Erwiderung auf den Text
von Winni Nachtwei "Widersprüche, Glaubwürdigkeitslücken
und Verantwortung - die Grünen zwischen Antikriegsprotest und Kriegsbeteiligung"
Lieber Winni:
Beim Lesen Deines langen Textes zur Stellung der Grünen zum Krieg
konnte ich einige Einschätzungen teilen oder zumindest verstehen,
vieles bleibt für mich jedoch widersprüchlich, besonders, wenn
es daran geht, Schlußfolgerungen zu ziehen. Viele Deiner Formulierungen
finde ich so treffend, daß ich sie hier ausführlich zitiere
- sie nur eben aus einem anderen Blickwinkel einordne. Deutlich wird bei
aller Kritik, daß Du es Dir mit Deiner Entscheidung nicht leicht
gemacht hast.
Gründe für den Abschied vom Grünen Programm
Du formulierst den Abschied von Teilen des Grünen Programms so:
Die Rasanz in der Veränderung außen- und friedenspolitischer
Positionen bei uns Regierungsgrünen ist schwindelerregend. Gerade
Friedensbewegten drängt sich der Eindruck auf, daß diejenigen,
die noch vor Jahresfrist die "Militarisierung der Außenpolitik" brandmarkten,
diese nun vollstrecken, ja auf die blutige Spitze treiben. (...) Tatsache
ist, daß wir mit unserem außenpolitischen Programm in der Realität
der internationalen Krisenpolitik aufgeschlagen sind, wobei wichtige Programmteile
in die Brüche gingen. (...)
Die zentrale Frage für mich ist: Welche grundsätzlichen Veränderungen
haben dazu geführt, die antimilitaristischen und NATO-kritischen Programmpunkte
in so rasanter Geschwindigkeit über Bord zu werfen? Es wird nicht
deutlich, was sich denn an der Realität der internationalen
Krisen in den letzten Jahren so sehr verändert hat. Massive staatliche
Menschenrechtsverletzungen, Vertreibungen, Politik der verbrannten Erde
sind nicht erst seit dem Kosovo-Konflikt bekannt, die letzten Jahre boten
leider zahlreiche und blutigere Beispiele: Guatemala, Ruanda, Kurdistan,
... Und in vielen dieser Beispiele haben sich NATO und USA nicht gerade
als Menschenrechtsbeschützer hervorgetan, eher als Komplizen, Nutznießer,
Wegseher und Waffenlieferanten.
Die tatsächlichen Veränderungen - Neue NATO-Doktrin, Schwächung
der UNO, Ausklammern und wachsende Demütigung Rußlands und Chinas
- sollten bei den Grünen eher den umgekehrten Effekt haben,
also die antimilitaristischen Programmpunkte zu stützen und zu stärken!
Wenn es weder die veränderte internationale Lage noch die veränderte
NATO-Doktrin waren, was war dann der Grund für das Kippen der antimilitaristischen
Grundsätze? Ein dritter Veränderungsfaktor war wohl eher entscheidend
und Du benennst ihn auch:
Mit dem Koalitionsvertrag stimmte der Parteitag Bekenntnissen zu
Bundeswehr und NATO zu und brach insofern mit der bisherigen antimilitärischen
Grundhaltung. Damit war der Rubikon überschritten. Allerdings erfolgte
diese Klarstellung keineswegs aus Überzeugung und im Bewußtsein
ihrer Konsequenzen. Sie wurde vielmehr von vielen als unvermeidbare "Kröte"
hingenommen im Austausch zu grünen Primäranliegen und zu vielversprechenden
Vereinbarungen zu einer vorbeugenden Friedenspolitik.
Die entscheidende Veränderung, die dazu geführt hat, daß
grüne Grundsätze gekippt wurden, war also die innenpolitische:
Die Grünen gingen eine Koalition ein, beteiligten sich an der Macht
und waren damit keine Opposition mehr. Diese Machtbeteiligung mußte
teuer bezahlt werden, wie Fischer gleich zu Beginn der Amtszeit zu spüren
bekam, als er bei seinem Vorstoß gegen den nuklearen Ersteinsatz
schroff zurückgepfiffen wurde.
Zusammenfassend waren also für die grüne Kriegsbeteiligung
wohl eher innenpolitische als außenpolitische Gründe entscheidend.
Gesinnungshaltung contra Realpolitik:
Wo wie auf dem Feld der Außen- und Friedenspolitik eigene
realpolitische Erfahrungen fehlten, konnten sich am ehesten Gesinnungshaltungen,
Fundamentalpositionen und ein voluntaristisches Politikverständnis
halten. Dem steht eine reale Außenpolitik gegenüber, wo Handlungsspielräume
durch die Vielzahl von Akteuren und internationale Verflechtungen besonders
eingeengt sind, wo nationale Außenpolitik im Verbund der Partner
gefragt ist und nationale Alleingänge schnell kontraproduktiv sind.
Internationale Politik geschieht auf glattem und dünnem Eis und in
seinen relevanteren Teilen unter Ausschluß der Öffentlichkeit.
Basisdemokratie contra Ausschluß der Öffentlichkeit. Gewaltfreiheit
in der Politik contra Handlungsspielräume. Programm und Zielvorstellungen
contra Erwachsenwerden. Zugestanden: der schwierigste Teil der Politik.
Was aber, wenn die zentralsten Grundsätze geopfert werden? Sobald
die Politik der militärischen Logik untergeordnet wird, ist das auch
der Abschied von der "Realpolitik".
"Wir mußten uns verhalten"
Was tun, wenn Krieg und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor
der Haustür stattfinden, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist?
Das grüne Programm sah einen solchen schlimmsten Fall nicht vor, erteilte
aber zugleich - aus grundsätzlich guten Gründen - militärischer
"Friedenserzwingung" und Kampfeinsätzen eine kategorische Absage.
Vom ersten rotgrünen Regierungstag an konfrontierte uns die Entwicklung
des Kosovo-Konfliktes mit diesem Widerspruch. Wir mußten uns zu dem
sich anbahnenden schlimmsten Fall eines "zweiten Bosnien" verhalten - und
dabei das Risiko des Programmverstosses eingehen. Ist das Verrat?
Zumindest Wahlbetrug an den Menschen, die Euch wegen Eures Programms der
Gewaltfreien Konfliktbewältigung und Absage an militärische "Lösungen"
gewählt haben!
Wenn die Programmaussagen zu militärischen Kampfeinsätzen
zum alleinigen Beurteilungsmaßstab genommen werden, dann ist das
Urteil einfach, dann sind die Regierungsgrünen in der Tat "Verräter".
Wenn hingegen der Grundwertekonflikt mit anderen Programmaussagen (umfassendes
Eintreten für die Menschenrechte) und die realen Bedingungen unseres
politischen Handelns einbezogen werden, dann ist das Urteil schwieriger
(...)
Wie kommst Du zu der Einschätzung, der militärische Einsatz und
das wochenlange Bombardement habe etwas mit "umfassendem Eintreten für
die Menschenrechte" zu tun? Dies war das verbreitetste "Totschlagargument"
(im wahrsten Sinne des Wortes!). Die militärischen Mittel "mußten"
scheinbar angewandt werden, weil wir - wie Du sagst "uns verhalten mußten",
und so sind die Regierungsgrünen dem Glauben an die Abschreckung und
der Militärlogik aufgesessen, die sie selber jahrelang mit guten Gründen
kritisiert hatten. Das Erwachen kam deutlich in den ersten Kriegstagen
und wurde später mit jeder Splitterbombe und jedem Bombeneinschlag
in Wohngebieten verstärkt. Hätte man sich vorher die Mühe
gemacht, die militärischen Mittel und Drohungen auf ihre Wirksamkeit
zu hinterfragen, hätten sie wohl von vornherein ausscheiden müssen.
Alternativen und Legenden II
Unter der Überschrift "Alternativen und Legenden" bringst Du:
Der nachträglich veröffentlichte militärische Anhang
des Rambouillet-Abkommens wurde als Beweis gewertet, daß die Verhandlungen
in Wirklichkeit nicht ernst gemeint gewesen seien und die serbische Ablehnung
mit der Zumutung eines "Besatzungsstatuts" vorprogrammiert gewesen sei.
Angesichts der fast wortgleichen Übereinstimmung mit den entsprechenden
Regelungen des Dayton-Abkommens und der kategorischen Ablehnung der jugoslawischen
Seite, in den Verhandlungen überhaupt über Sicherheitsfragen
zu sprechen, ist das eine Fehlinterpretation. Diese hält sich nichtsdestoweniger
hartnäckig - zu sehr entspricht sie offenbar einem "Erkenntnisinteresse",
daß doch die NATO und nicht etwa Milosevic verantwortlich sein muß
für den Beginn des NATO-Krieges.
Also, dieses Argument hätte ich in Deinem Text nun wirklich nicht
mehr vermutet. Die "fast wortgleichen Übereinstimmungen" im Annex
1A des Dayton-Vertrages beziehen sich eben nur auf Bosnien und Herzegowina
und nicht auf ganz Jugoslawien, wie der Artikel 8 des Annex B des
Rambouillet-Vertrags. Eine ausführliche Analyse der entsprechenden
Textpassagen und vom Auswärtigen Amt verbreiteter teils verfälschender
Übersetzungen findet sich im lesenswerten Text von GAL-Vorstandsmitglied
Stefan Riese vom 15.4.99 (http://www.muenster.org/frieden/rieseannexB.html).
Außerdem hat Milosevic nun nach wochenlangem Bombardement in diesem
Punkt sonderbarerweise ein für ihn akzeptableres Ergebnis erreicht,
als der scheinbar letztmögliche Vorschlag von Rambouillet vorsah.
Was ist außerdem von ultimativen Friedensverhandlungen zu halten,
bei denen die eigentlichen Konfliktparteien insgesamt nur etwa 20 Minuten
direkt aufeinandergetroffen sind? Wurde wirklich alles versucht?
Das sehr sinnvolle Druckmittel eines Ölembargos setzt eine
Seeblockade voraus, also eine ausdrückliche militärische Zwangsmaßnahme
nach Kapitel VII der UN-Charta. Ihr besonderes Risiko ist, daß diese
sich auch gegen Neutrale, zum Beispiel gegen russische oder ukrainische
Öllieferanten richten würde. Die Instrumente ziviler und nichtkriegerischer
Konfliktbearbeitung sind enorm ausbaufähig. Doch Alleskleber und -könner
sind sie keineswegs, zumal dann nicht, wenn ein Konflikt extrem und gewaltförmig
zugespitzt ist bzw. Konfliktparteien ohne alle Skrupel völkermörderische
Ziele verfolgen. Falsche Erwartungen schaden da nur.
Falsche Hoffnungslosigkeit und leichtfertiges Abtun schaden mehr. Natürlich
gibt es keine "Alleskleber" in der Politik aber wenn man in die zivilen
Konfliktlösungs-Methoden nur einen Bruchteil der Phantasie und des
Geldes investieren würde, die man ohne zu diskutieren bereit ist,
in militärische Zerstörung zu stecken, wäre vieles möglich...
Wieviel Geld hätte es wohl gekostet, den am Ölgeschäft beteiligten
Ländern für ein paar Wochen eine großzügige Ausfallsentschädigung
zu zahlen? In wieviel Nächten wurde die gleiche Summe wohl verbombt?
Und da soll tatsächlich der finanzielle Aspekt das Hauptargument gegen
ein Embargo gewesen sein...
Regierende Unglaubwürdigkeiten II
Zu offenkundig sind auch die Interessen einiger maßgeblicher
NATO-Staaten, die Vormachtstellung der NATO vor allen anderen Systemen
kollektiver Sicherheit auszubauen und sie zu einem Hilfsweltpolizisten
der USA zu machen. Daß die NATO nach sechs Monaten Drohung im März
unter enormem Glaubwürdigkeits- und Handlungsdruck stand, daß
es Erwartungen gab, noch vor dem Washingtoner 50. Geburtstag die Kraft
der "neuen NATO" unter Beweis zu stellen, spielte unzweifelhaft eine erhebliche
Rolle. Das heißt aber keineswegs, daß die NATO-Intervention
eine imperialistische Aggression gegen den letzten Nicht-NATO-Bewerber
und "Schurkenstaat" in Europa wäre, wie es so manche wiederauferstandene
NATO-Gegner unterstellen. Das Primärinteresse hinter der Kosovo-Politik
der Staatengemeinschaft und der NATO-Intervention ist die Stabilisierung
der Region, in der durch die fortgesetzte Politik "ethnischer Säuberungen"
der serbischen Führung ein grenzüberschreitender Flächenbrand
droht.
"Stabilisierung" ist ein sehr relativer Begriff:
Massiv stabilisiert wurde mit den ersten Bomben der angekratzte innenpolitische
Stand von Milosevic - destabilisiert hingegen die serbische Opposition,
die sich nun mit dem Vorwurf "Feindpropaganda" konfrontiert sah und "legal"
vors Kriegsgericht gestellt werden konnte.
Nicht nur stabilisiert sondern heftig gefördert wurden die Übergriffe,
Vergewaltigungen, Morde und Vertreibungen der albanischen Bevölkerung,
stabilisiert auch die Gewissen der Täter - destabilisiert hingegen
die Lage in den flüchtlingsüberströmten und zum Teil mitbombardierten
Nachbarländern.
Stabilisiert wurden die Umsätze der Rüstungsfirmen - destabilisiert
für lange Zeit die ökonomische und ökologische Situation
in der gesamten Region.
Das Thema "Schurkenstaaten" ist natürlich keine Erfindung von "wiederauferstandenen
NATO-Gegnern" sondern erklärter Teil der US-Politik. Gary Seymour,
Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrates der USA, erläuterte 1996,
was die USA unter ihrer sog. "Rogue Doctrine" (Anm.: Rogue, engl. Schurke)
verstehen: "Schurkenstaaten" seien "Länder, die schlechte politische
Beziehungen mit Washington haben" (FR, 4.2.98). In der Wochenzeitung "Freitag"
vom 08. Januar 1999 findet sich folgende Beschreibung: "Nach der jüngsten
militärischen Doktrin des Pentagons gelten als sogenannte 'Schurkenstaaten'
all jene Länder, die erstens zur Produktion von Massenvernichtungswaffen
in der Lage sind, die zweitens ein 'feindliches Verhalten in den internationalen
Beziehungen' an den Tag legen, und die drittens eine regionale Bedrohung
darstellen. Ganz vorn auf der US-Liste solcher 'Schurkenstaaten', die jederzeit
durch wirtschaftliche Sanktionen und geballte Militärschläge
abgestraft werden können, stehen Irak, Iran, Libyen, Kuba und Nordkorea."
("Freitag", 8.1.99) Da fällt einem doch glatt eine Abwandlung des
Ersten Gebots ein (Vorsicht, Satire): "Ich bin der einzige Schurkenstaat,
es soll keine anderen Schurkenstaaten geben neben mir".
Gewisse Gründe
Die zivilen Opfer der NATO-Luftangriffe empfinde ich als besonders
unerträglich. Denn für die NATO-Bomben bin ich als grünes
Mitglied des Verteidigungsausschusses mitverantwortlich, es sind "meine
Bomben". Deshalb wächst der Druck, aus dieser Mitverantwortung auszusteigen.
Doch was wäre die Konsequenz? Das Gewissen wäre befreit von der
Last der Mittäterschaft, mehr nicht. Zurück wäre ich in
der relativen Ruhe des Gewissens, das sich schon lange an das Wegsehen
durch Fernsehen gewöhnt hat.
Andersherum ist zu fragen, ob nicht die Bombardierung eine Beruhigung des
Gewissens darstellte, gegen das unerträgliche Gefühl des Nichts-tun-könnens.
Sind Bomben besser als nichts? Nein, Bomben sind immer das schlechteste
Mittel, das außerdem die eigenen Möglichkeiten und Phantasie
für jedwede andere Lösung einschränkt.
Wie kommt es, daß wir bei zum Teil ähnlicher Einschätzung
des Kriegsübels zu so unterschiedlichen Schlußfolgerungen kommen?
Platt beantwortet: Du bist Politiker und ich bin Wähler. Und das sage
ich ohne Polemik. Es ist legitim und natürlich, daß wir ein
unterschiedliches Verständnis von "dem rechten Pfad" und "notwendigen
Kompromissen" haben.
Aber andererseits bist Du als Politiker eben auch abhängig von
den Stimmen der Wähler. Ich vermute, daß die Einsichten, daß
globale Probleme auch globale Lösungen verlangen, daß eine Politikwende
nötig ist, daß Unversuchtes versucht werden muß, unter
grünen Wählern erheblich weiter verbreitet ist als unter denen
anderer Parteien. Auch Gandhis Leitsatz "Der Weg ist das Ziel" hat(te)
bei den Grünen viele Anhänger. Bei Fortsetzung der gegenwärtigen
grünen Politiktendenzen könnte das verheerende Auswirkungen auf
die zukünftigen Wahlergebnisse der Grünen haben.
Viele derjenigen Grünen, die enttäuscht sind über
den Programmverstoß der Mehrheit, verlangen eine Rückkehr der
Regierungsgrünen auf den "rechten Pfad". Diese Erwartung geht davon
aus, daß unser Programm richtig und nur unser Verhalten falsch wäre.
Ich halte demgegenüber die Weiterentwicklung unseres Programms für
unumgänglich, darin auch die Klärung der Rolle des Militärischen
in einer Außenpolitik, die realitätstüchtige und wirksame
Friedenspolitik sein soll. Im Hinblick auf die Kommission "Gemeinsame Sicherheit
und Zukunft der Bundeswehr" werden wir in Kürze konzeptionelle Vorschläge
dazu vorlegen.
Jeder Schritt zur Legitimation "des Militärischen" wird ein weiterer
Schritt sein, mit dem die Grünen sich selbst abschaffen.
Die Friedensbewegung
Oder: Wie weit ist es noch zu dem Spruch, die Bundeswehr sei in Wirklichkeit
die größte Friedensbewegung in der BRD?
Obwohl in der Gesellschaft die Zweifel an der NATO-Strategie zunehmen,
dümpelt der Antikriegsprotest eher vor sich hin. Am meisten Wirkung
entfaltet er im Internet, in den Leserbriefspalten der überregionalen
Zeitungen und innerhalb der Grünen. Je absoluter, ideologischer und
einseitiger der Antikriegsprotest auftritt, desto mehr wird er mittelfristig
zur weiteren Zersetzung der Friedensbewegung beitragen. Je solidarischer
hingegen der Antikriegsprotest für alle Kriegsopfer Partei ergreift,
je offener er sich der Zwiespältigkeit der gegenwärtigen Situation
und der Positionierung in ihr stellt, je mehr er sich für konstruktive
Friedensarbeit und -politik engagiert, desto mehr bietet er die Chance,
daß es doch noch zu einem Wiederaufschwung von Friedensbewegung kommt.
Denn eine Friedensbewegung ist notwendiger denn je!
Was erwartest Du eigentlich von der Friedensbewegung? Sie kann nicht die
Aufgabe haben, Regierungspositionen zu verbreiten, sie muß Opposition
sein! Welchen Überzeugungscharakter hatten die großen Anti-NATO-Kundgebungen
in der Ex-DDR und welchen die ersten stillen Montagsdemonstrationen für
mehr Demokratie? Eine Friedensbewegung ist glaubwürdig, wenn sie sich
zuerst um den "Balken im eigenen Auge" kümmert! Aber was soll ich
Dir bekannte Argumente aufzählen: Die "Geht-doch-nach-drüben"-Diskussionen
haben wir doch vor knapp zwanzig Jahren gemeinsam geführt. Schade
nur, daß Du zum Teil jetzt die Argumentation der Gegenseite übernimmst.
Ich stimme Dir zu: die Friedensbewegung darf nicht blind auf einem Auge
sein, was sich z.B. dadurch ausdrücken könnte, daß sie
die serbische Opposition und Deserteure solidarisch begleitet und unterstützt.
Sie muß sich aber andererseits nicht gebärden, wie Nachrichtensprecher
im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und jede ihrer Aussagen übervorsichtig
"quotieren".
Apropos "Balken im eigenen Auge": "(...) der rassistische Vertreibungskrieg
gegen die kosovo-albanische Zivilbevölkerung (...) wird auffällig
wenig erwähnt und bei Kundgebungen oft nur in Art einer Pflichtübung
verurteilt." Ich werfe Dir ja auch nicht Einseitigkeit vor, wenn Du
die UCK nur als Opfer darstellst: "Die serbischen bewaffneten Kräfte
führten einen Vertreibungs- und Vernichtungskrieg gegen die UCK",
die kriegstreiberische Rolle der UCK aber verschweigst bzw. ausklammerst.
Pflichtübung verpaßt?
"Einseitigkeit" oder Schlingerkurs
In Zeiten der Orientierungslosigkeit ist es verführerisch, sich
einer Argumentation "Bomben für Menschenrechte" anzuschließen.
Im Grunde ist es aber ein Austauschen von Worthülsen, die früher
"Volk", "Vaterland" und "Ehre" hießen, und zu jeder Zeit dazu beitrugen,
sich unbeschwerter in einen Krieg zu stürzen.
In solchen Zeiten kann ich den Worten "absolut" und "einseitig" durchaus
einen positiven Charakter abgewinnen. Und es gehört zum Krieg, daß
"einseitige" Antikriegs-Positionen diffamiert werden. Dabei sind klare
- auch pazifistische - Positionen in Zeiten der Kriegspropaganda besonders
notwendig, denn ein "Schlingerkurs" versinkt in der Wirkungslosigkeit und
führt unweigerlich zu Unterstützung der militärischen Aktionen.
So wie es - mit Verlaub - ja auch der von Dir vertretene Schlingerkurs
getan hat. Der Bielefelder Beschluß für einen befristeten Bombardierungsstopp
- so gut er gemeint sein mag - ist völlig wirkungslos geblieben.
Eine Friedensbewegung ist notwendiger denn je...
und sie wird um so wirksamer sein, je entschiedener sie pazifistisch
ist und sich mit menschlichen Mitteln für eine menschlichere Politik
einsetzt. Denn kein Mensch hat das Recht, einen anderen Menschen zu töten,
zu quälen oder zu unterdrücken, zu vertreiben oder zu zerbomben.
Mit pazifistischem Gruß,
Martin Firgau,
18. Juni 1999
Der Originaltext von Winni Nachtwei findet sich unter http://www.muenster.org/frieden/nachbielefeld.htm
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