Alle Ansätze zu einer Lösung des
Kosovo-Konfliktes ernsthaft prüfen
Zur aktuellen Situation im Kosovo-Krieg erklärt der Bundesvorstand von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:
Im Kosovo entwickelt sich eine ungeheuere humanitäre Katastrophe.
Wir haben die Intervention von NATO-Luftstreitkräften
in Jugoslawien seit ihrem Beginn am 24. März trotz
zahlreicher, vor allem völkerrechtlicher Bedenken
unterstützt, weil nach unserer Hoffnung auf diesem Weg die
Möglichkeit bestand, der verbrecherischen Politik
der serbischen Führung gegenüber der albanischen
Bevölkerungsmehrheit im Kosovo Einhalt zu gebieten
und die Durchsetzung des Friedensvertrages von Rambouillet
zu erzwingen. Wir sind uns nach wie vor des Dilemmas bewußt,
das darin liegt, die Menschenrechte durch ein
Vorgehen zu verteidigen, das einen unbezweifelbaren Verstoß
gegen das bisherige Völkerrecht einschließt.
Für uns gilt in diese Frage eine klare Grundüberzeugung:
Die internationale Politik muß und wird in Zukunft die
Verpflichtung souveräner Staaten zur Einhaltung der
Menschenrechte stärker ins Zentrum rücken. Daran werden
wir festhalten. Je eher und je mehr es möglich wird,
dies im Rahmen einer multilateralen Ordnung, das heißt im
Rahmen der UNO und der OSZE vor allem durch krisenvorbeugende
Politik zu verwirklichen, desto eher und desto
mehr wird es möglich sein, Tendenzen zu einer Selbstmandatierung
einzelner Mächte oder Bündnisse, die wir
ablehnen, entgegenzutreten.
Seit dem Beginn der NATO-Intervention in Jugoslawien hat
sich nach unserer Beurteilung die Lage nicht zum
Positiven, sondern zum Negativen verändert. Die Chance
einer nachträglichen Anerkennung des Vertrages von
Rambouillet durch Serbien erscheint illusorisch und deswegen
kann dieses Ziel auch nicht mehr als Grund für die
Entscheidung über das weitere Vorgehen herangezogen
werden. Das Morden und Vertreiben seitens serbischer
Banden oder staatlicher Autoritäten ist in den letzten
Tagen massiv gesteigert worden. Offenbar werden ganze
Landstriche im Kosovo durch eine Politik der "ethnischen
Säuberung" gegen die albanische Zivilbevölkerung
entvölkert. Die Zahl der Flüchtlinge steigt
unablässig. Die NATO-Aktionen haben dies bisher nicht verhindern
können. Damit steigt in unserer Partei wie in der
Bevölkerung insgesamt die Skepsis gegenüber dem Vorhaben, auf
militärischem Weg politische Lösungen zu erzwingen.
Es ist der NATO allem Anschein nach bisher nicht gelungen,
die serbische Luftabwehr so weit zu dezimieren, daß
ein großangelegtes, wirksames Vorgehen gegen die
jugoslawischen Einheiten, die die Vertreibung von
Hunderttausenden Flüchtlingen betreiben, möglich
geworden wäre. Wenn diese Lage anhält, wird auch dem zweiten
Ziel der Intervention, den bedrängten Menschen zu
helfen, der Boden entzogen. Wir sind daher der Auffassung, daß
in dieser Situation extrem schnelle Schritte zu einer
Lösung erforderlich sind. Am Ausgangspunkt der westlichen
Politik in der Kosovo-Frage im letzten Herbst stand das
Ziel, eine humanitäre Katastrophe zu verhindern. Die
humanitäre Katastrophe, die sich gegenwärtig
entwickelt, bedeutet, wenn sie nicht in letzter Sekunde noch gestoppt
werden kann, eine Tragödie und ein bitteres Scheitern
der Politik auch unserer Bundesregierung. Wir hoffen immer
noch, daß das Schlimmste verhindert werden kann.
Ein Hineinrutschen in eine Logik der militärischen Eskalation
ohne klares, menschenrechtlich begründetes politisches
Ziel werden wir dagegen nicht mittragen.
Angesichts der Dringlichkeit einer Verbesserung der Lage
im Kosovo darf keine einzige Möglichkeit zu einem
Ausweg gering geachtet oder ausgelassen werden. Deshalb
appellieren wir an die Bundesregierung, parallel zu dem
Vorgehen im Kosovo alle diplomatischen Initiativen zu
unterstützen und selbst zu ergreifen, die geeignet erscheinen,
dem Morden und der Vertreibung ein Ende zu machen. Falls
positive Schritte dadurch möglich werden, daß andere
Institutionen an der Stelle der NATO die Verantwortung
übernehmen, ist auch dies zu unterstützen. Falls eine
Lösung dadurch möglich wird, daß die NATO
ein Moratorium einhält, darf auch dies nicht ausgeschlossen werden.
Europa und die Bundesrepublik haben eine hohe politische
und moralische Verantwortung für die Linderung des
Leids der Flüchtlinge, die bisher vertrieben worden
sind. Ihnen gebührt nicht nur unsere Anteilnahme, sondern
unsere massive Hilfe. Wir fordern daher die Bundesregierung
auf, über die bisher bereitgestellten Mittel hinaus in
großzügigem Umfang die Flüchtlingshilfe
und die Staaten, die von der Fluchtwelle am meisten betroffen, sind bei
der Aufnahme zu unterstützen.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Bundesvorstand
Harald Händel, Pressesprecher · Donate Hochstein, Stellv. Pressesprecherin
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