Liebe Genossinnen und Genossen,
die
Krise im Kosovo stellt auch unsere Partei vor eine schwierige
Situation. Zum ersten Mal seit Ende des Zweiten Weltkrieges sind
deutsche Soldaten an einem Kampfeinsatz beteiligt.
Die Bundesregierung hat in den letzten Monaten alles getan, um
gemeinsam mit der Internationalen Kontaktgruppe eine friedliche
Lösung des Kosovo-Konfliktes herbeizuführen. Die Verhandlungen
wurden bis über die Grenze des Erträglichen hinaus geführt.
Herr
Milosevic hat die Verhandlungen in Rambouillet immer wieder
hinausgezögert und bis zum heutigen Zeitpunkt verhindert, daß
es zu
einer friedlichen Lösung unter internationaler Aufsicht kommt - obwohl
das in Rambouillet ausgehandelte und von der Kosovo-Albanischen
Seite unterschriebene Friedensabkommen den Bestand der
Bundesrepublik Jugoslawien nicht in Frage stellt.
Am
Wochenende ist die Gewalt gegen die albanische
Zivilbevölkerung erneut eskaliert. Die Verantwortung, vor allem der
europäischen Länder, für ein friedliches Miteinander, erlaubt
es nicht,
der im Gang befindlichen humanitären Katastrophe weiterhin tatenlos
zuzusehen. Ein zweites Bosnien mit über 300.000 Toten muß auf
jeden Fall verhindert werden. Wenn es jetzt zu einer militärischen
Intervention der NATO unter der Beteiligung der Bundeswehr kommt,
so trägt Slobodan Milosevic dafür die alleinige Verantwortung.
Mit
seinem militärischen Vorgehen hat er alle im vergangenen Oktober
auf internationaler Ebene mit ihm getroffenen Vereinbarungen
gebrochen.
Seit
März 1998 sind aufgrund dieses Konfliktes bereits 440.000
Menschen auf der Flucht. Nach jüngsten Meldungen werden täglich
tausende Menschen mehr aus ihren Dörfern von der Armee und den
Polizeitruppen Serbiens vertrieben.
Mitten
in Europa werden die Menschenrechte massiv verletzt, werden
Frauen, Kinder und Familien aus ihren Häusern und Dörfern in
einer
regelrechten Entvölkerungs-Strategie vertrieben. Ihre Dörfer
werden
zerbombt, alle die schrecklichen Bilder, die wir aus Bosnien noch in
Erinnerung haben, sind im Kosovo jetzt wieder Realität. Das kann
Europa nicht hinnehmen. Bei den internationalen Bemühungen, den
Übergriffen Einhalt zu gebieten und eine Friedenslösung für
den
Kosovo zu erreichen, kann Deutschland nicht abseits stehen.
Daher
hat im vergangenen Oktober die damals noch amtierende
Regierung Kohl im Einvernehmen mit der neu gewählten Mehrheit
aus SPD und Bündnis 90 / Die Grünen beschlossen, sich mit
Streitkräften der Bundeswehr an möglichen gemeinsamen
Luftangriffen der NATO zu beteiligen.
Der
Auftrag der Bundeswehr, der noch vom alten Bundestag
beschlossen wurde, verfolgt zur Abwendung einer humanitären
Katastrophe zwei Ziele: den Schutz der unbewaffneten
OSZE-Beobachter im Kosovo und die Absicherung und Umsetzung
eines Friedensabkommens.
Beide
Aufträge gelten fort. Die OSZE hat ihre Mission mit dem
vorläufigen Abzug der Beobachter nur unterbrochen - nicht
abgebrochen. Die Eindämmung der humanitären Katastrophe ist
dringlicher denn je.
Und
auch die politische Zielsetzung ist klar: Die Luftangriffe der
NATO-Truppen, an denen amerikanische, britische, französische,
italienische und deutsche Streitkräfte beteiligt sind, haben das Ziel,
die gravierenden Menschenrechtsverletzungen vor Ort zu beenden.
Liebe
Genossinnen und Genossen, in unserem Grundsatzprogramm
heißt es: "Frieden bedeutet nicht nur das Schweigen der Waffen,
Frieden bedeutet auch das Zusammenleben der Völker ohne Gewalt,
Ausbeutung und Unterdrückung". Daß die Abwendung einer
humanitären Katastrophe mitten in Europa nur durch eine militärische
Intervention möglich ist, ist schreckliche Realität; wir haben
dies nicht
gewollt, aber die jetzige Situation schließt andere
Handlungsmöglichkeiten aus.