Die Klapper 2002 . . . . . . . . .

Lepra und Leprosorien in England
Ergebnisse einer Studienreise


Einleitung
Im Auftrag der Gesellschaft für Leprakunde flog ich am 29.09.2000 nach London. Ich hatte die Aufgabe, nach Informationen über Lepra und Leprosorien in England zu suchen. Gleich am anderen Morgen trug ich mich in der Wellcome Library for the History and Understanding of Medicine als Leser ein und konnte sofort mit der Arbeit beginnen. Es standen mir sehr viele Bücher und auch private Korrespondenzen zur Verfügung.
Den Sonntag nutzte ich für einen Besuch im London Museum, aber hier wird nichts über Lepra berichtet. Nachmittags versuchte ich in verschiedenen Antiquariaten Bücher über Lepra zu finden.
Am Montag, den 02.10. hatte ich auf freundliche Vermittlung von Herrn Professor Toellner einen Termin mit Herrn Professor Vivien Nutton vom Wellcome Trust. Hier erhielt ich wertvolle Tipps, wo ich weiter suchen könnte, und ein Manuskript von Herrn Dr. Piers D. Mitchell, dem ich auch vorgestellt wurde, über "Social Attitudes to the Medical Care of those with Leprosy within the Crusader States"
Am Dienstag, den 03.10. empfing mich Herr Dr. Cook von der Royal Society of tropical Medicine and Hygiene. Auch Herr Dr. Cook gab mir einige Tipps und Adressen. Er schenkte mir sein Buch "From the Greenwich Hulks to old St. Pancras, A History of Tropical Desease in London" mit einer persönlichen Widmung. Er gab mir das Buch mit dem Hinweis, es nach der Lektüre der Gesellschaft für Leprakunde zur Verfügung zu stellen.
Die deutsche und die englische Botschaft, mit denen ich schon vor der Reise Kontakt aufgenommen hatte, hatten mir vorab schon einige Adressen geschickt, unter anderem auch die Adresse von Herrn Dr. Cook, und so hatte ich von Anfang an sehr viel Hilfe, um meine Aufgabe zu erfüllen.
Die meiste Zeit arbeitete ich im Wellcome Institut, wo ich auch Gelegenheit hatte, die private Korrespondenz von Sir Leonard Rogers durchzuschauen, der in Indien und England viel für Lepröse unternommen hat. Er hat als erster 1915 das Öl, das vom Chaulmoogra Baum gewonnen wurde, in Indien gespritzt.
Zwei Tage ging ich auch in die Guildhall Library, auch da fand ich einige Unterlagen und Bücher über Lepra.
Einen Tag verbrachte ich in den London Metropolitan Archives, was mir eine Hilfe war beim Suchen von Daten.
Einen Tag suchte ich in den St. Bartholomew Hospital Archives und in deren Museum nach Informationen.
Alle Menschen, die ich während meines Aufenthalts in London traf, waren sehr hilfsbereit und dank ihrer Hilfe ist es mir gelungen, doch sehr viele Informationen zusammen zu tragen. Auch telefonisch bekam ich einige Hinweise von Frau Dr. Lookwood vom Krankenhaus für Tropenmedizin und von Frau Dr. Leese vom Department of Health.

Frühes Auftreten der Lepra
Das älteste Skelett eines Leprakranken wurde in Dorchester entdeckt und auf das 4. Jahrhundert datiert. Einige Jahrhunderte jünger ist das Skelett eines etwa 30 jährigen Mannes, das in Beckford gefunden wurde und dessen Beinknochen durch Lepra deformiert waren. Weitere Skelette Leprakranker wurden an mehreren Stellen in England gefunden und auf das 11. bzw. 12. Jahrhundert datiert.
Es wurde lange angenommen, dass Kreuzfahrer nach dem ersten Kreuzzug Ende des 11. Jahrhunderts die Lepra nach England brachten, aber die Aufzeichnungen belegen, dass Lepra schon sehr viel früher in England auftat.
Laut Parton und Burton in "Leprosy first brought to England" wird Lepra bereits sehr früh in England erwähnt, und zwar 60 v.Ch., allerdings mit einem Fragezeichen versehen.

Frühes Mittelalter
603 n.Ch. starb St. Kentigern in Glasgow an Lepra. Zu der Zeit wurde ein Anstieg der Krankheit in England festgestellt.
606 n.Ch. wurde über eine Verbreitung der Lepra während der römischen Invasion in der Zeit des Heraclius berichtet.
In Nottingham soll im Jahr 625 ein Leprosenkrankenhaus entstanden sein.
936 n.Ch. wurde ein Krankenhaus in York gebaut mit 206 Betten und man nimmt an, dass es teilweise für Leprakranke genutzt wurde. Es wurden außerdem auch 3 Leprosorien errichtet: 1066 je eines in London und Beverley und 1078 eines in Chatham.
Ca. 950 n.Ch. soll Lepra eine weit verbreitete Krankheit in England gewesen sein. In dieser Zeit wurden auch die ersten Gesetze für Leprakranke erlassen, z.B. wurde Lepra zum gesetzlichen Scheidungsgrund.
Während des Mittelalters gab es in England ca. 250 Leprosorien. Sie waren meistens sehr klein. Häufig werden 13 Patienten genannt und es wird angenommen, dass die Zahl 13 sich auf Jesus und die 12 Apostel bezieht. Die Leprosorien waren meistens sehr arm und die Leprakranken lebten oft nur von Almosen.
Es ist bekannt, dass im Jahr 1035 Aelfweard, Bischof von London und Abt von Evesham, an Lepra erkrankt war. Er dankte ab und die Mönche seiner Abtei ließen ihn nicht mehr ins Kloster. Er ging mit all seinem Hab und Gut, er war sehr reich, in die Abtei Ramsey und starb dort 1044.


Abb. 1: St. Nicolas Harbledown in Canterbury, das älteste bekannte Leprosorium
in England, gegründet um 1070 von Erzbischof Lafranc

Hohes Mittelalter
1084 wurden 2 Leprosorien in Kent gebaut: in Harbledown, erbaut von Lafranc, Erzbischof von Canterbury, und das andere vor den Toren von Rochester.
Vor den Toren von Canterbury wurde 1137 ein Leprosorium für 25 lepröse Nonnen erbaut und das St. Lawrence-Leprosorium für lepröse Mönche.
Es entstanden von nun an mehr und mehr Leprosorien, besonders auch in der Nähe von London. Die Krankenhäuser wurden wie ein Ring um London an allen großen Straßen errichtet:


Abb. 2: Mittelalterliche Krankenhäuser in der Nähe von London. Die Karte zeigt den Ring von Leprosorien um London. Sie waren außerhalb, aber nahe genug, um vom Verkehr auf den Hauptstraßen zu profitieren.

" St. James Hospital in Westminster, St Giles Hospital und ein Hospital in Nightbridge, beide an der Weststraße von London,
" Highgate und Kingsland an der Nordstraße,
" Mile End an der Oststraße,
" Lock Hospital an der Südstraße,
" und noch weiter weg von London: Hammersmith, Enfield und Rothenhithe.
Königin Mathilde, die Frau Heinrich I. (1100 bis 1135), nahm Lepröse in ihr Haus auf und pflegte sie. Man nimmt an, dass der Palast von Westminster voll von Leprakranken war. Mathilde gründete an der großen Straße von London das "St. Giles in the Fields" - Leprosorium für 40 Kranke, mit einer Kapelle und einigen Wirtschaftsgebäuden. Dieses Leprahaus war bestimmt für Leprakranke aus London und Middlesex.
Im 12. und 13. Jh. lebten viele Lepröse in London. In der Zeit von 1276 -1278 wurde vom Bürgermeister ein Dekret erlassen, dass in Zukunft kein Leprakranker mehr in London leben durfte. Lepröse durften auch nicht mehr in die Stadt kommen, weder bei Tag noch bei Nacht. Bei Verstoß gegen dieses Gesetz wurden die Kranken ins Gefängnis gesteckt.

Spätmittelalter
Scheinbar geriet dieses Dekret bald in Vergessenheit, denn 1346 wurde wieder eine Proklamation erlassen, dass alle Leprakranken innerhalb von 15 Tagen die Stadt zu verlassen hätten. Bei Nichtbefolgung wurden sie mit Gewalt aus der Stadt entfernt. Der Bürgermeister und seine Sherriffs und deren Helfer hatten dafür zu sorgen. Die Kranken wurden außerhalb der Stadt gebracht und waren auf Almosen angewiesen. Jeder, der danach noch Kranke beherbergte oder versteckte, wurde bestraft.


Abb. 3: Bettelnder Leprakranker aus dem 14. Jahrhundert
Er sagt: "Sei gut mein großzügiger Herr im Namen Gottes"

1354, einige Jahre nach der großen Pestepidemie, erließ Edward III. ein Dekret mit der Auflage, dass an den Straßen zwischen London und Westminster kein Leprakranker mehr betteln durfte. Es wurde damit begründet, dass der Anblick dieser Leprakranken eine Zumutung für die sogenannte bessere Gesellschaft sei, die sich beim König über die Bettelei beschwert hatte. Die Soldaten und Posten an den Stadttoren wurden angehalten, unter Androhung schwerster Strafen keine Leprösen in die Stadt zu lassen.
Im gleichen Jahr wurden 14 Lepröse in das St. Giles Hospital eingewiesen.


Abb. 4: Altes Leprosorium mit der romanischen Kapelle St. Mary Magdalene, Stourbridge, außerhalb von Cambridge.

Teil 2: Lepra und Leprosorien in England
Verwaltung und Zuwendungen
Ausschluss aus der Gemeinschaft

Teil 3: Lepra und Leprosorien in England
16./17. Jahrhundert
19. Jahrhundert
20. Jahrhundert

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