Stasa Zajovic: Brief aus Belgrad,
geschrieben in der Nacht des 28. März 1999

Gestern war es sehr schwer zu schreiben: ich hatte nicht viel Zeit, doch im
wesentlichen lag es am mächtigen Einfluß den es hatte, FreundInnen aus dem
Kosovo zuzuhören. Zumindest schaffte ich es gut zu schlafen und heute fühle
ich mich viel besser. Ich werde versuchen, kurz die Atmosphäre hier zu
vermitteln.

Alle Medienberichte geben strikt diejenigen der militärischen
Hauptquartiere wieder. Seit gestern gibt es eine Euphorie für den Abschuß
des ultra-hochentwickelten Kampfflugzeuges F-117. Jeder, in den Medien, auf
den Straßen und in den Schutzbunkern (in die ich nie gehe, doch die
Menschen erzählen es mir) feiert dies. All das kann als HOMOGENISIERUNG /
PATRIOTISCHE EINHEIT / SCHIKANIERUNG / UNIFORMITÄT ... charakterisiert
werden. Die Parolen und Lieder, die sie ohne Unterbrechung spielen, sind
von der Art  feindliche Kräfte / Kriminelle / Aggressoren können
materiellen Schaden und menschliche Opfer verursachen, doch können sie
nicht den Geist unseres Volkes zerstören, das die Freiheit über allem
liebt , sie spielen das kontinierlich auf Radio Belgrad, mit Hymnen über
 Kosovo   heiliges Land , mit Partisanenliedern aus dem Zweiten Weltkrieg
anstatt von Sportwerbespots, alles führt dazu, daß sich die
nationalistische und patriatische Empfinung verschärft, ohne jeden Ruf nach
Ruhe oder gesundem Verstand.

· Das Konzert heute im Stadion der Republik:
organisiert vom Bürgermeister Belgrads und Vuk Draskovic s Bewegung für die
Erneuerung Serbiens. Wir sind nicht hingegangen, wir waren nicht in der
Laune, uns der allgemeinen Konfusion auszusetzen, doch die Parolen sagen es
besser als jeder Kommentar:
 Belgrad ist bereit zu kämpfen und zu gewinnen ;
 Besser Krieg als den Pakt  (1);
 Die Armee kämpft auf ihre Art, wir auf uns re   singend ;
 Wir alle sind eins, niemand kann uns bezwingen ;
 Sie können uns nichts anhaben ;
 Wir werden uns nicht zurückziehen oder aufgeben ;
 Wir werden unsere Leben geben, aber nicht den Kosovo ;
 Wenn wir sterben müssen, laßt uns zusammen sterben .
Nicht ein Wort des Kompromisses, des Mitgefühls für das Leiden aller
Menschen, egal welcher ethnischen Herkunft. Zum Beispiel baten einige
Sänger um eine Minute des Schweigens  für unsere Opfer . Patriotische
Lieder, zusammen mit einigen Rocknummern, mit religiösen Gesängen: sie
verbrannten oft US-Flaggen, riefen  Serbien, Serbien, .... . Es war
beeindruckend, so viele Menschen auf den Straßen zu sehen, doch schmerzlich
die Inhalte und die Botschaft zu hören. Sie sagen, diese Art von
Demonstration wird es jeden Tag geben. Wir haben Angst   ich wie jede/r
andere   vor dieser großen Manipulation. Zur gleichen Zeit sahen wir eine
Gruppe von Menschen romanischer Herkunft (ZigeunerInnen), die ihre
Loyalität zum Staat vor der US-Botschaft demonstrierten, und andere die
riefen  Wir werden unsere Leben geben, doch den Kosovo nicht aufgeben ,
 Kosovo ist Serbien , und mit Klagen über die AlbanerInnen im Kosov@. Hier
ist die Logik der Unterdrückten offensichtlich   mit den Starken zu sein.
Es ist furchtbar.
Das Fernsehen hat zum fünften Mal in diesen Tagen den Film  Die Schlacht um
Kosovo  gezeigt, und das Programm ist fast die ganze Zeit von dieser Art.

· Gespräche mit FreundInnen im Kosovo   Prishtina
 Niemand steckt seinen Kopf raus, nicht einmal aus der Tür. Gestern öffnete
ich die Tür für fünf Minuten und war schrecklich verängstigt. Niemand,
die/der Leben möchte, wagt sich auf die Straße. Wir haben nahezu keine
Kommunikation innerhalb der Stadt, die Telefone arbeiten kaum. Essen ist
knapp, und ich frage mich,  wie lange ?   In der Nähe meines Hauses gab es
eine Explosion, die alle Fenster zerstörte. Ich repariere, was ich kann.
Ich schlafe nicht. Ein Teil meiner Familie ist woanders hingegangen, ich
bleibe hier als   Wächterin des Hauses  . Das ist eine Medizinstudentin,
die geblieben ist, um nach ihrem Vater zu sehen, der Herzbeschwerden hat.
Sie fragt mich:  Was sagen sie? Was sind die Voraussagen?  Ich sage nichts.
Am Ende tauschen wir Worte des Trostes aus, gegenseitige Unterstützung.
Erneut begebe ich mich, wie so oft während dieser Kriege, in die Hierachie
der Opfer des Krieges: hier bei uns passiert nichts vergleichbares mit dem,
was ihr dort durchmachen müßt.
 Banden ziehen durch die Straßen, es sind Menschen, die aus den
Gefängnissen freigelassen wurden, Paramilitärs, wer weiß... Sie brechen in
Häuser ein, ziehen die Menschen heraus, verschleppen sie, massakrieren ...
Schon jetzt ist kein Essen mehr übrig   außer 50 kg Mehl (für eine große
Familie).

Am Schluß der Mann mit resignierter Stimme:
 Ich gebe keinen Penny für meine Chancen wenn sie kommen, ich kann nichts
tun.  Er zitierte was jemand anderes in diesen Tagen gesagt hatte:
AM HIMMEL DIE NATO: AUF DEM BODEN MILOSEVIC
Was für ein Zynismus! Was für eine Falle! Was soll ich jetzt sagen, wenn am
heutigen Konzert Menschen teilgenommen haben (zwei Sänger, Rambo und
Bajaga), die sich in früheren Jahren immer für Frieden ausgesprochen haben?
Einer von ihnen, Rambo, trat beim Konzert Für Sarajewo auf, das wir im
April 1992 organisiert haben.

Laßt mich zu den Berichten von Menschen aus Prishtina zurückkehren:
 Ich habe keine Beruhigungsmittel, ich habe keine Herzmittel mehr. Was kann
ich ohne sie tun?  Sie, die mich immer ermutigte, mich mit Hoffnung
tröstete, und jetzt bricht ihre Stimme als sie, nahezu weinend, mir dankt,
daß ich angerufen habe.  Das ist ein Gebiet der Dunkelheit. Wir erhalten
von keiner Seite Hilfe. Sie haben jetzt die Banden  rausgelassen alles das
zu tun, wonach ihnen gerade ist...

Meine Moral und mein Gefühl (wie pathetisch das auch immer klingen mag)
befehlen mir, Stunden um Stunden damit zu verbringen, eine Verbindung mit
Prishtina zu bekommen. Heute morgen habe ich es geschafft, doch in den
ersten Tagen war es absolut zum Scheitern verurteilt.

 Jetzt sehe ich, daß diese Art von Erfahrung nicht vermittelt werden kann.
Ich habe so viele Vertriebene und Flüchtlinge gesehen, und immer gedacht,
ich würde sie verstehen. Doch jetzt sehe ich, was sie erleiden mußten.
Warum gehe ich nicht von hier weg? Warum warten wir bis zur letzten Minute?
Wohin soll ich jetzt gehen? Obwohl ich weiß, daß ich nirgendwo hingehen
kann, packe ich meine Tasche. Obwohl ich zu Essen habe, kann ich nicht
essen. Diese Nacht wird vielleicht die letzte sein, die ich zu Hause
verbringe ...  Sie fragt nach all den Menschen in Belgrad, und sie, die
immer ethnische Mauern durchbrochen hat, erzählt mir auch dies:  In einigen
Gebäuden, in wenigen Fällen, sprechen die NachbarInnen miteinander,
SerbInnen und AlbanerInnen; sie sind sich einig:  Wenn die Polizei kommt,
werden wir für dich sprechen  (sagen die SerbInnen, die bleiben), und  Wenn
die UÇK (Kosova Befreiungsarmee) kommt., werden wir für dich eintreten
(sagen die AlbanerInnen). Angst und Terror haben sie einander näher gebracht.
Ich kann Euch nicht erzählen was ich gefühlt habe, doch ich weiß, daß für
mich   für uns in diesem kleinen menschlichen Ghetto   es enorm wertvoll
war. Wieder tönt der Alarm. Wir haben Radio  Free Europe  eingestellt. In
Prishtina gab es seit gestern abend keinen Strom.

Das alternative Netzwerk zur Unterstützung und Kommunikation gibt uns diese
Informationen:
Vrnjacka Bank und Kraljevo (Zentralserbien): die Menschen fürchten neue
militärische Einberufungen, es gab viele; Massen von Menschen (Reservisten)
kommen an, die im Kosovo starben.
Sandzak (Süd-Ost-Serbien, eigentlich Heimat von MuslimInnen):  Die Menschen
gehen, jede/r will gehen. Die, die bleiben, wir sind mehr als beunruhigt,
verängstigt. Die Polizei hat alle LKWs und großen Fahrzeuge requitiert; die
Menschen fürchten hauptsächlich die Paramilitärs.
Radio Free Europa hat gerade gemeldet, daß im Kosovo die Zahl der
Ermordeten und Hingerichteten (nicht nur durch das Militär und die Polizei,
viel mehr durch Paramilitärs) in Prishtina 200 erreicht hat, doch diese
Zahlen sind nicht bestätigt. Die Zahl der Flüchtlinge steigt, mittlerweile
eine halbe Million.

Montenegro: das politische Klima dort ist total anders. Es reicht aus,
durch die Zeitungen zu blättern (gestern hatte ich die Chance, eine zu
sehen!), deren Inhalt sich total unterscheidet (Montenegro hat nicht den
Kriegszustand ausgerufen).
Trotzdem gibt es viele Anzeichen, daß der interne Konflikt unmittelbar
bevorsteht. Heute gab es in Podgorica einen Anti-westlichen Protest,
organisiert von der Serbischen Radikalen Partei (Seselj), und das hat die
Menschen agitiert. Heute sind 3.000 Flüchtlinge aus dem Kosovo in
Montenegro angekommen. Dragan Soc, Montenegros Justizminister, hat sich
öffentlich geweigert, die militärische Mobilisierung anzuordnen, und er hat
gesagt, daß  jede Person gewissenhaft entscheiden soll, was zu tun ist .

Die Lage verschlechtert sich permanent, die  zweite Phase  hat begonnen,
kein Kommentar! Ihr habt mehr Informationen als wir, doch wir wissen, daß
diese Verschwörung des Militarismus   global und lokal   unseren Spielraum
gefährlich reduziert, und bald wird es keinen Spielraum mehr geben. (Wie
kann man den globalen Militarismus denunzieren, ohne den lokalen zu
denunzieren? Wie die Bombardierungen verurteilen, ohne die Massaker zu
verurteilen, die Repression.) Mit dem Horror, mit dem die Menschen des
Kosovo durch die NATO-Intervention leben müssen, zahlen sie einen Preis,
der sogar höher ist als zuvor. AM HIMMEL DIE NATO: AUF DEM BODEN MILOSEVIC.
Derzeit funktioniert unser menschliches Ghetto gut, mittels gegenseitiger
Unterstützung. Eure Unterstützung stärkt uns, sie bedeutet uns wirklich
viel. Ich umarme Euch in tiefster FreundInnenschaft und Zärtlichkeit.

Stasa Zajovic, Frauen in Schwarz, Belgrad

Anmerkung:
(1) Eine Parole, die von Belgrader DemonstrantInnen vor dem deutschen
Bombenangriff von 1941 verwendet wurde.