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Klettern in der Turnhalle von 1964 kurz nach ihrer Erbauung

Wie sich die Mafia am KvG entwickelte

Ein Bericht der Fachschaft Sport

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Klostermannschaft um 1960.
Torwart: Bruder Herbert Spellmeyer,
später bis 2004 Hausmeister am KvG.
Im Hintergrund das Hauptgebäude der Schule
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Lehrermannschaft um 1969 auf dem "staubigen" Fußballplatz (heute Lehrerparkplatz).
Vorn links Bernhard Heinrichs
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Handballmannschaft von 1973
mit Trainer Bernhard Heinrichs
Angesichts der rasanten Veränderungen, die wir alle mehr oder weniger bewußt über uns ergehen lassen mußten oder auch mitgestalten durften, fällt eine Antwort auf die Frage schwer, war es damals besser, war es schlechter? Wir wollen erzählen, wie es war, wie es geworden ist. Wie oft hört man dieses „Ja damals“ mit einem Unterton der Sehnsucht nach dem Besseren. Nur verklärte Vergangenheit?

Wenn wir als Sportlehrer solchen Reminiszenzen anheimfallen, dann kommt die Erinnerung, mit welcher Freude und mit welchem Stolz der damalige Schulleiter Pater Termathe die neu erbaute Turnhalle (heutige kleine Halle, Sept. 1964) vorzeigte, zu deren Finanzierung sogar die benachbarte Polizeiführungsakademie beigetragen hatte und damit ein Benutzungsrecht für viele Jahre erwarb.

Um mehr Leben in den Sportbetrieb zu bringen, mußte nun zu dem schon vorhandenen Kollegen ein zweiter Sportlehrer her. Schließlich sollten ca. 350 Schüler für den Schulsport begeistert werden: 1/2 Interne, 1/2 Externe (das KvG war eigentlich primär eine Internatsschule). Aus der Konkurrenz Intern gegen Extern rekrutierten sich hervorragende Fußballmannschaften. Ein regelmäßiger Spielnachmittag sowie ein reger AG-Betrieb führten in die Geheimnisse des Leistungssports ein. Eingebettet in einen eigenen Sportplatz (heutiges Flachdachgebäude und Lehrerparkplatz), der trotz grundlegender Renovierung manchmal so staubte, daß man in der Nachbarschaft oft nicht wußte, ob man neben dem KvG oder der Sahara wohnte, entwickelte sich ein Sportstützpunkt, dem schon das anhaftete, was später als Sportmafia bezeichnet wurde. Hier in dieser für die jüngeren KvG-ler (Schüler wie Kollegen) grauen, etwas nebulösen, staubigen Vorzeit war also die Geburtsstunde des sportlichen Gymnasiums KvG. Die Fußballer der damaligen Zeit waren kaum zu schlagen, sie waren überregional gefürchtet. Diesem Standard eiferten auch die Kollegen nach. Die Lehrermannschaft, zu der alle jüngeren Kollegen, Referendare und auch einige Patres und Brüder des Klosters zählten, war für die Schüler ein äußerst gefährlicher Gegner. Sehr oft gewannen die Lehrer.

Die kleine Turnhalle ermöglichte dann bald eine Entwicklung des Handballsports, die dazu führte, daß das KvG im Regierungsbezirk (weiter gingen die Runden zunächst nicht) immer hervorragend plaziert war. Und unsere schwimmende Elite? In nicht allzu großer Entfernung zu den klostereigenen Schweineställen (etwa dort, wo sich heute unsere Außensportanlage befindet) hatten wir unser eigenes Freibad (Wasserfüllung damals etwa 300 DM). Dieses von den Herz-Jesu-Missionaren selbst erbaute L-förmige Bad bewies schon damals, daß „unsere Patres“ nicht nur beten konnten. Die Duschen sprudelten nur kalt (Kostengründe oder weltliche Anfeindungen mögen hier eine Rolle gespielt haben). Wenn unsere Schüler im Slalom unter den Duschen herliefen (herlaufen mußten), wetteiferten sie manchmal mit den Geräuschen der nahen bäuerlichen Tiergehege. Sicherlich entrang sich auch hin und wieder einer damals noch ausschließlich klassisch altsprachlich gebildeten Schülerseele der stumme Protestschrei über den παιδo-τριβης.

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Schuleigenes Schwimmbad in den 60er Jahren
(heute: große Sporthalle)
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"Bunter Nachmittag" im Anschluss an ein Sportfest (60er Jahre). Im Hintergrund die alte Turnhalle
(auch "Pferdestall" oder "Turnvater-Jahn-Basilika"; heute Privathäuser a.d. Straße Zum Roten Berge)
Aber trotzdem, es machte Spaß. Nur mit dem Internat gab es manchmal Ärger, weil nachmittags die Internen auf Grund ihrer Aktivitäten auf dem Rasen und dem anschließenden Sprung ihrer ungeduschten Körper (s. o.) die Wasserqualität zum Trüben, Grünlichen tendieren ließen. Und wir von der Schule machten ja den „richtigen“ Sport und brauchten den entsprechenden Wasserdurchblick. Vor den Sommerferien wurde dann das Wasser schnell noch einmal erneuert, so daß zumindest die daheimgebliebenen Lehrkörper nebst Anhang ein angenehmes, sauberes Privatbad hatten - so ging zumindest das Gerücht. Auch die Wintermonate hatten sportlich gesehen etwas Reizvolles. In besonders kalten Jahren holte sich manch ein Schüler blaue Flecken bei verzweifelten Versuchen, auf dem nahen zugefrorenen Silbersee (heutige PFA) vor- oder rückwärts übersetzend die Idealkurven des Sportlehrers nachzuzeichnen. In den auf das Eis verlegten Unterrichtsstunden wurden die ersten Wintersporterfahrungen gesammelt. Umweltfreaks hatten den durch Schlittschuhlärm geschädigten und somit vom Infarkt bedrohten Karpfen noch nicht entdeckt.

Und dann kam das Jahr 1968 und mit ihm ein Höhepunkt in der historischen Entwicklung des KvG. Es passierte etwas ganz Unerhörtes! Die Schülerklientel des Knabengymnasiums der Herz-Jesu-Missionare (die ja eigentlich dem Ordensnachwuchs dienen sollte) wurde 1968 um das weibliche Geschlecht erweitert. Der Schulleiter Pater Termathe wollte diesen gewagten und mutigen Schritt in die Zukunft tun. Für den Sport brachte das natürlich gravierende Probleme. Im Lateinunterricht hatte man sich zwar intensiv - natürlich rein theoretisch - mit maskulinum und femininum beschäftigt. Im Sport bekam man es jedoch mit anderen, handfesteren Schwierigkeiten zu tun. Es mußte gebaut werden: Umkleideräume, Toiletten, Trennwände - vor allem im Bad, sonst könnten ja...

Die Klosterkasse war heillos überfordert. Die klostereigene Schreinerei baute Schränke, Wände, bemühte sich, es reichte vorne und hinten nicht. Die alte kleine Turnhalle („Pferdestall“), die zwischen dem alten Missionshaus und der Straße Zum Roten Berge lag, wurde reaktiviert. Der Boden, der einstmals mit Steinmosaikpflaster bzw. nur mit Sand bedeckt war, hatte ein Eichenparkett bekommen, direkt auf die Betonsohle! Jetzt konnte eine eisenharte, orthopädisch-sportliche Auslese stattfinden. In dieser Halle wurde sogar Basketball und Volleyball gespielt. Die Netzbefestigungen mußten oft während der Spiele festgehalten werden, damit die entsprechenden Haken nicht herausrutschten. Die eisernen Querverstrebungen, die das Gebäude im oberen Teil zusammenhielten, waren eigentlich kein echtes Hindernis, man mußte nur sehr präzise pritschen und baggern können - auch hier bieten sich sicherlich Erklärungen bei der Ursachenforschung für spätere Höhenflüge des KvG-Sports an. Nicht selten wurden zwei Gruppen gleichzeitig unterrichtet.

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Pater Brügger engagiert sich als Fußballtrainer
(60er Jahre)
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Nur wörtlich "in den Sand gesetzt":
Baustelle für die große Sporthalle (70er Jahre)
Auf dem Hartplatz vor dieser Turnhalle (heute stehen dort die neuen Häuser im westlichen Teil der Straße zum Roten Berge) tummelten sich früher die Internatsschüler, denn es war ihr Bolz- und Freizeitgelände. Später floß dort eine Menge Lehrerschweiß. Lange vor Boris Becker hatte das sportliche Lehrerkollegium des KvG den Tennissport entdeckt. Die Zahl derjenigen, die sich am KvG geistig und körperlich fit machen lassen wollten, stieg in den folgenden Jahren explosionsartig. Ein neuer finanzkräftiger Schulträger mußte gefunden werden. Die Verhandlungen mit dem Bistum Münster betr. Übernahme des KvG waren erfolgreich. Am 01. 01. 1975 übernahm der Bischof von Münster die Schule mit folgender Zusicherung: Auch das reiche Erbe aller außerschulischen Traditionen und Aktivitäten im religiösen, sozialen, sportlichen und musischen Bereich wird gehütet und fortgeschrieben in der „privaten bischöflichen Kardinal-von-Galen-Schule für Jungen und Mädchen“. Man konnte jetzt im größeren Stil planen, auch für den Sport. Der Auftrag war klar formuliert. Waren nun die Zeiten vorbei, wo noch Pater Tönies, Pater Brügger, Pater Düllberg oder Hannes Demming als Kampfrichter bei den jährlichen Winter-Bundesjugendspielen wertvolle Hilfe leisteten?

Für die sportbegeisterten KvGler mußte etwas Neues geschaffen werden, etwas Großes. Die Mitbenutzung der benachbarten städtischen Dreifachhalle war keine Dauerlösung. Sollte das alte KvG-Freibad überdacht werden? Nach anfänglichen Überlegungen in diese Richtung entschied man sich 1977 für eine zweite Sporthalle (45 x 21 m). Dieser große Klotz drohte den Patres, die unterdessen ihr neues Kloster bezogen hatten, den Blick nach Westen zu versperren. Kreuzwegmotive oder andere christliche Wandmalereien hätten zwar schön ausgesehen (kunstbegabte Wandsprayer unter den Schülern gab es noch nicht), aber der direkte Blick zum westlichen Himmel war verständlicherweise wichtiger. Rettung kam in zweierlei Gestalt, einmal in Form des Münsterländer Kiessandrückens, zum anderen in der des Architekten. Die Halle wurde einfach um ein Stockwerk tiefer in den Sand gesetzt, und der Blick zum Himmel blieb frei.

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Oben: Der Jahrgang 62, der zwei Bundessiege und eine Bundesvizemeisterschaft im Volleyball holte

Links: Volleyballer in Aktion (70er Jahre)
Jetzt konnte das Pflänzchen Sportmafiosa vulgaris richtig erblühen. Die Sportlehrerschaft vermehrte sich. Basketball und Volleyball, später auch Badminton, wurden die großen Hits. Der Sport-LK wurde eingeführt. Es fanden Surfkurse am Dümmer und Segelflugkurse in den Baumbergen und in Telgte statt. Wurde das KvG schon heimlich wegen seines die ganze Jahrgangsstufe 11 umfassenden Skikurses beneidet, ging es jetzt erst richtig mit dem Volleyball los. Während vor allem die Mädchen im Handball und Basketball ihre sportlichen Kreise bis Gelsenkirchen oder Leverkusen zogen, wurden die Volleyballer bald zu einer „nationalen“ Größe. Unzählige gewonnene Meisterschaften (die Trophäenschränke platzten bald aus allen Nähten) und ein gutes Dutzend Deutsche Meistertitel beim Bundesfinale in Berlin sprechen eine deutliche Sprache. Selbst die Abflachung der Erdkugel an den Polen wurde jetzt endlich als durch liebevolle Schmetterschläge Gottes verursachtes Phänomen erkannt und die Erdrotation als göttliches sportwissenschaftliches Forschungsprojekt (bei dem etwas schief ging) bezüglich des Magnuseffekts enttarnt.

Neben diese speziellen hochleistungsorientierten Lernziele setzten die Sportlehrer des KvG auch andere Schwerpunkte. So fand [...] 1996 das 20jährige Jubiläum unserer „Sportwoche“ statt. Klassenmannschaften und damit auch Schüler(innen), die in keinem Verein Wettkampfsport betreiben, können in verschiedenen Sportarten während einer ganzen Woche ihre Kräfte messen. In manchen Jahren nahmen über 110 Mannschaften an Vergleichskämpfen im Fußball, Volleyball, Basketball, Handball, Badminton, Tischtennis, etc. teil. Aber auch hier spülte mann immer ein wenig, daß die Leistung das Salz in der Suppe des KvG-Sports ist.

Wenn heute ganze Klassen/Kurse im neuen schuleigenen Kraftraum, den wir dank unseres Fördervereins und einiger sehr zukunftsorientierter Eltern und Kollegen einrichten konnten, trainieren, dann kommen manchmal Erinnerungen an die damalige Zeit der 60er Jahre, wo noch „richtige“ Bundesjugendspiele, an denen natürlich alle Schüler teilnahmen, gefeiert wurden (Winter und Sommer). Das waren Treffpunkte für alle, die mit der Schule etwas zu tun hatten. Morgens wurde die Olympiaflagge unter Fanfarenklängen gehißt. Nach den leichtathletischen Wettkämpfen kam der Holzvogel auf die Stange, und ein Schützenkönig wurde gekürt. Alle Lehrer trafen sich dann mit Kind und Kegel zum „sportlichen“ Kaffeetrinken im klösterlichen Refektorium. - Ja, so war das damals!

Der Berichterstatter hofft, daß es ihm gelungen ist, ein wenig Basismaterial zur Enttarnung der Sportmafia und zum Verständnis des heutigen KvG-Sports aufgedeckt zu haben. Wie die eingangs gestellte Frage zu beantworten ist, möge offen bleiben. Auf jeden Fall gilt weiterhin: orandum est, ut mens sana in corpore sano sit.

Bernhard Heinrichs in: Kardinal-von-Galen-Schule 1946-1996, Münster 1996
Alljährlicher sportlicher Höhepunkt am KvG war in den 50er und 60er Jahren die "Olympiade", die am Namenstag des Schulleiters (P. Dr. Rademacher, dann P. Termathe) stattfand. Dabei waren die Bundesjugendspiele eingebettet in ein Sport- und Sommerfest, das mit einer feierlichen Eröffnung unter Beteiligung des Blasorchesters der Schule (Hissen der olympischen Fahne, "Einmarsch der Gladiatoren") begann und nach Abschluss der Wettkämpfe in einen "Bunten Nachmittag" mit Siegerehrung, Schießübungen, Proklamation des Schützenkönigs und gemütlichem Teil einmündete. Sportlich standen Leichtathletik und Turnen, aber auch Bogenschießen im Vordergrund.
Auch die Beiträge von 1957, 1964 und 1967 (s. Kopfleiste) vermitteln einen Eindruck vom Ablauf dieser Veranstaltungen.
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Sehr ordentlich ging es in den 50er Jahren zu: Links der Aufmarsch der Wettkämpfer 1952, angeführt von P. Tegethoff. Rechts ein Wettkampf ca. 1955, in der Bildmitte Sportlehrer Deutsch Der gemütliche Teil kam nicht zu kurz. Zum Sportfest gehörte auch ein "Bunter Nachmittag", hier 1954
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Vorkriegs-Sportfeste am Hiltruper Gymnasium zwischen Militärtradition und Folklore. Das linke Bild zeigt eine "Olympiade" Ende der 20er Jahre, das rechte die von 1932 Aus der Bierzeitung einer Untersekunda
in den 50er Jahren