K. Müller /J. Trittin
Germans to the front?
Grünes Positionspapier zur Interventionsdebatte
Es ist verblüffend. Je offensichtlicher die Inkonsistenz der UN/
Nato-Politik im ehemaligen Jugoslawien wird, je deutlicher ein Blauhelmeinsatz
zu nadelstichartigen Kriegshandlungen fortentwickelt wird, um so mehr greift
bei Bündnis 90/ Die Grünen die Debatte um sich, ob die Deutschen
nicht dabeisein sollten.
Unter Grünen hat es nie einen Konsens über den Charakter
eines Blauhelmeinsatzes gegeben. So wird zwar das Konzept einer neutralen
Konfliktvermittlung unter UN-Kommando außerhalb bestehender militärischer
Strukturen bejaht. Die Erkenntis aber, daß es sich dabei oft um Konfliktvermittlung
zwischen höchst ungleichen Parteien handelt, ist nicht weit verbreitet.
Gerd Poppe etwa behauptet bis heute, daß das "Unprofor- Mandat eher
Unterstützung der serbischen Aggression" bedeute. Sein Vorwurf "einer
seit drei Jahren falschen Politik" der UNO zielt genau auf das Wesen eines
Blauhelmeinsatzes, nämlich im obengenannten Sinne "neutral" und nicht
parteiisch zu sein. Lehnt er dieses Mandat ab, heißt das im Klartext,
mit den Serben kann nicht verhandelt, sie müssen militärisch
niedergeworfen werden. Die Entsendung einer schnellen Eingreiftruppe läßt
die Befürworter einer deutschen militärischen Beteiligung nicht
zurückzucken, obwohl diese Truppe den punktuellen Übergang von
einer Blauhelmaktion zu einem Kampfeinsatz trotz des unveränderten
Mandats darstellt.
Im Zerfallsprozeß Jugoslawiens hat es im UN-Sicherheitsrat nie
einen Konsens für die Lösung der damit verbundenen ethnisch-politischen
Konflikte gegeben. Die UN operierte durchgehend auf brüchigem Boden.
Aber sie versorgte dabei über eine Million Menschen mit dem Allernötigsten
zum Überleben. Die Brüchigkeit des Einsatzes beruhte nicht nur
darauf, daß die Kriegsparteien mit ihrer Zustimmung sich gegenseitig
ausschließende Erwartungen verbanden. Der Blauhelmeinsatz leidet
bis heute an der Ungereimtheit der in der UN maßgeblichen Großmächte.
Es macht keinen Sinn, Blauhelme zu stationieren, tatsächlich aber
den Wirtschaftsboykott gegen Serbien halbherzig, das Waffenembargo gegen
Kroatien höchstens viertelherzig zu kontrollieren und das Embargo
gegen Bosnien klammheimlich zu unterlaufen. Und es ist Ausdruck einer fehlenden
Konzeption, trotz der Drohungen der bosnischen Serben Bombardements anzuordnen
und damit die Blauhelme wissentlich der Gefahr der Geiselnahme auszusetzen.
Niemand in der Nato will wirklich in Jugoslawien intervenieren. Schon gar
nicht zur Sicherung von Menschenrechten. Das klingt zynisch. Die Realität
internationaler Politik ist zynisch - in Ex-Jugoslawien wie in Ruanda,
Afghanistan, Mosambik ...
Die Gründe dafür sind vielfältig. Friedenserzwingung
gegen den Willen einer oder mehrerer Kriegsparteien und unter dem Gebot
der Minimierung der eigenen Verluste würde eine Massivität militärischer
Gewalt voraussetzen, die die Zahl der Opfer sprunghaft wachsen ließe.
Entscheidender noch in dem Kalkül potentiell interventionsfähiger
Staaten ist das Fehlen einer plausiblen Nachkriegsordnung. Welche gesamteuropäische
Strategie der Kooperation und der nachhaltigen Entwicklung hat denn das
reiche Westeuropa den mittel- und osteuropäischen Staaten real anzubieten?
Keine Intervention könnte die sozialen, ökonomischen und politischen
Ursachen des Krieges beseitigen. Jede noch so völkerrechtlich abgesicherte
Lösung dürfte nur so lange akzeptiert werden, wie von außen
kommende militärische Gewalt anhält. Allen Träumen von transnationalen
Ordnungsmächten zum Trotz entsenden bis auf weiteres nationale Parlamente/Regierungen
Kontingente. Mütter und Väter wollen ihre Kinder nicht erschossen,
verbrannt, verstümmelt wieder zu Hause empfangen. Regierungen, die
ihnen das bescheren, wählen sie ab.
Reißt der Faden der politischen Lösung, wird es zu einem
Abzug der Blauhelme kommen. Damit dies nicht eingezogenen Schwanzes, sondern
mit erhobenem Haupte geschieht, wird zur Zeit die Möglichkeit eines
militärischen Schlages gegen die bosnischen Serben vorbereitet. Es
gibt für Grüne keinen Grund, Kriege zum Zwecke der Gesichtswahrung
durch Militärhilfe zu unterstützen.
Bündnis 90/ Die Grünen waren nicht aus reiner pazifistischer
Gesinnung gegen einen Kampfeinsatz im ehemaligen Jugoslawien. Politisch
verantwortliches Handeln muß sich an seinen Folgen messen lassen.
Ein Einsatz deutscher Soldaten in einem Land, in dem vor über 50 Jahren
die deutsche Wehrmacht an die Vernichtung ganzer Völker ging, würde
den Konflikt nicht nur militärisch, sondern auch politisch unbeherrschbar
eskalieren. Er würde zugleich das Tor aufstoßen für eine
durchgehende Militarisierung deutscher Außenpolitik, bei der die
Empörung über das menschenrechtsverletzende Unrecht zur Durchsetzung
höchst eigener nationaler Interessen genutzt würde. Wer dagegen
meint, daß es gerade eine Lehre des Nazifaschismus sei, den Anfängen
des Unrechts möglichst frühzeitig zu begegnen, muß sich
den Folgen seines Tuns ebenso stellen. Gerade wer den multikulturellen
Charakter Bosnien-Herzegowinas gegen die Ethnisierung verteidigt, muß
sich die Frage gefallen lassen: Wie weit will er eine Ethnie für die
Verbrechen seiner politischen Führung in Haft nehmen? Der Bezug zur
Geschichte ist auch in anderer Hinsicht fragwürdig. Es ist dürftig,
grüne Außenpolitik auf transnationale Konfliktregelung zu reduzieren.
Bloße Selbsteinbindung ohne Selbstbeschränkung, ohne Abrüstung
liefe auf eine Supermacht Europa hinaus. Ausgerechnet in diesem Zusammenhang
vor einem grünen deutschen Sonderweg zu warnen ist nur noch demagogisch.
Wer soll sich eigentlich von einem entmilitarisierten Deutschland bedroht
fühlen?
Wer die Forderung nach Auflösung der Nato, nach einer Abschaffung
der Bundeswehr, nach dem Aufbau eines europäischen Systems nichtmilitärischer
Sicherheit im Rahmen der OSZE als deutschen Sonderweg denunziert, der stellt
die Perspektiven grüner Friedenspolitik in eine Reihe mit dem Streben
nach einem "Platz an der Sonne" des wilhelminischen Deutschland. Dies ist
der gleiche Unsinn wie die Geißlersche Sotisse, wonach der Pazifismus
Auschwitz erst ermöglicht habe. Die gefährlichste Traditionslinie
der Außenpolitik der "Berliner Republik" (Roman Herzog) liegt nicht
im Pazifismus, sondern im Streben nach einer neuen Großmachtpolitik.
Jahrelang haben CDU/CSU und FDP Fakten geschaffen - Sanitäter
in Kambodscha, Pioniere in Somalia undsoweiter. Scheibchenweise wurde die
Öffentlichkeit an die Möglichkeit gewöhnt, daß im
vereinten Deutschland Krieg wieder zu einer politischen Option werden kann.
Selbst die größere Oppositionspartei läßt kaum eine
Gelegenheit ungenutzt, auch ungefragt die Regierung ihrer Unterstützung
für deren Außen- und Sicherheitspolitik zu versichern. Als der
Bundespräsident ganz unverkrampft zu seiner ersten außenpolitischen
Grundsatzrede ausholte, gab es folglich keinerlei Empörung über
Sätze wie diese: "Ganz besonders verlangt es die Wahrhaftigkeit zuzugeben,
daß wir auch deshalb für weltweite Freiheit des Handels eintreten,
weil das in unserem eigenen Interesse liegt ... Diese Interessen anzuerkennen
heißt natürlich auch, die Folgen darauf ehrlich zuzugeben ...
daß aber das Scheckbuch nicht immer ausreicht, sondern daß
möglicherweise auch einmal der Einsatz von Leib und Leben gefordert
ist."
Alles, was zur endgültigen Etablierung einer auch militärisch
gestützten neuen deutschen Großmachtpolitik noch fehlte, war
ein erster Kampfeinsatz, der möglichst ohne eigene Verluste, kurz
und erfolgreich sein sollte. Aber all diese Voraussetzungen sind im ehemaligen
Jugoslawien nicht gegeben. Deshalb hatte sich die Bundesregierung darauf
festgelegt, sich nur im Falle eines - damals unwahrscheinlich erscheinenden
- Abzuges zu beteiligen. Diese Zusage fällt nun auf sie zurück.
Während sich Grüne über die Blauhelme streiten, geht
der Umbau der Bundeswehr zur Interventionsstreitmacht für die Durchsetzung
der Herzogschen "deutschen Interessen" munter voran. Vor dem Hintergrund
dieser Entwicklung und der Umgruppierung des Parteiensystems, wird das
Abstimmungsverhalten der Grünenfraktion vielfach zu einem Test auf
ihre Regierungsfähigkeit hochstilisiert.
Die Frage der Regierungsfähigkeit stellt sich jedoch genau andersherum.
Die Grünen waren nie eine rein pazifistische Partei - allerdings eine
Partei mit vielen PazifistInnen. Die "Säule" der Gewaltfreiheit war
in eine antimilitaristische Friedenspolitik übersetzt worden, die
auf der - nach wie vor zutreffenden - Einschätzung beruhte, daß
Sicherheit in Europa nur um den Preis des Selbstmordes militärisch
zu erreichen sei.
Von einer Regierungsbeteiligung erwarten AnhängerInnen wie Mitglieder
effektive Schritte, mit denen eine tatsächliche Abrüstung, der
Aufbau eines gesamteuropäischen Systems nichtmilitärischer Sicherheit,
die Demokratisierung und Öffnung der EU, in Politik umgesetzt wird.
Rot-Grün ohne einen realen Richtungswechsel in der Außenpolitik
würde als ebenso überflüssig angesehen werden wie eine solche
Koalition unter Fortschreibung des Atomprogramms. Die anstehende Abstimmung
wird so zum Test auf den tatsächlichen Veränderungswillen der
drittstärksten Partei der Bundesrepublik.
Kerstin Müller, Jürgen Trittin