Zu den Lufteinsätzen der NATO in Jugoslawien
Zu den Lufteinsätzen der NATO in Jugoslawien erklärt
der Bundesvorstand von BÜNDNIS
90/DIE GRÜNEN:
Mit der Durchführung von Luftangriffen gegen Jugoslawien
hat die NATO seit der vergangenen
Nacht eine seit längerem angedrohte Konsequenz aus
der Weigerung der serbischen Führung
gezogen, im Kosovo-Konflikt den Weg für eine friedliche
Perspektive frei zu machen. Die
serbische Führung um Slobodan Milosevic hat sich
nicht nur geweigert, dem in Rambouillet
ausgehandelten Abkommen zuzustimmen. Sie hat, im Gegenteil,
gerade in den letzten Wochen ihre
Politik des Mordens, der Vertreibung und der ethnischen
Säuberung im Kosovo verschärft. Damit
ist nach unserer Überzeugung die Belgrader Führung
für diese Eskalation der Kosovo-Krise
verantwortlich.
In der schon über 10 Jahre dauernden Geschichte des
aktuellen Kosovo-Konfliktes hat die
internationale Staatengemeinschaft mehrfach erhebliche
Mitverantwortung für die Eskalation der
Auseinandersetzung auf sich geladen: durch Ignoranz gegenüber
dem unterdrückerischen Vorgehen
der serbischen Seite, durch Unterschätzung der menschenverachtenden
und destruktiven Haltung
Milosevics, durch uneinheitliches Auftreten gegenüber
Belgrad und durch widersprüchliches
Taktieren. Ein entschiedenes Vorgehen gegen die serbische
Politik in einem früheren Stadium hätte
es ermöglicht, die inzwischen eingetretene Eskalation
zu vermeiden.
Heute befindet sich die Staatengemeinschaft in einem Dilemma.
Einerseits kann sie das
verbrecherische Vorgehen der serbischen Staatsgewalt in
Kosovo nicht hinnehmen und tatenlos
zusehen. Andererseits bedeutet ein militärisches
Eingreifen de facto eine Kriegserklärung ohne
Mandat der Vereinten Nationen. Dabei ist es keineswegs
sicher, ob die Lufteinsätze die serbische
Gewaltanwendung im Kosovo beenden, geschweige denn die
Unterzeichnung des Abkommens von
Rambouillet erzwingen können. Wir sehen uns nicht
in der Lage, dieses Dilemma politisch oder
moralisch eindeutig aufzulösen. In anderen Fällen
bewirkte der von der NATO eingeschlagene
Weg einer begrenzten militärischen Aktion die Rückkehr
zur Diplomatie und eine nichtmilitärische
Lösung. Die Politik der NATO und der Bundesregierung
wird sich bei jedem einzelnen Schritt
nicht nur an ihren Absichten, sondern auch an ihren Ergebnissen
messen lassen müssen.
Zum ersten Mal seit dem 2.Weltkrieg sind im Kosovo deutsche
Soldaten direkt an kriegerischen
Auseinandersetzungen beteiligt. Damit wächst der
rot-grünen Bundesregierung eine in der jüngeren
Vergangenheit unbekannte Verantwortung zu. An dieser Stelle
fällt es uns Grünen besonders
schwer, unseren politischen Anspruch mit der realen aktuellen
Situation in Einklang zu bringen.
Wir haben großes Verständnis für alle
diejenigen, die aus Gewissensgründen, aus Angst um
Angehörige oder aus politischen Überlegungen
die Intervention im Kosovo und insbesondere die
deutsche Beteiligung daran ablehnen. Wir wissen, daß
sich der von der Bundesregierung
eingeschlagene Weg als Sackgasse erweisen kann. Wir hoffen
trotzdem, daß er kein Fehlschlag
wird und daß der Krieg auf dem Balkan so schnell
wie möglich beendet wird.
Wir begrüßen, daß die Bundesregierung
sich erfolgreich dafür eingesetzt hat, die Grenzen zum
Kosovo für Flüchtlinge wieder zu öffnen.
Europa steht in der Verantwortung die angrenzenden
Länder bei der Aufnahme und Versorgung der Flüchtlinge
zu unterstützen.
Wir unterstützen die Forderung der internationalen
Staatengemeinschaft an die serbische Führung,
sich gegen die Eskalation und für den Vertrag von
Rambouillet zu entscheiden. Wir unterstützen die
Forderung, daß im Kosovo begangene Kriegsverbrechen
und Verbrechen gegen die Menschlichkeit
vor einem internationalen Tribunal angeklagt werden. Andererseits
unterstützen wir aber auch
jegliches politische Angebot, das dem serbische Volk den
Weg hin zu einem selbstverständlichen
Platz in der europäischen Völkergemeinschaft
erleichtert.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Bundesvorstand
Harald Händel, Pressesprecher · Donate Hochstein, Stellv. Pressesprecherin
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