Neue Zürcher Zeitung AUSLAND Samstag, 10.04.1999 Nr. 82 1
Bonn gegen den Einsatz von Nato-Bodentruppen
Aussenminister Fischer wirbt für einen Balkan-Stabilitätspakt
Angesichts einer immer intensiver geführten Debatte in den Nato-Ländern
haben Regierung wie
Opposition in Deutschland ihre Ablehnung eines Einsatzes von Nato-Bodentruppen
in Kosovo
bekräftigt. Um der gerade bei den Grünen populären Forderung
nach diplomatischen Initiativen zur
Beilegung des Konflikts etwas entgegensetzen zu können, setzt sich
Aussenminister Fischer für die Idee
eines Balkan-Stabilitätspakts ein.
eg. Berlin, 9. April
Die Diskussion über den Einsatz von Nato- Bodentruppen gewinnt allmählich
auch in Deutschland an
Bedeutung. Die Frage wird in den Medien breit erörtert, doch haben
Regierung wie Opposition einen
Bodenkrieg unter deutscher Beteiligung bisher kategorisch abgelehnt. Am
Freitag bekräftigten Sprecher
des Kanzleramts und des Aussenministeriums diese Position ausdrücklich;
auch Vertreter der
Unionsparteien wandten sich gegen einen Heereseinsatz in Kosovo.
Unklare Interviewäusserungen
Der frühere Verteidigungsminister Rühe sprach von einer roten
Linie, die nicht überschritten werden
dürfe. Der bayrische Ministerpräsident Stoiber, der zur Schärfung
seines aussenpolitischen Profils eine
Reise nach Moskau unternommen hatte, erklärte, ein Bodenkrieg der
Nato könne sich negativ auf die
Beziehungen zu Russland auswirken. Verteidigungsminister Scharping unterstrich,
die geplante
Verlegung eines Kontingents von 8000 Mann Nato-Truppen nach Albanien und
die Errichtung eines
Führungsstabs dienten ausschliesslich dem Zweck, die humanitäre
Hilfe zu intensivieren. Anlass zu
Spekulationen, die Bundesregierung ziehe den Einsatz von Bodentruppen in
Betracht, hatte eine
Interviewäusserung von Aussenminister Fischer geboten. Auf die Frage,
ob ein solcher Einsatz auf
Dauer nicht unausweichlich sei, antwortete er, «das weiss ich nicht;
das kann ich aus heutiger Sicht
nicht entscheiden». Zugleich bekräftigte er aber die ablehnende
Haltung der Regierung in dieser Frage.
Ebenfalls etwas unbestimmt hatte sich der Vorsitzende des Nato-Militärausschusses
und frühere
Generalinspekteur der Bundeswehr, Naumann, in einem Interview geäussert.
Eine Bodenoperation, so
Naumann, sei eine theoretische Möglichkeit; die Entscheidung hierüber
liege aber bei der Politik. In
Deutschland ist jede Entsendung von Truppen zu Kampfeinsätzen ohnehin
von der Billigung des
Bundestags abhängig.
Als das Parlament im Februar die Aufstellung eines Bundeswehrkontingents
zur Überwachung eines
Friedensabkommens in Kosovo guthiess, hatte es überdies auf Drängen
der Opposition vorsorglich
klargestellt, dieses Votum gelte nicht für einen Kampfeinsatz. Die
Fraktionen der SPD und der Grünen
stehen noch unverrückbar hinter der Balkanpolitik der Regierung, obwohl
aus beiden Parteien Kritik an
den Luftangriffen der Nato zu vernehmen ist - bei den Grünen recht
vernehmlich, in der SPD nur am
linken Rand. Sollte sich jedoch die Regierung bereit zeigen, die Bundeswehr
an einer Bodenoperation
zu beteiligen, würde dies die Grünen vermutlich an den Rand einer
Zerreissprobe bringen und auch bei
den Sozialdemokraten zu heftigem Widerstand führen. Namentlich Aussenminister
Fischer müsste
fürchten, die Rückendeckung der eigenen Partei zu verlieren.
Langfristige Hilfe für den Balkan
Die Bevölkerung unterstützt bisher laut Umfragen mehrheitlich
die Luftangriffe, eine Bodenoperation
könnte jedoch einen Meinungsumschwung auslösen. Obwohl die Entsendung
von Bodentruppen nur
hypothetisch diskutiert wird, hat Bismarcks Diktum, der Balkan sei nicht
die gesunden Knochen eines
einzigen pommerschen Musketiers wert, viele Anhänger. Anders als Grossbritannien
und Frankreich ist
in Deutschland zudem die Öffentlichkeit nicht an die Entsendung von
Truppen ins Ausland gewöhnt. Die
Kampfeinsätze der Tornado-Jets stellen in der Geschichte der Bundesrepublik
ein Novum dar, und der
Bevölkerung fällt es - auch wenn man die Luftangriffe als notwendig
akzeptiert - schwer, sich an den
Gedanken zu gewöhnen, dass Deutschland wieder Krieg führt.
Vor allem Aussenminister Fischer wirbt wegen der innerparteilichen Kritik
unermüdlich um
Zustimmung für die Nato-Operation. Den Forderungen, nach dem militärischen
Vorgehen nun wieder
vermehrt eine diplomatische Lösung für den Kosovo-Konflikt zu
suchen, versucht er mit der Idee eines
Stabilitätspaktes für den Balkan den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Unterdessen haben sich die
Aussenminister der EU ein entsprechendes Konzept des Auswärtigen Amts
zu eigen gemacht. Dieses
vorrangig wohl aus innenpolitischen Erwägungen zustande gekommene
Papier sieht ein dauerhaftes
Engagement von EU und OSZE in der Region vor mit dem Ziel, Minderheiten
zu schützen, die Sicherheit
der Balkanstaaten sowie Vertrauensbildung und Abrüstung zu fördern.
Albanien und Mazedonien
werden engere politische Beziehungen und finanzielle Hilfen in Aussicht
gestellt, generell will man die
Staaten des früheren Jugoslawien näher an die westliche Staatengemeinschaft
heranführen. Diese
Vorschläge sind noch recht nebulös. Ohnehin hat die EU mit ihrer
Uneinigkeit in der Frage, was mit den
aus Kosovo Vertriebenen geschehen soll, gerade wieder gezeigt, wie schwer
ihr gemeinsames Handeln
in der Aussenpolitik fällt.