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Wandbild im Schulgebäude,
geschaffen von einem Kunstkurs u. Ltg. v. Gabriele Conze-Eisen

„KvG“ - Wer ist das?

Zum Namenspatron unserer Schule

„Als am 24. Juni 1946 Ihre Schule durch einen feierlichen Akt eröffnet wurde - oder besser nach der Schließung der Apostolischen Schule am 9. November 1939 wiedereröffnet wurde -, erhielt sie mit Zustimmung des Grafen Franz von Galen (des Bruders des Kardinals) den Namen Kardinal-von-Galen-Schule. So ist der Name Ihrer Schule selbst ein Zeugnis für die Wertschätzung, um nicht zu sagen Verehrung, die dem kurz zuvor, am 18. Februar zum Kardinal erhobenen und am 22. März plötzlich verstorbenen Bischof von Münster damals entgegengebracht wurde. Er war - man kann das mit Fug und Recht feststellen - damals ein weltberühmter Mann.“

So begann der Historiker und Galen-Experte Prof. Dr. Joachim Kuropka seinen Vortrag über „Neuere Forschungen zu Kardinal von Galen“, den er am 27. 2. 1996 in der Aula unserer Schule anlässlich ihres 50jährigen Bestehens hielt.

Wappen des Kardinals von Galen
mit dem Motto „Nec laudibus nec timore“.
Mosaik am Eingang unserer Schule
Kardinal von Galen - „ein weltberühmter Mann“: Wie ist es dazu gekommen?

Clemens August Graf von Galen wurde am 16. März 1878 auf der Burg Dinklage in Oldenburg geboren. Als 11. von 13 Kindern wuchs er in der Geborgenheit einer zutiefst gläubigen Familie auf. Nach seinem Abitur 1896 in Vechta und dem Theologiestudium in Innsbruck und Münster wurde er 1904 in Münster zum Priester geweiht. 1906 begann eine 23-jährige priesterliche Tätigkeit in der Reichshauptstadt Berlin, zunächst als Kaplan, ab 1919 als Pfarrer an St. Matthias (Schöneberg). 1929 wurde von Galen nach Münster zurückgerufen und zum Pfarrer der Lambertikirche in Münster ernannt. Als Nachfolger von Johannes Poggenburg wurde er am 28. Oktober 1933 zum Bischof von Münster geweiht. Als Wahlspruch wählte er das Wort „Nec laudibus nec timore“:

„Das soll mein Wahlspruch sein, das soll uns allein Richtschnur sein: Nicht Menschenlob, nicht Menschenfurcht soll uns bewegen! Aber das Lob Gottes zu fördern sei unser Ruhm, selbst in heiliger Gottesfurcht zu wandeln sei unser beharrliches Streben.“
(aus seinem ersten Hirtenbrief vom 28. 10. 1933)

Die folgende Passage aus einer der drei großen Predigten von 1941 bezieht sich auf die gewaltsame Auflösung des Hiltruper Klosters:
„Vor wenigen Stunden bekam ich noch die Trauernachricht, daß gestern, am 19. Juli, zum Abschluß der zweiten Schreckensnacht für unser Münsterland, die Gestapo auch das deutsche Provinzialhaus der Missionare vom heiligsten Herzen Jesu, das euch bekannte große Missionskloster in Hiltrup, beschlagnahmt und enteignet hat. Die noch dort wohnenden Patres und Brüder mußten bis gestern abend 8 Uhr ihr Heim und ihren Besitz verlassen, auch sie sind aus Westfalen und der Rheinprovinz ausgewiesen. [...] Volksgemeinschaft mit den Männern, die unsere Ordensleute, unsere Brüder und Schwestern ohne Rechtsgrund, ohne Untersuchung, Verteidigungsmöglichkeit und Gerichtsurteil wie Freiwild aus dem Lande hetzen? Nein! Mit ihnen und allen dafür Verantwortlichen ist mir keine Gemeinschaft im Denken und Fühlen möglich. Ich werde sie nicht hassen, ich wünsche von Herzen, daß sie zur Einsicht kommen, daß sie sich bekehren!. […]
Wir sind der Amboß, nicht Hammer. Ihr könnt Eure Kinder nicht den Hammerschlägen der Glaubensfeindlichkeit und Kirchenfeindlichkeit entziehen. Aber auch der Amboß formt mit. Laßt das Elternhaus, laßt Eure Elternliebe und -treue, laßt Euer vorbildliches Christentum der starke, zähe, feste und unerschütterliche Amboß sein, der die Wucht der feindlichen Schläge auffängt, die die noch schwache Kraft der jungen Menschen stärkt und festigt in dem heiligen Willen, sich nicht verbiegen zu lassen aus der Richtung zu Gott.“(Schmidt-Schwanewilms, Mutige Sturmschar Christi MSC, Mönchengladbach 1947)
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Empfang Bischof von Galens im zerstörten Münster
nach der Ernennung zum Kardinal 1946
Schon in seinem ersten Osterhirtenbrief 1934 entlarvte Bischof Clemens August die neuheidnische Ideologie des Nationalsozialismus. Aufgrund dieses Hirtenbriefs wurde er erstmals von der Gestapo überwacht, es kam zu ersten öffentlichen Verunglimpfungen des Bischofs. Immer wieder trat er in den folgenden Jahren für die Freiheit der Kirche und der kirchlichen Verbände und für den Erhalt des Religionsunterrichts ein, sowohl in Eingaben an die zuständigen staatlichen Stellen als auch in öffentlichen Ansprachen und Predigten.

In einer großen Predigt im Dom zu Xanten am 9. Februar 1936 klagte Bischof von Galen das nationalsozialistische Regime an, Christen wegen ihres Glaubens zu diskriminieren, ins Gefängnis zu werfen und sogar zu töten. Dabei sagte er: „Es gibt in deutschen Landen frische Gräber, in denen die Asche solcher ruht, die das katholische Volk für Märtyrer des Glaubens hält.“ Diese Predigt fand bis über die Grenzen Deutschlands hinaus Widerhall; auf seiten des Nationalsozialismus rief diese Predigt heftige Aktionen gegen den Bischof hervor. Gestapo-Dokumenten zufolge zählte der Bischof von Münster zu den „gefährlichen Gegnern“. Er selbst wusste, wie ernst die Stunde war, auch für ihn. Noch im gleichen Monat, am 22. Februar 1936, traf er Verfügungen für den Fall, dass er gewaltsam an der freien Ausübung seines bischöflichen Amtes gehindert werden sollte. Bereits zu diesem Zeitpunkt war er auf eine Inhaftierung oder sogar Schlimmeres vorbereitet.

Bischof Clemens August gehörte zu den Bischöfen, die Papst Pius Xl. im Januar 1937 nach Rom einlud, um mit ihnen über die Situation in Deutschland zu sprechen und die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ vorzubereiten, in dem er das nationalsozialistische Regime vor der Weltöffentlichkeit anklagte.

Im Sommer 1941 - auf dem Höhepunkt des nationalsozialistischen Kirchenkampfes - hielt der Bischof in Münster seine berühmten drei großen Predigten, in denen er gegen die Beschlagnahmung von Klöstern und anderen kirchlichen Einrichtungen, die Vertreibung von Ordensleuten und vor allem gegen das Euthanasieprogramm sowie das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses in aller Öffentlichkeit protestierte. Diese Predigten erregten weithin Aufsehen; geheim vervielfältigt gelangten sie dank des Einsatzes ungezählter Helfer, die dabei ihr Leben aufs Spiel setzten, nicht nur weit über die Grenzen des Bistums, sondern auch Deutschlands hinaus. Durch seine mutige Einforderung der Menschenrechte rüttelte Bischof von Galen an den Grundfesten des Regimes. Die NS-Führung hätte nur zu gern den als Landesverräter und Staatsfeind beschimpften Bischof verhaftet und hingerichtet. Allein kriegspolitische Überlegungen hielten Hitler von diesem Schritt ab, denn der Rückhalt, den von Galen bei der Bevölkerung genoss, machten ihn für den Augenblick unangreifbar. So musste die „Abrechnung“ mit dem unliebsamen Oberhirten vorerst auf die Zeit nach Kriegsende verschoben werden.

Nec laudibus nec timore. Radierung von Renate Loy, KvG-Abitur 1986
Bischof von Galens Ernennung zum Kardinal durch Papst Pius XII. im Februar 1946 bedeutete eine Ehrung für seine unerschrockene Haltung unter der NS-Diktatur und rückte ihn endgültig in das Licht der Weltöffentlichkeit. Bei seiner Rückkehr nach Münster am 16. März bereitete ihm eine große Volksmenge einen triumphalen Empfang. Vor den Trümmern des Domes hielt er seine letzte Ansprache. Nur wenige Tage später, am 22. März 1946, starb er nach plötzlicher schwerer Krankheit.

Immer wieder wird mit Blick auf das Leben und Wirken des „Löwen von Münster“, wie der Kardinal genannt wurde, die Frage gestellt, inwieweit er wirklich Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime geleistet hat. Die Beantwortung dieser Frage hängt davon ab, wie man „Widerstand“ definiert bzw. in welchen Abstufungen man von „Widerstand“ spricht.

Sicher war Clemens August kein „politischer Bischof“, der mit Gleichgesinnten auf den Umsturz des Regimes hinarbeitete. Doch er wusste, dass die Verkündigung des Evangeliums unausweichlich politische Bedeutung hatte. Schon in den ersten Jahren seines bischöflichen Wirkens sah er deutlich, dass sein freimütiges Eintreten für den christlichen Glauben und für die Menschenrechte auf Widerspruch stieß. Sein öffentlicher Protest, sein Eintreten für Religionsfreiheit, Recht und Menschenwürde erzielten eine ungeheure Wirkung, denn sie trugen in weiten Teilen der Bevölkerung zur „Gefolgschaftsverweigerung“ gegenüber dem Totalitätsanspruch des Regimes bei. Daher stufte das Regime die Äußerungen des Bischofs durchaus als politische Aktivitäten ein. Auch im Ausland empfand man von Galens Protest als politischen Widerstand, was u. a. die Tatsache belegt, dass seine Predigten in Form von englischen Flugblättern wieder an ihrem Ursprungsort landeten.
Kardinal von Galen. Gemälde von Peter Hecker.
Wandbild in der Pausenhalle unserer Schule
Vielleicht lässt sich von Galens Handeln am ehesten mit dem Bild des „Ambosses“ beschreiben, wie er es in seiner Predigt in der Überwasserkirche in Münster am 20. Juli 1941 ausführt: „Wir sind in diesem Augenblick nicht Hammer, sondern Amboss [...] Was auf dem Amboss geschmiedet wird, erhält seine Form nicht nur von dem Hammer, sondern auch vom Amboss. Der Amboss kann nicht und braucht auch nicht zurückzuschlagen. Er muss nur fest und hart sein. Wenn er hinreichend zäh, fest, hart ist, dann hält meistens der Amboss länger als der Hammer. Wie hart der Hammer auch zuschlägt, der Amboss steht in ruhiger Festigkeit da und wird noch lange dazu dienen, das zu formen, was neu geschmiedet wird.“

Die Schule und ihr Namenspatron.
Collage von Alfons Borgmann 1986
Was kann der Namenspatron unserer Schule heute, in einer ganz anderen politischen und gesellschaftlichen Situation, jungen Menschen noch sagen? Ist er noch „aktuell“? Meiner Überzeugung nach ist Kardinal von Galen auch und gerade in der heutigen Zeit weitaus mehr als bloßer „Namensgeber“ unseres Gymnasiums. Sein Name, sein Leben enthält eine programmatische Ausrichtung, die nichts an Aktualität eingebüßt hat, ja uns durchaus Vorbild sein kann. Denn eben diese Ausrichtung bewegt uns, wenn wir

- uns in dem, was wir für gut und richtig halten, „weder durch Menschenlob noch durch Menschenfurcht“ beeinflussen lassen;
- uns weigern, uns durch totalitäre Ansprüche (die heute weniger in der Form eines Tyrannen auftreten als vielmehr in der „Diktatur des ,man' “, der Mode oder der veröffentlichten Meinung) „gleich schalten“, manipulieren und verbiegen zu lassen;
- bereit sind, gegen Unrecht und Gewalt aufzutreten bzw. diejenigen, die Unrecht beim Namen nennen, durch unsere Solidarität zu stärken;
- mit Kraft und Mut für Menschenrecht und Menschenwürde eintreten;
- in einer religiös weithin indifferent gewordener Gesellschaft unerschrocken Zeugnis geben für Jesus Christus und seine frohmachende Botschaft.

Dies alles sind Ansprüche, denen sich gerade auch ein privates bischöfliches Gymnasium zu stellen hat. Der Name unserer Schule kann uns immer wieder daran erinnern, diese Ansprüche zu vergegenwärtigen und sie täglich neu in unserem Alltag Wirklichkeit werden zu lassen.
Michael Hakenes