Vizepräsidentin Petra Bläss: Als nächster Redner hat das Wort der Kollege Christian Ströbele, Bündnis 90/Die Grünen.
Hans-Christian Ströbele (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Verehrte Damen
und Herren! Ich spreche jetzt für die Frauen - vor allen
Dingen - und Männer meiner Fraktion, die sich schon in der letzten
und
auch in dieser Legislaturperiode immer konsequent gegen den
Einsatz deutscher Soldaten out of area eingesetzt haben und dies
auch bei ihrem Stimmverhalten hier im Hause gezeigt haben.
Herr Bundesminister, auch ich bin geprägt von einer jahrelangen
Ohnmacht. Ich kann Ihre Gefühle nachvollziehen. Meine
Ohnmacht bestand darin, daß ich Jahre vor dem Fernseher
saß und mit ansehen mußte, wie in Vietnam ein Krieg geführt
wurde,
der - ich will versuchen, das neutral zu formulieren -
(Zuruf von der CDU/CSU: Das ist es jetzt schon nicht mehr!)
Hunderttausende von Menschen das Leben kostete, während
wir hier in Europa saßen und daran nichts ändern konnten. Ich
habe die Forderung der Friedensbewegung "Nie wieder Krieg!"
immer so verstanden - das will ich klarstellend zu dem sagen,
was ich gestern geäußert habe und was zum Teil kritisiert
worden ist -, daß ich mich mit meinem politischen Handeln, mit
meinem ganzen politischen Engagement dafür einsetze, daß
sich deutsche Soldaten an keinem Krieg mehr beteiligen.
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der PDS)
Das ist meine Grundüberzeugung.
Nun stelle ich fest, daß eine Regierung, die ich mit gewählt
habe, mit dafür verantwortlich ist, daß deutsche Soldaten vorgestern
abend und gestern abend - das werden Sie heute abend wahrscheinlich
wieder tun - Bomben und Raketen auf Belgrad, auf
Pristina, im Kosovo und in Montenegro - keiner weiß genau,
wo; ich jedenfalls nicht - abgeworfen haben.
Ich gebe Ihnen recht, sich danebenzustellen und zu sagen, ich
tue nichts, ist das Schlechteste. Auch ich will etwas tun. Aber
heißt das, daß man Bomben und Raketen wirft?
(Beifall bei der PDS)
Ich will jetzt versuchen - das wollte ich gestern auch schon
-, die Diskussion ohne viel Polemik zu führen. Etwas tun, was heißt
das im Hinblick darauf, daß diese Zustände im Kosovo,
die unerträglich sind, wirklich beendet werden - daß ich dies
erreichen
will, können Sie mir abnehmen; das nehme ich auch Ihnen
ab; das nehme ich allen ab, die sich hierzu engagiert geäußert
haben
-, die Zustände, wie sie vor Wochen und Monaten und auch
in der letzten Woche gewesen sind? Daß da etwas geschehen muß,
darin sind wir uns ja einig. Die Frage aber ist das Wie.
Ich und meine politischen Freunde und Freundinnen verstehen oder
versuchen zu verstehen, daß Sie andere Schlußfolgerungen
aus der deutschen Geschichte ziehen. Wir sagen: Wir wollen das
nie wieder zulassen. Auch Sie sagen, daß Sie das nie wieder
zulassen wollen. Das kann für Sie jedoch auch heißen,
daß mit kriegerischen Mitteln, mit Bomben und Raketen und
möglicherweise auch noch mit mehr eingegriffen wird.
Dazu sage ich: Das ist kurzsichtig. Sehen Sie sich doch jetzt
einmal die Situation im Kosovo an, und vergleichen Sie sie mit der
Situation von vor einer Woche. Heute sind dort zehnmal mehr
Menschen auf der Flucht. Es werden Menschen getötet,
wahrscheinlich mehr, als bekannt wird. Vorhin wurde hier ein
Beispiel genannt, das so grausam ist, daß ich es nicht glauben
kann, obwohl es durchaus möglich ist. Durch einen solchen
Krieg, dadurch, daß da jede Nacht Bomben und Raketen abgeworfen
werden, daß Menschen umgebracht werden und Zerstörungen
angerichtet werden, werden doch die Grausamkeit und der Haß
gefördert. Es wird doch in den nächsten Tagen und
Wochen noch mehr an Menschenrechtsverletzungen, an Tötungen, an
Zerstörung angerichtet werden, wenn das so weitergeht.
(Beifall bei der PDS)
Das heißt, Krieg ist doch gerade in dieser Situation ein
ganz schlechtes und gefährliches Mittel, weil er die Situation der
Menschen im Kosovo nicht verbessert, sondern erheblich verschlechtert.
Es gibt dort auch keine Menschenrechtsorganisationen
mehr. Es gibt keine OSZE-Beobachter mehr. Mit dem Abbruch der
Verhandlungen, mit dem Rückzug der OSZE-Beobachter hat
sich die Situation, die Hilflosigkeit der Menschen dramatisch
verschlechtert. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen.
(Dr. Gregor Gysi [PDS]: Richtig!)
Die Bundesregierung und die Parlamentsmehrheit konnten und mußten
von Anfang an wissen: Wenn man sich in diese Logik
des Krieges begibt, wird eine solche Situation eintreten und
ist eine Eskalation nicht auszuschließen. Wir alle hoffen, daß
sie
nicht eintritt.
Auch wir überlegen uns natürlich, was man machen kann.
Von unserem Minister ist vorhin darauf hingewiesen worden: Wenn
Milosevic und die Serben erklären, auch sie wollen die
Autonomie hinnehmen, akzeptieren und garantieren, dann kann man
sofort telefonieren und das Ganze abbrechen.
Ich sage Ihnen aber - das kann man jeden Tag in der Zeitung lesen
-: Die Sache scheitert doch für den Kosovo im Augenblick
nicht an der Frage der Autonomie, wenigstens nicht verbal. Vielmehr
gibt es keinen anderen Weg, als NATO-Truppen im Kosovo
zu implantieren oder einrücken zu lassen und dort zu stationieren.
Das ist doch das Entscheidende. Da frage ich mich: Mußte
man sich den Forderungen der UCK und denen der USA so weit unterwerfen,
daß man über andere Möglichkeiten wie etwa über
die Stationierung einer Friedenstruppe unter UNO-Mandat überhaupt
nicht mehr diskutiert hat?
(Beifall bei der PDS)
Muß man sich auch heute noch so weit unterwerfen, daß
man von Milosevic fordert: Wenn du die sofortige Implantierung von
UNO-Truppen im Kosovo nicht sofort akzeptierst, dann bomben
wir weiter? Heißt das wirklich, daß Sie sagen, die Entscheidung
liegt allein bei Milosevic? Müssen er und die serbische
Regierung sich in dieser Weise unterwerfen? Oder können wir nicht
eine
sofortige Beendigung des Bombardements, natürlich eine
sofortige Beendigung der Gewalttätigkeiten der Serben im Kosovo,
einen Wiederbeginn von Verhandlungen fordern mit dem Ziel, eine
abgesicherte Autonomie für den Kosovo zu garantieren? Wir
können doch nicht nur mit diesem Prestigedenken sagen:
Es geht nicht anders als mit den Truppen der NATO.
(Beifall bei der PDS)
Würde man diesen Vorschlag heute machen, hätten wir
eine Chance, daß dieses Töten, daß der Krieg dort beendet
werden
könnte.
Ich bitte Sie, ich fordere die Bundesregierung auf: Stellen Sie
diesen Krieg und unsere deutsche Beteiligung ein! Beenden Sie
das Ganze! Versuchen Sie, auf dem Verhandlungsweg weiterzukommen.
Die Situation der Menschen im Kosovo würde sich
dadurch sofort verbessern.
(Beifall der Abg. Annelie Buntenbach [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] sowie bei der PDS)
Vizepräsidentin Petra Bläss: Zu einer Kurzintervention erteile ich dem Kollegen Gernot Erler das Wort.
Gernot Erler (SPD): Herr Kollege Ströbele, ich bin Ihnen
dankbar, daß Sie heute im Deutschen Bundestag etwas leisere Töne
angeschlagen haben als gestern. Wir wissen ja auch, daß
Sie hier nicht die Mehrheitsmeinung Ihrer Fraktion vertreten. Aber Ihre
Äußerungen können nicht ohne Hinterfragung im
Raum stehenbleiben.
Sie haben im Grunde genommen noch einmal behauptet, daß es eine Alternative dazu gegeben hätte,
(Dr. Heinrich Fink [PDS]: Es gibt immer Alternativen!)
in dem Augenblick etwas zu tun, wo mitten in Europa im Jahre
1999 ganze Dörfer und Landstriche durch die Anwendung von
militärischer Gewalt gegen wehrlose Menschen entvölkert
werden.
(Hans-Christian Ströbele [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: So ist es!)
- Dazu gibt es keine andere Alternative, als etwas zu tun.
Oder, Herr Kollege Ströbele, wollten Sie ernsthaft vorschlagen,
daß wir in der Situation, als die Serben nein zum dem Ergebnis
von Rambouillet gesagt haben - was nicht der entscheidende Punkt
war; vielmehr sind die Serbein parallel den Verhandlungen
mit Panzern und Artillerie gegen die Dörfer im Kosovo verstärkt
vorgegangen und haben damit den Krieg eröffnet - folgendes zu
den Albanern sagen: Prima, ihr habt Rambouillet unterzeichnet,
ihr ward sogar zur Entwaffnung der UCK bereit, aber es tut uns
leid, dagegen, daß die Gewalt gegen eure Familien fortgesetzt
wird, können wir nichts machen; wir sind bestenfalls bereit, die
Flüchtlinge aufzunehmen.
Herr Ströbele, Sie können hier im Bundestag nicht ernsthaft die Meinung vertreten, das sei eine Alternative gewesen.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und der F.D.P. sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Jetzt noch etwas dazu, wie man da wieder herauskommt. Ich glaube,
der Ernst dieser Diskussion hat gezeigt: Wir alle wollen die
erstbeste Gelegenheit nutzen, um aus dieser Tragödie wieder
herauszukommen. Aber Sie haben ja den Spieß umgedreht.
Zuerst muß der Befehl von Milosevic kommen, die Kampfhandlungen
im Kosovo einzustellen.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und der F.D.P. sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Zunächst muß er bereit sein zu verhandeln. Das ist
er ja nicht. Auch Herr Draskovic, der Vizepräsident Jugoslawiens,
hat heute
morgen gesagt, die NATO solle mit den Luftangriffen aufhören;
dann seien auch sie bereit aufzuhören. Das aber war die
Situation bei den Verhandlungen von Rambouillet. Da ist der
Krieg begonnen worden. Nicht die NATO hat doch den Krieg
begonnen, sondern die Truppen von Milosevic.
Einen letzten Gedanken. Ich finde, am Ende einer solchen Debatte
muß man auch Ihnen, Herr Ströbele, sagen: Wir haben
großen Respekt vor dem serbischen Beitrag zur europäischen
Kultur. Wir leben mit 500 000 Serben, die in der Bundesrepublik
leben, gut zusammen. Von dieser Debatte sollte auch das Signal
ausgehen: Wir wollen, daß die Serben so schnell wie möglich
wieder in die europäische Integration einbiegen. Wir wollen
sie hier in Europa haben.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der F.D.P. sowie der Abg. Franziska Eichstädt-Bohlig [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Eine Voraussetzung dafür ist, daß dieser furchtbare
Krieg, der von serbischer Seite und leider in serbischem Namen geführt
wird,
aufhört. Dieses Signal muß von dort kommen.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und der F.D.P. sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Vizepräsidentin Petra Bläss: Zur Erwiderung Herr Kollege Ströbele, bitte.
Hans-Christian Ströbele (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Ich freue mich, daß wir endlich zum Austausch von Argumenten kommen
und nicht bei Polemik hängenbleiben.
Herr Kollege, ich sehe das anders. Sie haben die Situation so
geschildert, wie auch ich sie nie gewollt habe. Ich würde nie sagen:
Lassen wir das alles! Nur, wir befinden uns im Augenblick im
Krieg. Wenn man einen Krieg beenden will - das ist immer so
gewesen und sollte auch jetzt so sein -, sollte man als erstes
sagen: Wir lassen die Waffen auf beiden Seiten schweigen. Wir
treffen eine Übereinkunft; ab dieser Stunde gibt es keinen
Waffengang mehr.
(Widerspruch bei der SPD)
- Schicken Sie ein Telegramm nach Belgrad mit dem Inhalt: Wir
lassen die Waffen schweigen; ab heute wird nicht mehr
bombardiert,
(Ernst Burgbacher [F.D.P.]: Wo leben Sie?)
im Kosovo darf nicht mehr geschossen werden. Dann kann man sich an den Verhandlungstisch setzen.
Sie haben völlig recht - ich will gar nicht polemisieren
-: Die Albaner haben noch ein bißchen gewartet, bis sie den Vertrag
unterschrieben haben. Aber entscheidend war, daß die Verhandlungen
abgebrochen wurden und die NATO, die Vertreter der
USA und der Bundesrepublik Deutschland gesagt haben: Jetzt gibt
es Luftangriffe. Sie haben ja nicht gesagt: Wir müssen mal
sehen, warten wir mal noch bis übermorgen!, sondern: Die
Verhandlungen haben nicht zu dem gewünschten Ergebnis geführt
-
ihr habt nicht unterschrieben -, jetzt gibt es Luftangriffe.
In dem Augenblick war der Krieg erklärt. Das ist eine Kriegserklärung,
wenn man sagt: Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann unsere
Flugzeuge aufsteigen können.
Deshalb stimmt Ihre Argumentation einfach nicht. Sie hätten
recht, wenn man hätte weiter verhandeln wollen, wenn man sich in
dem einen oder anderen Punkt, zum Beispiel bei der Frage der
Stationierung der Sicherungskräfte, flexibel gezeigt hätte und
bereit gewesen wäre, noch das eine oder andere zu erörtern,
und die Serben sich dennoch so verhalten hätten, wie es der Fall
war. Aber so war es nicht. Die Verhandlungen wurden abgebrochen,
und man hat gesagt: Jetzt wird bombardiert; es ist nur noch
eine Frage der Zeit.
(Widerspruch bei der SPD)
Daraufhin haben die Serben das gemacht, was ihnen heute auch
der Minister vorwirft: Sie sind mit erheblichen zusätzlichen
Kräften militärisch im Kosovo eingerückt.
(Gernot Erler [SPD]: Das war doch schon vorher!)
Sie standen an der Grenze von Mazedonien der NATO-Macht in fünf
Kilometer Entfernung gegenüber und sagen heute: Wir
müssen uns gegen diese NATO-Macht schützen, die übermorgen
möglicherweise einmarschiert. Sie können doch nicht das eine
vom anderen trennen.
(Gernot Erler [SPD]: Sie verdrehen die Reihenfolge!)
- Nein.
Deshalb nochmals mein Appell: Stellen Sie die Luftangriffe ein,
setzen Sie sich in der NATO dafür ein, daß das auch die anderen
tun, und beginnen Sie morgen wieder mit Verhandlungen! Jeder
Tag Verhandlungen - selbst wenn er noch so mühselig ist - ist
besser als das, was im Augenblick im Kosovo passiert.
(Beifall bei der PDS)
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