Literaturtreff 2004


1. Dezember 2004
Robert Menasse
Die Vertreibung aus der Hölle
suhrkamp taschenbuch st 3493

Der Erzähler geht den Parallelen in den Lebensgeschichten zweier jüdischer Männer aus verschiedenen Jahrhunderten nach.
Viktor Abravanel, geboren 1955 in Wien, stammt aus einer Familie von Naziopfern. Er wurde Historiker, Spezialist für die Frühe Neuzeit. Bei einem Spinoza-Kongress soll er die Frage beantworten: „Wer war Spinozas Lehrer?“ Diese Arbeit und die damit verbundenen Recherchen mögen ihn auf die Idee gebracht haben, bei einem 25-jährigen Abiturtreffen die Frage zu stellen: Wer waren u n s e r e Lehrer?“ Der Lehrer des Philosophen Baruch Spinoza war der Rabbiner Samuel Manasseh ben Israel, geboren 1604 in Lissabon, der vor der Inquisition nach Amsterdam flüchtete. Die Rekonstruktion dieser Biographie und Viktors Erinnern an seine Schüler- und Studentenzeit zeigen verblüffende Parallelen.

„Das Porträt der beiden jüdischen Gelehrten... ist ein Glücksfall literarischer Ahnenforschung.“ Iris Radisch, Die Zeit

Robert Menasse, geboren 1954 in Wien, studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft. Er lebt als Romancier und Essayist in Wien und Amsterdam.

Fritz Vorspel (r.) leitete das Literaturgespräch im KvG. Zu den Teilnehmern gehörte auch der Initiator der Runde, Franz Josef Lütke Schelhowe (2.v.r.). Foto: kus

Vielschichtige Diskussion über einen vielschichtigen Roman

Literaturgespräch im KvG über „Die Vertreibung aus der Hölle“

Äußerst vielschichtig ist der Roman “Die Vertreibung aus der Hölle“ von Robert Menasse. Auf drei Erzählebenen breitet der Wiener Autor die Lebensgeschichten der beiden in verschiedenen Zeitepochen lebenden jüdischen Gelehrten Menasseh Ben Israel und Viktor Abravanel aus. Mit der genauen Darstellung der dramatischen Lebensumstände unter der Bedrohung der Inquisition im 17. Jahrhundert und dem über weite Strecken satirisch erzählten Handlungsstrang im 20. Jahrhundert vereint das Buch höchst unterschiedliche Qualitäten. Reichlich Gesprächsstoff bot „Die Vertreibung aus der Hölle“ den Teilnehmern des Literaturgespräches Im Kardinal-von-Galen-Gymnasium.
„Mit einiger Mühe und Anstrengung“ habe er den fast 500 Seiten starken Roman gelesen, gab Gesprächsleiter Fritz Vorspel eingangs zu. Mit zwei längeren Zitaten gestaltete er den Einstieg in die Diskussion.
„Geschickt gemacht“ fand ein Teilnehmer den steten Wechsel zwischen den Ebenen. In kurzen Abschnitten springt Menasse zwischen den sich in vielen Details entsprechenden Lebensläufen hin und her. Die „tollen satirischen Darstellungen“ wurden genauso gelobt wie die saubere Ausarbeitung der Charaktere. „Wie ein Gemälde“ habe eine Teilnehmerin das Buch beim Lesen empfunden.
Aber auch kritische Töne schlugen die Gesprächsteilnehmer an. Der historische Anteil der Handlung sei nicht stimmig, fand eine Leserin. Der lockere Sprachstil bei der Schilderung der aktuelleren Ereignisse falle im Verhältnis zur genauen Erzählweise im historischen Teil ab, urteilte eine andere Teilnehmerin. „Es ist einfach zu viel drin“, lautete eine weitere Stimme.
Fritz Vorspel, der als ehemaliger Deutsch-Lehrer des KvG seit fünf Jahren die Literaturgespräche leitet, lenkte mit einigen genauen Beobachtungen die Diskussion durch die vielen sich bietenden Verzweigungen. So verwies er darauf, dass kleine Details, die in verschiedenen Zusammenhängen auftauchen, die beiden Geschichten aneinanderbinden. Das übergeordnete Thema des Buches sei die “Frage nach Macht und Ohnmacht“.
Nach mehr als eineinhalb Stunden schloss Vorspel die Runde mit dem letzten Satz des Romans: „Im Dunklen ist alles vorstellbar.“ „Eine ganze Menge Probleme haben wir erhellt“, fügte der Initiator des vor zehn Jahren gegründeten offenen Gesprächskreises, Franz-Josef Lütke Schelhowe, an.
Markus Schönherr, Westfälische Nachrichten 03. 12. 2004
8. 9. 2004 5. 5. 2004 4. 2. 2004

Jonathan Franzen
Die Korrekturen
rororo 23523, 780 Seiten, 12,90 Euro

Nach fast fünfzig Ehejahren hat Enid Lambert nur ein Ziel: ihre Familie zu einem letzten Weihnachtsfest um sich zu scharen. Alles könnte so schön sein, gemütlich, harmonisch. Doch Parkinson hat ihren Mann Alfred immer fester im Griff, und die drei erwachsenen Kinder durchleben eigene tragikomische Malaisen. Der älteste, Gary, stellvertretender Direktor einer Bank und Familienvater, steckt in einer Ehekrise und versucht mit aller Macht, seine Depressionen klein zu reden. Der mittlere, Chip, steht am Anfang einer vielversprechenden Karriere als Literaturprofessor, aber Liebestollheit wirft ihn aus der Bahn, und er findet sich in Litauen wieder als verlängerter Arm eines Internet-Betrügers. Und das jüngste der Lambert-Kinder, die erfolgreiche Meisterköchin Denise, sinkt ins Bett eines verheirateten Mannes und setzt so, in den Augen der Mutter zumindest, Jugend und Zukunft aufs Spiel.
Erzähft werden so “auf den Spuren der großen Realisten des 19. Jahrhunderts“ fünf Lebensgeschichten, zusammen gehalten vom “Mythos Familie“. Daneben entwirft Franzen auch ein Panorama der neunziger Jahre mit Themen wie Gentechnik, Aktienboom, Internetrevolution oder Political Correctness.

Jonathan Franzen, 1959 in Western Springs/Illinois geboren, wuchs in einer Vorstadt von St. Louis auf. Er studierte in den USA und in Deutschland und lebt heute in New York. Für seinen Bestseller-Roman „The Corrections“ erhielt er 2001 den National Book Award.

Philip Roth:
Der menschliche Makel
rororo 23165

Coleman Silk, Professor an einer noblen Ostküsten-Universität, wird wegen einer unbedeutenden Äußerung als Rassist abgestempelt. Eine glanzvolle Karriere endet abrupt. Jahre später holt die Liebesaffäre mit einer sehr viel jüngeren Frau den gebrochenen Mann ins Leben zurück Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer. Eine Hexenjagd beginnt, die tragisch endet, und ein unheilvolles Geheimnis tritt zutage, das Coleman Silk über fünfzig Jahre gehütet hatte.

Philip Roth wurde 1933 als Sohn jüdischer Eltern in New Jersey geboren. Nach dem Studium folgten Lehrtätigkeiten an mehreren Universitäten in den Vereinigten Staaten. Seit 1965 lebt er vorwiegend in New York. Sein Werk wurde mit zahlreichen Literatuipreisen ausgezeichnet. Für Louis Begley (FAZ) ist er „schlicht und einfach der größte Romancier, der heute in englischer Sprache schreibt“.

J.M. Coetzee:
Der Junge.
Eine afrikanische Kindheit

Fischer TB

Handlungsort der „afrikanischen Kindheit“ ist ein ödes Provinznest nördlich von Kapstadt. Der Vater ist an der Seele verletzt aus dem Krieg zurückgekehrt und gerät immer mehr auf Abwege. Der sensible Junge fühlt sich umso stärker zur Mutter hingezogen, die durch ihren Sohn eigene Probleme kompensiert, so dass dieser „ein Leben gebeugt unter der Schuldenlast der Liebe“ führt. Freunde und Schule bringen wenig Verständnis für das Anderssein des durchaus ehrgeizigen Außenseiters auf, in dem sich schon bald ein Schrftsteller ankündigt. Die Kindheit wird zudem überschattet von dem spannungsreichen Nebeneinander verschiedener ethnischer Gruppen. Flucht aus der häuslichen Tristesse bietet die Ferienfreizeit auf der Farm des Onkels, wo sich noch etwas vom „Geist der ersten Siedler“ erhalten hat.

J. M. Coetzee (* 1940) entstammt einer im 18. Jahrhundert eingewanderten Burenfamilie. Für dieses Buch erhielt er 2003 den Literatur-Nobelpreis.