Die Klapper 1995 . . . . . . . . .

Pater Damian de
Veuster:
Blue Jeans und Soutane
Zum 100. Todestag
eines ungewöhnlichen Heiligen
Molokai - Insel
des Todes mitten im Paradies
Wir schreiben den 10. Mai
1873. Schauplatz Molokai, eine der paradiesischen Inseln
im Königreich Hawaii. Ein junger Priester, Mitglied der
Ordensgemeinschaft von den Heiligsten Herzen Jesu und
Mariens (in Deutschland bekannt unter dem Namen "Arnsteiner
Patres"), betritt die Insel. 33 Jahre ist er alt.
Sein Name: Damian de Veuster. Er kommt nicht als Tourist.
Auch nicht, um sich auf einer abgelegenen Insel vom
Alltagsstreß zu erholen und nach einiger Zeit dann
braungebrannt und neu gestärkt an seine bisherige
Wirkungsstätte zurückzukehren. Dieser Priester weiß
genau, daß er nicht mit heiler Haut davonkommen wird.
Denn Molokai ist eine Insel des Schreckens. Eine Hölle
mitten im Paradies. Aus ihr gibt es kein Zurück. Nach
Molokai kommen bedeutet, lebendig begraben zu werden. Wer
hier "landet", ist nicht nur für eine Weile
aus dem Verkehr gezogen. Er wird aus dem offiziellen Bevölkerungsregister
gestrichen und existiert nicht mehr. Auf diese Insel
kommt niemand freiwillig. Molokai ist der sichere Tod
unter unvorstellbaren Bedingungen.
Wie kam es zu
dieser Todesinsel?
1778 hatte der englische
Kapitän James Cook Hawaii entdeckt. Die Entdeckung
sprach sich schnell herum. Walfischfänger, schließlich
auch Kaufleute und Farmer aus den Vereinigten Staaten überschwemmten
den kleinen Kanakenstaat. Nach kurzer Zeit dominierten
sie die einheimische Bevölkerung mit allen zersetzenden
Folgen einer rücksichtslosen Überfremdung. Besonders
verheerend wirkten sich die von ihnen mitgebrachten
Zivilisationskrankheiten aus, da die Eingeborenen gegen
sie keinerlei Immunsystem besaßen. Innerhalb von 80
Jahren war die hawaiianische Bevölkerung auf ein Fünftel,
von 330.000 auf ca. 60.000, geschrumpft. 1845 war mit
einem Schiff auch die Lepra (Aussatz) nach Hawaii
eingeschleppt worden. Sie entpuppte sich als tödliche
Epidemie. Ihr drohte die gesamte einheimische Bevölkerung
zum Opfer zu fallen. Es gab keinerlei Mittel gegen sie.
Die Behörden waren ratlos und gerieten zunehmend in
Panik. Sie verordneten Meldepflicht in der Hoffnung, auf
diese Weise die Seuche unter Kontrolle zu bringen. Aber
es gab kein Halten mehr. Das Massensterben ging weiter.
Schließlich wurden gnadenlos Razzien organisiert, um
alle, bei denen die äußeren Symptome der Lepra entdeckt
wurden, festzunehmen und an einem sicheren Ort
auszusetzen. Dieser Ort war Molokai, genauer Kalawao, ein
Teil dieser Insel. Vor sich hatten die Leprakranken das
mit gefährlichen Riffen durchsetzte Meer, hinter sich unüberwindbare
Felswände. Ein Entkommen war unmöglich. So wurde
Molokai zu einem Konzentrationslager für Aussätzige,
lange bevor es diesen Begriff gab.
An diesem Ort gibt
es kein Gesetz
Die Behörden glaubten,
sich mit diesen brutalen Deportationen des tödlichen
Problems entledigen zu können. Verfahrensweise und Zustände
waren unbeschreiblich. Die Kranken wurden vor der Insel
ins Meer gekippt, wie Abfall und der letzte Dreck.
Endgelagert wie gefährlicher Müll, den man unbedingt
loswerden muß.
Es gab keinerlei
Vorkehrungen, keinerlei Vorsorge. Es existierten weder
Wohnungen noch Wasserstellen. Es gab keine Medikamente,
keine Pflege, keinen Arzt, keinen Priester. Die Aussätzigen
waren in ihrem Elend allein sich selbst überlassen.
Offene Anarchie und
totales Chaos waren die Folge. Jede Ordnung, jede Moral
waren aufgelöst. Mit wilden Orgien und Alkohol
versuchten die Verschleppten sich zu betäuben. Es gab
nur ein Recht: das des Stärkeren. Es gab nur ein Gesetz:
das der Gesetzlosigkeit. "An diesem Ort gibt es kein
Gesetz", damit wurden die Neuankömmlinge begrüßt
und dementsprechend brutal in die neue Wirklichkeit
eingeführt.
"An diesem Ort gibt
es kein Gesetz". Auch Pater Damian wird so
empfangen, als er sich am 10. Mai 1873 mit einem
Krankentransport auf der Insel aussetzen läßt. Er kommt
freiwillig. Bei sich hat er nur, was er auf dem Körper
trägt, sein Brevier, einen unbeugsamen Willen und
unendlich viel Gottvertrauen und Liebe zu den Menschen.

Damian - Priester
der Verbannten
Wer war dieser Pater
Damian, und was hat ihn veranlaßt, sich freiwillig
dieser Hölle auszusetzen? - Sein Lebenslauf ist schnell
berichtet. 1843 wird er in Tremelo (Belgien) als siebtes
Kind einer Bauernfamilie geboren. Statt den elterlichen
Hof zu übernehmen, tritt er 1858 in die
Ordensgemeinschaft von den Heiligsten Herzen Jesu und
Mariens ein, geht 1863 für seinen erkrankten Bruder in
die Mission nach Hawaii und wird 1864 in Honolulu zum
Priester geweiht. Rastlos ist er mehrere Jahre in
verschiedenen Missionsdistrikten Hawaiis unterwegs - überall
dahin, wo man ihn braucht.
Gott ist Liebe. Gott liebt
bedingungslos. Gott hat ein Herz für die Menschen. Außerhalb
der Liebe kein Gott und kein Heil, diese Kernaussagen der
Spiritualität seines Ordens sind für ihn nicht
erbauliche Betrachtungsliteratur, sondern prägender Maßstab
für sein Leben und Handeln. So ist es nicht
verwunderlich, daß sich Damian freiwillig nach Molokai
meldet, als sein zuständiger Bischof bei einer
Priesterversammlung auf die menschenunwürdigen, ja
geradezu menschenverachtenden Zustände in der dortigen
Leprakolonie hinweist. Gleich mit dem nächsten
Krankentransport tritt er die Reise an zu Menschen, die
in den Augen der Deporteure keine mehr waren, an einen
Ort nackter Verzweiflung mit den grausamen Folgen einer
Zerstörung an Leib und Seele. "An diesem Ort gibt
es kein Gesetz!" Doch das sollte bald anders werden!
Blue Jeans und
Soutane
Zunächst hat auch Damian
große Schwierigkeiten zurechtzukommen. Der Umgang mit
Menschen, die bei lebendigem Leibe verfaulen, der
ekelerregende Gestank nicht versorgter, ungepflegter und
von Würmern wimmelnder Wunden nimmt ihm den Atem. Beim
Gespräch mit den Kranken muß er sich die Nase zuhalten.
Bei der Feier der Messe ist er ständig versucht, sich übergeben
zu müssen. Doch mehr und mehr schafft er es, sich zu überwinden
und so die Distanz zu den Menschen aufzugeben, denen man
das Menschsein genommen hatte. "Wir Aussätzigen",
so beginnt er seine Predigten und beweist es ihnen. Er
zeigt keinerlei Berührungsängste mehr. Er ißt mit den
fürchterlich stinkenden und entsetzlich entstellten
Kranken aus einer gemeinsamen Schüssel, läßt sie an
seiner Pfeife ziehen, pflegt und verbindet ihre Wunden,
sorgt für feste Unterkünfte, Kleidung und Medikamente,
arbeitet und feiert mit ihnen, baut Straßen, ein Waisen-
und ein Krankenhaus, eine Schiffsanlegestelle, damit die
Kranken nicht mehr einfach ins Meer gekippt werden, sorgt
für Musik und Hobbys, tröstet sie und spendet ihnen die
Sakramente, teilt mit ihnen das Leben und begleitet sie
beim Sterben. So konnten die Aussätzigen seiner Predigt
von der Liebe Gottes zu allen Menschen glauben. Die von
den Menschen Ausgestoßenen und Aufgegebenen erfahren
durch ihn, daß Gott niemanden ausstößt und es bei ihm
keine hoffnungslosen Fälle gibt. Unter seiner Soutane trägt
Damian Bluejeans. Das macht deutlich, wie er sich
versteht. Nicht als predigender Taschenspieler, der Gott
während einer Predigt aus der Tasche zieht, wieder
weggeht und zur nächsten Predigt wiederkommt, sondern
als einer, der bleibt und das Leben teilt. Einer, der überall
mit anpackt, sich für nichts zu schade ist und dazu
bereit, sich die Hände schmutzig zu machen, weil er weiß,
daß die Heilung der Seele auch über die Gesundung der
sichtbaren Nöte geht.
In diesem Sinne macht
Damian regelrecht Politik, Parteipolitik. Nicht für eine
Partei, sondern für die Menschen, die ihm anvertraut
sind. Menschen, die keine Lobby haben, die wirklich Ärmsten
seiner Zeit, die Aussätzigen auf Molokai.
Er hat alle Hände voll zu
tun, die Menschen akut zu versorgen, dennoch denkt,
handelt und sorgt er über den Tag hinaus. Bei der
Regierung, seinen kirchlichen Oberen und Freunden läßt
er nicht locker, um die medizinische Versorgung, Nahrung
und Kleidung und die seelsorgerliche Begleitung der Aussätzigen
auf Dauer zu sichern.
Schließlich kommt es wie
es kommen mußte. Damian infiziert sich mit der
schlimmsten Form der Lepra und stirbt, den Aussätzigen
ein Aussätziger geworden, am 15. April 1889 im Alter von
49 Jahren. Durch ihn hatte die Todesinsel Molokai ihren
Schrecken verloren. Es wurde dort zwar auch weiterhin
gelitten und gestorben, aber menschenwürdig und in
Frieden.
1995 wurde Pater Damian de
Veuster selig gesprochen.
Hans-Ulrich Willms sscc, Münster
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