(Folgender Antrag wurde mit 42 : 4 : 0 Stimmen beschlossen)
Die Mitgliederversammlung möge die folgende Resolution beschließen, den Vorstand beauftragen, diese Resolution an den Bundes- und Landesvorstand sowie die Bundestagsfraktion weiterzuleiten und die Duisburger Bundesdelegierten beauftragen, im Sinne dieser Resolution auf der Sonder-BDK am 13. Mai abzustimmen.
Den Krieg beenden - zurück an den Verhandlungstisch!
In großer Besorgnis um die Bevölkerung Jugoslawiens - in Kosovo wie im übrigen Land, mit Empörung und Scham über den Einsatz deutscher Truppen in einem Land, das erst vor einem halben Jahrhundert den Terror der deutschen Wehrmacht erdulden mußte, voll Zorn über die einseitige Berichterstattung und Propaganda in westlichen Medien fordern wir:
· Die sofortige Einstellung des Angriffskrieges
gegen Jugoslawien
· Rückzug aller NATO geführten
Truppen aus dem Balkan
· Raum für echte Vermittlung
im Konflikt durch die UNO, neutrale Staaten und Institutionen
· Flüchtlingen, die nicht an
ihre Herkunftsorte zurückkehren können oder wollen, unbeschränkt
Asyl zu gewähren
· Strafverfahren vor dem Gerichtshof
in Den Haag gegen Kriegsverbrecher - gleich von welcher Seite
Wir unterstützen die 7 Grünen MdB, die auch am 26. März trotz enormen politischen Drucks der Kriegslogik widerstanden und ihre Zustimmung zum Kosovo-Beschluß des Bundestages verweigert haben. Wir fordern die Grünen Regierungsmitglieder und Abgeordneten auf - ohne Rücksicht auf Regierungsbeteiligung - ihre Unterstützung der völkerrechtswidrigen NATO-Politik zu beenden, zur Beschlußlage der Grünen Partei zurückzukehren und ihren Einfluß zu benutzen, den Angriffskrieg gegen Jugoslawien sofort zu beenden.
Begründung
Die Luftangriffe auf Jugoslawien haben die von der NATO formulierten
Ziele nicht erreicht:
Die humanitäre Katastrophe sollte verhindert werden. Das Gegenteil
ist der Fall: Der grauenhaften ethnischen Vertreibungspolitik von Milosevic
hat sie nicht Einhalt geboten, vielmehr muß sie sich nun der Bilanz
stellen, daß die Luftangriffe die Situation gerade für die Zivilbevölkerung
und für die inzwischen zahllosen Flüchtlinge noch verschlimmert
haben.
Die Unterschrift von Milosevic unter das Rambouillet-Abkommen fehlt
immer noch. Der Vertrag ist mittlerweile völlig in Frage gestellt
- auch von den Kosovo-Albanern.
Milosevic ist politisch gestärkt, die oppositionellen Kräfte
im Kosovo sind geschwächt.
Eine politische Lösung rückt durch die Luftangriffe weiter
weg. Der wachsende serbische und albanische Nationalismus sowie blanker
Haß stehen einem dauerhaften Friedensabkommen und einem mulitikulturellen
Zusammenleben entgegen.
Die beiden zentralen Ziele der NATO waren es, die humanitäre Katastrophe
einzudämmen und die serbische Unterschrift unter das Rambouillet-Abkommen
zu erreichen. Dies ist gescheitert.
Zweifellos trägt Serbien seit Jahren die Hauptverantwortung für
die Konflikt-Eskalation im Kosovo. Mord und Vertreibung sind durch nichts
zu rechtfertigen, ebensowenig Diskriminierung von Bevölkerungsgruppen.
Um einer politischen Konfliktlösung willen darf jedoch nicht übersehen
werden, daß es auch nicht durch Serbien verursachte Elemente der
Konflikteskalationen gegeben hat.
Unmißverständlich verurteilen wir an dieser Stelle die vom
Milosevic-Regime begangenen Menschenrechtsverletzungen!
Wären sich die Westmächte in den letzten Jahren in ihrer
zivilen Jugoslawienpolitik bis hin zum Embargo so einig gewesen wie sie
es jetzt bei diesem Krieg sind, sähe die politische Situation in der
Region mit Sicherheit ganz anders aus. Zu den Fehlern der letzten Jahre
gehören auch die mangelnde Unterstützung der serbischen Opposition.
Zu den Fehlern der letzten Monaten gehört, daß nicht alle
politischen Spielräume genutzt wurden, daß ein militärisches
Drohszenario aufgebaut wurde, das auf einer Eskalationslogik basiert und
zu einer Ausweitung des Krieges auf die gesamte Balkan-Region führen
kann. Zu den leider zukunftsweisenden Fehlern gehört, daß der
NATO-Angriff völkerrechtswidrig ist.
Der Krieg ist völkerrechtswidrig
Wir können die Augen nicht davor verschließen, daß
die NATO einen souveränen Staat, der Mitglied der Vereinten Nationen
ist, bombardiert, daß sie ihn im völkerrechtlichen Sinn "angegriffen"
hat. Nach dem Wortlaut des deutschen Grundgesetzes und unter Verfassungsrechtlern
ist unumstritten, daß die NATO - aber auch die Bundeswehr - nur dann
gegen einen souveränen Staat aktiv werden darf, wenn sie in individueller
oder kollektiver Selbstverteidigung handelt oder vom UN-Sicherheitsrat
ein Mandat erhalten hat (nach Kapitel VII der UN-Charta). Weder das Mandat
noch der Fall von Selbstverteidigung liegen vor.
Damit hat die NATO in bisher unbekannter Weise die Vereinten Nationen
geschwächt und will so eine neue Rolle als (weltweite) Ordungsmacht
einnehmen. Mit diesem Präzedenzfall von NATO-Selbstmandatierung wird
das Völkerrecht auf den Stand vor Gründung der Vereinten Nationen
zurückkatapultiert und eine neue NATO-Doktrin praktisch formuliert.
Gerechte und saubere Kriege gibt es nicht
In der Tat befindet sich Europa und besonders Deutschland in einem
Dilemma. Auf der einen Seite können wir dem Morden und den Vertreibungen,
die vom Milosevic-Regime begangen werden, nicht einfach zusehen. Wir glauben
allerdings, daß militärische Mittel hier nicht helfen können,
sondern daß sie die Situation noch verschlimmern.
Ein Krieg läßt sich erst recht nicht damit "gerecht reden",
daß man Vergleiche zu den Greueltaten des Hitler Faschismus zieht.
Die Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz Esther Bejerano,
Kurt Goldstein und Peter Gingold haben in ihrem am 12. April 99 an Joschka
Fischer und Rudolf Scharping adressierten Brief deutlich gemacht, daß
sie die Vergleiche mit dem "in der bisherigen Menschheitsgeschichte einmaligen
Verbrechen" kritisieren.
Krieg bietet selten moralische Gewißheit und noch seltener klare
Trennungslinien zwischen Gut und Böse. Er bleibt ein schmutziges Geschäft.
Mit Beginn eines jeden Krieges stirbt zuerst immer die Wahrheit. Die
IG Medien fordern die JournalistInnen zu Recht auf, verantwortlich über
den Kosovo-Krieg zu berichten: Was im Kosovo-Krieg wirklich geschieht,
werden wir teilweise erst viel später erfahren. Die schon aus dem
"Golf-Krieg" bekannten NATO-Video-Bilder, die jeden Abend weltweit in die
Wohnzimmer flimmern, sollen uns einen sauberen Krieg suggerieren. Die chirurgische
Bombardierung, den sauberen Computer-Krieg, der zivile Opfer, Tod und Zerstörung
ausschließen würde, gibt es in der Realität nicht. Gerade
auch das Flüchtlingselend zeigt, was Krieg und Zerstörung für
Folgen haben.
Die kosovo-albanischen und serbischen Flüchtlinge in der Region
sind die Opfer des Krieges. Europa ist aufgefordert, ihnen vor Ort zu helfen
und sie - wenn es ihrem Wunsch entspricht - aufzunehmen. Gerade die Bundesrepublik
muß ihr Flüchtlingskontingent erheblich aufstocken! Hilfe darf
sich nicht nur auf Soforthilfe beschränken, sondern auch mittel- und
langfristig angelegt sein.
Die Folgen eines Bodenkrieges: Weitere Eskalation und Destabilisierung
Um "humanitäre Korridore" oder die generelle Rückkehr der
Vertriebenen sicher zu stellen, wird immer öfter der Einsatz von Bodentruppen
gefordert. Die Konsequenzen eines Bodenkrieges allerdings wären verheerend.
Wenn wir diese nächsten Schritte der militärischen Eskalationslogik
gehen, riskieren wir sehenden Auges die endgültige Destabilisierung
der gesamten Region. Der Krieg könnte sich auf die Nachbarstaaten
Mazedonien, Albanien, möglicherweise Griechenland und die Türkei
ausweiten. Außerdem ist absehbar, daß sich dann Rußland
nicht mehr aus der Auseinandersetzung zurückhalten könnte. Langfristig
würde die Tendenz verstärkt, die die Auflösung des derzeitigen
Staatensystems auf dem Balkan zum Ziel hat, nämlich die (notfalls
gewaltsame) Schaffung eines Großalbanien, Großserbien und Großkroatien.
Die Beteiligung der Bundeswehr an den NATO-Kampfhandlungen bedeutet
eine historische Zäsur.
Zum ersten Mal seit 1945 führt Deutschland Krieg. Das ist der
bisheriger Höhepunkt einer langen Kette von Ereignissen, mit denen
auf eine aktive deutsche Beteiligung an einem Kriegseinsatz hingearbeitet
wurde. Deutsche Kriegsbeteiligung soll als Normalität Schritt für
Schritt durchgesetzt werden. Die Chancen für eine Zivilisierung der
deutschen Außenpolitik unter diesen veränderten politischen
Bedingungen haben sich erheblich verschlechtert.
Die Alternative zum Krieg
Oft wird gerade denjenigen vorgeworfen, die sich für ein sofortiges
Ende der NATO-Luftangriffe aussprechen, es gäbe keine Alternative
zum Krieg. Wir glauben, es gibt keine Alternative zum sofortigen Ende des
Krieges. Da die Ziele des NATO-Luftangriffes gescheitert sind, fragen wir
diejenigen, die für eine Fortsetzung der Angriffe sprechen: Was ist
das Ziel? Der Sturz der jugoslawischen Regierung? Wo ist der Ausstieg,
gibt es überhaupt noch einen Ausstieg aus dieser hochriskanten Eskalation?
Wir orientieren uns bei der folgenden Alternative zum Krieg auch an
dem Memorandum der "Juristinnen und Juristen gegen atomare, biologische
und chemische Waffen" IALANA (FR. 31.3.1999): Die verschiedenen auf dem
Balkan entgegenstehenden Akteure finden ohne das Einschalten Dritter zu
keinem Waffenstillstand und zu keiner politischen, wirtschaftlichen und
sozialen Perspektive für die Region. Deshalb sind wir der Ansicht,
daß eine Vermittlungsinitiative durch einen neutralen Vermittler
ergriffen werden muß, welcher als erstes einen Waffenstillstand aushandeln
muß. Bei der Wahrnehmung seiner Aufgaben nach der UN-Charta darf
er von keiner Regierung oder der NATO an Weisungen oder Bedingungen gebunden
sein. (Art. 100 Abs. 1 UN-Charta). Eines Auftrages des UN-Sicherheitsrates
bedarf er für eine solche Vermittlungs- und Friedensmission im Kosovo-Krieg
nicht.
Unter dem Vorsitz des UN-Generalsekretärs sollten die Verhandlungen
über eine friedliche Zukunft des Kosovo am UN-Sitz der Vereinten Nationen
in Genf unverzüglich aufgenommen werden. Dabei muß der zentrale
Fehler der bisherigen Rambouillet-Verhandlungen vermieden werden, nämlich
ein Abkommen durch die Androhung eines militärischen NATO-Angriffs
erreichen zu wollen und ein "NATO-Protektorat" in Kosovo oder in ganz Jugoslawien
anzustreben.
Ziel dieser Verhandlungen muß es sein: 1. die zivilen Bestandteile
des "Rambouillet-Vertrages" festzuschreiben, 2. die Entsendung eines ausreichend
starken, im Kosovo zu stationierenden UN-Blauhelm-Kontingents unter UN-Hoheit
mit Zustimmung der Konfliktparteien zur Überwachung eines Waffenstillstands
zu erreichen, 3. wirksame Maßnahmen zur Überwachung und Durchsetzung
eines Waffenembargos zu vereinbaren.4. die Rückkehr aller Flüchtlinge
in ihre Herkunftsorte zu ermöglichen.
Ein ausgehandeltes und unterzeichnetes Friedensabkommen, das wir uns
alle wünschen, wird internationale Absicherung brauchen - allerdings
kommt die NATO dafür nicht in Frage, ist sie doch spätestens
mit den Luftangriffen zur Kriegspartei geworden. Auch wenn OSZE oder UNO
diese Absicherung übernehmen würden, sollten deswegen die NATO-Staaten
nicht die tragende Rolle bei einem solchen Einsatz übernehmen. Erster
Schritt hin zu einem solchen Szenario ist die sofortige Einstellung der
Luftangriffe, die Einstellung aller Kampfhandlungen und die Rückkehr
an den Verhandlungstisch.
Die Chancen auf eine echte politische Lösung der vielfältigen
Konflikte und Spannungen auf dem Balkan sinken mit jedem Tag, an dem weiter
gemordet wird und das Bombardement der NATO anhält, und sie werden
durch einen eventuellen Einsatz von NATO-Bodentruppen ganz verspielt.
Europäische Integration
Eine mittel- und langfristige politische Perspektive kann nur über
eine institutionalisierte "Balkan-Konferenz" unter Beteiligung aller Konfliktparteien
und Staaten in der Region - auch unter Einbeziehung von Griechenland, Albanien
und Mazedonien - unter "Schirmherrschaft" der UN sowie der Bosnien-Kontaktgruppe
erfolgreich sein. Ein wichtiges politisches Signal wäre auch die baldmöglichste
Rückkehr Jugoslawiens in die OSZE nach einem Waffenstillstand.
Die in diesem Zusammenhang gemachten Vorschläge des IALANA-Memorandums
müssen Zielsetzung einer institutionalisierten und dauerhaften "Balkan-Konferenz"
sein. Aufgabe der ständigen Konferenz muß die Schaffung eines
Fundamentes zur regionalen Kooperation sein. Die wirtschaftliche, soziale
und gesellschaftliche Entwicklung sollte im Mittelpunkt der Konferenz stehen.
Auch wenn Ethnizität zur Zeit der primäre Grund für den
Konflikt zu sein scheint, dürfen wir nicht die desolate wirtschaftliche
und soziale Lage der Region bereits vor Kriegsbeginn vergessen. Sie ist
Ansatzpunkt für die Entwicklung einer Perspektive aller Beteiligten
in der Region.
Die EU steht in besonderen Maße in der Pflicht, eine kooperative
Entwicklung der Region zu unterstützen. Dazu gehören ein "Balkan-Marshall-Plan",
wirtschaftliche Unterstützung und die mittel- bis langfristige Integration
der Region in die
Europäische Union.
Darüber hinaus gibt es vielfältige Instrumente ziviler Konfliktbearbeitung,
die in der Region wirksam sein können: Waffenrückkauf-Programme,
Gewaltfreiheitspakte auch in lokalen Bereichen, Bildung von Wahrheits-
und Versöhnungskommissionen nach südafrikanischem Vorbild. Dazu
gehören aber auch eine Verfolgung von Kriegsverbrechern (auf allen
Seiten) und das Einleiten von Strafverfahren vor dem Haager Gerichtshof.
Die Entfaltung einer Perspektive für zukünftige Entwicklung
und Vertrauensbildung gehören zusammen. Darum ist es wichtig, daß
nach einem Waffenstillstand auf vielen Ebenen, mit Kirchen, Gewerkschaften,
Berufsverbänden, Medizin, Wirtschaft usw., Serien von Zusammenkünften
organisiert werden, in welchen Erwartungen und Möglichkeiten der Entfaltung
von Zusammenarbeit erörtert werden. Der Dialog muß "unten und
oben" geführt werden, um eine wirkliche Befriedung zu erreichen.
Um eine solche Entwicklung zu ermöglichen, muß nach einem
Waffenstillstand der aktuelle Konflikt um den Status Kosovos entschärft
werden, ehe er später unter der neuen Perspektive überprüft
und geregelt werden kann. Es erscheint uns sinnvoll, zunächst eine
vorläufige, möglichst weite Autonomie-Regelung unterhalb der
Grenze der Eigenstaatlichkeit zu vereinbaren.
In diesem Zusammenhang sollte der serbischen Seite die Aufhebung der
verhängten Sanktionen zum frühstmöglichen Zeitpunkt in Aussicht
gestellt werden.
Konsequenzen für Partei und Fraktion
Für Bündnis 90/Die Grünen ergibt sich jedoch unabhängig
von einer politischen Lösung des Kosovo-Konfliktes eine grundsätzliche
Diskussion über die in der Partei verankerte Friedenspolitik. Sind
die bisherigen friedenspolitischen Konzepte von Bündnis 90/Die Grünen
gescheitert? Welche Chancen gibt es in der jetzigen Koalition überhaupt
für eine Zivilisierung der deutschen Außenpolitik? Und was bedeutet
in diesem Zusammenhang "Kontinuität in der deutschen Außenpolitik"
auch bezogen auf andere Konflikte in der Welt?
Festzustellen ist, daß die Mehrheit der Bundestagsfraktion nicht
auf Grundlage des Parteiprogramms entschieden hat. Es stellt sich die Frage,
was uns der Auftrag der Wählerinnen und Wähler und die Beschlüsse
der Partei wert sind. Der Sonderparteitag am 13. Mai wird nicht umhin kommen,
diese Fragen zu beantworten. Wenn zu diesem Zeitpunkt - wie wir befürchten
müssen - die NATO-Bombardierungen noch fortgesetzt werden, wird seine
zentrale Aufgabe allerdings sein, das gesamte Gewicht der Partei für
die sofortige Beendigung der Luftangriffe in die Wagschaale zu werfen,
für die Beendigung aller Kampfhandlungen und ein sofortiges Zurück
an den Verhandlungstisch.
Wir wollen die Zivilisierung der deutschen Außenpolitik. Dazu
ist es wichtig, daß Bündnis 90/Die Grünen ihren Beitrag
innerhalb der Koalition und in der Gesellschaft leisten und nichts unversucht
lassen, um eine dauerhafte Perspektive in der gesamten Balkan-Region zu
erreichen.