Warum ich als Pazifist bei den Grünen bleibe
Warum ich den NATO-Einsatz im Kosovo ablehne
Die Entscheidung, am NATO-Bombardement von Jugoslawien teilzunehmen,
war ein
schrecklicher Fehler der rot-grünen Bundesregierung. Die Zustimmung
dazu ist
m.E. die größte Fehlentscheidung der Grünen in ihrer
jetzt fast zwanzig Jahre
langen Geschichte. Dabei kritisiere ich nicht in erster Linie den Bruch
des
Völkerrechts oder das Übergehen der UNO (der Sicherheitsrat
hatte sich vorher
selber diskreditiert) und auch nicht den Verrat grüner Programmatik.
Kein
Prinzip, keine Organisation und schon gar kein Programm sind so viel
wert, daß
man sie nicht in Fragen von Tod und Leben umstoßen oder umgehen
kann.
Moralisch-ethisch mag es gut begründete Positionen sowohl bei
den Kriegsgegnern
als auch bei den Kriegsbefürwortern geben. Schlimm sind die politischen
Fehler.
Es ist ein Weg eingeschlagen worden, der kein Problem im Sinne der
von
Völkermord und Vertreibung betroffenen Menschen im Kosovo löst.
Daß angesichts des Mordens und der Vertreibungen im Kosovo durch
die politischen
Machthaber in Belgrad der Ruf nach einem militärischen Eingreifen
laut wurde,
ist psychologisch verständlich. Schließlich hat selbst Ghandi
(sinngemäß) gesagt
Wähle Gewalt vor Feigheit". Der Massenmord und die Massenvertreibung
im Kosovo
waren nicht tolerierbar. Nichtsdestotrotz war der Aufbau der Alternative
Nichtstun oder Bombardierung" von Anfang an unsinnig. Dabei hätten
es gerade
die Grünen besser wissen müssen, sind doch gerade von ihnen
und in ihrem Umfeld
zivile Konfliktbearbeitungsstrategien erarbeitet worden, die wesentlich
adäquater und effizienter geholfen hätten. Was hätte
mit den - vorsichtig
geschätzten - reinen Kriegskosten (ohne Wiederaufbau) von 40 Milliarden
Dollar
für ein wirksames Instrumentarium von Sanktionen und wirtschaftlichen
Anreizen,
von humanitärer Hilfe und ökonomischen Zwängen geschaffen
werden können.....
Mit der NATO ist stattdessen einer militärischen Organisation der
Schlüssel in
die Hand gegeben worden, die zur politischen Lösung von Konflikten
völlig
ungeeignet ist. Und das war voraussehbar. Die fortwährende Bombardierung
ziviler
Ziele und die damit verbundenen Opfern unter der Zivilbevölkerung
beweisen das
täglich neu und stellen die Legitimation ihres Handelns immer
mehr in Frage. Wem
nützt es, Jugoslawien in das Mittelalter zurückzubomben -
und nebenbei
unkalkulierbare Umweltzerstörungen zu verursachen? Die NATO hatte
von Anfang an
keinerlei Strategie für den Fall, daß Milosevic die Bombardierung
einfach
aussitzt. Wenn es zum Bodenkrieg käme, ständen wir am Rande
eines Dritten
Weltkrieges. Den Menschen im Kosovo hat das alles nichts geholfen.
Der
mangelhafte Einsatz für die Flüchtlinge (verglichen mit den
eingesetzten
Kriegsmilliarden) und die mangelnde Bereitschaft der meisten NATO-Staaten
sie
aufzunehmen, legen den Verdacht nahe, daß es ihnen in Wirklichkeit
nicht darum
geht, den Betroffenen zu helfen.
Eine Lösung des Konfliktes und ein Ende des Krieges wird es nur
geben, wenn
allen Beteiligten die Möglichkeit gegeben wird, das Gesicht zu
wahren (wiederum
ein sinngemäßes Gandhi-Zitat). Das wurde in der Vergangenheit
durch die
demagogische Verteufelung des Gegners systematisch verbaut. An Propaganda
stehen
sich Milosevic und NATO in nichts nach.. Ihren Verhandlungspartner
kann sich die
NATO nicht aussuchen. Und je eher sie akzeptiert, daß sie es
auf jugoslawischer
Seite auf absehbare Zeit auch weiterhin mit Milosevic zu tun hat, auch
wenn es
sich zweifellos bei ihm um einen Verbrecher an Völker- und Menschenrechten
handelt, desto eher wird es Frieden geben.
Warum ich die Grünen immer noch für das richtige politische
Forum halte
Ich widme seit 20 Jahren den größten Teil meiner Zeit politischer
Arbeit -
Hauptmotivation: Ökologie- und Friedenspolitik. Ich bin seit Anfang
1980
Mitglied der Grünen, habe mehrere Kreis- und zwei Landesverbände
mitaufgebaut,
war sieben Jahre für den Ökofonds NRW tätig und viereinhalb
Jahre im
Landesvorstand Brandenburg. Außerdem habe ich von Landesarbeitsgemeinschaft
über
Wahlkampfkommission bis Bundesfinanzrat an zahlreichen Arbeitsgemeinschaften
und
Gremien mitgewirkt. Heute bin ich Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft
Ökologie. Wenn ich die grüne Politik in diesem zentralen
Punkt nun für so falsch
halte, warum tue ich mir diese Partei dann weiter an?
Die Antwort lautet: Ich sehe (noch) Chancen für eine konstruktive
Weiterentwicklung ziviler und ökologischer Politik. Der Bielefelder
Beschluß ist
bei genauerem Hinsehen nicht so schlecht, wie er von vielen Linken
gemacht wird.
Insbesondere unterscheidet sich der Text nicht so wesentlich von dem
Antrag
Ströbele, Höhn u.a. (der im übrigen auch kein pazifistischer
Text war), den
viele, die sich jetzt mit Austrittsgedanken tragen, als Erfolg gefeiert
hätten.
In Bielefeld haben die Grünen eine für eine Regierungspartei
überdeutliche
Kritik an der bisherigen Linie der Bundesregierung beschlossen. Es
wurde ein
sofortiger einseitiger Waffenstillstand eingefordert, der de facto
einer
dauerhaften Einstellung der Kampfhandlungen gleichkäme. Einem
Einsatz von
Bodentruppen (der wegen seiner unkalkulierbaren Risiken für den
Weltfrieden für
die allermeisten grünen Mitglieder endgültig das Ende des
Vertretbaren bedeuten
würde) wurde eine eindeutige und nicht interpretierbare Absage
erteilt.
Gleichzeitig wurden die politischen Optionen sowohl koalitionspolitisch
als auf
außenpolitischer Ebene gewahrt. Er eröffnet die Möglichkeit,
daß sich auch in
der SPD etwas bewegt (siehe Landesparteitag in Bayern, diverse Basisaktivitäten,
jüngste Äußerungen von Schröder, Milosevic müßte
nolens volens als
Verhandlungspartner ertragen werden). Und auch wenn man wie ich, die
von der
Bundesregierung eingeschlagene Linie schaft kritisiert: Die besten
Vorschläge
zur Lösung des Kosovo-Konflikts auf dem internationalen Parkett
kamen bisher von
Joschka Fischer.
So pervers es ist: Gerade jetzt bieten sich die besten Chancen, den
Aufbau
ziviler Konfliktlösungstrukturen zu einem wichtigen Bestandteil
der offiziellen
deutschen Außenpolitik zu machen. Für die Reform und Stärkung
von UNO und OSZE
mehren sich auch internationale Stimmen. Im Auswärtigen Amt und
im BMZ werden
früher undenkbare Dinge wie Ausbildungkurse zu Friedensarbeitern
und Zivile
Friedensdienste geplant. Diese und weitere Ansätze gilt es nun
durch die Grünen,
aber auch innerhalb der Grünen zu stärken und auszubauen.
Bei der Errichtung
einer Friedensakademie und dem Aufbau ziviler Friedensdienste müssen
die NGOs
eng eingebunden werden. Die Förderung von Friedenslobbies aus
gesellschaftlichen
Gruppen in Konfliktregionen muß zum A und O deutscher Friedenspolitik
werden.
Für den Ausbau einer Friedensforschung, die frühzeitig und
umfassend in die
Politikberatung, Meinungsbildung und Entscheidungsfindung der
Bundesregierung
miteinbezogen wird sollen in kommenden Haushaltsjahren genügend
Mittel
bereitgestellt werden. Die Einrichtung eines Sanktionshilfefonds zur
Unterstützung von Embargomaßnahmen könnte jetzt vielversprechend
von Deutschland
implementiert werden. Die gezielte und wirksame Beschränkung von
Rüstungsexporten sowie eine deutliche Abrüstung als vertrauensschaffende
(und
ressourcenschonende) Maßnahme liegt in der Hand der rot-grünen
Bundesregierung.
Und nicht zuletzt: Mehr denn je kommt es darauf an, den Betroffenen,
in aller
erster Linie den Flüchtlingen und Deserteuren zu helfen.
Um die hier skizzierten dringenden Aufgaben und ersten Schritte politisch
zu
vermitteln und durchzusetzen, sind für mich Bündnis 90/Die
Grünen immer noch das
politische Instrument, das mir am geeignetsten erscheint. Wenn sich
gerade jetzt
PazifistInnen und VertreterInnen ziviler Konfliktlösungen von
den Grünen
abwenden, wäre das zwar persönlich verständlich aber
politisch fatal und würde
große Chancen für die Sache auf s Spiel setzen.
Der zweite Beweggrund, meine Politik weiter bei Bündnis 90/Die
Grünen zu machen,
ist - was ich an dieser Stelle nicht weiter ausführen will - die
ökologische
Frage. Sie sind immer noch die einzige politische Kraft, die das Überleben
der
Erde und kommender Generationen in das Zentrum politischer Programme
und
Strategien stellt.
Welche organisatorischen Alternativen zur politischen Umsetzung unserer
Ziele
gäbe es denn? Eine andere Partei? Die haben sich alle in den vergangenen
Jahrzehnten desavoiert. Die PDS? Kann ich nach meinen sechseinhalbjährigen
hautnahen Erfahrungen in Brandenburg keinem/r ernsthaften PazifistIn
(und
ÖkologIn) empfehlen. Eine neue Partei gründen? Wäre
chancenlos und würde nur der
Zersplitterung im grünen Spektrum Vorschub leisten. Politische
Arbeit außerhalb
der Partei? Ja! Betrachte ich schon immer als wichtige(re)n und notwendigen
Partner der Parteiarbeit, weil sich gesellschaftliche Veränderungen
nicht in
Parteien und Parlamenten vollziehen, sondern in der Gesellschaft. Aber
ohne
Druck von Parteien und aus Parlamenten heraus bewegt sich in der deutschen
Politik auch zu wenig.
Grüne Politik ist für viele bereits seit ein paar Jahren von
einer Herzens- zu
einer Verstandessache geworden. Das hat positive wie negative Folgen.
Auf der
einen Seite fehlen Schwung und Visionen früherer Jahre. Auf der
anderen Seite
ist die Politik dadurch rationaler geworden und mehr an Umsetzung orientiert.
Für jeden einzelnen ist Politikmachen eine ständige Abwägung:
Was sind die
Instrumente, mit denen ich meine politischen Ziele am besten transportieren
und
durchsetzen kann? Für mich sind das (noch) Bündnis 90/Die
Grünen. Wer glaubt, er
müsse der Partei ein neues Profil (neue FDP?) geben, indem er
die unbequemen
PazifistInnen und konsequenten ÖkologInnen aus den Grünen
drängt, macht einen
politischen Existenzfehler. Eine von ihren friedenspolitischen und
ökologischen
Ansprüchen und Zielen entblößte Grüne Partei braucht
kein Mensch. Für uns
PazifistInnen und ÖkologInnen ist es im Gegenzug wichtig, daß
wir bleiben, den
Diskurs in und mit den Grünen aufrechterhalten und Konzepte für
die Zukunft
weiterentwickeln.
Selbstverständlich bin auch ich nicht unendlich leidensfähig.
Es gibt in der
Politik der nächsten Monate für uns noch viele Klippen zu
umschiffen und viele
Tropfen, die das Faß zum Überlaufen bringen können.
(Wenn wir z.B. den
Atomausstieg nicht hinkriegen, ist für viele Schluß). Ich
weiß, daß es vielen so
geht. Die Diskussionen über den richtigen Weg grüner Politik
gehen überall
weiter. Und das ist gut so.
Berlin, den 23.5.99