Schon seit mehr als einem Monat führt die NATO Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien. Damit haben die kriegerischen Konflikte nach dem Zerfall Jugoslawiens eine neue Dimension erreicht. Uns quälen die alptraumhaften Bildern der aus dem Kosovo vertriebenen sowie das ungewisse Schicksal jener Menschen, die sich noch im Kosovo aufhalten und dort blanker Willkür ausgeliefert sind; uns bedrückt aber auch der Anblick der Zerstörungen in den serbischen Städten.
In den westlichen Medien wird oft festgestellt, es gebe keine politisch
bedeutsame Opposition gegen Milosevic und sein Regime. Das verführt
leicht zu dem Eindruck, in Serbien lebte überhaupt niemand im Widerstand,
weder das Volk, noch Politiker oder Intellektuelle. Diese Schlußfolgerung
jedoch ist nicht nur falsch, sondern gefährlich für die Betroffenen.
Schon seit mehr als zehn Jahren engagieren sich zahlreiche kritische Intellektuelle
gegen das autoraitäre Regime in Belgrad und für eine kosequente
Demokratisierung. Es handelt sich dabei keineswegs um eine verschwindend
kleine Zahl von Menschen, wie sich zu Beginn des Krieges in Kroatiens zeigte,
als Antikriegsaktionen und Demonstrationen organisiert wurden, an denen
Zehntausende teilnahmen. Diese nichtnationalistische Öffentlichkeit
verurteilte klar und unmißverständlich die Zerstörung Vukovars,
den jahrelangen Beschuß Sarajevos und die sogenannten ethnischen
Säuberungen in Bosnien. Sie hat sich ebenso jahrelang für einen
offenen und toleranten Dialog mit allen albanischen politischen Kräften
eingesetzt und sich stets entschieden für eine friedliche Lösung
des Kosovos augesprochen. Diese klare und unbeugsame Haltung droht der
kritischen Intelligenz jetzt zum Verhängnis zu werden. Die Verhaftung
von
Miroslav Hadzic am Freitag, dem 9. April 1999 stellt ein unübersehbares
Warnsignal dar. Von ihm fehlt seither jede Spur, und sollte dieser Krieg
noch länger andauern, werden andere Oppositionelle gleichfalls verschwinden.
Vor diesem Hintergrund bitten wir alle wissenschaftlichen und universitären Einrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland um ihre aktive und öffentliche Solidarität mit der serbischen Opposition. Besonders dringlich ist die. Suche nach vermißten und die Unterstützung von verfolgten Personen aus dem akademischen Bereich. Inhaftierten muß unbedingt ein Kontakt mit ihren Angehörigen und Anwälten ermöglicht werden.
Es geht dabei aber nicht allein um direkte und persönliche
Hilfe, sondern zugleich um eine politische Perspektive, um die politische
Zukunft Serbiens. Für seinen Weg in die Demokratie und nach Europa
braucht dieses Land gerade diejenigen Menschen, die in der Vergangenheit
ihre politische Gesinnung und moralische Verantwortung im Kampf gegen die
verbrecherische und destruktive Politik des Milosevic-Regimes unter Beweis
gestellt haben. Und sie wiederum brauchen unsere tatkräftige Solidarität,
jetzt und auf lange Sicht. Wir müssen hier bei uns mit dafür
Sorge tragen, daß das im Augenblick von der Politik proklamierte
Interesse an einer dauerhaften Friedensordnung der Balkan-Region nicht
sehr rasch in Vergessenheit gerät, sobald der Krieg irgendwie beendet
sein wird. Es mag möglich sein, ein diktatorisches Regime niederzubomben,
aber ist gewiß unmöglich, mit Bomben eine Demokratie aufzubauen.