Literaturtreff 2003


Paul Thelosen (r.) dankte zum zehnjährigen Bestehen des Literaturkreises Gesprächsleiter Fritz Vorspel (2.v.l.), Organisator Franz-Josef Lütke Schelhowe (3.v.l.) und dem ehemaligen Gesprächsleiter Alfons Böcker (5.v.l.). Foto: -raf
24. September 2003
MRS. DALLOWAY
Roman von Virginia Woolf

Clarissa Dalloway, Gattin eines Parlamentsabgeordneten, gibt in ihrem Haus im vornehmen Londoner Stadtteil Westminster eine große Abendgesellschaft. Sie macht Besorgungen, trifft Vorbereitungen und empfängt ihre Gäste, darunter ihre Jugendfreundin Sally Seton, die jetzige Lady Rossiter.

Im Mittelpunkt des zeitlich parallel dazu verlaufenden Handlungsstrangs steht der nervenkranke Kriegsveteran Septimus Warren-Smith, der von Woolf als Doppelgänger Clarissas konzipiert wurde und der sich am Ende des Romans durch seinen Selbstmord der Einweisung in eine Nevenheilanstalt entzieht.
Das Geschehen wird fast ausschließlich durch die Reflexionen und Erinnerungen der Romanfiguren perspektivisch gebrochen vermittelt. Strukturiert wird der Roman durch die Glockenschläge des Big Ben, der das Motiv der verrinnenden Zeit versinnbildlicht, während die Gedanken und Empfindungen der Figuren durch Vergangenheit und Gegenwart gleiten.
Virginia Woolf wurde 1882 in London geboren. Ihr Leben endete 1941 im Fluss Ouse in East Sussex. In ihrem Heim in Bloomsbury (London) war sie Mittelpunkt eines literarischen Kreises. Ihre Romane, die zur Weltliteratur gehören, stellen sie als Schriftstellerin neben James Joyce und Mareel Proust.
“Mrs. Dalloway“ erschien 1925 und wurde auf Grund der neuen Darstellungstechniken zu einem Markstein der modernen Erzählkunst.

Der harte Kern hat zehn Jahre durchgehalten

Literaturkreis am Kardinal-von-Galen-Gymnasium

Münster-Hiltrup. Das literarische Quartett ist schon lange tot - aber der Hiltruper Literaturkreis lebt munter weiter. 40 Bücher wurden in den vergangenen zehn Jahren von der illustren Runde aus Eltern und Lehrern des Kardinal-von-Galen-Gymnasiums gelesen und besprochen. Dieses in doppelter Hinsicht runde Jubiläum nutzten die Mitglieder des Literaturkreises, um jetzt im Anschluss an die 40. Sitzung zurück zu blicken und ein wenig zu feiern.
Die Geburtsstunde des Literaturkreises schlug 1993 mit der Erweiterung der Schülerbücherei. Im Rahmen eines Kulturprogramms zur Neugestaltung der Räumlichkeiten berichtete der mittlerweile pensionierte Deutschlehrer Alfons Böcker über seine Leseerfahrungen. Aus diesem Abend entwickelte sein Kollege Franz-Josef Lütke Schelhowe die Idee eines Literaturkreises, die von Böcker begeistert aufgenommen wurde.
Unter Alfons Böcker als Gesprächsleiter und Lütke Schelhowe als Organisator startete der Offene Literaturkreis des KvG Anfang Mai 1993 seine Gesprächsabende mit der Besprechung des Buches „Traumpfade“ von Bruce Chatwin. Es folgten Tony Hillermans Thriller „Wer die Vergangenheit stiehlt“ und Cees Notebooms moderner Klassiker „Rituale“. Viermal pro Jahr trifft sich der Kreis, um über Literatur zu diskutieren. 1999 übernahm dann Fritz Vorspel die Gesprächsleitung. „Der harte Kern hat zehn Jahre durchgehalten. Ein Wechsel findet nur an den Rändern statt“, beschreibt Lütke Schelhowe die Situation der Literaturgruppe. Als „intellektuell gebildet, lebenserfahren und belesen“ beschreibt er die Mitglieder des Zirkels, der sich aus Eltern und Lehrern zusammensetzt. „Schüler bleiben leider eine Utopie“, bedauert der Organisationsleiter. Betont wird der offene Charakter des Literaturkreises, an dem jederzeit neue Mitglieder teilnehmen können.
Die Auswahl der zu besprechenden Bücher erfolgt jeweils im Anschluss an die Sitzungen. Der Schwerpunkt liegt auf moderner Literatur aus der Zeit nach 1945. Natürlich sollten die Titel literarisch anspruchsvoll sein. Die Auswahl bleibt dabei nicht auf den deutschen Sprachraum begrenzt. Neben zahlreichen Büchern englisch- und spanischsprachiger Autoren wurden auch zwei Werke japanischer Schriftsteller besprochen. In der nächsten Sitzung am 3. Dezember wird der Roman „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ von Immanuel Schmitt thematisiert.
„Gerade an einer Schule ist das Lesen als Vorbildfunktion für die Jugend sehr wichtig“, erklärte Franz-Josef Lütke Schelhowe. Dank für zehn Jahre Literaturkreis am KvG sagte deshalb auch der Schulleiter Paul Thelosen. Er hob noch einmal die große Bandbreite von modernen Autoren bis hin zu Klassikern wie der gerade besprochenen Virginia Woolf hervor. Ihr 1925 erschienener Roman „Mrs. Dalloway“, in dem sie ein Psychogramm der englischen Gesellschaft entwirft, gilt als Meilenstein der Literaturgeschichte. Innerhalb des Kreises entwickelte sich eine lebhafte Diskussion der unterschiedlichen Positionen. Gelobt wurde die sensible Darstellungsweise. Aber die schwierige Materie war nicht jedermanns Lektüre, oder wie der Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki zu sagen pflegte: „Das ist große Literatur.“
raf, Westfälische Nachrichten 27. 09. 2003
3. Dezember 2003 21. Mai 2003 5. Februar 2003
MONSIEUR IBRAHIM UND DIE BLUMEN DES KORAN
Erzählung von Eric-Emmanuel Schmitt, Amman Verlag

Moses ist elf, als er sein Sparschwein schlachtet, um mit den Ersparnissen bei einer Prostituierten erste sexuelle Erfahrungen zu gewinnen. Er flieht vor seinem öden Zuhause: Mutter und Bruder gibt es nicht mehr, der Vater verliert sich in düsteren Erinnerungen an die im Holocaust ausgelöschte Familie. Moses findet einen Ersatzvater in Monsieur Ibrahim, der mitten im jüdischen Viertel von Paris einen typischen arabischen Laden betreibt. Der Händler erklärt Moses Gott und die Welt auf eine einfache, einleuchtende, vor allem aber sehr menschliche Weise. Als Monsieur Ibrahim stirbt, übernimmt sein gelehriger Schüler sein Geschäft.

Mit Humor, Charme und Weisheit präsentiert der hier zu Lande bisher unbekannte französische Autor eine schöne Parabel über das friedvolle Neben- und Miteinander der Religionen und Kulturen.
Eric-Emmanuel Schmitt, geboren 1960, ist innerhalb der vergangenen zehn Jahre zu einem der meistgespielten zeitgenössischen Theaterautoren auf den internationalen Bühnen geworden. Die Erzählung „Monsieur Ibrahim...“ nimmt inzwischen auch einen Spitzenplatz auf deutschen Bestsellerlisten ein.

DAS FEST DES ZIEGENBOCKS
Roman von Mario Vargas Llosa, suhrkamp taschenbuch 3427

Der Polit-Thriller erzählt die Geschichte des dominikanischen Diktators Rafael Leonidas Trujillo, genannt „ Der Ziegenbock“, der nach einem Militärputsch von 1930 bis 1961 das Land seiner Schreckensherrschaft unterwarf. Von den USA wurde er als Bastion gegen den Bolschewismus in der Karibikregion gestützt. Jn drei parallel laufenden Erzählsträngen schildert der Autor die letzten Wochen des Diktators, bevor er einem Attentat zum Opfer fiel: die Ereignisse im engsten Umfeld, die Planungen der Verschwörer, schließlich die Erinnerungen der Tochter des damaligen Senatspräsidenten Cabral. Dieser hatte dem alternden Macho Trujillo seine l4jährige Tochter Urania als Beweis seiner Ergebenheit zur Verfügung gestellt.

Mit meisterhafter Präzision beschreibt Vargas Llosa die standig unter Hochspannung stehende Atmosphäre im Umfeld des Diktators, die allgegenwärtige Angst vor der Willkür des Tyrannen ebenso wie die blühende Günstlingswirtschaft mit ihren Intrigen. - Ein ebenso bedrückender wie erhellender Einblick in die Funktionsmechanismen eines diktatorischen Systems, einer Welt, in der es keine Werte mehr gibt als den Willen zur Macht.
Mario Vargas Llosa wurde 1936 in Arequipa/Peru geboren; heute lebt er in Europa. Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen wurde ihm 1996 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.

SOMMER DER ZÜGE
Roman von Stewart O'Nan, rororo TB 22778

Im Sommer 1943 entschließen sich Anne und James Langer, ihre Stadt zu verlassen, um James' todkranken Vater in seinem Strandhaus auf Long Island zu pflegen. Diese Entscheidung fallt ihnen umso leichter, als sie möglicherweise die Chance bietet, James' kürzliche Affäre mit einer Schülerin und die darauffolgende Entlassung zu verarbeiten. Meilenweit entfernt wird im Krieg ihr Sohn Rennie schwer verwundet...

„Sommer der Züge“ ist eine sensible, romantische Geschichte von der Liebe und dem vielfältigen Verrat an ihr, von Glücksverheißung und harter Lebenswirklichkeit, von Schuld und Vergebung. Stewart O'Nan zeigt die gefährdete Existenz seiner Figuren mit tiefer Einsicht in die menschliche Seele. Sein souveräner Umgang mit Sprache, seine Fähigkeit, auch das Unausgesprochene hinter den Worten sichtbar werden zu lassen, machen diesen Roman zu einem Meisterwerk.
Stewart O'Nan, geboren in Pittsburgh, wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur, studierte Kunst und lehrte Creative Writing an einem College. Für seinen ersten Roman erhielt er 1993 den William-Faulkner-Preis.