Berührung kam.

Im Kreise Memel fand Koch 25 Fälle von Lepra. Mehrere Personen wurden als verdächtig bezeichnet. Außerdem fanden sich 2 Lepröse in der Klinik in Breslau. Koch hatte Gelegenheit, exzidierte verdächtige Knoten zu untersuchen und in ihnen Leprabazillen in großer Zahl nachzuweisen.

Insgesamt umfaßte die von Koch angegebene Liste 27 Fälle, die bis auf zwei alle der tuberösen Form der Lepra angehörten. Bei einem Patienten bezeichnete er die Lepra als gemischte Form und den letzten Fall bezeichnete er als anaesthetische Lepra.

Dieses starke Überwiegen der tuberösen Form der Lepra spricht nach Koch und nach den in anderen Ländern gemachten Erfahrungen dafür, daß die Lepra frisch eingeschleppt wurde. In Gegenden, in denen die Lepra schon lange herrscht, pflegt die anaesthetische Form einen weit größeren Prozentsatz auszumachen.

Bei den Ausführungen über die Ansteckung entwickelt Koch ein regelrechtes Sittenbild der damaligen Zeit. Er spricht davon, daß die Bevölkerung in engen Räumen zusammen lebe und schliefe. Infizierte Kleidungsstücke würden von Lebenden mitbenutzt. Auffallend oft wurde angegeben - so Koch -, daß die nacheinander Erkrankten zusammen in einem Bett geschlafen hätten. Andererseits fiel Koch auf, daß es einzelne Menschen gäbe, die vollkommen immun gegen Lepra waren. Als Beispiel hierfür führt Koch eine Frau an, die im Laufe von 20 Jahren nacheinander ihren Mann und vier erwachsene Kinder gepflegt und an die Lepra verloren habe. Trotzdem fand Koch sie bei der Untersuchung vollkommen gesund. Ähnlich verhielt es sich bei einem Mann, der seit 12 Jahren Lepra in seiner Familie hatte und jahrelang mit seiner leprösen Frau das Bett teilte.

Über die Übertragungsform der Lepra macht Koch längere Ausführungen. Er ist insbesondere der Meinung, daß die Vererbung keine Rolle spiele. Ebensowenig sei der Genuß von verdorbenen Fischen an der Lepra schuld.

Die Lepra bezeichnete Koch als unheilbare Krankheit, die 5 bis 10 Jahre dauert. Von seinen 27 Leprafällen haben zum Zeitpunkt der Untersuchung bereits 17 Fälle tödlich geendet. Auf einzelne Fälle geht Koch ausführlicher ein, insbesondere wenn sie von nahen Verwandten aufopferungsvoll über Jahre hinweg gepflegt wurden, ohne daß die Pflegepersonen sich selbst ansteckten.

Als erfreulich bezeichnet es Koch, daß nur noch 2 frische und seit dem Jahre 1890 überhaupt keine importierten Fälle mehr vorgekommen seien. Er ist daher der Meinung, daß die Krankheit eine Pause zu machen scheine. Die vorhandenen Kranken seien so untergebracht, daß sie für ihre Umgebung möglichst ungefährlich seien, und es liege daher ein unmittelbarer Grund zur Beunruhigung, wie sie in der Tagespresse zum Ausdruck gekommen sei, nicht vor.

Koch ist insgesamt der Meinung, daß im Kreis Memel eine Gefahr vorliege, die weitere Landesteile und in letzter Konsequenz sogar den Gesamtstaat (gemeint ist Preußen) bedrohe. Es sei deswegen wohl gerechtfertigt, daß die aus der Bekämpfung der Lepra erwachsenden Kosten nicht allein vom Kreis Memel getragen werden müßten, sondern vom Staat übernommen werden sollten.

Nach den Erfahrungen, die man vor allem in Norwegen gemacht habe, sei es notwendig, Leprosorien zu errichten, in denen die Leprakranken unentgeltlich und ohne Zwang aufgenommen werden müßten. Um seine Meinung zu verdeutlichen, gibt Koch die Zahl der norwegischen Leprösen bekannt: Von 2.833 Fällen im Jahre 1856 sank die Zahl der Fälle in den Leprosorien auf 954 im Jahre 1890. Während im Jahre 1856 in Norwegen 238 frische Leprafälle gemeldet wurden, waren es im Jahre 1890 nur noch 10 Fälle.

Koch schildert dann die im Kreis Memel bereits durchgeführten Maßnahmen. In Kliniken könnten Leprakranke wohl kurze Zeit zu Lehr- und Forschungszwecken beherbergt werden, aber nicht jahrelang dort bleiben, wie es bei der Dauer der Krankheit erforderlich sei.

Zur Lokalisation von Leprosorien im Landkreis Memel macht Koch dann präzise Vorschläge. Diese gehen so ins Einzelne, daß er sogar Vorstellungen über die Baukosten sowie über den Unterhalt der Leprosorien macht.

Koch ist so optimistisch zu sagen, daß voraussichtlich die Anstalt nur eine Reihe von Jahren als Leprosorium zu dienen habe. Wenn die Lepra dann verschwunden sei, eigne sich das Leprosorium wegen seiner Lage am Seestrand in vortrefflicher Weise als Seehospiz.

Den Ausführungen Kochs ist zu entnehmen, daß damals bereits eine Anzeigepflicht für Ärzte, Geistliche und Lehrer bestand. Ebenfalls waren Militärärzte angewiesen, auf Lepröse bei der Musterung zu achten.

Den sogenannten Kreisphysikus des Kreises Memel lobt Koch dann und bedauert, daß es ihm wie allen Ärzten, die nicht die Gelegenheit hatten, viele Leprakranke zu sehen und besondere Studien über die Lepra anzustellen, an der nötigen Erfahrung über diese Krankheit fehle. Er empfiehlt, ihm auf Staatskosten eine Besichtigung von Leprosorien in den Ostseeprovinzen zu ermöglichen. Dort seien etwa 6 derartige Anstalten mit mehreren Hundert Kranken in letzter Zeit in Funktion getreten. Ebenfalls empfiehlt Koch, dem Kreisphysikus die Gelegenheit zu etwa zweiwöchigen bakteriologischen Studien über Lepra und verwandte Dinge in einem Institut für Infektionskrankheiten zu geben.

Abschließend stellt Koch fest, daß der Kreisphysikus einen dreiwöchigen bakteriologischen Kursus im Institut für Infektionskrankheiten mitgemacht habe und ihm eine Reise nach Rußland bewilligt worden sei.

Literatur: Robert Koch, Die Lepra - Erkrankungen im Kreise Memel, Jena 1897.

H. R. Winz, Münster

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