Es sind nicht nur die Revolutionen, die ihre Kinder fressen
Michael Schroeren: Ist die Entwicklung der Grünen
über dich hinweggegangen?
Petra Kelly: Vielleicht. Die Grünen sind nicht mehr das, was ich
einmal mit dem Schlagwort "Antiparteien"-Partei gemeint habe, die ich
mir
übrigens immer noch wünsche. Sie bieten zur Zeit ein verworrenes
und kaputtes
Bild. Im Augenblick fühle ich mich in der Rolle des Zuschauers,
der sich über
das atemberaubende Tempo wundert, mit dem die Grünen sich zu ihrem
Nachteil
verändern. Die "Sozialdemokratisierung" der Grünen schreitet
voran. Wenn das
so weitergeht, frage ich mich: Wozu denn noch eine grüne Partei?
Was verändert sich bei den Grünen zum Nachteil?
Noch vor einigen Monaten hieß es bei den Grünen: Nato bedeutet
Aufrüstung,
und die Nato kann kein Friedensbündnis sein. Jetzt heißt
es plötzlich
überall, daß die Nato eigentlich gar nicht so schlimm ist,
daß wir
drinbleiben und sie von innen reformieren sollen. Das ist nicht mehr
gewaltfreie grüne Politik! Früher waren wir absolute GegnerInnen
bestimmter
chemischer Stoffe und Produkte. Heute wird bei den Grünen sogar
über
Grenzwerte für Dioxin, Blei und Radioaktivität diskutiert,
und man taktiert
mit einem möglicherweise sehr langsamen Ausstieg aus der Atomenergie,
um die
SPD im Hinblick auf die nächste Bundestagswahl zu beruhigen.
Taktik wozu?
Viele Leute bei den Grünen orientieren sich und die Partei ganz
stark auf die
Gruppierung, die man einmal verlassen hat, auf die SPD. Das ist genau
der Weg
zurück dahin, von wo wir uns 1979 mit Gründung der Grünen
verabschiedet
haben. Anstatt unsere radikalen grünen Utopien - zum Beispiel
soziale
Verteidigung, Blockfreiheit usw. - konkret und unbeirrbar weiterzuentwickeln,
werden wir von der Entwicklung im Warschauer Pakt überholt und
bewegen uns
immer kompromißbereiter auf die Sozialdemokratie zu.
Viele sehen darin den Ausdruck eines Reifungsprozesses der
Grünen.
Wieso ist es ein Zeichen von Reife, wenn eine Partei ihre Identität
und ihr
Profil preisgibt, um einer anderen Partei zu gefallen? Früher
waren wir reif
genug, deutlich herauszustellen, was uns von der SPD trennt und was
uns
gemeinsam ist. Heute bemüht man sich schon fast krampfhaft um
den Nachweis,
daß man brav und berechenbar geworden ist. Realitätsbezogen
sind für mich die
radikalen Ideen und Konzepte, die die Grünen am Anfang aufgestellt
haben in
einer Welt, deren Realität aus Hunger, Elend, ökologischen
Katastrophen und
Gewalt in vielfacher Form besteht. Gerade damit aber befassen sich
grüne
Gremien und Delegiertenversammlungen immer weniger.
Ein "Realo" hat mal gesagt, Visionen gehörten nicht auf die
Regierungsbank.
Schlimm genug. Denn dieser Satz bedeutet wirklich das Ende grüner
Politik. Er
zeigt, daß man sich absolut von allem verabschiedet hat, was
jemals erdacht,
erträumt oder gewünscht war. Er bedeutet die Rückkehr
zur klassischen
Sachzwangpolitik, die die Grünen einmal bekämpft haben: "Leute
in der
Alternativbewegung, fahrt ruhig in Urlaub und ruht euch aus, dann können
wir
in Ruhe Politik da oben machen, unsere grünen Minister werden
das schon für
euch regeln." Eine solche Haltung hat für mich nichts mehr mit
den Grünen zu
tun. Ich glaube auch, daß grüne Ministerinnen noch nicht
zu unseren Visionen
passen. Denn der Regierungspartner SPD müßte erst lernen,
grüne Visionen zu
respektieren. Davon kann jedoch heute noch keine Rede sein.
1980 traten die Grünen als grundlegende Alternative zu den
herkömmlichen Parteien an. Sind sie das heute noch oder eher das
kleinere
Übel?
In ihrer jetzigen Verfassung sind sie eindeutig in der Rolle des kleineren
Übels. Dennoch stehen sie in der tristen Parteienlandschaft der
Bundesrepublik für viele Menschen immer noch als eine Alternative
da. Aber
mehr in einem abwartend-resignativen Sinne, nicht mehr in der Art eines
hoffnungsvoll-mitreißenden Aufbruchs. Der generelle Tenor ist:
Die Grünen
sind immer noch ein bisschen ehrlicher, glaubwürdiger und fleißiger
als die
anderen, aber ihren Biß haben sie verloren. Joseph Beuys hat
kurz vor seinem
Tod gesagt: Die Grünen sind stinklangweilig geworden. Und damit
hat er den
Nagel auf den Kopf getroffen. Die Grünen sind eine richtige Machterwerbs-
und
Wahlkampfpartei geworden, sehr taktisch und routiniert, ständig
auf sich
selbst fixiert. Aber eigentlich stören sie keinen mehr, weil sie
ihre
Aufmüpfigkeit verloren haben. Statt Sand im großen Getriebe
zu sein, haben
sie selber ihr kleines grünes Getriebe entwickelt, das den Eindruck
verbreitet: es läuft und läuft, und irgendwann kommen wir
irgendwo auch an
die Macht, und dann machen wir alles anders.
Wenn du bei dem bleibst, was du 1982 gesagt hast -die Zukunft
der Grünen könne nicht darin liegen, daß sie Machterwerb
im Stil der
etablierten Parteien betreiben-, darfst du den Grünen jetzt keine
Zukunft
mehr geben.
Ich bin mir tatsächlich nicht sicher, ob die Grünen die nächste
Wahl oder
das, was danach folgen wird, mit ihrer Identität überleben
werden. Vielleicht
überleben sie, dann aber nicht mehr als grüne Partei, obwohl
sie dann
wahrscheinlich immer noch so heißen werden. Aber selbst wenn
das eintritt und
die bundesdeutschen Grünen scheitern, glaube ich immer noch, daß
der Weg in
die Zukunft, wenn es sie für uns gibt, grün ist.
Was sind die Grünen gegenwärtig, was könnten sie sein?
Ich habe das Gefühl, das Bild der Grünen wird immer oberflächlicher,
ausgefranster und verschwommener. Die Grünen laufen allen Themen
hinterher,
ergreifen wenig Initiative, wollen es fast jedem recht machen und verlieren
das, wofür sie wirklich angetreten waren, immer mehr aus den Augen.
Mein
Wunsch wäre, daß die Grünen sich vier oder fünf
grüne Themen und Ziele
setzen, die sie mit aller Kompromisslosigkeit verfolgen, auch wenn
sie dann
vielleicht nicht über sieben oder acht Prozent hinauskommen. Da
bleibe ich
bei meiner früheren Aussage: wenn die Grünen zu Beispiel
acht Prozent
Zustimmung für die Forderung bekämen, die Armee bei uns abzuschaffen,
dann
wären mir diese acht Prozent lieber als zwanzig Prozent, die für
eine Reform
der kleinen Schritte in der Nato sind.
Das Gespräch führte Michael Schroeren
Auszug. Vollstõndig zuerst publiziert in:
Michael Schroeren, "Die Grünen-Zehn bewegte Jahre", Wien 1990
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T921023.77 TAZ Nr. 3841 Seite 10 vom 23.10.1992
201 Zeilen von Dokumentation Michael Schroeren