Der Diplomatie den Vorrang geben
Die Grünen begrüßen die Initiative
von Joschka Fischer zu Kosovo-Friedenslösung
Der Bundesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen
begrüßt den Vorstoß von Außenminister Joschka Fischer
für eine auf die UN gestützte Friedenslösung im Kosovo.
Die Aussichten auf eine Beteiligung Rußlands und auf die Mitwirkung
des UN-Generalsekretärs Kofi Annan stärken die Hoffnung, daß
es zu einem substantiellen Durchbruch zu einer diplomatischen Lösung
des Konfliktes kommen kann.
Die Bundesregierung hat schon bisher innerhalb der westlichen
Kontaktgruppen-Mitglieder wie innerhalb der NATO immer wieder zur Ausschöpfung
diplomatischer Möglichkeiten gedrängt. Sie war es, die darauf
hinwirkte, daß in Rambouillet zunächst eine politische Lösung
gesucht wurde und nicht schon unmittelbar nach dem Massaker von Racak Bombenangriffe
stattfanden. Sie hat besonderen Wert darauf gelegt, eine tragfähige
Zusammenarbeit mit Rußland zu suchen, weil ohne die Mitwirkung Rußlands
keine diplomatische Lösung zu finden sein wird. In dieser Linie sehen
wir nun auch den jüngsten Vorschlag von Fischer, der damit in einer
extrem schwierigen Situation seiner Perspektive treu bleibt.
Das kurzfristige politische Ziel jeder Initiative muß
das Ende der Vertreibungen und die sichere Rückkehr der Vertriebenen
und Flüchtlinge in ihre Heimat sein. Ohne Abzug der serbischen militärischen
und paramilitärischen Einheiten und ohne den Schutz einer internationalen
Friedenstruppe ist dieses Ziel nicht zu erreichen. Deshalb müßte
in einem konditionierten Waffenstillstandsangebot der NATO an Jugoslawien
dieses im Zentrum stehen. Es wäre jedoch nicht richtig, darauf zu
bestehen, daß dies eine NATO-Truppe sein muß. Im Gegenteil:
Es wäre ein wichtiges Element einer diplomatischen Lösung, eine
solche internationale Friedenstruppe mit einem Mandat der UN nach Kapitel
VII der UN-Charta auszustatten und daran auf jeden Fall auch russische
Einheiten zu beteiligen. Diese Friedenstruppe müßte am Boden
sichern, was die NATO aus der Luft allein nicht herbeiführen kann:
den humanitären Schutz der Menschen.
Die Luftangriffe auf Ziele außerhalb des Kosovo
sollten befristet einseitig eingestellt werden, um ein deutlichen Zeichen
zu setzen, daß die NATO an einer diplomatischen Lösung interessiert
ist.
Das mittelfristige Ziel der Vereinbarung von Autonomieregelungen
auf der Grundlage des Rambouillet-Abkommens bleibt bestehen. Eine Teilung
des Kosovo ist dagegen abzulehnen. Die aus ihrer Heimat vertriebenen Menschen
im armen Teil des Kosovo zusammenzupferchen und Milosevic den wirtschaftlich
interessanten Teil zu überlassen, würde nicht nur eine Prämie
für die Politik der Vertreibung bedeuten, sondern auch auf Dauer unkalkulierbare
Spannungen als Folge von Massenelend auslösen. Parallel zu den Verhandlungen
über die Autonomie-Regelungen sollen jedoch auch unter Führung
der Europäischen Union Verhandlungen über einen regionalen Stabilitäts-
und Aufbaupakt aufgenommen werden, in die alle Anrainerstaaten einbezogen
werden.
Zu der hier vorgeschlagenen neuen Strategie einer politischen
Initiative gibt es unseres Erachtens nur eine wirkliche Alternative, wenn
die NATO nicht nachträglich die Vertreibungspolitik sanktionieren
und Milosevic zum Sieger machen will: die NATO müßte mit Kampfeinheiten
einen massiven Einsatz am Boden durchführen, um den Vertriebenen und
Flüchtlingen die Rückkehr zu erkämpfen. Diese Alternative
lehnen wir ab.