Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen
Diese Rede würde ich zwar lieber als AStA- Vorsitzender halten. Das Recht jedoch, zu allen politischen Themen Stellungnahmen abzugeben, wird uns jedoch von rechten Klägern verwehrt. Darum soll es heute jedoch nicht gehen.
Mit dem Angriff der NATO auf die Republik Jugoslawien befindet sich auch Deutschland zum ersten Mal seit 1945 wieder im Kriegszustand mit einem anderen Land. Innerhalb weniger Jahre ist in diesem Land ist ein Prozeß der systematischen Geschichtsvergessenheit eingeleitet worden mit dem Ziel, aus Deutschland wieder einen „normalen Staat“ zu machen, der – befreit von jeder historischen Verantwortung; verwiesen sei hier nur auf die Rede Martin Walsers – teilnimmt an einer Interventionspolitik der NATO, die darauf gerichtet ist, westliche Interessen, vorwiegend Wirtschaftsinteressen, auf dem Rücken anderer Völker auszutragen. Die dort lebenden Menschen werden zum Spielball auswärtiger Interessen.
Betrachtet mensch das von der Presse dargelegte Bild der Konflikte zwischen
den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien und Rest- Jugoslawiens,
so fällt auf, daß seit Beginn des 90er Jahre stets auf die Nationalitätenkonflikte,
auf die unterschiedlichen Mentalitäten, Religionen, Ethnien und sozio-
kulturellen Spannungen in der Region abgehoben wurde. Zu Beginn des serbisch-
kroatischen Krieges zu Beginn der 90er Jahre ging das Bild von nationalistischen
Wirrköpfen, die sich gegenseitig dieselbigen einschlagen durch die
westliche Presse. Dieses Bild blieb bis heute fester Bestandteil der öffentlichen
Auseinandersetzung und Hauptargument für die militärischen Interventionen
seit 1991 in der Region. Zugleich mußte diese Argumentation für
die angebliche Unmöglichkeit der Existenz von multiethnischen und
multikulturellen Gesellschaften herhalten.
Was jedoch aus dem öffentlichen Diskurs in den westlichen Medien
völlig herausfiel, waren die wirtschaftlichen Hintergründe und
das strategische Interesse des Westens an der Zerstörung Jugoslawiens.
Zur Ökonomie:
Die volkswirtschaftlichen Reformen, die Jugoslawien seit 1989 nach
den Prinzipien des Neoliberalismus aufgedrängt wurden haben unbezweifelbar
zur Auflösung des ganzen Landes beigetragen.
Bereits die in den 80er Jahren von ausländischen Kreditoren gewährten
Darlehen und später daraus resultierenden monetären Forderungen
sorgten für desaströse Zustände der jugoslawischen Wirtschaft.
Dies rief unmittelbar nach 1989 Massenarbeitslosigkeit, die Schließung
der vergesellschafteten Betriebe und die Einführung einer radikal
abgewerteten Währung hervor. Sämtliche Steuergelder, die seinerzeit
als Ausgleichszahlungen an die Teilrepubliken gehen sollten, wurden von
der Zentralen Verwaltung benötigt, um Zinsschulden bei Weltbank,
IWF und Co abzutragen. Dadurch wurden die einzelnen Teilrepubliken
sich selbst überlassen und das Feld nationalistischen Propagandisten
geräumt. Durch die Abschaffung der föderalen Finanzstruktur Jugoslawiens
schuf der IWF in wirtschaftlicher Hinsicht die vollendeten Tatsachen für
die Abspaltung von Kroatien und Slowenien im Jahr 1991, die dann zuerst
von Deutschland formalrechtlich anerkannt wurden. Mit dem Finanzinstrument
und einer politischen Stärkung der Separatistenbewegung hat der Westen
seinen ökonomischen Beitrag zum Jugoslawienkrieg geleistet.
Der Ausverkauf des Landes, die Schließung ganzer Wirtschaftszweige
in Jugoslawien und die Schaffung sog. „freier Märkte“ und das damit
verbundene Gerangel um „Einflußsphären“ auf dem Balkan waren
die wirklichen Ursachen der Kriege und Auseinandersetzungen von 1991 bis
heute.
Überall wird und wurde den Menschen weisgemacht, daß es
zu der Schließung von Fabriken, zur Entlassung von ArbeiterInnen
und der Kürzung der Sozialpogramme keine Alternative gäbe. Die
Spielarten dieses destruktiven Neoliberalismus haben die Konflikte erst
angeheizt und eskaliert.
So ergibt sich auch die neue Funktion der NATO als eine ehemalige „atlantische
Allianz“, die an die Stelle der UNO getreten ist und die Funktion der Durchsetzung
westlicher Interessen auch mit Gewalt übernommen hat.
Über die Umdefinierung der Funktion der NATO, die ihre Mission
als friedensstiftend ausgibt, jedoch die Eskalation des Konflikts voranteiben
wird, wird sich auch in diesem Land das politische Klima ändern. Die
Herstellung gesamtgesellschaftlicher Akzeptanz der Bundeswehr seit 1990
u.a. durch öffentliche Gelöbnisse und die damit verbundene Militarisierung
des öffentlichen Raumes findet ihre logische Konsequenz in diesem
Auslandseinsatz.
Dieser Einsatz ist nur die Vorbereitung und der Testlauf ähnlicher
Aktionen weltweit. Auch wenn der Einsatz von Bodentruppen bisher kategorisch
ausgeschlossen wurde, es wird nicht mehr lange dauern, bis auch die gesellschaftliche
Akzeptanz für diese Einsätze vorangetrieben wird. Dagegen
müssen wir uns wehren. Es muß verhindert werden, daß sämtliche
moralisch – politischen Prinzipien, die einmal bundesrepublikanischer Konsens
waren, zumindest in der politischen Linken – „Von deutschem Boden darf
kein Krieg ausgehen“ – aufgegeben wird.
„Frieden schaffen – ohne Waffen“ – dies war einmal Programm und Auftrag
der Friedensbewegung.
Nicht wenige AktivistInnen der Friedensbewegung finden sich heute in
Regierungsämtern wieder und befehlen nun die Luftangriffe auf Serbien.
Von den großen Idealen, für die sie einmal standen, ist
nicht mehr viel übrig geblieben, auch zahlreiche humanitäre und
soziale Leistungen für Kriegsflüchtlinge wurden zurückgefahren.
Nach herrschender Auffassung begründen die Massaker im Kosovo
zwar den deutschen Kriegseinsatz, aber keinen Asylanspruch in Deutschland.
Über den Militäreinsatz heißt es, er sei „der Humanität
geschuldet“. Diese Humanität allerdings findet für Kriegsflüchtlinge
im deutschen Asylrecht keinen Raum, denn das deutsche Asylrecht ist blind.
Bei den Bürgerkriegsopfern des Kosovo liegt die Anerkennungsquote
bei 1 – 2 %, die Kosovo- Flüchtlinge werden als „minder schutzbedürftig“
abqualifiziert. Gerade für diese Flüchtlinge jedoch ist die Genfer
Flüchtlingskonvention geschaffen worden, im deutschen Asylverfahren
finden sie jedoch keine Berücksichtigung.
Die Flüchtlinge müssen sich mit dem ungewissen Status
und einem brüchigen Schutz vor Abschiebung abfinden. In der konkreten
Alltagspraxis sieht es folgender maßen aus, daß jemand, der
es schafft, weiter als bis nach Mazedonien und Albanien zu flüchten,
im Juristendeutsch ein „Mißbraucher des Asylrechts“ ist – nach
gängiger deutscher Rechtsprechung.
Als die deutschen Bundesländer die Flüchtlinge aus Bosnien
wieder in ihre alte Heimat abgeschoben haben, geschah dies mit der offiziellen
Begründung, man brauche Ressourcen für den Fall neuer Katastrophen.
Diese Katastrophe ist jetzt da.
Zu fordern ist also:
-Asyl für die Kosovo- Flüchtlinge, Öffnung der Grenzen
und sofortiger Abschiebestopp.
Darüber hinaus fordern wir:
- die sofortige Einstellung der Luftangriffe und Kampfhandlungen im
Kosovo
- der Frieden muß am Verhandlungstisch erreicht werden
- die NATO darf nicht zum Weltpolizisten werden
- Deutschland muß sich aktiv für ein stabiles friedliches
Zusammenleben in Europa einsetzen – dies in Form eines internationalen
Zivildienstleistenden
- Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen
Carsten Peters