REDE ZUM ANTI-KRIEGSTAG AM 1. SEPTEMBER 1999 VOR DEM ZWINGER IN MÜNSTER

Verehrte Anwesende, liebe politische Freundinnen und Freunde,

- Ich heiße Uwe Schüllenbach, bin seit 17 Jahren als Arzt für Allgemeinmedizin in Münster niedergelassen, bin Mitglied der IPPNW – Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung -, die 1985 den Friedens-Nobel-Preis erhielten, und bin Mitbegründer des Aktionsbündnisses gegen den Krieg, Münster, das seit Beginn des nichterklärten, gegen Verfassung, Grundgesetz und Völkerrecht verstoßenden NATO-Angriffkrieges gegen Jugoslawien vor etwa 6 Monaten jeden Samstag vor dem Rathaus in Münster öffentliche Veranstaltungen gegen den Krieg und seine Bewandtnisse abhält.-

- Der 1. September ist seit vielen Jahren ein Mahn- und Gedenktag für die Opfer und weltweite Folgen des 2. Weltkrieges.

- Heute vor 60 Jahren, am frühen Morgen des 1. September 1939, eröffnete das faschistisch gewordene Hitler-Deutschland, das mörderische NS-Regime, ohne vorhergehende Kriegserklärung die Kampfhandlungen gegen Polen, wodurch es die gesamte Welt mit verbrecherischer Gewissenlosigkeit – zum 2. Mal im 20. Jahrhundert – in einen Weltkrieg hineinmanövrierte, der an Opfern, Vernichtung, Unmenschlichkeit, Verheerungen und Schrecken alles bisher auf diesem Planeten Dagewesene überbot und durch den größten, technisierten Massen- und Völkermord der Weltgeschichte Folgen zeitigte, unter denen die Menschheit bis auf den heutigen Tag leidet.

- Die Zahl der Toten im 2. Weltkrieg: sechzig Millionen Menschen und ein mehrfaches dieser unvorstellbaren Zahl, die Anzahl der Verletzten, Verkrüppelten, der Vertriebenen und Deportierten, der Trauernden, der Waisen, der Erniedrigten und Beleidigten, der ausgebeuteten, Versklavten, Hungernden und in Armut Lebenden.

- Die Singularität dieser durch Nationalismus, Militarismus, Rassismus und einen desaströsen Kapitalismus bedingten Menschheitskatastrophe indes führte zu keiner weltweiten, endgültigen Abkehr vom Krieg als Mittel der Politik.

- Seit 1945 wurden weltweit über 200 Kriege gezählt. Viele Konflikte der 90er Jahre sind nach wie vor von einem hohen Maß an innerstaatlicher Gewalt unter- und oberhalb der Kriegsschwelle geprägt.

- Allein im Jahre 1998 fanden 21 Kriege und 28 kriegerische Auseinandersetzungen statt. Die Zahl der Toten vor einem Jahr: 7,5 Millionen Menschen, vierzig Millionen Vertriebene und Verletzte !

- Die Anzahl chronischer Bürgerkriegsgesellschaften im zu Ende gehenden Jahrtausend steigt.

- Im Jahre 1999 erlebt und erleidet die Menschheit eine weitere Ausbreitung kriegerischer Destruktion, eine nie dagewesene Zunahme von high-tech-Rüstung, die eine Vernichtung aus der Distanz ermöglicht, die Expansion des Waffenexportes – die Bundesrepublik Deutschland ist mittlerweile das drittgrößte Waffenexportland der Welt – und die Weiterverbreitung atomarer Waffen.

- Mittlerweile gibt es 8 offizielle Atommächte: die USA, Rußland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan und Israel. Das nukleare Wettrüsten geht weiter, atom-taugliches Material (hochangereichertes Uran und Plutonium), sowie die Atomreaktoren in den Kriegsschiffen stellen eine ungeheure Gefahr für die Menschheit dar.

- Die weltweite Zahl der Atomwaffen: 40 000 mit einer Spreng- und Zerstörungskraft von 15000 Megatonnen, d.h. von 15 Milliarden Tonnen; diese entsprechen der Zahl von fast 1 Million Hiroshima-Bomben; d.h. pro Mensch dieser Erde etwa 3 330 Kilo Sprengstoff.- Mit 15 Gramm TNT-Sprengstoff kann man einen Menschen töten.- Mit der heutigen Zerstörungskraft allein der Atombomben könnte man 5 000 2. Weltkriege führen.

- Die beiden Hauptbesitzer anderer Massenvernichtungswaffen, der Chemiewaffen, die USA mit 30 000 Tonnen chemischer Kampfstoffe, Rußland mit 40 000 Tonnen haben die Chemiewaffen-Konvention vom April 1997 bislang nicht ratifiziert.
Allein der Einsatz dieser C-Waffen würde jegliches Leben auf der Erde – rechnerisch mehrfach – elendig ersticken.

- Die atomare Abschreckung beruht auf einer „glaubwürdigen“ Drohung des Einsatzes von Atomwaffen, um einem Angriff des Gegners zuvorzukommen. In einem Konflikt könnte eine Partei entscheiden, daß der Zeitpunkt gekommen ist, mit Atomwaffen anzugreifen, bevor die Gegenseite ihre Atomwaffen einsetzt. Allein die Existenz von Atomwaffen, Beispiel Kuba-Krise, provoziert solche Gedanken. Die neue Politik der „Counterproliferation“ (Atomwaffen gegen einen Angriff mit anderen Massenvernichtungswaffen „präventiv“ einzusetzen) setzt einen Ersteinsatz voraus.
Viele Atomwaffen werden in höchster Bereitschaft gehalten. Sie werden automatisch gestartet, wenn ein atomarer Angriff des Gegners gemeldet wird. Ein Fehler im Frühwarnsystem könnte zu einer versehentlichen „Antwort“ auf einen nicht existenten angriff führen. In einem solchen Fall gibt es nur wenige Minuten, um festzustellen, ob ein Fehler vorliegt (Beispiel: Beinahe-Atomkrieg durch Starten einer norwegischen Rakete am 25. Januar 1995).

Zu den Gefahren eines Einsatzes bringt die atomare Abschreckung andere Probleme mit sich:
• Die Abschreckungsideologie führt zur Weiterverbreitung von Atomwaffen, weil andere Staaten diese Politik nachahmen;

• Es gibt stets Druck, die Arsenale zu modernisieren und damit das Wettrüsten weiterzutreiben;

• Atomwaffen gefährden die ganze Welt, nicht nur einen Staat und verletzen, damit das humanitäre Völkerrecht
- Nichts verdeutlicht anschaulicher als diese immer noch sehr lückenhafte Aufzählung eines fürchterlichen Zahlenmaterials, in welcher Gefahr die gesamte Menschheit, alle Lebewesen, die Natur, ja dieser Planet sich befindet... und die Schmach, hier Cassandra sein zu müssen.

- Im Jahre 1930 – also vor fast 70 Jahren – formulierte Albert Einstein zur Abrüstungsfrage: „Die Rüstungsindustrie ist in der Tat eine der größten Gefährdungen der Menschheit. Sie steckt als die böse treibende Kraft hinter dem Nationalismus, der sich überall breit macht...“ und fährt fort: „Wir stehen also an einem Scheidewege. Ob wir den Weg des Friedens finden oder den bisherigen, unserer Zivilisation unwürdigen weg der brutalen Gewalt weitergehen, ist in unsere Hand gegeben. Auf der einen Seite winkt Freiheit der Individuen und Sicherheit der Gemeinschaften, auf der anderen Seite droht Knechtschaft für  die Individuen und Vernichtung unserer Zivilisation. Unser Schicksal wird so sein, wie wir es verdienen.
Krieg ist kein Gesellschaftsspiel, bei dem sich die Partner brav an Regeln halten. Wenn es um Sein oder Nichtsein geht, werden Regeln und Verpflichtungen machtlos! Nur die bedingungslose Abkehr vom Krieg überhaupt kann da helfen.“
- Verehrte Anwesende, liebe Freundinnen und Freunde, lassen Sie mich meine kurze Rede beenden mit einigen persönlichen Bemerkungen:

- Entlarven und enttarnen wir – mutig und unverzagt -, wo immer dies zutrifft, das interessengeleitete Lügengespinst der teils verdeckt, teils offen kollaborierenden Profiteure wirtschaftlicher, politischer und militärischer Großorganisation, von Konzernspitzen, Militärstrategen, der Staatsbürokratie und solcher Parteien, die diesem mörderischen „Verteidigungssystem“, diesem ausmerzenden Expansions-Totalitarismus mit Flatterzunge ihre medienwirksamen, menschen- und naturverachtenden Lippendienste aufdrängen. Deren dickaufgetragene Schminke der Wohlanständigkeit, Ehrbarkeit und Sittsamkeit bricht lawinenartig weg.

- Abrüsten, Abschalten, Entgiften, Entseuchen: auf der Stelle, jetzt, hier und überall, vollständig und ein für alle Mal!
- Kämpfen wir – radikal und besonnen – und hoffen wir, daß wir unser Knie doch nie mehr beugen werden:
Gegen Dummheit, Raffgier, Kälte und Terror, gegen Krieg und Vertreibung, Mord und Totschlag, Folter und Unterdrückung, gegen politisch-soziale Gleichgültigkeit und Ungerechtigkeit und gegen die sanfte Verblödung.

- Für eine neue Kultur der präventiven, friedlichen Konfliktbewältigung; für eine umfassende, qualitative, basisdemokratische, radikale Friedenspolitik; und für eine politische Kultur gutnachbarschaftlichen Zusammenlebens aller Menschen, die ihre Unterschiedlichkeit achten und kommunikativ fruchtbar machen. –

- Zuletzt möchte ich es mir nicht versagen – und ich tue dies nicht aus Artigkeit -, aus Goethes »Faust« ein Zitat zu bringen, das noch heute den politischen Charakter des Spießers und Mitläufers unübertroffen charakterisiert, von dem ich wünschte und hoffte, daß wir ihn, sofern wir Anteile seiner in uns selbst entdeckten, auch selbstkritisch abzustreifen vermöchten:

„Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten.“