Abiturfeier 1992


Überraschung im Schuhkarton

Literarische Gabe für die Abiturienten des Jahres 1992

Damit hatten die Abiturienten des Jahres 1992 am Hiltruper Kardinal-von-Galen-Gymnasium wohl nicht gerechnet. An ihrem Entlaßtag wurden sie am Ende des Gottesdienstes jeweils mit einem Schuhkarton, sorgsam zugeschnürt, überrascht: An dem Gewicht konnten die ehemaligen Schüler schnell feststellen, daß keine Lederschuhe in der Schachtel waren, wie erwartet, sondern etwas Leichteres mußte in ihnen stecken. Die Schüttelprobe war schnell gemacht und verriet, irgendetwas mußte drin sein. Eins stand fest: ein Schuhkarton ohne Schuhe, aber mit Inhalt.
Die Neugierde mußten die Abiturienten bis zum Abschluß des Gottesdienstes ertragen, doch dann, draußen vor der Kirchentür, waren sie nicht mehr zu bremsen. Nach dem Entfernen der Schnur und dem Abheben des Pappdeckels war die Überraschung groß, befand sich doch ein Heftchen in dem Karton, natürlich zum Thema Schuh und von den Lehrern der Schule zusammengestellt.
Der Leistungskurs Kunst der Jahrgangsstufe 13 hatte als letzte künstlerisch-praktische Arbeit eine Serie von Zeichnungen zum Thema „Schuhe“ erstellt. Diese Abbildungen bildeten die Grundlage für eine literarische Gabe, die den Abiturienten mit auf ihren Lebensweg gegeben werden sollte. Aus dem Lehrerkollegium fanden sich vier Lehrer, die zu den Zeichnungen die entsprechenden Texte anfertigten. Pater Norbert Becker übernahm aus der Messe Bestandteile und bildete daraus einen Text zum Gedanken Schuhe und Weg, Oberstufenkoordinator Arno Fischedick schrieb seine ganz persönlichen Gedanken zu Schuhen auf, Meinhard Schulte und Dr. Werner Bockholt als Leistungskurslehrer verfaßten weitere Texte. Diese insgesamt 6 Texte spiegeln unterschiedlichste Aspekte, die mit dem Schuh und in Übertragung mit dem menschlichen Leben verbunden sind, wider. Dabei wird nicht der moralische Zeigefinger erhoben, sondern nachdenklich und vergnüglich, informativ und unterhaltend, provozierend und offen werden Aspekte rund um den Schuh angeführt, die für den Leser auf seine jeweilige Lebenssituation übertragbar sind.
Das im passenden Schuhkarton verpackte Heft war nicht nur schön anzusehen, sondern die Texte bieten auch Hilfestellung für den weiteren Lebensweg. Diese „Schuhe“ paßten folglich allen Abiturienten.
Daß das 24seitige großformatige Heft ein Liebhaberstück wird, dafür sprechen das ungewöhnliche Layout. die originelle Aufmachung und die begrenzte Auflage.
Meinhard Schulte in: Kardinal-von-Galen-Schule 1946-1996, Münster 1996

„Mein Hackenschuh ist scharf wie Du“

So Nina Hagen in einem ihrer bekanntesten und wohl auch besten Songs. Da brüllt einem eine talentierte und auch total ausgeflippte Sängerin wie mit einem Urschrei, angetan mit dem wohl ausgefallensten Fummel im Deutschland der Endsiebziger, ihre Lebenslust, ihr Angeödetsein vom Allerweltsstyling und ihre Inszenierungssucht um die Ohren. Und halb Deutschland, von der Unter- bis zur Oberwelt, dreht sich dazu in den Diskotheken, stampft und rockt in Birkenstocks und in Salamander, in Romika und in Adidas. Und diese Textzeile schraubt sich tief in die Gehörgänge und hinterläßt ein so leises Prickeln und das leise Gefühl, daß man/frau ja eigentlich auch gerne einmal... vielleicht ein bißchen ausgeflippter... ein bißchen extravaganter, auf jeden Fall aber auffallender und vielleicht auch eine Spur erotischer?!
01 Und schon längst nicht mehr ist nur noch Bequemlichkeit angesagt, vor allem aber nicht Gleichmaß:
Spaß macht, was bunt ist, scharf darf es schon einmal sein und auch ausgeflippt, und auch Stöckelschuhe etablieren sich wieder, wo sie lange Zeit doch eher als Bollwerk spießbürgerlicher Fraulichkeit galten, da sich eine emanzipierte Frau jederzeit an ihrem Schuhwerk erkennen ließ: Stöckelschuhe und hohe Hacken betonen weibliche Schönheit und weibliche Reize, signalisieren damit die Anpassung an männliche Unterdrückungswünsche; sie haben so schlechthin tabu zu sein. Stöckelschuhe und Feminismus. Ein Kapitel für sich.
Der Schuh wird wieder zum Angelpunkt, an ihm bleibt der Blick hängen, zumal er dazu ja auch rein größenmäßig beiträgt. Die Stöckel werden wieder länger und spitzer, und die Absätze werden auch gewagter. Und während die Frau aus der Ex-DDR noch singt, ist ihre Botschaft schon angekommen, liegt schon in der Luft, was noch kaum einer ausspricht: Was lange Zeit verpönt war, sich nämlich auch über Äußeres auszudrücken („Du achtest wohl nur auf Äußerlichkeiten?“), wird jetzt zur Devise, wird schon fast übertrieben. Und so folgt auf die Punks, die ja gerade nicht die Lust und den Spaß, sondern eher das Gegenteil zum Markenzeichen ihres Outfits erheben, die „Neue Welle“, und wir schreiben die Achtziger, und alles wird verfügbarer und vielfältiger. Und inmitten der Accessoires behauptet der Schuh ein eigenwilliges Dasein, ja sogar einen Standpunkt. Wer sich erhöhte, würde eben nicht unbedingt erniedrigt werden, und wer es niedrig liebte, konnte durchaus hoch hinaus. Manche liebten es zugeschnürt - andere wieder offen und frei. Spaß macht, was gefällt. Zum neuen Selbstbewußtsein paßt, daß Schuhe Halt geben. Vielleicht wird ja ein Schritt nach vorne notwendig? Oder daß sie spitz sind, so daß man - wenn nötig - zutreten kann? Und so kann man mit Zeit - wenn man sich die Zeit nimmt, hinzuschauen - viel über den Schuh und damit vor allem viel über den Träger erfahren. Und das unabhängig von der jeweiligen Mode, vom jeweiligen Trend. Und so wird zum Kennzeichen des Schuhs, daß er sich immer wieder verändert und sich doch darin ähnelt, daß er in seinen tausend Farben und Formen die menschlichen Wünsche und Eitelkeiten spiegelt:
Ein bißchen Kroko oder Schlange fürs Mondäne, die Schleife fürs Gezierte, die Doc Martens für Standfeste, für die, die gerne Bodenkontakt haben, die Knöchelhohen für die schlanke Silhouette („Ich will so bleiben, wie ich bin.“ - „Du darfst!“), die mit der Schnalle für die, die gerne dick auftragen, die Zerfransten für die Lässigen, die mit Steinchen und Mickey Mouse für die, die gerne Kind bleiben wollen, die zugeschnürten Springerstiefel für die, die Halt suchen, - oder, weil sie ganz einfach „zu“ sind? -, auch oft für die, die sich gerne männlich zeigen. Daß ich diesen einen Schuh auswähle, daß er mir gefällt, deutet zurück auf mich als Träger. Im Schuh „verrät“ sich der Träger. -
Denn wer kauft schon allen Ernstes Schuhe nur nach der Farbe des Rockes oder der Hose? Aber wohl auch in diesem Fall „verrät“ sich der Käufer, allen Ernstes...
Meinhard Schulte
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Liebe auf den ersten Tritt

Als ich Dich das erste Mal sah, irgendwo in der Fußgängerzone, wie Du Dich präsentiertest unter vielen Paaren, da wußte ich gleich, daß es Liebe auf den ersten Blick war. Unter Hunderten von ähnlichen Exemplaren fielst Du mir sofort auf; Du zogst magisch meine Blicke auf Dich; Deine Nachbarn, die neben, über und unter Dir in Position gebracht waren, verblaßten in Deiner Nähe und interessierten mich plötzlich nicht mehr. Du hattest eine gewisse lederne Ausstrahlung, wie ich sie mir immer erträumt hatte, auch das kleine weiße Schildchen mit den erschreckend hohen schwarzen Zahlen, das dezent neben Dir plaziert war, konnte mich nicht mehr abhalten und bremsen. Ich trat schüchtern näher, um Deine Schönheit zu mustern, drückte meine Nase fest an der Glasscheibe platt, um Dich von der attraktiven Seite zu sehen und zu begutachten. Das Schauen verstärkte meinen Wunsch: „Die möchte ich haben und sonst keine!“ Ich stellte mir bereits in Gedanken unser Leben zu dritt und unsere gemeinsamen Unternehmungen vor, wie wir gemeinsam über die Straße flanierten, ins Kino gingen, ins Theater oder in die Disko, um eine kesse Sohle aufs Parkett zu legen, ich träumte von einem gemeinsamen Urlaub in Paris und auf Ibiza, gemeinsam in der Sonne, und ich würde Dich einschmieren... - Mein Entschluß stand fest: ich betrat den Laden, eine Verkäuferin holte sie mir aus der Auslage, vorsichtig, aber bestimmt, schlüpfte ich mit dem Anzieher in sie hinein, band vorsichtig die Schleife, versuchte zu gehen. Spätestens mit dem ersten Tritt auf dem Teppichboden wußte ich, dass dieses die wahre Liebe sein mußte. Im schlichten Karton mit Deckel trug ich sie heim, am folgenden Tag hatte ich sie bereits an den Füßen. So hatte ich sie mir immer vorgestellt. Dieses war der Beginn einer langen Freundschaft . . . wenn nicht die Sohlen gewesen wären...
Werner Bockholt

„Du da, mit den Knitterfalten im Gesicht“

Gott sei Dank, daß es Dich gibt. Mit Dir möchte ich wohl durchs Leben gehen, für eine Weile.
Bei der Tasse Kaffee morgens und einem Berg von Marmelade fällt mein Blick auf Dich. Dich hat mein Leben gezeichnet. Es war ein bißchen viel in der letzten Zeit, nicht wahr? Aber Du hast mir Halt gegeben, auch wenn es manchmal ein bißchen eng wurde. Die letzten zwei Tage haben Dich arg mitgenommen, der Staub der Straße hat sich in Deine Falten gelegt. Überhaupt sind es mehr geworden. Knittrige, die Dir eine ungesunde Farbe geben. Aber erst dadurch wirst Du schön in meinen Augen. Ein bißchen nachlässig bin ich ja schon mit Dir umgegangen. Ich habe mich kaum noch um Dich gekümmert, hatte andere Sorgen. Und angesehen habe ich Dich auch nicht allzu häufig. Das kennt man ja von Dir, sagst Du? Ja, ich weiß, ich habe mich um anderes mehr gekümmert. Und der heiße Kaffee ins Gesicht, vorgestern, das war nicht okay. Ich weiß. Bist Du böse? Ob Du mich wohl auch morgen noch drückst?
Meinhard Schulte

Abi-Gag 1992