Frieden schaffen - mit aller Gewalt 

Wohin ist der deutsche Pazifismus entschwunden? 
 

Heribert Prantl ist Autor bei der "Süddeutschen Zeitung"

 

Die NATO führt Krieg, doch der Pazifismus ist still. Man sieht ihn nicht in der Tagesschau. Der Pazifismus läuft nicht mit Plakaten durch die Fußgängerzonen. Er sitzt nicht mehr protestierend vor den Eingangstoren der Kasernen. Er findet sein Publikum nicht mehr. Er beschäftigt die Politik kein bißchen, ja nicht einmal die Strafgerichte. Er ist nicht mehr schick, man trägt ihn nicht mehr.Das war damals anders, 1981, im Bonner Hofgarten, damals in der Zeit der Menschenketten und Friedensfackeln. Damals, als es darum ging, die Nachrüstung zu verhindern. Damals, als die halbe Republik aus atomwaffenfreien Zonen bestand und jeder zweite Deutsche große Sympathien für die Friedensbewegung hatte. Damals konnte man da hineinschlüpfen wie in Jeans und Pullover - und schon gehörte man dazu: Frieden war machbar, Herr Nachbar. Der Sticker mit der weißen Taube auf blauem Grund war eine Art Mitgliedsausweis für eine Massenbewegung, die ihre eigene Sprache hatte, ihre Musik, ihre Mode. Pazifismus war Lifestyle, die Mehrheitskultur der achtziger Jahre.
   Ja, so war es ehedem; dieser Pazifismus war bequem. Man konnte ihn kauen wie Kaugummi, er schmeckte irgendwie nach Protest und irgendwie nach Dazugehören. Doch diese Aromastoffe sind weg; sie wirken bekanntlich nur kurzzeitig erfrischend. Dieser Pazifismus wurde deshalb von vielen alsbald wieder ausgespuckt. Und die, die ihn besonders genüßlich gekaut hatten, taten dies besonders angewidert; und sie schauen jetzt mit Verachtung auf die, die Pazifisten geblieben sind, obwohl es nicht mehr Mode ist.
   Und sie redeten nun, als Bellizisten, oft mit derselben Häme von den "Friedfertigen" und "Tagträumern", mit der sie früher über Spießer und Amerikaner geredet haben. Es fällt die Inbrunst auf, mit der sie das Gegenteil von dem predigen, was sie gestern gefordert haben - aber auch das wieder im Namen der Humanität: Aus "Frieden schaffen ohne Waffen" wird "Frieden - mit aller Gewalt".
   Stellt euch vor, es ist Krieg und die Friedensbewegung nicht mehr da: Der Kalauer aus der Golfkriegszeit ist Realität. Was einmal "die Friedensbewegung" war, ist heute so verfeindet wie die Teile des ehemaligen Vielvölkerstaats Jugoslawien. Und die Pazifisten sind wieder das, was sie immer waren, eine unverstandene, radikale Minderheit; und der Pazifismus ist auch wieder das, was er schon so oft war, nämlich Prügelknabe: Die Politik des langen Zuschauens, die Appeasement-Politik der westlichen Vermittlungsmächte in Ex-Jugoslawien wird in der öffentlichen Debatte gern mit Pazifismus gleichgesetzt. Die Befürworter von Militärschlägen tun so, als sei es dem Pazifismus anzulasten, daß es mit dem harten Durchgreifen in Serbien viel zu lang gedauert habe.

  


Wie dürfen Menschenrechte verteidigt werden?

Der Pazifismus ist keine politische Kraft mehr in Deutschland; er ist auf der politischen Bühne nicht einmal mehr als Statist präsent. Daß das so ist, liegt auch an den Grünen; sie haben den Pazifismus sogar aus ihrem Souffleurkasten vertrieben. Fragen mit pazifistischem Grundansatz gelten in den grünen Bonner Fraktionssitzungen als degoutant. Mit welchen Mitteln dürfen die Menschenrechte von wem verteidigt werden? Über dieses Grundthema des Bosnien- und des Kosovo-Konflikts hat die grüne Partei, die aus der Friedens- und der Menschenrechtsbewegung hervorging und die in ihrer Parteigeschichte die Konflikte zwischen diesen Bewegungen widerspiegelt, fünfzehn Jahre lang erbittert gestritten.Die grüne Partei führte die quälende Diskussion um den "gerechten Krieg" stellvertretend für die deutsche Gesellschaft - mit einem Höhe-, aber auch schon beinahe Schlußpunkt im Spätherbst 1995, beim Bosnien-Parteitag in Bremen. Diese notwendige Quälerei hat leider exakt in dem Moment aufgehört, als dies am notwendigsten gewesen wäre. Nun ist der Ernstfall da, aber eine ernste Auseinandersetzung findet nicht mehr statt. Deutsche Soldaten fliegen Luftangriffe auf Jugoslawien, aber das Unbehagen und die Skrupel, die man haben kann, finden bei Grün kein Gehör und keine Stimme.
   "Quidquid agis, prudenter agas et respice finem": Das ist kein Satz aus dem Fundus des Pazifismus, sondern der praktischen Vernunft. Er geht zurück auf Herodot, der den athenischen Staatsmann Solon zu König Krösus sagen läßt: "Was du beginnst, beginne es klug - und bedenke das Ende." Wer bei den Bonner Grünen heute den Kosovo-Einsatz so hinterfragt, der zieht sich den Zorn des Außenministers zu. Vor acht Jahren hat Joschka Fischer noch den Satz gesagt: "Ich wünsche mir, daß unsere Partei die Kraft hat, daß dort genügend Pazifisten sitzen, um eine friedensbezogene Außenpolitik ohne Militär machen zu können." Daß der Außenminister Fischer keine Außenpolitik ohne Militär macht, muß man ihm nicht zum Vorwurf machen, daß er andere Meinungen nicht mehr duldet, schon.
   Fischer ist unter dem Eindruck von Srebrenica, des Massenmordens vor den Augen der UNO-Soldaten, vom Paulus zum Saulus geworden, und er hat diese Wandlung nie verborgen. Unter dem Eindruck von Srebrenica hat er, und nicht wenige taten es ihm gleich, eine neue Doktrin formuliert: Der Einsatz militärischer Mittel als Ultima ratio gegen Menschenrechtsverbrechen, als letztes Mittel, wenn vermeintlich kein anders Mittel mehr hilft. Das ist ein ehrenwertes Motiv - so ehrenwert wie die Überzeugung der anderen, die nicht daran glauben können, daß es bei der Ultima ratio bleiben wird. Diese Skeptiker haben immerhin die schlechte Erfahrung mit solcher Art von Argumentation an ihrer Seite.

  


Pazifismus eignet sich nicht für Schlagzeilen

Franz von Assisi hätte es heute schwer bei den Grünen; in jeder anderen Partei natürlich auch; in den Parteien, die das "christlich" im Namen führen, gleich gar. Man muß den Pazifismus der radikalen Art überhaupt nicht für richtig halten - und es gleichwohl wichtig finden, daß er eine seriöse politische Heimat hat. Die Pazifisten sind still geworden, aber nicht untätig; ihr Pazifismus läuft einem nicht mehr über den Weg, er ist nicht spektakulär, und er eignet sich nicht für Schlagzeilen. Sie arbeiten bei Pax Christi oder in der Aktion Sühnezeichen, sie reden über Strategien ziviler Konfliktbewältigung und sie wissen, wie lächerlich es wäre, in den Fußgängerzonen gegen Milosevic zu demonstrieren. Ihr Pazifismus sieht anders aus: so wie "Refugio", das Zentrum für Folteropfer in München. Vergewaltigten Frauen zu helfen ist aber lange nicht so populär wie der Ruf nach einem Waffeneinsatz.Pazifismus ist der mühselige Versuch, einen dicken Knoten aufzuknüpfen. Die Forderung, den Knoten schnell durchzuschlagen, war und ist einfacher.