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Lernen mit Patenschaften
Jahrgangsübergreifender Unterricht an der Grundschule Berg Fidel

(Februar 2004)

Mit dem Ziel einer besseren individuellen Förderung wird in Nordrhein Westfalen der Schulanfang reformiert. Ab dem Schuljahr 2005/06 sollen die ersten beiden Klassen zur Schuleingangsphase zusammengelegt werden. An der Grundschule Berg Fidel in Münster hat man bereits Erfahrungen mit jahrgangsübergreifenden Klassen.

Begonnen hatte alles Ende der neunziger Jahre. Als immer mehr Kinder ein auffälliges Sozialverhalten zeigten, hatte sich die Grundschule Berg Fidel auf die Suche nach neuen Erziehungskonzepten und Unterrichtsmethoden gemacht. In regelmäßigen Abständen hatte der Arbeitskreis "Rücksichtnahme", in dem Lehrerinnen und Lehrer mit Eltern zusammenarbeiten, Hospitationen an reformpädagogisch orientierten Schulen in Deutschland und den Niederlanden organisiert. "Damals lernten wir das Konzept des jahrgangsübergreifenden Unterrichts kennen", erinnert sich Schulleiter Reinhard Stähling. Die Berichte klangen vielversprechend, doch wegen der großen Heterogenität in altersgemischten Lerngruppen gab es innerhalb des Kollegiums Bedenken. "Weil nicht alle Kolleginnen und Kollegen einverstanden waren, haben wir die Einführung jahrgangsübergreifender Klassen erst einmal auf Eis gelegt."

Im Schuljahr 2001/02 wurde das Thema dann unter einem anderen Gesichtspunkt neu diskutiert. Es gab eine zu große erste Klasse, die mit 33 Kindern am Ende des Schuljahres hätte geteilt werden müssen. Gleichzeitig lagen zum Schuljahresbeginn nur 40 Neuanmeldungen vor, so dass relativ kleine Startklassen einzurichten waren. "Mit diesen unterschiedlichen Klassenstärken waren wir nicht zufrieden", erklärt Reinhard Stähling, der sich in dieser Lage an die früheren Hospitationen erinnerte. Nach zahlreichen Gesprächen mit den betroffenen Lehrkräften und Eltern entschied sich die Grundschule Berg Fidel dann für das Experiment: Mit Beginn des Schuljahres 2002/03 wurden die ersten drei (gleichgroßen) altersgemischten Klassen eingeführt. Seither tragen die Klassen Tiernamen: Rabe, Fuchs, Delfin.

Eine neue Lernkultur

Was an der Grundschule Berg Fidel mittlerweile zum Alltag gehört, ist ein Modell für alle Grundschulen in Nordrhein Westfalen: der Unterricht in jahrgangsübergreifenden Lerngruppen. Das Düsseldorfer Schulministerium hat zum September 2005 die Einführung einer neuen Schuleingangsphase beschlossen, in der die erste und zweite Klasse integriert unterrichtet werden. Ziel dieser Reform ist eine bessere individuelle Förderung. Nicht nur die leistungsstarken Kinder, die die neue Schuleingangsphase in einem Jahr durchlaufen können, sollen davon profitieren, sondern auch die leistungsschwächeren, die auf eine intensivere Unterstützung angewiesen sind. Ohne Lehrerwechsel können sie die Schuleingangsphase im gleichen Klassenverband in drei Jahren absolvieren. Nichtversetzungen oder Zurückstellungen im herkömmlichen Sinn wird es nicht mehr geben.

Auf den ersten Blick scheint die Schuleingangsphase Lehrerinnen und Lehrer vor grundsätzlich neue Aufgaben zu stellen, denn die Arbeit mit heterogenen Lerngruppen erfordert einen hoch individualisierten Unterricht. Lehrerinnen und Lehrer müssen vom Verwalter und Verteiler des Wissens zum Lernentwickler und Lernbegleiter werden. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, Lernarrangements optimal vorzubereiten und die Kinder in ihren Lernprozessen zu beraten und zu motivieren. Auf den zweiten Blick sind die Anforderungen jedoch gar nicht so neu. "Auch die Arbeit in Jahrgangsstufen erfordert einen hoch differenzierten Unterricht, denn nicht selten sind in einer ersten Klasse Intelligenz und Sprachfähigkeitsdifferenzen von vier bis fünf Jahren versammelt , erklärt der Grundschulexperte Rüdiger Urbanek vom Landesinstitut für Schule.


Reinhard Stähling sieht das ähnlich: "Keine unserer Klassen war oder ist in Bezug auf Alter, Kompetenzen, kulturelle Gewohnheit und sozialen Status homogen." Einige Kinder können bei der Einschulung bereits Rechenaufgaben bis einhundert lösen, andere wissen nicht einmal, wie viele Finger sie an einer Hand haben. In jeder Klasse sind durchschnittlich mindestens zehn Kinder förderbedürftig, denn die Grundschule Berg Fidel liegt in einem sozialen Brennpunkt. Mehr als 200 Schülerinnen und Schüler aus 22 Nationen von Afghanistan bis Vietnam werden hier unterrichtet. 60 Prozent aller Kinder haben einen Migrationshintergrund. "Differenzierung und Individualisierung sind bei uns Normalität. Insofern hat sich kaum etwas verändert", bemerkt der Schulleiter.

In den drei altersgemischten Klassen arbeiten die Klassenlehrerinnen mit den sonderpädagogischen Kräften und der Schulkindergartenleiterin zusammen, so dass Doppelbesetzungen möglich werden. "Wir sehen die sonderpädagogische Arbeit als Teil der allgemeinen Pädagogik", erklärt Margarete Hörster, Leiterin der Rabenklasse. Auf wöchentlichen Teamsitzungen werden für alle förderbedürftigen Kinder individuelle Förderpläne entwickelt. Regeln und Sanktionen werden vereinbart, Elterngespräche dokumentiert. Alle vier bis sechs Wochen wird das Team von einem Schulpsychologen unterstützt. "Der Austausch entlastet", im Ergebnis haben wir weniger Stress", erklärt die ehemalige Schulkindergartenleiterin Susanne Larssen.


Eine wichtige Stütze dieses Teams sind jedoch die Kinder selbst. Die starken Schülerinnen und Schüler übernehmen Lernpatenschaften für die Schwachen: Die roten Raben unterstützen die gelben Raben. Das beginnt noch vor dem ersten Schultag. "Wir hatten noch nie so eine leichte Einschulung erlebt", erinnert sich Schulleiter Reinhard Stähling an den Sommer 2003. Vor den Sommerferien wurden die neuen Schülerinnen und Schüler zur Voreinschulung für eine Stunde in die Schule eingeladen, um ihre neuen Klassenkameraden kennen zu lernen. Die Alten zeigten den Neuen die Schule, Lernpatenschaften für den Unterricht wurden geschlossen. Davon profitieren nicht nur die Leistungsschwachen, sondern auch die Leistungsstarken. Im Endeffekt hat dies zu einer Verbesserung der Lernergebnisse aller Kinder geführt", berichtet Stähling.

Vorteile altersgemischter Klassen

Für den Schulleiter liegen die Vorteile altersgemischter Klassen auf der Hand: "Kinder mit einer ungünstigen Lernausgangslage bekommen mehr Zeit, während sich schneller Lernende an den "Großen" orientieren können." Und auch das soziale Lernen verbessert sich. Kinder lernen soziale Mitverantwortung durch die gegenseitige Unterstützung beim Lernen. Soziale Kompetenzen werden durch den Umgang mit jüngeren, älteren, ähnlichen und unterschiedlichen Kindern gefördert. Seine Kollegin Susanne Larssen ergänzt: "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die zurückgestellten Kinder von der Altersmischung sehr profitieren und in ihrer Lernentwicklung gestärkt werden." Allerdings plädieren die beiden dafür, die Arbeit der Kindergärten zu intensivieren: "Wenn der Schulkindergarten aufgelöst wird, muss der Kindergarten mehr vorbereitende Aufgaben übernehmen. Der Bildungsauftrag für die Fünfjährigen muss neu definiert werden", fordert der Schulleiter.

Zur Zeit werden an der Grundschule Berg Fidel noch die Jahrgangsstufen 1 bis 3 gemeinsam unterrichtet. Geplant ist jedoch schon in den kommenden Jahren alle Jahrgangsklassen schrittweise aufzulösen. Bereits im September 2004 wird z.B. die Delfin Klasse aus Schülerinnen und Schülern aller vier Jahrgänge bestehen. Jedes Jahr müssen dann nur vier bis sieben neue Lerner in einer Klassengemeinschaft aufgenommen werden. "Wir wollen unseren Kindern, die aus schwierigen Familienverhältnissen kommen, nicht zumuten, nach zwei Jahren den Klassenlehrer, die Klassengemeinschaft und den Raum zu wechseln", erklärt Reinhard Stähling, "Wir brauchen stabile und über vier Jahre bestehende Bindungen zwischen Pädagogen und Kindern." Für dieses System will der Schulleiter nun werben. "Denn ohne Zustimmung der betroffenen Lehrerinnen und Eltern können wir den Schritt nicht unternehmen."

Jörg Harm
www.forum-schule.de

Februar 2004

© Grundschule Berg Fidel | Seite drucken |  letzte Änderung dieser Seite: 27-09-2010