Der
Sondergipfel des Europäischen Rates hat am Mittwoch in Berlin
folgende Erklärung zur Lage in der serbischen Provinz Kosovo
verabschiedet: ´Der Europäische Rat betrachtet das Scheitern
der
Vermittlungsbemühungen, die Botschafter Holbrooke und die drei
Verhandler des Rambouillet-Prozesses, die Botschafter Hill, Majorski
und Petritsch, gegenüber dem Präsidenten der Bundesrepublik
Jugoslawien, Slobodan Milosevic, unternommen haben, mit größter
Sorge. Das gemeinsame Ziel dieser Bemühungen war es, die
Bundesrepublik Jugoslawien zu einer Waffenruhe im Kosovo und
einer politischen Lösung des Kosovo-Konfliktes zu bewegen, um
eine humanitäre Katastrophe im Kosovo zu unterbinden.
Aufgrund
der Repressionsmaßnahmen der serbischen
Sicherheitskräfte sind mehr als eine viertel Million Kosovaren ohne
Heime. 65.000 Personen sind im letzten Monat von ihren Heimen
vertrieben worden, 25.000 seit die Friedensgespräche in Paris am
letzten Freitag abgebrochen wurden. Während die Kosovo-Albaner
das Rambouillet-Abkommen unterzeichnet haben, hat Belgrad
Soldaten in den Kosovo gebracht, um eine neue Offensive zu starten.
Seit Ausbruch der Feindseligkeiten im Kosovo im März 1998 sind
rund 440.000 Menschen, mehr als ein Fünftel der Bevölkerung des
Kosovo, geflohen oder vertrieben worden. Täglich kommen neue
Opfer hinzu. Die Zivilbevölkerung ist Ziel der Kampfhandlungen.
Die
Internationale Gemeinschaft hat ihr möglichstes getan, um für
den
Kosovo-Konflikt eine friedliche Lösung zu finden. In Rambouillet und
zuletzt in Paris sind nach monatelanger Vorbereitung intensive
Bemühungen unternommen worden, um ein für beide Konfliktparteien
faires Abkommen für die Selbstverwaltung des Kosovo, das eine
friedliche Zukunft für die Serben, Albaner und alle anderen nationalen
Gemeinschaften im Kosovo sicherstellen würde, auszuhandeln. Der
Abkommensentwurf, von den Kosovo-Albanern in Paris
unterzeichnet, erfüllt diese Anforderungen: Auf der Basis der
Souveränität und territorialen Integrität Jugoslawiens sichert
er dem
Kosovo ein hohes Maß an Selbstverwaltung, garantiert die
individuellen Menschenrechte aller Bürger im Kosovo im Einklang mit
den höchsten europäischen Standards, sieht umfassende Rechte
für
alle im Kosovo ansässigen nationalen Gemeinschaften vor und
schafft die Grundlagen für den notwendigen Wiederaufbau des vom
Krieg gezeichneten Gebiets.
Die
jugoslawische Führung unter Präsident Milosevic hat sich
beharrlich geweigert, sich ernsthaft um eine politische Lösung für
für
ein politisches Problem zu bemühen.
Der
jugoslawischen Bevölkerung hat sie ein Zerrbild von
Verhandlungsgegenstand und Verhandlungsgang geliefert. Zusätzlich
haben serbische Polizei und jugoslawische Bundesarmee in den
letzten Wochen ihre Truppen im Kosovo massiv aufgestockt und
damit die im Rahmen des Holbrooke-Milosevic-Übereinkommens
vom 12. Oktober 1998 vereinbarten Obergrenzen weiter
überschritten. Schließlich führten die jugoslawischen
Sicherheitskräfte, entgegen den Bestimmungen der
UN-Sicherheitsratsresolution 1199, militärische Operationen gegen
die Zivilbevölkerung im Kosovo durch.
An
der Schwelle zum 21. Jahrhundert darf Europa eine humanitäre
Katastrophe in seiner Mitte nicht tolerieren. Inmitten Europas ist es
nicht zuzulassen, daß die zahlenmäßig stärkste Volksgruppe
im
Kosovo kollektiv entrechtet wird und schwere
Menschenrechtsverletzungen gegen sie verübt werden. Wir, die
Länder der Europäischen Union, sind moralisch verpflichtet,
sicherzustellen, daß Willkür und Gewalt, greifbar geworden durch
das
Massaker in Racak im Januar 1999, sich nicht wiederholen. Wir
tragen auch die Verantwortung, daß Hunderttausende von
Flüchtlingen und Vertriebenen an ihre Heimatorte zurückkehren
können. Aggression darf sich nicht lohnen. Ein Aggressor muß
wissen, daß er einen hohen Preis bezahlen muß. Das ist die
Lehre
des 20. Jahrhunderts.
Die
internationale Gemeinschaft wird auch keine Verbrechen gegen
die Menschlichkeit hinnehmen. Diejenigen, die jetzt als Kriegstreiber
im Kosovo-Konflikt auftreten, sollten nicht vergessen, daß das
Mandat des Hager Tribunals auch den Kosovo einschließt. Sie und
ihre Führer werden für ihre Handlungen zur Rechenschaft gezogen
werden. Wir sind letztlich verantwortlich, den Frieden und die
Zusammenarbeit in der Region zu sichern. Dadurch werden unsere
grundsätzlichen europäischen Werte garantiert, d.h. die Achtung
der
Menschen- und Minderheitsrechte, des internationalen Rechts, der
demokratischen Institutionen und die Unverletzbarkeit der Grenzen.
Unsere
Politik richtet sich weder gegen die jugoslawische und
serbische Bevölkerung, noch gegen die Bundesrepublik Jugoslawien
oder die Republik Serbien selbst. Sie richtet sich gegen eine
verantwortungslose Politik der jugoslawischen Führung. Sie richtet
sich gegen Sicherheitskräfte, die einen zynischen und brutalen
Kampf gegen einen Teil der eigenen Bevölkerung führen. Diesem
Unwesen wollen wir ein Ende setzen. Präsident Milosevic muß
die
serbische Aggression im Kosovo stoppen und das
Rambouillet-Abkommen unterzeichnen, das eine Nato-geführte
Implementierungstruppe einschließt, die für Stabilität
sorgen soll.
Wir
fordern die jugoslawische Führung unter Präsident Milosevic
nachdrücklich auf, in dieser Stunde den Mut zu einem radikalen
Wandel der eigenen Politik aufzubringen. Noch ist es nicht zu spät,
die Unterdrückung der Bevölkerung des Kosovo und auf die
Vermittlungsbemühungen der internationalen Gemeinschaft
einzugehen. Deren einziges Ziel ist es, auf der Grundlage der
Souveränität und der territorialen Integrität der Bundesrepublik
Jugoslawien eine politische Zukunft für den Kosovo zu finden, die
den
Belangen und Bestrebungen aller Bevölkerungsgruppen im Kosovo
gerecht wird.
Die
Kosovo-Albaner haben ihre Verpflichtung auf eine friedliche
Lösung durch die Unterzeichnung des Rambouillet-Abkommens
deutlich gemacht. Es ist von großer Wichtigkeit, daß sie jetzt
äußerste Zurückhaltung ausüben. Wir unterstreichen,
daß es nicht
unser Ziel ist, die Bundesrepublik Jugoslawien in ihrer
selbstgewählten Isolation in Europa und der Welt zu halten. Im
Gegenteil, wir möchten die Isolation der Bundesrepublik Jugoslawien
in Europa beenden. Aber damit dies geschehen kann, muß Milosevic
den Weg zu einer friedlichen Lösung des Kosovo-Konflikts und den
Weg hin zu Reformen und Demokratisierung, einschließlich der
Medienfreiheit in ganz Jugoslawien beschreiten.