Kathrin Vogler
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An Winni Nachtwei

Münster, 17. April 1999

Offener Brief an Winni Nachtwei
 

Lieber Winni,

in deinem Leserbrief an die MZ vom 15.4. unterstehst du den Rederinnen der Münsteraner

Kundgebung vom 10.4. - und damit auch mir - ,,Einseitigkeit und Selbstgerechtigkeit" und eine Parteinahme für das Milosevic-Regime.

Als ,,Friedensbewegtem und langjährigem Kritiker von Vorstellungen ,,Militärischer Friedenserzwingung"", als den ich dich in vielen gemeinsamen Aktivitäten kennen und schätzen gelernt habe, solltest du jedoch in der Lage sein, das Maß an Differenziertheit, das du von anderen forderst, selbst aufzubringen. Was kann eine Antikriegskundgebung in diesen Zeiten des Krieges überhaupt leisten? Die Leiden der aus dem Kosovo vertriebenen und durch Zerstörung ihrer Dörfer entwurzelten, der geschundenen, traumatisierten Menschen, derer die Familienangehörige und Freunde durch serbische übergriffe verloren haben - all das ist nicht zu beschönigen. Es wird ja auch in epischer Breite, nur allzu oft noch dramatisiert durch Halb- und Unwahrheiten oder gar Propagandalügen, täglich von den Medien zelebriert. Ich habe es daher in der Tat nicht für sinnvoll gehalten, in meiner Rede bei der Kundgebung einen Schwerpunkt darauf zu legen. Dass ich die Menschenrechtsverletzungen in Kosovo allerdings negiert oder verschwiegen hätte, kannst du nur behaupten, wenn du mir nicht zugehört hast. Im Gegenteil: Meine Kritik an den NATO-Angriffen fußt maßgeblich auf der Erkenntnis, dass sie den Menschen in Kosovo nicht helfen, sondern ihre Lage noch verschlimmern und zur Stärkung und Stabilisierung des Milosevic-Regimes beitragen. Ich denke daher, der beste Weg um eine Rückkehr der Flüchtlinge in absehbarer Zeit zu erreichen und eine ,,Libanisierung" des Balkans zu vermeiden, ist ein sofortiger Stopp der Bombardements und die Rückkehr zu politischen Lösungsversuchen.

Besonders ulkig finde ich übrigens den Vorwurf der ,,Einseitigkeit" gerade von deiner Seite, kommst du doch aus der friedenspolitischen Tradition einer Partei, zu deren Besonderheiten stets die Forderung nach einseitigen Abrüstungsschritten gehörte. Ich weiß noch, wie wir früher in Ostermarsch - und anderen Bündnissen stets lebhaft über diese Fragen gestritten haben. Auch damals wurde uns - dir ebenso wie allen anderen Friedensbewegten - von denjenigen aus der Politik die für die Fortsetzung der atomaren Rüstung plädierten, stets einseitige Kritik an der NATO vorgeworfen.

Heute übernimmst du selbst diese Rolle und wunderst dich noch, wenn Mitstreiterlnnen von einst entsetzt, traurig und empört auf diesen Wandel reagieren. Dein Parteifreund Rüdiger Sagel, der auf der Kundgebung am 3. April eine gute und engagierte Rede gehalten hat, bekam diesen Ärger unverdient zu spüren - er wurde von Kundgebungsteilnehmern zu Unrecht ausgebuht und beschimpft. Diese Art der Auseinandersetzung finde ich in der Tat nicht in Ordnung und distanziere mich ausdrücklich davon, zumal es dabei nicht um die von Rüdiger vertretenen Positionen ging, sondern nur um seine Zugehörigkeit zu den Grünen.

Bei meiner Kritik an der Verletzung des Völkerrechts durch die UNO ging es ebenfalls nicht, wie von dir unterstellt, um die Wahrung der ,,staatlichen Souveränität" Jugoslawiens sondern in erster Linie um die Fragen der Glaubwürdigkeit und der Perspektiven. Es gibt berechtigte Kritik an der UNO -aber, das dürftest du auch wissen, es gibt auch den systematischen Versuch, sie handlungsunfähig zu halten und langfristig auszuhebeln. Die NATO ist eben nicht, wie es dein Leserbrief impliziert, ein Instrument der ,,internationalen Solidarität" und die US-Armee hat tatsächlich 1945 zum bisher letzten Mal an der Befreiung von einem verbrecherischen und diktatorischen Regime mitgewirkt. Alle Beispiele aus der jüngeren Geschichte sprechen eine andere Sprache, vom Vietnamkrieg über den Putsch in Chile bis zur Unterstützung des menschenrechtsfeindlichen und undemokratischen Systems in der Türkei oder Indonesien.

Du weißt, dass Friedensgruppen wie die DFG-VK seit langer Zeit auf die Unterdrückung der Kosovo-Bevölkerung ebenso aufmerksam gemacht haben, wie auf ähnliche Zustände in Kurdistan oder im Indonesisch besetzten Osttimor, während die Bundesregierung, ja auch die neue rot-grüne, z.B. für kosovo-albanische Asylbewerber in Deutschland keine Gruppenverfolgung im Herkunftsland erkennen wollte, die eine Abschiebung verhindert hätte. Auf diese und andere Widersprüche hinzuweisen, das ist unsere Aufgabe als Friedensbewegung - auch dann, wenn wir dabei alten Freundinnen und Freunden auf die Zehen treten müssen, Ich würde mich freuen, wenn du bald auf einer Kundgebung einen Beitrag hältst und dort erläuterst, wie du dir die Rückkehr zur Politik vorstellst und welche Durchsetzungsmöglichkeiten du dafür siehst. Solange es dir aufrichtig nicht darum geht die Fortsetzung des Krieges zu rechtfertigen, würde ich dich dabei gegen jeden unfairen Angriff verteidigen. Mit freundlichen Grüßen
 

Kathrin Vogler

Bundessprecherin der DFG-VK