Der Krieg im Kosovo ist seit dem Waffenstillstandsdiktat von Kumanovo
im Bewußtsein der breiten Bevölkerungsmehrheit beendet. Aber
von Frieden zu sprechen wäre blanker Hohn. Die Ordnung im Kosovo wird
"gewaltsam" durch militärische Einheiten der NATO und Rußlands
aufrechterhalten. Paramilitärische Verbände der UCK verüben
Racheakte an serbischen Zivilisten. Jetzt hat der Exodus der Serben begonnen.
Die heimkehrenden Kosovo-Albaner sind durch Minen der Serben und durch
scharfe Bomben ständig in Lebensgefahr - wenn sie schließlich
daheim ankommen finden sie oft nur noch ein durch Serben gebrandschatztes
und geplündertes oder durch NATO-Bomben zerstörtes Stück
Land vor. Die Gräben zwischen Serben und Kosovo-Albanern sind tiefer
denn je, ein Zusammenleben scheint auf lange Sicht hin verunmöglicht
worden zu sein. Am Ende des humanitären Massakers durch "alle" Kriegsparteien
werden sowohl ein ethnisch homogenes Serbien, als auch ein ethnisch homogenes
Kosovo stehen, und das Kosovo wird auf unbestimmte Zeit durch die Ordnungsmächte
besetzt werden. Schöner “Frieden”.
Dieser offene Widerspruch zwischen humanitärer Legitimation der
Luftangriffe der NATO , nämlich Schutz der Menschenrechte und
Erhalt eines multiethnischen Jugoslawiens als Kriegsziel, und dem tatsächlich
erreichten Ergebnis , wird hier offenbar. Keines der vorgeblichen Kriegsziele
konnte auch nur ansatzweise verwirklicht werden. Die Kriegspolitik der
NATO hat in diesem Sinne eindeutig versagt. Die systematische Verlogenheit
des Systems vereindeutigt sich hier, wenn Politiker paradoxerweise
die Niederlage der NATO als ihren Sieg zu verkaufen versuchen, wurden die
Bombardements doch in keinster Weise dem Anspruch des angeblichen Kriegsziels,
dem Schutz der Menschenrechte, gerecht. Doch gerade dies wird in den Medien
suggeriert. Es stellt sich die Frage, warum sich gerade Deutschland unter
rot-grüner Herrschaft auf ein solch zweifelhaftes militärisches
Unternehmen einließ, bedingte es doch eine Mißachtung des Völkerrechtes
und des Grundgesetzes und war es durch die Selbstlegitimation der NATO
vorbei an den Vereinten Nationen ein offener Affront gegen China und Rußland
gerichtet.
Deutschland scheint dies alles aus verschiedenen Gründen in Kauf genommen zu haben, und zwar um eigene ökonomische, militärische, politische und ideologische Interessen durchzusetzen. Die offene Propaganda sollte diese eigentlichen Ziele verschleiern.
Warum feiern die deutschen Kriegslobbyisten dann doch einen Sieg?
These 1: Deutschland hat sich elegant historischer Altlasten entsorgen können
Die Herren Fischer, Scharping und Schröder widmeten sich in ihrer
Kriegspropaganda eifrigst der Relativierung des Holocaust. Durch Projektionen
wie Konzentrationslager, Völkermord und Auschwitz auf Serbien sollte
die eigene Vergangenheit verdrängt und die Bereitschaft der Bevölkerung
zur Unterstützung des verbrecherischen Angriffskrieges erhöht
werden.
Der Krieg im Kosovo testet die Akzeptanz der Deutschen für einen
Krieg. Schließlich hat man das Kriegführen nach 54 Jahren schon
fast verlernt, es besteht augenscheinlich Nachholbedarf. Der Abbau von
Vorbehalten innerhalb des eigenen Lagers gegenüber den Luftangriffen
dient letztendlich nur einem Ziel: „Deutschland möchte militörisch
wieder den Platz einnehmen, den es ökonomisch repräsentiert.“
Offen betriebener, unverhohlener Geschichtsrevisionismus ist hier probates
Mittel zum Zweck – man verhöhnt die Opfer des Holocaust, indem ihr
Schicksal für ein Kriegsverbrechen im Namen der Menschenrechte instrumentalisiert
wird.
These 2: Deutschland hat erfolgreich seine Außenpolitik remilitarisiert
1992 entwickelten die Militärs und das Bundesverteidigungsministerium
ein Strategiepapier, daß den zukünftigen Auftrag der Bundeswehr
neu regelt. Die neuen Aufgaben der Bundeswehr sind demnach "Vorbeugung,
Eindämmung und Beendigung von Konflikten jeglicher Art, die die Unversehrtheit
und Stabilität Deutschlands beeinträchtigen könnten" sowie
"Förderung und Absicherung weltweiter politischer, wirtschaftlicher,
militärischer und ökologischer Stabilität" und "Aufrechterhaltung
des freien Welthandels und des Zugangs zu strategischen Rohstoffen". Der
Präzedenzfall der Wahrung dieser Interessensphären hat im Kosovo
stattgefunden.
Wirtschaftlichen Interessen Deutschlands soll also zur Not militärischer
Nachdruck verliehen werden.
Dieser Krieg ist zugleich Grundstein einer neuen aggressiveren deutschen
Außenpolitik. Das ungeschriebene Gesetz, daß deutsche Soldaten
nicht mehr dort marschieren werden, wo vormals Hitlers Truppen Unheil und
Zerstörung über die Menschen brachten, ist obsolet geworden.
Die geschehene Selbstmandatierung der NATO wird kein Einzelfall bleiben,
wie Fischer immer wieder zu beteuern versucht. Es wäre illusorisch
dies anzunehmen. Fortan braucht Deutschland keinen Verteidigungsgrund,
um Kriege zu führen. Die Vereinten Nationen stehen außen vor
– sie sitzen nicht mehr mit im Boot. Deutschland kann nun Angriffskriege
führen, wo und wie es beliebt. Ein Rechtfertigungsgrund und ein Bösewicht
lassen sich immer finden. Diesmal war Milosevic der Bösewicht, der
vorgehalten wurde. Die kollateralen Menschenrechte wurden weidlich propagandistisch
ausgeschlachtet.
Jeder, der sich fortan gegen die wirtschaftlichen und ideologischen
Interessen des Westens zu Wehr setzt, wird den Krieg als „ultima ratio“
der Herrschenden zu spüren bekommen.
Weiterhin zieht die „neue NATO-Strategie“ eine massive Aufrüstung
ihrer Mitgliedsstaaten nach sich. Deutschland ist mit Frankreich militärisch
in der WEU assoziiert. Es existieren bereits gemeinsame Krisenreaktionskräfte
von 35000 Mann und langfristig soll dieses Bündnis unabhängig
von der militärischen Schutzmacht USA agieren können.
Das Fernziel lautet: “Deutschland etabliert sich als ökonomische
und militärische Ordnungsmacht neben den USA.“
These 3: Deutschland möchte nach Zusammenbruch des Warschauer Paktes und der Sowjetunion, einen Teil des entstandenen Machtvakuums ausfüllen und den eurasischen Raum ökonomisch durchdringen.
Deutschland hat eine Interessenpolitik auf dem Balkan, die schon früh
Sezzesionismus unterstützt und politische und ethnische Konflikte
geschürt hat, unverändert fortgeführt. Mit der Anerkennung
Sloweniens und Kroatiens 1991 machte die deutsche Regierung eindeutig darauf
aufmerksam, welche wirtschaftliche und politische Führungsrolle sie
in Zukunft für Ost- und Südosteuropa beansprucht. Schon
1998 wurde in der SPD-Fraktion eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich
mit der ökonomischen Bedeutung des eurasischen Raumes auseinandersetzt.
Ergebnis dieser Untersuchung war, daß die BRD verstärkt ihre
politischen Interessen insbesondere im Raum um das Kaspische Meer nachhaltig
verfolgen sollte. Dort warten immense Rohstoffvorkommen auf ihre Erschließung.
Deutschland engagiert sich besonders im infrastrukturellen Bereich und
tritt als Kreditor auf den Plan.
Durch die NATO-Osterweiterung hat sich die politische Einflußsphäre
erweitert, und schon jetzt zeichnet sich der deutsche Machtzuwachs als
designierte osteuropäische Ordnungsmacht ab. Der Schulterschluß
mit den USA während des Krieges konnte gegenläufige Interessen
in puncto Rußland nicht übertünchen. Deutschland mußte
dem wirtschaftlich maroden, äußerst instabilen Rußland,
de facto Atommacht, aber noch nicht einmal mehr fähig den Serben beizustehen,
gegen die USA den Rücken stärken.
Es gibt in der Tat für einige Leute viel zu feiern. Deutschland
hat einen paradoxen, der Wirklichkeit spottenden Sieg errungen, zwar gegen
die Menschenrechte, aber für ein wiedererstarktes, wiedervereinigtes
Deutschland, das seinen der ökonomischen Potenz angemessenen militärischen
Platz in der „neuen Weltordnung“ einfordert.