Thesenpapier zur Veranstaltung "'Demokratische Propaganda' - Wie in
der BRD der NATO-Krieg gegen Jugosla-wien vor-be-reitet wurde" vom 27.
Oktober 1999 in der B@racke, Münster
von Edo Schmidt
- Vorgeschichte –
"Ich bleibe dabei, daß wir auf Kampfeinsätze im Augen-blick
weder materiell noch psychologisch vorbereitet sind. (...) Es geht auch
nicht nur darum, die Soldaten, sondern die ganze Gesellschaft auf diese
neuen Aufgaben (weltweiter Kampfeinsätze - E.S.) vorzubereiten. Bei
Blauhelmeinsätzen ist das schon gelungen. (...) Auf Dau-er ist eine
Beschränkung auf Blauhelm-Einsätze nicht re-alistisch. (...)
Das kann sich alles entwickeln."
(Volker Rühe in: 'Der Spiegel', 30/1992)
"Für die Zukunft sehe ich die erhebliche Gefahr, daß die
Bundesregierung, Koalition und Generalität nach den Gesetzen der Salamitaktik
Anlässe suchen und Anlässe schaffen werden, um die Barrieren
abzuräumen, die es gegenüber der Außenpolitik des vereinigten
Deutschland noch gibt.
(Joseph Fischer in: 'Die Woche', 30.12.1994)
These 1: Die Installation eines Feindbildes: "Die Serben"
Während der bundesrepublikanischen Anerken-nungs-politik
(Genscher) gegenüber den Folgestaaten Jugoslawiens: Slowenien, Kroatien,
Mazedonien, Montenegro und Bosnien-Hercegovina, wurde ein ein-eitiges Feindbild
für den gesamten Jugoslawien-Konflikt benannt: Serbien bzw. die sog.
Altkommunisten der Bundesrepublik Jugoslawien. Ob im Konflikt um die Souveränität
Kroatiens oder Bosniens, immer war Milosevic der Buhmann, obgleich seine
Kontrahenten Tudjmann oder Izetbegovic ihm i.b.a. Kriegs- und Volksverhetzung
in nichts nachstanden. Es gab in den Medien also schon früh ein Feindbild,
ein völkisch-nationalistisches, nämlich das "der Serben". Neben
den Investitionsinteressen bundesrepublikanischer Großunternehmer
muß nach weiteren Gründen für diese Außenpolitik
gesucht werden:
"Fragt man sich nach den Motiven, so kann vermutet werden, daß
die deutsche Außenpolitik eine Zersplitterung begünstigte, um
die Möglichkeit der Herausbildung einer starken politischen Kraft
in Osteuropa zu verhindern und insbesondere den Einfluß Rußlands
zu schwächen. (...) Eigenständige Entwicklungspfade werden im
europäischen Haus oder vor der Tür der Europäischen Union
nicht geduldet. Milosevic ist das vom Prozeß der europäischen
Integration erzeugte Monster." (Alex Demi-rovic: Balkankrieg, Postfordismus
und Global Governance; in: diskus Nr. 2; Frankfurt a.M. Juni 1999)
These 2: Propaganda braucht Mythen.
Durch fingierte Meldungen wurden die Bevölkerungen der europäischen
Staaten und der USA "auf Kriegskurs gebracht" und z.B. o.g. Feindbilder
vertieft. Das folgende Beispiel ist eines von vielen, bei dem zumindest
"unklare" bzw. undurchsichtige Nachrichten einseitig interpretiert und
verbreitet wurden:
Am 15. Januar 1999 wurden im Kosovo-Dorf Racak 45 Tote aufgefunden.
Am folgenden Tag bezichtigte der Leiter der OSZE-Mission, William Walker,
sofort serbische Polizeikräfte des Massakers an unschuldigen albanischen
Zivilisten und sprach von "außergerichtlichen Hin-richtungen und
Verstümmelung von unbewaffneten Zivilisten albanischer Herkunft" (NZZ,
25.1.1999). Nach den Ausführungen eines Korrespondenten der Springer-Zeitung
"Die Welt" (18.1.1999) hätten die serbischen Täter "auch das
Hirn aus dem Schädel gelöffelt". (Diese oder ähnlich grauenhafte
Bilder sind typisch für "demokratische Propaganda".)
Serbische Vertreter stritten dies ab und beschuldigten ihrerseits die
UCK, Manipulationen an den Leichen vorgenommen zu haben. Sie seien nachträglich
in Zivilkleidung gesteckt und zusammengetragen worden, um ein Massaker
vorzutäuschen. Dennoch brachten die westlichen Medien ausschließlich
Walkers Version dieses Vorfalles in Racak.
Spätere Untersuchungen ergaben jedoch, daß diese Menschen
aus einiger Entfernung von Geschossen getroffen wurden, woraus geschlußfolgert
wurde, daß sie im Kampf starben. Nach den Darstellungen einer Untersuchungskommission,
die von der EU eigens für diesen Fall eingesetzt wurde, seien die
Toten aus verschiedenen Orten nach Racak zusammengetragen worden. Der entsprechende
Bericht wurde - zwar verzögert, aber immerhin - zwei Wochen nach seinem
angekündigten Erscheinungs-termin veröffentlicht. Dennoch blieb
der OSZE-Missionsleiter Walker bei seiner Version eines Massakers der Serben
an Zivilisten, was in den meisten westlichen Medien - trotz des Dementis
der Kommissionsleiterin Helena Ranta - die verbreitete Version der Geschehnisse
blieb:
"Kurz vor der Übergabe des Berichtes legte die 'Wa-shington Post'
noch mal nach: die Expertise bestätige, daß ein 'organisiertes
Massaker' stattgefunden habe. Ranta dementierte. Beobachter stellten einen
direkten Zusammenhang des Zeitungsberichtes zur harten Verhandlungsführung
der USA in Paris her und erinnerten an die Rolle der 'Washington Post'
bei der propagandistischen Vorbereitung des Golfkrieges 1991." (BZ; 19.3.1999)
These 3: Der Konflikt zwischen den "westlichen Demokratien" und "den Serben" wurde bewußt zur Eskalation gebracht.
Am Ende der Verhandlungen in Rambouillet stand die Erpressung
der serbischen Verhandlungsdelegation, da ihr kurz vor Ablauf eines Ultimatums
ein Vertragstext zur Unterschrift präsentiert wurde, den sie nicht
kannte, und den sie in der Kürze der Zeit auch nicht hätte prüfen
können. Er kam einer Preisgabe der Souveränität der Bundesrepublik
Jugoslawiens gleich, da er "faktisch zur Besetzung des Landes durch die
NATO und zu einer Abtrennung des Kosovo geführt hätte." (Alex
Demirovic: 1999) In den Medienberichten wurde diese Dimension der "Verhandlungen"
jedoch nicht "angesprochen" und stattdessen die "starrsinnige Haltung der
Serben" hervorgekehrt. Aber daß "kein Staat einer solchen Forderung
jemals zugestimmt hätte, liegt auf der Hand." (Antifaschistische Initiative
Heidelberg: Ihre 'Neue Weltordnung' angreifen! Kampf der NATO-Kriegspolitik!;
in: Contraste Spezial; Osnabrück Juni 1999).
Noam Chomsky bringt die Entscheidung des Westens, Krieg zu führen,
klar zur Sprache: "Die USA haben einen Kurs gewählt, der, wie sie
ausdrücklich anerkennen, die Greueltaten und Gewalt 'vorhersagbar'
eskalieren läßt; ein Kurs, der auch einen weiteren Schlag gegen
das Re-gime internationaler Ordnung führt, welches den Schwachen wenigstens
ein Minimum an Schutz vor räuberischen Staaten bietet. Auf lange Sicht
sind die Konsequenzen jedoch nicht vorhersagbar." (Noam Chomsky: Die gegenwärtigen
Bombardierungen. Hinter der Rhetorik; in: Contraste Spezial; Osnabrück
Juni 1999)
"Vor diesem Hintergrund leuchtet die Beobachtung von Werner Link, Professor
für Internationale Be-ziehungen an der Universität Köln,
ein, warum die Kosovo-Albaner nach ebenfalls anfänglicher Weigerung
den Rambouillet-Vertrag unterschrieben haben: 'US-Außenministerin
Al-bright hatte erklärt, es werde keinen Militärschlag gegen
Jugoslawien geben, wenn auch die Kosovo-Albaner den Friedensplan ablehnten.
Das heißt, die Kosovo-Albaner konnten davon ausgehen, daß ihre
Unterschrift zur Nato-Intervention führte. Die Luftschläge würden
Jugoslawien bzw. Serbien entscheidend schwächen und damit die Machtverhältnisse
zu ihren Gunsten ändern' (Frankfurter Rundschau; 10.4.1999). (...)
Die Nato hat sich damit in einen militärischen Entscheidungsautomatismus
begeben, der immer weniger von ihr selbst, sondern zunehmend von serbischer
und kosovarischer Seite aus gesteuert wurde - und der mittlerweile militärischer
statt politischer Dynamik unterworfen ist'" (Lutz Schulenburg: Ka-mera-Auge.
Weder Euren Krieg, noch Euren Frieden; in: Die Aktion. Zeitschrift für
Politik, Literatur, Kunst; Heft 191/194; Hamburg 1999).
These 4: In der "Zuschauerdemokratie" wurde durch die "innere Zerrissenheit" ihrer ProtagonistInnen die Zustimmung für den Krieg hergestellt: die "Konsensproduktion".
Nach Noam Chomsky ist die vorherrschen-de Demokratieform in den
westlichen Industrienationen nicht die der partizipativen Demokratie, sondern
eine Art "Zuschauerdemokratie". Er führt aus, daß die "wilde
Her-de", der größte und uninformierte Teil der Bevölkerung,
durch Politiker und Intellektuelle geleitet wird, die über die entsprechenden
- vorenthaltenen - Informationen verfügen. Diese Form der Demokratie
sei auf Propaganda zur "Konsensproduktion" angewiesen, wie eine Militär-diktatur
auf die Knute, auf physische Zwangs- bzw. Ge-waltmittel also, um
die "Stampede" in Schach zu halten. Als Beispiel führt Chomsky die
für den Kriegseintritt der USA nötige Verwandlung der US-amerikanischen
Gesellschaft um 1916 von einer pazifistischen in eine nach Krieg dürstende
- durch das Mittel der Propaganda, gewissermassen einer "demokratischen
Propaganda". Ebenso verhielt es sich während des Golfkriegs, jedoch
nicht nur mit der US-amerikanischen Gesellschaft.
Im Falle des NATO-Angriffskrieges gegen die Bundes-re-publik Jugoslawien
mußte in den westlichen Gesellschaften ebenfalls die Bereitschaft
und die Unterstützung des Kriegskurses hergestellt werden. Oft dienten
hierzu in der Öffentlichkeit zweifelnde PolitikerInnen und Intellektuelle,
die "das kleinere Übel" des Krieges wählten, um ihrem Drang nach
"Humanität" nachzugeben: Die "innere Zerrissenheit der Intellektuellen,
gegen den interessegeleiteten, aber für den moralischen Krieg zu sein,
trifft sich mit der zerrissenen Haltung der Politiker, die ihre Kriegsführungspolitik
als Ergebnis eines moralischen Dilemmas präsentieren und damit eine
neue Form der moderierenden Regierungskunst ausarbeiten" (Alex Demirovic:
1999).
Dem hält Noam Chomsky (1999) entgegen: "Ein Standardargument ist,
daß wir etwas tun mußten: wir konnten nicht einfach untätig
dabeistehen, als die Greueltaten weitergingen. Das ist niemals wahr. Eine
Möglichkeit besteht immer darin, dem hippokratischen Prinzip zu folgen:
'Zuallererst, füge kein Leid zu'. Wenn es keinen Weg gibt, bei diesem
Prinzip zu bleiben, dann tu' nichts. Es gibt immer Wege, die in Betracht
gezogen werden können. Diplomatie und Verhandlungen sind nie am Ende."
Oder, wie die Entscheidung eines Teils der rot-grünen Regierungskoalition
in der BRD für diesen Krieg von dem Soziologen Christian Sigrist in
einem Interview in der 'graswurzelrevolution' kommentiert wurde: "Alternativen
gibt es (immer), es gibt gute, schlechte, ... aber einfach dieses alternativlose
Denken von Anfang an, man kann das nicht anders interpretieren, als mit
'Regierungsfähigkeit'. Die Gefahr des Zerbrechens der rot-grünen
Koalition, raus aus dem Regierungsgeschäft, eventuell Neuwah-len und
dann das Mandat weg. Es ist das Kleben an der Macht. MMB - Macht macht
blöd. Auf der unteren Stufe heißt es Mandat macht blöd,
selbst kluge Leute. So kann man das erklären." (Der "Siegfrieden"
der NATO; in: graswurzelrevolution Nr.240; Sommer 1999)
These 5: Die BRD kämpft im NATO-Angriffskrieg "ih-re Vergangenheit" und "den Sonderweg" nieder - dank einer Schlußstrichmentalität, mit der die Verbrechen der NS-Zeit verharmlost werden.
Statt den friedvollen Weg zu gehen, haben sich also bundesdeutsche PolitikerInnen und Intellektuelle öffentlich nicht nur für die Kriegsposition vereinnahmen lassen, sondern für diese noch durch ihre zur Schau gestellte "innere Zerrissenheit" geworben ("Schlaflosigkeit", "kleineres Übel" etc.). Darüber hinaus wird zur Herstellung des Konsenses nicht auf eine Gleichschaltung der Medien gesetzt, sondern es werden vermehrt gleichlautende, hegemoniale Positionen verbreitet. "In England knüpft New Labour zur Rechtfertigung des Krieges an den kolonialistischen Diskurs von der Bürde des weißen Mannes an. So wie damals Zivilisation werden heute Freiheit und Menschenrechte verbreitet. In Deutschland wird analog dazu die Formel verwendet, aus den eigenen Verbrechen gelernt zu haben." (Alex Demirovic: 1999) So wird der Vergangenheit des NS-Staates nachträglich noch ein positiver Sinn gegeben und die Verbrechen "als notwendiges Lehrstück" verharmlost. Am auffälligsten geschah dies wohl bei der (nicht neuen) Gleichsetzung von Milosevic mit Hitler, oder beim Äußern des Wunsches, KZ's bzw. ein "zweites Auschwitz" durch einen "gerechten Krieg" verhindern zu wollen. Dabei hörten sich viele Intellektuelle und Politiker so an, als könne hierdurch einiges ungeschehen gemacht werden, was durch den deutschen Staat von 1933 bis 1945 verbrochen wurde. Die 1945 erfahrene "Befrei-ung" sollte nun gewissermaßen durch bundesdeutsche Streitkräfte weitergegeben werden. Jedoch stellten sich "Scharpings KZ's" oft genug als seine Erfindung oder als Wunschdenken heraus; aber die Medien machten alles mit und fanden noch lange nach dem Abzug des serbischen Militärs aus dem Kosovo angebliche Massengräber und KZ's. (Der von den Nationalsozialisten zwar nicht erfundene, dennoch für ihre Propaganda unermeßlich wichtige Begriff des "Konzentrationslagers", ist in der bundesdeutschen Öffentlichkeit allein schon als eine Verharmlosung von historischen Tatbeständen zu sehen.)
These 6: Die Militarisierung der Politik setzt die Militarisierung der Gesellschaft voraus. "
18. März: Der Krieg kommt näher. Er drängt sich in den
Alltag. Dringt in die Köpfe ein, noch bevor er eine Tatsache geworden
ist. In der Lokalzeitung: 'Jugoslawische Grenz- und Polizeieinheiten sind
west-lich von Djakovica aus mehreren Dörfern von Einheiten der kosovoalbanischen
Befreiungsarmee UCK angegriffen worden, hieß es in Pristina' (Bergedorfer
Zeitung). Im Kommentar erhält Trittin einen 'Schuß vor den Bug'.
Die Sprache eilt den Ereignissen voran. (...)
22. März: 'Vorsicht Milosevic: Im nächsten Flugzeug über
Belgrad sitzen keine Vermittler mehr, sondern Kampfpiloten' (Hamburger
Morgenpost). (...) (An anderer Stelle steht,) Schröder wolle durch
eine 'Ausbildungsoffensive den Mangel an qualifizierten SoftwareEntwicklern
und Technikern' beenden. (...)
24. März: Der Krieg hat begonnen. (...) Der offizielle Kriegs-Diskurs:
'Milosevic zur Vernunft bringen' und 'eine humanitäre Katastrophe
abwenden'. (...) Der Kriegskanzler Schröder, vor einer Regalwand mit
Buchattrappen, hält eine Ansprache, die überraschende Tatsachen
enthält: '(...) Wir führen keinen Krieg, aber wir sind aufgerufen,
eine friedliche Lösung im Kosovo auch mit militärischen Mitteln
durchzusetzen (...) Ich rufe von dieser Stelle aus alle Mitbürgerinnen
und Mitbürger auf, in dieser Stunde zu unseren Soldaten zu stehen.'
Zu was sollen die Bürgerinnen und Bürger 'stehen'? Manfred
von Richthofen in seiner Kriegsschwarte Der rote Kampfflieger: 'Es ist
ein eigenartiges Gefühl, da hat man wieder einmal ein paar Menschen
totgeschossen, die liegen irgendwo verbrannt, und selbst setzt man sich,
wie alltäglich, an den Tisch, und das Essen schmeckt einem ebensogut
wie immer. Das sagte ich auch einmal zu Ma-jestät, wie ich beim Kaiser
zur Tafel befohlen war. Doch Majestät sagte nichts zu mir als: "Meine
Soldaten schießen keine Menschen tot, meine Soldaten vernichten den
Gegner."
26. März: (...) Claudia Büring befragt einen Lebensmittelhersteller
über das vermeintliche Verschwinden von 'Serbischer Bohnensuppe' aus
den Regalen: 'Die "Serbische Bohnensuppe" ist schon seit 20 Jah-ren fester
Be-standteil in unserem Sortiment (...) Daher nehmen wir mit Besorgnis
zur Kenntnis, daß in einigen Supermärkten in Berlin unsere >Serbische
Bohnensuppe< offensichtlich nicht erhältlich ist' (Junge Welt).
(...)
27. März: Aus der Bundestagsdebatte: 'Fischer sagte: "Ich möchte
mit allem Nachdruck zurückweisen, daß von deutschem Boden wieder
Krieg ausgeht" (Die Tageszeitung). (...)
31. März: (...) 'Das Unheimliche am Krieg ist seine Eigendynamik,
seine Unberechenbarkeit' (Die Zeit). Zu Beginn eines TV-Interviews herrscht
ein Politiker den Journalisten an, er solle 'nicht von Nato-Bombardierungen
sprechen'.
1. April: In Die Zeit (31.3.) (...) findet sich ('Über den Beginn
und das Ende einer neuen Weltordnung') die scharfsichtige Analyse von Slavoj
Zizek: 'Ob Saddam Hussein oder jetzt Milosevic - immer heißt es:
"die Gemeinschaft der zivilisierten Länder gegen ..." Aber auf welchen
Kriterien beruht diese Unterscheidung? Warum Albaner in Serbien beschützen,
nicht aber Palästinenser in Israel, Kurden in der Türkei et cetera?
Und hier be-kommen wir es natürlich mit der schattigen Welt des internationalen
Ka-pitals zu tun (...) Was wenn ein Phänomen wie Milosevic' Regime
nicht der Gegensatz zur neuen Weltordnung wäre, sondern ihr Symptom,
der Schauplatz, an dem ihre versteckte Wahrheit ans Tageslicht tritt?'"
(Lutz Schulenburg: 1999)
These 7: Die Militarisierung der Gesellschaft geht weiter und mit ihr werden die nächsten Kriege vorbereitet, während die Repression gegen den Widerstand resp. gegen Opposition zunimmt.
"Obwohl nach mehr als 70 Tagen Luftkrieg gegen Jugoslawien für
jeden sichtbar ist, daß die Zerstörung der Infrastruktur und
die Verwüstung des Landes verheerend ist und die Rückkehr der
Flücht-linge nicht durch die Bombardierung Jugoslawiens erreicht wurde,
ist die Kritik der KriegsgegnerInnen, daß die Folgen des Dauerbombardements
offensichtlich im eklatanten Widerspruch zu ihrer moralischen Begrün-dung
- der Durchsetzung von Menschenrechten - stehen, wirkungslos geblieben.
Eine große linke Antikriegsbewegung ist nicht entstanden. Das hat
wohl auch damit zu tun, daß die vorherrschende Begründung, dieser
Krieg werde für Menschenrechte geführt, auch vielen, die sich
selbst als Linke begreifen, einleuchtet. Die Einbruchstelle für den
moralisch aufgeladenen Diskurs der KriegsbefürworterInnen ist die
Grundüberzeugung der Neuen Lin-ken, daß Widerstand gegen die
staatliche Unterdrückung und Gewalt gerechtfertigt sei. Hier knüpft
die offizielle menschenrechtliche Begründung für den "Krieg der
Achtundsechziger" an, die nach dem einfachen Schema von sich befreienden
Unterdrückten (=gut) und staatlichen Unterdrückern (=böse)
funktioniert. Ist dieses Schema erst einmal durchgesetzt, kann den KriegsgegnerInnen
auf der moralischen Ebene Paroli geboten werden. Der Konflikt ist auf eine
zweiwertige Dumpfbacken-Alternative gebracht: entweder Unterstützung
der NATO-Angriffe oder Unterstützung Milosevics." (aus: Editorial;
diskus Nr. 2; Frankfurt a.M. Juni 1999) Dieses Zitat gibt in etwa wieder,
was KriegsgegnerInnen sich - auch und gerade von sog. linken KriegsbefürworterInnen
- anhören mußten. Und gleichzeitig schritt die Militarisie-rung
der Gesellschaft voran. In Münster gab es z.B. noch während des
NATO-Krieges sog. "Soldatenmärsche". Gegen die Zahlung einer Gebühr
von 10,- DM durften sich die BürgerInnen der Stadt an diesen Spaziergängen
"im flotten Tempo" beteiligen. Marschiert wurde gemeinsam mit holländischen
und deutschen Soldaten (Deutsch-Niederländisches Corps) rund um den
Aasee - zur Völkerverständigung, wie es hieß. Auch fand
während dieser Zeit das öffentliche Rekrutengelöbnis im
Bendler Block in Berlin, der Wehrmachtzentrale während des Zweiten
Weltkrieges, bei dem die Wehrmacht bekanntlich einen Vernichtungskrieg
gegen JüdInnen v.a. in Osteuro-pa führte, statt.
Trotz aller Propaganda: Widerstand gegen den Krieg und gegen die Militarisierung
der Gesellschaft gab und gibt es, wenn auch nur vereinzelt. In Münster
gab es während der gesamten Dauer der Bombardements - und lange da-nach
noch - an jedem Samstag Kundgebungen auf dem Prinzipalmarkt, über
die jedoch aus den örtlichen Medien nichts (!) zu erfahren war. Die
Kundgebungen waren zwar nie besonders gut besucht, jedoch inhaltlich sehr
gut vorbereitet, und störten die "friedliche, den Krieg vergessen
machende Atmosphäre" in der Innenstadt erheblich. Auch während
des öffentlichen Gelöbnisses im Bendler Block und während
der "Soldatenmärsche" gab es bunte, laute und störende Aktionen.
Aufrufe zur Desertion gab es auch, sie wurden jedoch mit ungewöhnlich
heftiger Repression von Seiten staatlicher Organe gekontert, und nicht
zuletzt hier waren wieder einmal starke Zweifel an der Rechts-staatlichkeit
in diesem Land angebracht; ganz zu schweigen von den Gesetzesbrüchen
und Rechtsver-stößen, die für diesen Angriffskrieg national
und international nötig waren.
Welche zukünftigen Kriege kündigen sich durch eine derart
eindeutige Militarisierung der Gesellschaft an?
Welche veränderten Aufgaben hat die NATO und mit ihr die Bundeswehr
bereits und in Zukunft, daß z.B. der Widerstand gegen die Kriegspropaganda
der BRD und gegen das Töten bundesdeutscher Soldaten derart heftig
angegangen wird?
Was wird sich die rot-grüne Bundesregierung noch alles einfallen
lassen, um einen Sitz im UN-Sicherheitsrat zu bekommen?
Und warum werden Politiker umso beliebter, je chauvinistischer und
kriegshetzender sie auftreten?