Abiturfeier 1991


Rede des Schulleiters

Vor einem Jahr stand ich am Pult,
und mit des Auditoriums Huld
gab ich Gereimtes hier zum Besten.
Mein Eindruck war: Bei solchen Festen,
wie wir es heut wieder begehen,
scheint mancher wohl auf Reim zu stehen.
Des Lehrers Wort ist oft gar flüchtig,
sei er ansonsten noch so tüchtig.
Doch greift er zur gereimten Form,
steigt das Interesse ganz enorm.
Ich wähl die Form, die garantiert
die Aufmerksamkeit stimuliert;
drum hört mir zu und seid geduldig,
das seid ihr einem Dichter schuldig. –

Ihr seid nun reif, ganz ohne Frage;
ihr legtet Wissen auf die Waage,
welches kompakt und detailliert
wurd' mit Bedacht protokolliert,
derweil der ZA mußt' addieren
die Punkte, die zur Reife führen.
Doch was heißt reif? Ich muß gestehn,
der Sinn ist nicht leicht einzusehn.
Heißt reif vollendet? Die Vision
verflüchtigt sich wie ein Phantom.
Gereift, das schließt auch tauglich ein,
vielleicht könnt das die Deutung sein.
Wer sich verantwortlich verhält,
für Frieden, Menschen und Umwelt,
sich engagiert, wo andere pennen,
den möcht ich auch als reif benennen!

Wer in der SV tätig war,
wie Stephan Oenning viele Jahr,
dabei agiert mit Augenmaß,
auch der erwirbt Maturitas!
Als Schülersprecher hier vor Ort
fand immer er das rechte Wort.
So war's Konfliktpotential
im allgemeinen minimal.
Und für die Kooperation
nimm meinen Dank als echten Lohn! –

Neun Jahre Schulzeit sind vorbei.
Neben dem täglich' Einerlei
gab's auch bleibende Impressionen,
doch damit will ich Euch verschonen.
Ich denke, es lohnet allemale,
zu kommentiern das Halbfinale.

Der letzte Schultag, der begann
so, wie man es erwarten kann.
Der Binder war korrekt gezerrt:
da wurd' die Ausfahrt zugesperrt,
damit der Boss nicht früh entfleuchte!
Ein guter Anfang, wie mir deuchte!
Und während ich vorm Spiegel steh,
fährt vor ein 7-er BMW.
Und in dem Fond, ich fand es Spitze,
sitzt recht belustigt schon mein Vize!

Ich denk: Sie fahr'n uns zu den Pflichten,
doch selbiges geschieht mitnichten!
Denn Alexandra als Chauffeur
und Götz in Mafia-Couleur,
sie sprechen wenig, grinsen viel,
und ab zu unbekanntem Ziel
rauschte gedämpft die Limousine.
Von vorn, und das mit ernster Miene,
wurd' informiert einzig und nur
über die Außentemperatur.

Als wir nach Rinkerode kommen,
wird letzter Zweifel uns genommen:
Dort wartet auf uns schon, man kennt es,
ein Frühstück, ein gar opulentes!
Doch weit gefehlt, durch Wald und Flur
zurück nach Hiltrup geht die Tour.
Krautkrämer, denken wir spontan,
das ist es, was sie steuern an!
Ich denk nicht mehr ans KvG,
nur noch das Frühstück vor mir seh!
Doch ach, das ist ja fast fatal:
wir halten plötzlich am Kanal!
Bereit steht dort, soweit ich seh,
ein Mafiosenkomitee!
Es wartet auf uns, es ist arg:
ein Frühstück, welches reichlich karg;
ein Brötchen, Cola, Erdnußpaste!
Ich überlege: Wenn ich faste,
stellt sich ein schlechter Eindruck ein!
Doch Schulleitung soll Vorbild sein!

Endlich zur Schule geht die Fahrt;
Und auch dort blieb uns nichts erspart.
Die Schüler, Lehrer sind gespannt;
seit Stunden keine ordnend' Hand!
Die 13 wird, das ist ihr Stil,
das Chaos stoppen mit Profil!
So dachte mancher; was geschieht?
Die 13 bald von dannen zieht!
Wo Abiturienten walten,
sollt' Zündendes sich doch entfalten!
Nichts, rein gar nichts passiert stattdessen,
Enttäuschung, sie ist kaum zu messen;
das Ganze riecht nach Obstruktion,
vermutet die Opposition!

Erst langsam werden Köpfe klar,
und man erkennt es, deutlich, wahr:
Das war der Gag, noch nie probiert:
alles versprechen, nichts passiert!
Das zu verstehn, solch' linke Tour,
braucht mancher mehr als Abitur!
Das Image ist leicht ramponiert;
das Fehlverhalten diskutiert;
da traf die Hiobsbotschaft ein:
die Kasse futsch, sie war nicht klein!
Und mancher fragte sich betroffen,
hat da wohl wer zu viel ge...trunken?

Ein Glück, daß sich zum Guten wendet,
was sonst höchst ärgerlich geendet!
Doch, wer die Reife will erstreben,
Sollt' auch gewappnet sein für's Leben!
Doch hört beim Geld meist auf der Spaß;
und Kassenwächter meiden's Glas!

Was dann Ihr spät noch inszeniert,
dafür Euch allen Lob gebührt!
Musik und Show in Perfektion,
dazu Profis am Mikrophon!
Wo sonst der Körper wird gedehnt,
manch Lehrer sich nach Freiheit sehnt;
Denn eingesperret hinter Gittern,
befällt sie doch ein leichtes Zittern,
wenn, ganz konträr zum Festival
die Szene wird zum Tribunal.
Die Show war fast professionell:
ein Lob dem Mafia-Kartell!

Zur Reife gratulieren heute
aus ganzem Herzen viele Leute.
Es grüßen heute Eminenzen,
einfache Bürger, Exzellenzen,
Und last not least bleiben nicht stumm
Direktor und Kollegium.

Den Eltern auch mein Glückwunsch gilt
nicht nur, weil es gut paßt ins Bild.
Dank sag' ich Ihnen; jederzeit
war'n sie zur Mitarbeit bereit.
Wenn Elternwille kontrolliert
in Schule sich artikuliert,
kann Menschliches sich wohl entfalten:
so woll'n am KvG wir's halten.

Gesprochen sei das letzte Wort!
Es warten andere hier vor Ort.
Drum lebet wohl, schließt mein Gedicht;
Viel Glück! Ihr wart so übel nicht!

Bernard Brinkbäumer

Abi-Gag:
Das Spektakel


Es geschah an einem sonnigen Frühlingsmorgen. Es war Mittwoch. Das Pfingstfest war gerade vorüber. Die Lehrer eines bischöflichen Gymnasiums in Münster sind damit beschäftigt, ihre Schüler wieder an die spröde Unterrichtsatmosphäre zu gewöhnen. Vergeblich! Ein ganz normaler Schultag also, wenn - ja wenn da nicht die Renovierungsarbeiten in der Turnhalle wären. Gerüchte kursieren. Viele vermuten, wenige wissen etwas.
Gegen 9 Uhr dann taucht vor dem Kloster in der Nähe der Schule eine aus etwa 100 im Stil der „Golden Twenties“ gekleideten subversiven Gestalten bestehende Gruppe von Unterweltlern auf. Um 9.20 Uhr ist es schließlich soweit: Unaufhaltsam rollt die Schwadron durch den Klostergarten auf das Schulgeläde. Die Überfallkommandos bestehen aus jeweils zwei Mitgliedern des Syndikats. Alle Klassenräume werden unbemerkt belagert. Zunächst bringen die Gangster das Geschäftszimmer und das Büro des Bosses der Schule in ihre Gewalt.
Um 9.28 Uhr zerreißt das nervenzerfetzende, lärmende Geknatter einiger Maschinengewehre die chronisch sauerstoffarme Luft in den Klassenräumen der kirchlichen Lehranstalt. Durch die totale Verwirrung kommt der Unterricht zum Erliegen. Die Überfallkommandos lassen die Lehrer und Schüler zittern wie Vorstadt-Cowboys im undurchdringlichen Asphaltdschungel Chicagos.
Nachdem das vereinbarte Geheimzeichen ertönt, werden alle Klassenräume gestürmt, die Lehrer festgesetzt und zum „Henkersmahl“ geführt und die Schüler in die oben erwähnte umgebaute Turnhalle geleitet, die überfallbedingt noch von beißendem Rauch umhüllt ist. Das Licht wird gelöscht. Langsam, sehr langsam öffnet sich der Trennvorhang zum dritten Trakt der Halle. Die Kids stürmen nach vorne. Auf einer 9 qm großen Leinwand lugt eine befremdliche Gestalt aus dem Fenster eines Rolls-Royce, steigt aus, richtet eine MP auf die Leinwand und feuert. Das Abi-Emblem entsteht. Frenetischer Jubel brandet auf.
Das nun folgende Spektakel wird man so schnell nicht vergessen. Band-Musik, Gesang, videogenes Lehrerballett, Lehrerratespiele und -befragungen bilden den Rahmen für die Abrechnung. Er, der BOSS, lässt einige Lehrer aus ihrem Käfig, der direkt mit schlaffen vier Boxen zu harmonischen Schwingungen angeregt wird, was einige Teile des Lehrkörpers zu disharmonischen Lautformungen treibt, hervortreten. Aus einem ihm angemessenen Abstand von 6 m Höhenunterschied richtet er, der BOSS, sie, die Lehrer. Ob Tanzen, Milchtrinken oder Singen - sie sind gut davongekommen. Die Bombenstimmung hat Ihn, den BOSS, mild gestimmt.
Doch irgendwer hat geplaudert. Wehe ihm, wenn er enttarnt wird. Er wird seines Lebens nicht mehr froh werden. Das Syndikat soll angeblich 1 Million Dollar Kopfgeld für den Verräter bieten.
Jedenfalls nahm der Tag des Syndikats am KvG., so heißt nämlich die Schule, an der sich die unglaubliche Geschichte zugetragen hat, ein dramatisches, ein fatales, entsetzliches, unbeschreibliches Ende. Die Musik, der Jubel, das ausgelassene Treiben wurden durch ein dumpfes, hohles Dröhnen abgelöst. Acht Polizisten sprangen in Kampfmontur vom Gang in die zur Arena der Freude gewordene Halle, bahnten sich brutal ihren Weg durch die Menschenmenge und waren im Nu wieder verschwunden.
Er, der BOSS, sitzt jetzt hinter Gittern. Aber das letzte Wort in dieser Angelegenheit ist noch nicht gesprochen.
Stephan Oenning, Abiturzeitung 1991