Liebe grüne Freundinnen und Freunde,

ich habe die obigen e-mails erhalten und befürchte, daß die augenblickliche
Situation im Kosovo zu einer Eskalation innerhalb unserer Partei führen kann,
die letztendlich das AUS der grünen Partei bedeuten kann.

Wenn einige in der jetzigen Situation eine Unterscheidung von friedensliebenden
und kriegstreibenden Grünen machen, ist dies weder für die Sache der grünen
Politik (die war immer pazifistisch und für die Bewahrung der Menschen- und
Minderheitsrechte), noch für die Verteidigung der Menschenrechte hilfreich.

Natürlich ist die Situation im Kosovo und in den angrenzenden Staaten so
schlimm, daß man schreien könnte und die Menschheit für verrückt erklären könnte.
Nur muß uns klar sein, daß diese Situation immer irgendwo auf der Welt stattfand
und -findet, ob in Deutschland durch Hitler, in Rußland durch Stalin, in Chile
durch Pinochet, in China durch Mao und Nachfolger, in Kambodscha durch Pol Pot,
in den USA und Südafrika durch die Apartheitspolitik, in Somalia, Äthiopien,
Iran, Irak, Türkei, Algerien, Irland, Bosnien-Herzegowina, etc. und jetzt im
Kosovo durch Milosevic.

Als langjähriges Mitglied von ai kämpfe ich ständig an der Front der
Menschenrechte und versuche mit vielen anderen einen Beitrag zur Verbesserung
der Welt zu leisten im Wissen um die Ohnmacht und Unzulänglichkeit der Symptom-
bekämpfung.

Wir müssen, wie es in der o.g. Pressemitteilung des Buvo heißt, dafür kämpfen,
daß die UNO wirklich Instrumente bekommt, unabhängig von Vetos einiger Staaten,
Menschenrechtsnormen weltweit nicht nur verbal, sondern auch real durchzusetzen.
Nur im Augenblick hilft uns das nicht weiter, da die UNO sich z.Z. selbst lähmt.
 

Wenn ich die augenblicklichen Auseinandersetzungen der Grünen in den beiden
o.g. Lagern verfolge, kommt mir ein bitterer Beigeschmack hoch. Es kann doch
nicht ernsthaft geglaubt und behauptet werden, daß die Grünen, nach viel zu
langen Verhandlungen des Westens mit dem serbischen Despoten, den einzigen Weg
zur Hilfe für die Menschen im Kosovo darin sehen, die menschenverachtende
Soldateska um Milosevic und ihre Infrastruktur zu zerstören oder zurückzudrängen,
als Kriegstreiber eingestuft bzw. beschimpft werden.

 Ich bin sicher und denke, daß Ihr es auch wißt, daß die ständige
Verhandlungsbereitschaft des Westens, angefangen beim Münchner Abkommen bis zum
jahrelangen Verhandeln während des Vernichtungskrieges in Bosnien-Herzegowina
zur Stärkung der Despoten und zur weiteren Vernichtung von Menschen geführt hat.
Leider verstehen die Diktatoren die normalen politischen "Wege" als Schwäche und
nutzen sie in ihrem Sinne aus.

Natürlich ist es für uns und für jeden pazifistisch denkenden Menschen kaum
auszuhalten, daß wir den Einsatz von Bomben und Kriegsmitteln mittragen müssen,
wenn wir eine Veränderung der Situation im Kosovo erreichen wollen.

Ich wehre mich allerdings heftigst dagegen, wenn einige Grüne, ohne konkrete
bessere und aussichtsreichere Wege zur Lösung aufzuzeigen, nur ein Ende des
Kriegseinsatzes in Serbien fordern und sich deshalb als friedliebender und
pazifistischer verstehen.

Die Tatsache,daß in unserer KV-Geschäftsstelle jetzt Scheiben eingeworfen wurden
und wir auf Demos als Kriegspartei beschimpft werden, kann doch nicht bedeuten,
daß wir den Pfad der sachlichen Auseinandersetzung verlassen und zu
opportunistischen und bequemeren  Lösungen übergehen.

Ich denke, keiner weiß eine "bessere" Lösung, als die zur Zeit praktizierte, um
hoffentlich bald zum Ziel der Beendigung der Schreckensherrschaft zu kommen.

Wenn jetzt von Ströbele u.a. Unterschriften zur Beendigung der Kriegshandlungen
gesammelt werden, um neue Verhandlungen mit Milosevic zu starten, ist dies m.E.
völlig realitätsfern und verschafft dem Despoten Zeit, um zwischenzeitlich den
Kosovo "entmenscht" zu haben. Ich denke, daß wir den Mut brauchen, eine so
unliebsame Entscheidung politisch mitzutragen, um damit den Menschen, zumindest
bald, helfen zu können und ein Stück Politikfähigkeit unter Beweis zu stellen.

In diesem Sinne rufe ich, zu fairerem Umgang miteinander und mangels besserer
Alternativen, alle grünen MitsteiterInnen zur Solidarität mit der
Koalitionsentscheidung auf. Ein Auseinanderbrechen der grünen Partei hilft keinem
außer dem politischen Gegner.

Mit grünen Grüßen

Herbert Winnenburg