Die Klapper 2005. . . . . . . . .

Das Hagioskop der Johanniterkapelle in Bokelesch

In der Ferienzeit erhielt die Gesellschaft für Leprakunde einen Anruf aus der Gemeinde Saterland, Kreis Cloppenburg, in der soeben renovierten Kapelle des früheren Johanniterklosters sei eine Öffnung in der Kirchenwand freigelegt und wiederhergestellt worden, die von Fachleuten als Hagioskop bezeichnet werde. Im Internet sei man über das Suchwort Hagioskop auf die Gesellschaft für Leprakunde gestoßen.

Ich nahm den Artikel von Kay Jankrift "Hagioskope - Unbeachtete Zeugnisse der Leprageschichte", Aufmacher der "Klapper" 7/1999 (1) zur Hand und fuhr an einem Samstag von Münster über Cloppenburg, Friesoythe ins Saterland und weiter nach Strücklingen. Dort wurde ich von Herrn Horst Harms erwartet, der mich nach einem friesischen Frühstück mit Tee und Kandis zur nahe gelegenen Johanniterkapelle fuhr, wo uns der Ortspfarrer Miroslaw Piotrowski (2) erwartete.

Den ersten Hinweis auf Hagioskope erhielt die Gesellschaft für Leprakunde von einem Museumsbesucher 1988, der selbst aufgenommene Bilder von der verschließbaren "Lepraspalte" der Holzkirche von Granhult in Südschweden mitbrachte. Die Bilder sind im Lepramuseum ausgestellt.

Kay Jankrift stellt in seinem Artikel das wieder freigelegte Hagioskop in der Nordwand der Kirche des 1170 gegründeten Benediktinerinnenklosters Oesede vor, erklärt den Begriff und die Funktion und führt weitere Kirchen mit Hagioskopen in Deutschland und Frankreich an.

An der Straße, die von Strücklingen nach Norden führt, findet sich der Hinweis "Johanniterkapelle". Nicht weit davon ist eine Backsteinkirche zu finden, umgeben von hohen Bäumen. Es ist die Kirche des früheren Johanniterklosters Bokelesch (Abbildung 1).

Der Johanniterorden hat seinen Namen von seinem Schutzpatron Johannes dem Täufer und hatte schon vor der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzritter (1099) ein Pilgerhospital betrieben. Unter Raimund de Puy (1120 - 1160) wurde er zu einem geistlichen, der Armen- und Krankenpflege dienenden Ritterorden mit Rittern, Priestern und dienenden Brüdern.

In Steinfurt/Westfalen wurde 1190 eine Kommende gegründet, die sich zur Ballei = Führung der Ordensprovinz entwickelte. In der Folgezeit breitete sich der Kreuzzugsgedanke in Friesland aus und es kam zur Gründung von 20 Johanniterkommenden, zu denen auch die von Bokelesch gehörte. Einzelheiten über die Stiftung und Gründung der Klöster sind nicht erhalten, da die Klöster nach der Reformation durch die lutherischen Landesherren aufgelöst und die Gebäude abgetragen wurden.

Johanniterkapelle in Bokelesch
Johanniterkapelle in Bokelesch

Durch die akribische Untersuchung des Kirchendachs von Bokelesch (3), in dem noch Sparren aus der Entstehungszeit gefunden wurden, kann eine Bauzeit um 1250 angenommen werden. Die Kirche wurde als Saalkirche ohne Chor errichtet und 1457 mit einem gotischen Chor versehen (4, 5).
1329 wird das Kloster urkundlich erwähnt in einem Vertrag des Komturs von Steinfurt mit den 20 friesischen Johanniterklöstern, denen nach Festlegung der Abgaben eine gewisse Selbständigkeit zugestanden wurde. Die friesischen Johanniterklöster hatten eine Besonderheit: In den Klöstern finden sich keine Ritterbrüder, sondern nur Priester und dienende Brüder, dafür aber Schwestern. Es handelte sich zumeist um Doppelklöster (6).

Der Grundbesitz des Klosters war beträchtlich: 1825 ergab die Vermessung des Klosterbesitzes 1.500 ha. Davon war ein Drittel Moorgebiet, das verbleibende Kulturland bestand größtenteils aus Wiesen und Weideland. Die friesischen Johanniterklöster betrieben Eigenwirtschaft. Im Jahre 1494 hatte das Kloster Bokelesch 6 Gulden und 9 Solidi an die Ballei Steinfurt zu zahlen.

Landesherr war seit 1400 der Bischof von Münster. Die Grafen von Tecklenburg hatten ihr "Tecklenburger Nordland" mit dem Herrschaftssitz Cloppenburg an das Hochstift Münster abtreten müssen. Es war offensichtlich nicht leicht, den münsterischen Herrschaftsanspruch im friesischen Saterland durchzusetzen (6).

1457 erhielt die Kirche ein neues Dach und vermutlich in dieser Zeit auch einen polygonalen Chor entsprechend dem Zeitgeschmack (3).

Aus dem Jahr 1549, also nach der Reformation, ist eine Liste der Bewohner der Klosteranlage überliefert: 3 Männer, 10 Frauen, 8 Knechte und 1 Magd. 1587 ist das Ordensleben erloschen (6).

1623 wurde die Kirche infolge des 30-jährigen Krieges teilweise zerstört. 1676 wurde sie wieder aufgebaut, erhielt 1677 ein neues Dach (3) und wird seitdem als Kirche genutzt.
2003 und 2004 wurden vom Landesdenkmalamt Grabungen in der Kirche durchgeführt (4). Aufgrund dieser Erkenntnisse konnte der mittelalterliche Zustand weitgehend wieder hergestellt werden. Der Altar wurde mit mittelalterlichen Steinen an der ursprünglichen Stelle wieder errichtet (5).

Das Hagioskop an der Südseite
Das Hagioskop an der Südseite

Das Hagioskop befand sich in der 1250 errichteten romanischen Saalkirche und wurde in zugemauertem Zustand vorgefunden (5). Im Jahr 2004 wurde es bei der Renovierung der Kirche wieder geöffnet (Abbildung 2).

Kay Jankrift sieht die Funktion der Hagioskope unter anderem darin, nicht sesshaften Leprakranken geistliche Zuwendung zuteil werden zu lassen. Möglicherweise konnten die Leprakranken über den Friedhof zu dem Hagioskop an der Südseite der Kirche gelangen. Die klösterlichen Wohngebäude lagen jedenfalls an der Nordseite, auf der auch ein Verbindungsgang zur Kirche existierte (5).

Wenn auch dieses Hagioskop keine neuen Erkenntnisse zu den Lebensbedingungen von vagierenden Leprakranken zulässt, so lernen wir bei einem Besuch eine 750 Jahre alte Kirche eines friesischen Johanniterklosters kennen, die in diesem Jahr weitgehend in ihrem mittelalterlichen Zustand wieder hergestellt wurde. Das Buch von Miroslaw Piotrowski "Die Johanniterkirche von Bokelesch" (2) vermittelt einen guten geschichtlichen Überblick über das Schicksal des Klosters und zeigt, dass die Dendrochronologie eine unverzichtbare Ergänzung der Hausforschung ist.


Ivo Just, Münster


1) Jankrift, Kay Peter: Hagioskope - Unbeachtete Zeugnisse der Leprageschichte, in: Die Klapper, Mitteilungen der Gesellschaft für Leprakunde, 7 (1999), S. 1 - 3.

2) Piotrowski, Miroslaw (Hrsg.), Die Johanniterkapelle in Bokelesch, Oldenburg 2005.

3) Preßler, Erhard: Die Johanniterkapelle in Bokelesch: Wandlungen eines Dachwerks von der Romanik bis in unsere Zeit, in: Piotrowski, Miroslaw (Hrsg.), siehe Anm. 2, S. 69 - 88.

4) Eckert, Jörg: Ausgrabungen in der Johanniterkapelle Bokelesch, in: Piotrowski, Miroslaw (Hrsg.), siehe Anm. 2, S. 55 - 68.

5) Tonndorf, Ejnar: Die Johanniterkapelle in Bokelesch - Bestandsbeschreibung und Maßnahmen zur Restaurierung, in: Piotrowski, Miroslaw (Hrsg.), siehe Anm. 2, S. 89 - 108.

6) Schmidt, Heinrich: Die Johanniterkommende Bokelesch im Mittelalter. Versuch einer Annäherung, in: Piotrowski, Miroslaw (Hrsg.), siehe Anm. 2, S. 45 - 54.


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