REDE ZUM HIROSHIMA-TAG AM 07. August 1999

Verehrte Anwesende, liebe Freundinnen und Freunde,

- ich heiße Uwe Schüllenbach, bin seit 17 Jahren als Facharzt für Allgemeinmedizin in Münster niedergelassen, bin Mitglied des IPPNW, der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung, die 1985 den Friedens-Nobel-Preis erhielten, und Mitbegründer des Aktionsbündnis gegen den Krieg, Münster, das seit Beginn des nicht erklärten, gegen Völkerrecht, Grundgesetz und UN-Charta verstoßenden Angriffs-Krieges der Nato gegen die Bundesrepublik Jugoslawien, jeden Samstag vor dem Friedenssaal des Rathauses auf dem Prinzipalmarkt in Münster öffentlich von der Vernunft Gebrauch macht und offene Veranstaltungen abhält.
So auch heute wieder.
- Wir wollen uns des Tages erinnern, an dem vor 54 Jahren, am 6. August 1945, US-Amerikaner eine Atombombe über Hiroshima, am 9. August eine über Nagasaki abwarfen.

- In einem ersten von drei Redebeiträgen obliegt mir die Aufgabe, soweit ich es vermag, das entsetzliche Zahlenmaterial zu unterbreiten, das sich auf dieses Ereignis und seitdem auf seine Folgen und Implikationen für die gesamte Menschheit bezieht.

- Meiner kurzen Darlegung möchte ich einen Satz voranstellen, der von Adorno stammt: „Das Unheil liegt nicht in einer ursprünglichen Erzeugung falschen Bewußtseins, sondern in seiner Fixierung.“

- In Hiroshima und Nagasaki starben in den ersten 48 Stunden, spätestens aber in der ersten Woche etwa dreihunderttausend Menschen, über zweihunderttausend Menschen wurden verletzt und verwundet.

- Die ALLGEMEINE ZEITUNG, herausgegeben von der amerikanischen Armee, berichtete in der Ausgabe vom 8. August 1945, also zwei Tage nach dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima: „Die neue Atombombe hat eine Sprengwirkung, die der Bombenlast von 2000 Superfestungen entspricht, ihre Sprengkraft ist 2000mal größer als die der britischen 10 000 kg-Bomben. Die Stadt Hiroshima war 24 Stunden nach dem Angriff noch in undurchdringliche Rauchwolken gehüllt, die eine genaue Feststellung des angerichteten Schadens unmöglich machten."

Die große Anzahl der Todesfälle und Verletzungen verhinderten in den ersten Tagen nach der Explosion eine genaue statistische Auswertung der Strahlenwirkungen.
Wer Hitze- und Druckwelle im Umkreis von rund 1000m vom Explosionszentrum überlebt hatte, begann innert Stunden und wenigen Tagen an der Strahlenkrankheit zu leiden.
Wir verstehen darunter krankhafte Veränderungen im Menschen, die durch die Einwirkung von radioaktiven Strahlen zustande kommen. Die Krankheitszeichen, deren Stärke und der Zeitpunkt ihres Auftretens, sind abhängig von der Menge der aufgenommenen Strahlung. Die radioaktive Strahlung von außen und die innere Strahlung von eingeatmeten oder über die Nahrung aufgenommenen Teilchen greifen in alle biologischen Abläufe ein und stören sie. Schwer betroffen sind vor allem die teilungsfähigen Zellen, z.B. im blutbildenden Knochenmark, sämtliche inneren und  äußeren Haut- und Schleimhautzellen. Das Knochenmark bildet auch jene Zellen, die für die Infektabwehr verantwortlich sind.
Die Strahlenkrankheit führt zum Hirntod, zum Magen-Darm-Tod und zum Knochenmarkstod.

- In der Zeit zwischen 1946-75 wurden die medizinischen Spätfolgen bei den Überlebenden untersucht. Diese äußerten sich als Narbengeschwulste, als Bluterkrankungen (Blutkrebs, Leukämie), als Augenschädigungen, als Unfruchtbarkeit, als vorgeburtlicher Kindstod, Fehlgeburten, Kleinwüchsigkeit von Gehirn und Kopf, Verminderung der mittleren Körpergröße, bösartige Geschwulste (Schilddrüsen-, Bronchial-, Speiseröhren-, Magen- und Darmkrebs, Brustkrebs der Frauen, Hirntumore, Krebs des Harnwegssystems; darüber hinaus aber auch als vage, schlecht abgrenzbare Krankheitszeichen wie Erschöpfung, allgemeine Schwäche und dem Gefühl des Ausgebranntseins. Alle diese Beschwerden werden häufig von den Überlebenden angegeben und von ihnen auf die Auswirkung der Strahlung zurückgeführt.
Die Atombombe hat das Dasein der Überlebenden als Menschen sowohl in ihren eigenen Augen als auch in der Wahrnehmung anderer Menschen völlig verändert. Durch die unmittelbare Erfahrung und durch die späteren Erlebnisse wurde der Überlebende Mitglied einer neuen psycho-sozialen Gruppe: Er nahm die Identität eines Hibakusha an, eines menschen, der unter der Bombe gelebt hatte.
Zur heutigen Situation:
- die Zahl der Weltbevölkerung: fast 6 Milliarden Menschen

- die weltweite Zahl der Atomwaffen: 40 000 mit einer Spreng- und Zerstörungskraft von 15000 Megatonnen, d.h. von 15 Milliarden Tonnen; diese entsprechen der Zahl von fast einer Millionen Hiroshima-Bomben;

- d.h.: pro Mensch dieser Erde etwa 3 330 Kilo Sprengstoff. – Mit 15 Gramm TNT-Sprengstoff kann man einen Menschen töten.

- Zur Erinnerung: die gesamte Zerstörungskraft des 2. Weltkrieges betrug 3 Megatonnen – heute, wie gesagt, 15 000 Megatonnen.

- Die Zahl der Toten im 2. Weltkrieg: sechzig Millionen Menschen und ein mehrfaches dieser unvorstellbaren Zahl, die Anzahl der Verletzten, Verkrüppelten, der Vertriebenen, der Trauernden, der Waisen, der Erniedrigten und Beleidigten, der Ausgebombten, Hungernden und in Armut Lebenden.

- Mit der heutigen weltweiten Zerstörungskraft könnte man  5 000 solcher 2. Weltkriege führen.

- Jährliche Rüstungsausgaben weltweit: 700 Milliarden Dollar (etwa 1,4 Billionen DM); d.h. 3,6 Milliarden DM täglich; d.h. 2,4 Millionen minütlich.

- Weltweit ist jeder 254. Mensch ein Soldat.

- Auf jedes der täglich vierzigtausend hungerssterbenden Kinder entfallen 90 000 DM Rüstungsausgaben.

- Jeder vierte Mensch hungert; es verhungern jährlich zwei Millionen Menschen, siebzehn Millionen Menschen sterben an durch Unterernährung verursachte Krankheiten; in Asien erblinden jährlich eine Viertel Million Kinder infolge Vitamin A-Mangels;

- Es gibt dreihundert Millionen Malaria-Erkrankte; mehrere Millionen Menschen sterben jährlich an Malaria. Die Rüstungsausgaben von 4 Tagen (!) könnten ein 5-Jahres-Programm zur Malariabekämpfung finanzieren.

- Zur „friedlichen“ Nutzung von Atomenergie: in Hanau (Fa. Alkem) werden jährlich etwa 500 kg Plutonium verarbeitet. Beabsichtigte Erhöhung auf bis zu 6 Tonnen jährlich

- 1 Gramm Plutonium reicht – rechnerisch – aus, um eine Million gesunde Erwachsene innerhalb weniger Jahre an Lungenkrebs sterben zu lassen; d.h. mit dem jetzt dort verabreichten Mengen können jährlich fünfhundert Milliarden ! gesunde Erwachsene getötet werden. Halbwertzeit von Plutonium 24 000 Jahre. Plutonium muß etwa 10 000 Generationen lang mit größtem Aufwand absolut sicher aufbewahrt werden. Es weichen bereits jetzt schon – technologiebedingt – etwa 5-9 kg jährlich. Plutonium ist nur eine der –zig radioaktiven Substanzen.

- Hier höre ich – willkürlich – mit der Nennung der von uns zivilisierten Menschen in den letzten Jahrzehnten geschaffenen, brutalsten Fakten, die es jemals in der Weltgeschichte gab, auf. „So ist die Welt und müßt nicht so sein.“

- Im Friedensmuseum in Hiroshima kann man die folgenden Worte lesen.: „Wir wissen das Hundertfache dessen, was wir wissen müssen. Was uns fehlt, ist die Fähigkeit zu lernen und bewegt werden von dem, was wir wissen, was wir verstehen und was wir sehen und glauben.“

Der ehemalige Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Europa, General Lee Butler, sagte vor nicht allzu langer Zeit – ich zitierte wörtlich - :
Der Glaube an Abschreckung „brachte immer neue Generationen immer noch zerstörerischer Atomsprengköpfe und Trägersysteme hervor. Er führte zum Aufbau eines monströsen Verwaltungsapparates mit einem gigantischen Appetit und einer globalen Agenda. Er entzündete tiefste Gefühle, entfachte Fanatismus und Demagogie und setzte unkontrollierbare Kräfte in Gang. Und vor allem lebt im Namen dieses fortwährenden Glaubens und der Furcht, die mit ihm einhergeht, die Politik des Kalten Krieges fort und ihre Umsetzung, die strategisch überhaupt keinen Sinn macht. Dieser Glaube verursacht nach wie vor enorme Kosten und setzt die gesamte Menschheit unerhörten Gefahren aus. Ich finde das unerträglich.“

General Lee Butler, ehem. Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Europa

Verehrte Anwesende, liebe Freundinnen und Freunde,
fast hätte ich Verständnis für diejenigen, die sich angesichts des von mir vorgetragenen Zahlenmaterials abwendeten. Deshalb danke ich denen, die die Kraft hatten, sich nicht die Ohren zuzuhalten. Ich hoffe, daß sie auch die Kraft haben werden, eine neue Kultur der präventiven, friedlichen Konfliktbewältigung zu entwickeln, die für das Überleben aller auf diesem leidgeplagten Planeten unabdingbar notwendig ist.

Uwe Schüllenbach