Rede zum Kosovo-Konflikt                                                                                                               Münster 24.4.99

Ich möchte hier über die Menschen sprechen, die einmal Frieden ohne Waffen schaffen wollten, und die heute glauben durch die Bombardierung Serbiens Frieden zu schaffen. Ich tue das, weil es mich sehr bedrückt, daß Menschen, die früher mit mir zusammen gegen Krieg und Militär waren, heute scheinbar alles vergessen haben, woran sie einmal geglaubt haben.

Mitleid und Ohnmacht

Ich glaube dieser Sinneswandel entsteht aus einer Kombination von Mitleid und Ohnmacht, die durch die Berichterstattung in den Medien hervorgerufen wird. Was wir im ersten Jugoslawien Krieg gesehen haben und was wir im Kosovo-Konflikt gezeigt bekommen, ist menschliches Leid. Bilder vom Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen, weinende Menschen, Menschen die ihre Angehörigen verloren haben, Berichte von Erschießungen, Hinweise auf Massengräber. Wir sehen dieses Elend und leiden mit. Wir wollen, daß es aufhört. Aber wir wissen nicht wie.
Die Manipulation beginnt dort, wo wir nur diese Bilder gezeigt bekommen. Dort, wo uns keine Analysen oder Erklärung angeboten werden, sondern der Krieg im Kosovo als bloße Bösartigkeit eines Einzelnen oder einer Gruppe dargestellt wird. Dort, wo der Balkan ein großes, unverständliches Verwirrspiel ist, vor dem wir ohnmächtig stehen.
Um aus dieser Ohnmacht auszubrechen befürworten ehemalige Pazifisten den Natoeinsatz. Nur damit das Leiden aufhört, nur damit diese schrecklichen Bilder aufhören, wollen sie Krieg führen.

Die Illusion Eines Krieges

Aber das Leiden hört nicht auf, selbst wenn dieser Krieg zu Ende ist, wir hören nur auf es zu sehen.
Auf der ganzen Welt herrscht täglich Krieg. Täglich werden Frauen vergewaltigt, Kinder verhungern, Menschen werden vertrieben, oder von Minen zerfetzt. Hier in Münster erfrieren im Winter Menschen auf der Straße. Hier in Münster sterben Menschen an Drogen. Hier in Münster schiebt die Ausländerbehörde Menschen in Folter und Tod ab. Es ist eine Illusion zu glauben, daß diese Kette von Katastrophen mit Gewalt verändert werden könnte.
Das Leiden nur dieses einen Krieges vor Augen, glauben ehemalige PazifistInnen sie könnten dem durch militärisches Eingreifen ein Ende bereiten. Aber es gelingt nicht. Die Bomben fallen, die Vertreibungen gehen weiter. Das Leiden ist nur noch schlimmer geworden. Hier beginnt die Lüge.
Man selbst sieht keine andere Lösung - es gibt keine andere Lösung.
Ein Mensch spricht sich gegen die Angriffe aus - er hat kein Mitleid.
Die Nato-Angriffe führen zu weiteren Vertreibungen - Das war Milosevic's Plan.
Ein Flüchtlinges wird von Natokampfflugzeugen beschossen - Milosevic ist schuld.
Es ist so einfach zu sagen "Milosevic ist ein Mörder, dem nur mit Gewalt beizukommen ist." Es enthebt der Verantwortung sich mit den Problemen auf den Balkan und den Ursachen zu befassen. Es enthebt der Verantwortung nach Alternativen zu suchen. Es ist dasselbe wie im zweiten Golfkrieg. "Saddam = Hitler. Nur mit Gewalt zu stoppen."  Das Ergebnis: Saddam Hussein ist immer noch irakischer Staatschef und 100000 irakische Kinder sind aufgrund des Embargos verhungert. Aber das war es wert, sagt die amerikanische Außenministerin.
Krieg macht dumm.
Die Befürworter des Krieges haben sich mittlerweile so in ihre eigene Rechtfertigungs-Ideologie verrannt, daß ihnen jedes Einlenken als Schwäche und Prestigeverlust erscheinen muß. Als Niederlage, als Sieg des Massenmörders und Diktators, der der freien westlichen Welt auf der Nase rumtanzt.
Um aus diesem Denken auszubrechen, braucht es etwas, was ich hier mal den Mut zur Inkonsequenz nennen und an einem Beispiel erläutern will.

Mut zur Inkonsequenz

Und zwar möchte ich an diejenigen, deren Außenpolitik eine Friedenspolitik sein sollte, die Frage stellen: "Was wäre so schlimm daran gewesen, wenn Deutschland sich an diesem Krieg nicht beteiligt hätte, sondern stattdessen seine Neutralität und seine materiellen Ressourcen dafür gespart hätte, während und nach dem Ende des Krieges das schwierige Geschäft der Versöhnung zu betreiben?" 19 Demokratien stehen Gewehr bei Fuß um Barbarei und Krieg zu verhindern, sagt Nato-General Naumann.
Warum kann nicht E i n e Demokratie beiseite stehen und sich für den Frieden aufsparen. Warum muß Deutschland mitkämpfen? Selbst wenn mensch glaubt, daß nur militärisches Eingreifen den Frieden herstellen kann. - Die Amerikaner sind stark genug Serbien auch ohne deutsche Beteiligung in Grund und Boden zu bomben und sie würden sich auch nicht davon abhalten lassen, wenn ganz Deutschland pazifistisch wäre.
Diejenigen die helfen wollen, aber keinen friedlichen Weg dazu sehen, hätten zum Beispiel folgendes sagen können:
"Gut, Wir sehen einen Krieg und wissen nicht wie wir ihn friedlich beenden sollen. Die Amerikaner glauben sie könnten Frieden mit Waffengewalt erzwingen. Wir wissen das nicht, wir haben Zweifel. Aber was wir wissen ist, daß nach dem Krieg das schwierige Geschäft der Versöhnung beginnt und dafür wollen wir uns einsetzen. Mit den Geld, das andere für Kampfeinsätze ausgeben; mit der Neutralität, die wir uns bewahren, dadurch daß wir nicht Kriegspartei sind." - Wahrscheinlich hätte es ein riesen Geschrei gegeben, von wegen "Politikunfähigkeit", "Neutralität" oder "andere die Drecksarbeit machen lassen." - Na und? -
Den Opfern des Krieges hätte so ein Verhalten mehr geholfen als ein paar zusätzliche deutsche Kampfflieger. Es gibt genug Menschen und Länder, die Glauben ihre Konflikte nur mit Gewalt lösen zu können. Es fehlen die, die nach anderen Wegen suchen. Und suchen bedeutet eben auch nicht-wissen und Aushalten dieser Ungewißheit.

Lösungen

Die Befürworter der NATO-Angriffe sagen weiter, sie hätten alles getan, um zu einer friedlichen Lösung zu kommen, aber es wäre unmöglich gewesen, und sie werfen den Gegnern der NATO-Angriffe vor, diese würden keine Alternativen anbieten.
Ich stelle mir vor, wie Joschka Fischer nachdem er sich an die grüne Parteispitze und ins Außenministerium durchgeboxt hat, mit seinem Machtinstinkt und seinen Ellenbogen - mit allem was einen Realpolitiker ausmacht - zu Milosevic kommt und versucht ihn zum Frieden zu überreden. Es gibt ein Bild von Joschka Fischer und dem serbischen Präsidenten, Milan Milutinovic, in Rambouillet, das dies zeigt. Joschka Fischer weist mit beiden Zeigefinger auf Milutinovic und sagt "Du bist schuld." Milan Milutinovic hebt die Arme und sagt: "Aber, ich weiß von nichts...". Da kann nichts bei rauskommen. Das funktioniert genausowenig wie Milosevic die Forderungen der NATO erfüllen wird. Eben weil es Forderungen sind.
Jeder und jede kann sich fragen wie er oder sie reagiert, wenn jemand sagt: "Du bist schuld!" oder wenn jemand sagt "Du sollst das machen!"
Wenn mensch eine Lösung will, dann muß mensch aufhören in Begriffen von Recht, Unrecht, Schuld und Strafe zu denken und sich stattdessen um die Menschen in Serbien und im Kosovo und um ihre Bedürfnisse kümmert.
Serbien ist durch den ersten Jugoslawien-Krieg und die Abspaltung von Kroatien und Slowenien wirtschaftlich ruiniert. Das Monatseinkommen liegt bei 152 DM im Vergleich zu 757 DM in Kroatien und 1040 DM in Slowenien. 80% der Unternehmen arbeiten deflationär. Die Arbeitslosenquote liegt bei 27%.
Anstatt Bomben zu werfen und das Land weiter zu zerstören, sollte SerbenInnen und Kosovo-AlbanernInnen großzügige wirtschaftliche Hilfe angeboten werden. Diese materiellen Hilfen könnten z.B. an eine Autonomieregelung für den Kosovo geknüpft werden.
Frau könnte diese Hilfe in viele, kleine Schritte unterteilen.
Ein Stücken Wirtschaftshilfe, ein Stücken Autonomie, ein Stückchen Wirtschaftshilfe, ein Stückchen Autonomie... Auf diese Weise hätten beide Seiten ein Interesse an der Einhaltung ihrer Verpflichtungen, weil sie bei Nicht-Kooperation sehr viel verlieren würden.
Die materielle Hilfe ist der eine Teil der Lösung. Der andere Teil ist, daß SerbenInnen  und Kosovo-AlbanernInnen Hilfe bei der Versöhnung angeboten wird. Nach Ende der Kampfhandlung werden die Menschen dort mit ihren ganzen Haß und ihrer ganzen Verzweiflung weiter zusammenleben müssen, sei es als Nachbarn in einem Staat sei es als Nachbarn in zwei Staaten. Ebenso wie der Vertrag von Dayton keinen Frieden gebracht hat, wird auch der Vertrag von 'wasweißichwo' keinen Frieden bringen, sondern die Konflikte werden an anderer Stelle wieder ausbrechen.
Das Einzige was den BefürworterInnen des NATO-Krieges dazu einfällt ist, nach Ende des Krieges Soldaten unter dem Kommando der UNO oder noch besser der NATO in den Kosovo zu schicken, um jeden totzuschießen, der es wagt den Frieden zu stören.
Ein Soldat lernt, wie man einen Menschen möglichst effektiv umbringt. Was für eine Riesendummheit zu glauben, daß jemand der gelernt hat mit einem Maschinengewehr umzugehen darum Menschen besser helfen kann ihren Haß und ihre Verzweiflung loszuwerden. Was für ein schrecklicher Irrtum zu glauben man bräuchte um Frieden zu schaffen nicht auch eine Ausbildung.
Das traurige dabei ist, daß es sowohl die Methoden wie mensch Konflikte lösen und Menschen versöhnen kann, als auch die Menschen, die dazu in der Lage sind und bereit wären, gibt.
Warum tun die Menschen, die behaupten, daß sie nur zur Waffe greifen, weil sie keinen anderen Ausweg sehen, nicht alles daran setzten, um zu lernen wie es anders geht? Warum gehen sie nach Ende des Krieges wieder ihren Alltagsgeschäften nach, bis zum nächsten Konflikt, der sich wiederum nur mit Gewalt lösen läßt?
Als Reaktion auf den ersten Jugoslawienkrieg wurde von Teilen der Friedensbewegung ein Konzept für einen zivilen Friedensdienst entwickelt, um genau für so einen Fall, wie er jetzt eingetreten ist eine nicht-militärische Alternative zu haben. Dieses Angebot wurde weder von der Kohl-Regierung angenommen noch von der neuen rot-grünen Regierung aufgegriffen.
Ich nehme an, daß die Befürworter des Natoangriffs die Lösung, die ich hier skizziert habe, für unmöglich halten. Aber es ist wichtig zu sehen, daß die Unmöglichkeit nicht in Jugoslawien bei SerbenInnen und AlbanernInnen liegt, sondern hier bei uns.
Es ist den USA nicht unmöglich täglich 100 Millionen Dollar für den Krieg auszugeben. Es ist der Bundesrepublik nicht unmöglich mit dem Jäger 90 ein Rüstungsprojekt von 30 Milliarden DM zu finanzieren. Es ist nicht unmöglich alle Männer in der Kunst des Tötens auszubilden.
Unmöglich scheint es zu sein, das Geld von Banken und Rüstungs-Konzeren zu nehmen und es dahinzugeben wo es gebraucht wird.
Unmöglich scheint es zu sein die Überschüsse der EG hungernden Menschen zukommen zu lassen.
Unmöglich scheint es zu sein anderen Ländern und Menschen aus vollen Herzen zu helfen, bevor es zu einer Katastrophe kommt.
Das einzige was die Nato kann ist, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, eine Bombe hinterher zu schmeißen.
 

Die Aussagen von Naumann und Albright in dieser Rede sind nicht wörtlich sondern sinngemäß wiedergegeben.
Es fällt vielen Menschen schwer an die überlegene Kraft gewaltfreien Handelns zu glauben. Der Grund hierfür ist mangelnde Erfahrung mit gewaltfreien Techniken. Wer die Behauptung, daß sich Konflikte auf gewaltfreiem Wege zum Vorteil beider Seiten lösen lassen, überprüfen will, dem/der empfehle ich sich in Theorie und Praxis mit der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg zu befassen. Konflikte in unserem Leben sind oft schmerzhaft und enden unbefriedigend. Gewaltfreie Kommunikation ist eine bestimmte Art miteinander zu sprechen und zuzuhören, durch die Konflikte nicht nur gelöst werden können, sondern der Konfliktlösungsprozess selbst zu einer positiven Erfahrung werden kann, auch wenn der/die andere nicht gewaltfrei kommuniziert.
Wer hieran Interesse hat, kann sich an mich wenden

Daniel Korth, Dingbängerweg 60, 48163 Münster, T. 7476000 oder an das
Center for Nonviolent Communication; Postfach 232; Ch4418 Reigoldswil