Die Klapper 2001 . . . . . . . . .

San Francisco de Borja von Fontilles

Lepra -Klinik in der Region Marina Alta (Alicante) nahe der spanischen Costa Blanca

Denkt man an die von der Sonne verwöhnte spanische Küstenregion, kommen vordergründig Flamenco, Vino tinto, herrliche helle Sandstrände und angenehme Urlaubsatmosphäre in Erinnerung.

Das Land Spanien - von einer bewegten Historie geprägt - zeugt heute noch in Relikten von Ereignissen, die für uns Nordeuropäer längst der Vergangenheit angehören.

So mag es für manchen von uns unglaublich erscheinen, hier doch noch Einzelfälle der Jahrtausende alten Menschheitsgeißel Lepra anzutreffen.

Etwa 1.000 ehemals Erkrankte gibt es noch in Spanien, wobei zur Zeit in der Lepra-Klinik Fontilles, der letzten von ursprünglich 4 Kliniken in Spanien, 84 Patienten behandelt und versorgt werden.

Chefarzt Dr. Josè R. G. Echevarria betreut außerdem Projekte in der sog. 3. Welt, wobei er gerade vor meinem Besuch aus einem Lepra-Zentrum in Neu-Guinea zurückkam.

Der Leiter des Labors, Pedro Torre, berichtet, dass etwa 300 aktiv Erkrankte und 150 ambulante Patienten in Betreuung der Klinik stehen. Jährlich kommen 4 bis 5 frisch Infizierte hinzu, meist aus den sozial niedrigsten Schichten, die auf engem Raum in unhygienischen Verhältnissen leben und oft alkohohlabhängig sind, auch gelegentlich abwehrgeschwächte Afrikaner. Die meisten Patienten bleiben in Fontilles bis zu ihrem Tod. Der jüngste Patient ist 35 Jahre alt, der älteste 84 Jahre. Die Jüngeren werden nach erfolgter 3-fach Therapie resozialisiert, handwerklich ausgebildet und ohne Kenntnis der Erkrankung für den Arbeitgeber, an weiter behandelnde Hausärzte in den neuen Arbeitsbereich integriert. In der Klinik stehen neben der medikamentösen Behandlung inbesondere physiotherapeutische Maßnahmen, handwerkliche Ausbildung z. B. in der Druckerei, Schlosserei und landwirtschafliche Arbeiten zur Verfügung; dabei werden kulturelle Belange wie Musizieren nicht vernachlässigt. Es werden auch Gastspiele auswärtiger Künstler organisiert und das gesellige Leben gepflegt. Eine große Fiesta in Erinnerung an das Zusammenleben von Mauren und Christen gehört wie überall in Spanien alljährlich zu den kulturellen Höhepunkten.

Neben Franziskanerinnen, die die Kranken pflegen, ist ein Jesuitenpater für die religiöse Betreuung zuständig. Fontilles ist mit drei großzügigen Häusern für Verheiratete, Frauen und für weitere Kranke ausgestattet. Die 100 Jahre alte Klinik ist in patientenfreundlichem Stil renoviert. Man trifft dort betagte Patienten mit deformierten Extremitäten, Gesichts - und Hautveränderungen, Nervenläsionen. Heute werden in Spanien jedoch nur noch Frühbefunde wie Sensibilitätsstörungen, Depigmentierungen der Haut, auch erythematöse Läsionen gesehen. Organmanifestationen oder gar das klassische Löwengesicht gehören der Vergangenheit an. Noch gibt es zur klassischen Therapie mit Dapson, Clofazimina und Rifa keine Alternative, wenngleich in Brasilien ein Experiment mit Einnahme EINER Tablette einer Antibiotikakombination Behandlungsversuche gemacht werden. Unter Anleitung eines englischen ärztlichen Forscherteams wurde auch an einer Vaczine (lmpfung) gearbeitet, wobei die Erreger in Mäusepfoten und dem bekannten (schmackhaften) Gürteltier gezüchtet wurden.

Natürlich war es kein Zufall, dass gerade in Fontilles 1902 bis 1909 das 79 Hektar große Klinikgelände entstanden ist, das 14 Jahre nach Eröffnung noch mit einer furchterregenden Mauer, 3,5 km lang, 3 m hoch, versehen wurde. Aus der Ferne betrachtet erinnert sie an die Chinesische Mauer.

Hier herrschte um 1900 eine furchtbare Lepraepidemie, so dass die Mauer quasi als Monument der Angst entstand, hatte man doch geglaubt, dass die Lepra nur noch dem asiatischen Raum angehöre. Da plötzlich die alte Menschheitsgeißel wieder aktuell war, fürchtete man nicht nur selber Opfer zu werden, sondern bangte insbesondere auch um den Niedergang des regionalen Handels mit England.

Der spanische Autor Miro berichtet in seinem Buch von ehemals 60 Kranken, die in Hütten und Höhlen wohnten, weil sie sich nicht mehr in die Öffentlichkeit hinaus wagten und nur noch nachts in Dorfnähe kamen, um sich mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Miro beschreibt weiter monsterhafte Gestalten mit Löwengesichtern wie zu Zeiten des Mittelalters, die aus Mitleid von vorbeifahrenden Bauern am Wegesrand Essbares erhielten.

Ähnlich wie in Deutschland nach Abklingen der Lepraepidemien beschreibt Miro in "Del Vivir", dass neben den in aller Zurückhaltung lebenden Kranken später regelrechte Räuberbanden, herumvagabundierende Lepröse und andere Randgruppen Handelskarawanen überfielen und Kaufleuten und Regierungsabgesandten zusetzten. So soll "El Mascarat", ein zur Legende gewordener Aussätziger, in der Region Alicante als Bandenchef ganze Dörfer überfallen und ausgeraubt haben. Er soll aus einer reichen Familie frühzeitig ausgestoßen worden sein.

Wenngleich die Lepra in Europa nahezu ausgerottet ist, werden weltweit jährlich etwa 800.000 Neuinfektionen registriert. Dr. R. G. Echevarria hat 4 Jahre in Brasilien in einem Leprazentrum gearbeitet und viele Patienten betreut. Dank guter Hygiene, ausreichender Ernährung und effektiver Therapie wird Fontilles bald der Vergangenheit angehören, uns aber doch als Mahnmal einer der schlimmsten Seuchen erhalten bleiben.

Dr. Jose Ramon Gomez Echevarria
Sanatorio San Francisco de Borja
03791 Fontilles

Hans-Jörg Hahn, Coesfeld

Zurück zu Aktuelles

Zurück zum Inhaltsverzeichnis Klapper 2001

[home]


Bezug der Klapper:
Archive und Bibliotheken erhalten die Klapper kostenlos.
Für andere Abonnenten kostet das Jahresabo 4,00 EUR.
Bestellungen bitte an

Gesellschaft für Leprakunde
Albrecht-Thaer-Straße 14
Postfach 150151
48061 Münster


© Gesellschaft für Leprakunde e.V. Münster

email