Aus: Allgemeine Jüdische Wochenzeitung Nr. 9 29. April 1999

,,Die Bomben fragen nicht, wer Jude oder Serbe ist"

Aca Singer, Präsident des Bundes Jüdischer Gemeinden in Jugoslawien über die Bombardierungen

In Serbien gibt es neun Jüdische Gemeinden mit etwa dreitausendfünfhundert Mitgliedern. Was denken sie über den NATO-Einsatz vor ihrer Tür? Andreas Dietl fragte Aca Singer, den Präsidenten des Bundes Jüdischer Gemeinden in Jugoslawien.

Es war nicht einfach, Sie zu erreichen.

Singer: Ich habe leider nur sehr wenig Zeit; ich habe so viel zu tun. Wir haben Menschen aus Gebieten, die von Bombardements gefährdet sind, in der Synagoge einquartiert. In dem Teil der Stadt, wo die Synagoge liegt, gibt es kein Objekt, das für eine Bombardierung in Frage käme. Ich selber lebe zur Zeit auch nicht in meiner Wohnung, weil ich in der Nähe einer Brücke wohne.
Jetzt war ich gerade vier Tage in Budapest, um dort ungefähr zweihundertfünfzig Juden aus Jugoslawien zu helfen, die nach Israel weiterreisen wollen. Insgesamt sind ungefähr dreihundert Menschen weggegangen. Nicht alle wollen aber nach Israel auswandern. Die anderen reisen erst einmal vorläufig dorthin, dann werden sie weitersehen. Das sind aber keine Flüchtlinge - es ist sehr wichtig, das zu unterscheiden. Sie verlassen ihre Heimat aus Angst vor den Bombardierungen. Das ist leider die Folge dessen, was die Amerikaner bei uns machen. Die Bomben sind eine Gefahr für alle. Die Bomben fragen nicht, wer Jude, Serbe, Kroate oder Albaner ist. Aber die Serben, die Familie auf dem Dorf haben, schicken wenigstens ihre Kinder dorthin. Wir Juden sind leider alle Städter, wir haben keine Familie auf dem Dorf. Deswegen haben wir organisiert, daß diese Leute nach Israel gehen können.

Sie organisieren das gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde in Budapest?

Singer: Ja, und mit anderen jüdischen Organisationen. Es gibt da eine sehr große Solidarität. In Budapest habe ich mich mit Herrn Zwejgelbaum vom European Jewish Congress getroffen, mit Vertretern der amerikanischen Organisation JOINT, mit dem Generalsekretär des Verbands Jüdischer Gemeinden in Budapest, Herrn Szoltay, und mit Vertretern von B'näi B'rith und der Sochnut.

Gibt es auch eine Jüdische Gemeinde im Kosovo?

Singer: Ja, die Jüdische Gemeinde In Pristina hat etwas mehr als vierzig Mitglieder. Diese Menschen hatten die Möglichkeit, wegzugehen,. aber sie haben nur die Kinder evakuiert; aber nicht, weil sie verfolgt würden, sondern wegen der NATO-Bomben. Sie haben die Kinder auch nicht nach Budapest oder Israel geschickt, sondern nach Serbien. Die meisten haben Familien in Serbien; meistens handelt es sich um Mischehen, in denen ein Partner Serbe oder Albaner ist, der andere jüdischen Glaubens.

Sie haben die Bombenangriffe kritisiert und die NATO für ,,unschuldige Opfer und Zerstörungen, Massenexodus und Leiden" verantwortlich gemacht. Fürchten Sie nicht, damit Milosevic das Wort zu reden?

Singer: Das ist ein Quatsch, eine Dummheit! Ich bin bestimmt nicht verliebt in Herrn Milosevic. Wir sind in dieser Sache sehr objektiv. Sicherlich sind wir der Regierung gegenüber loyal, aber mich persönlich verbindet nichts mit Herrn Milosevic. Ich bin sechsundsiebzig Jahre alt. Ich war in Auschwitz. Ich mache bestimmt keine Karriere mehr und gehöre keiner Partei an, weder der Regierungs- noch einer Oppositionspartei. Aber ich kann zur Zeit wegen der Bomben nicht in meiner Wohnung schlafen. Soll ich da sagen: ,,Danke, liebe Amerikaner, bombardiert uns ruhig?"
Als ich am Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland war, habe ich erlebt, wie die Amerikaner Deutschland bombardiert haben, wie auch auf Konzentrationslager Bomben abgeworfen wurden. Damals hatte ich keine Angst vor den Bomben, denn ich sagte mir:
,,Gottseidank! Die Amerikaner werden dieses Nazi-Regime vernichten." Jetzt sage ich etwas anderes: Das, was die Amerikaner jetzt machen, ist nur gut für Milosevic. Alle, die vorher gegen ihn waren, stehen jetzt hinter Milosevic. Nicht wegen Milosevic, sondern wegen der Bombardierung. Das ist die größte Hilfe, die Milosevic bekommen konnte.

Bundestagespräsident Wolfgang Thierse spricht davon, das serbische Volk sei „nicht schuldiger, als wir Deutschen es unter der nationalsozialistischen Diktatur waren", Außenminister Joseph Fischer sagt, die serbische Spezialpolizei sei ,,gewissermaßen die SS", Verteidigungsminister Rudolf Scharping spricht von ,,Selektion" und von ,,Konzentrationslagern" im Kosovo. Was lösen solche Äußerungen bei Ihnen aus?

Singer: Das, ist ein wenig Politik und ein wenig Quatsch, und für die Vorwürfe, die darin enthalten sind, fehlen die Beweise. Nur ein Beispiel: Zuerst hieß es, auf dem Fußballplatz von Pristina gebe es ein ,,Konzentrationslager". Dann mußten auch ausländische Journalisten, die dort waren, zugeben, daß es dort keine Spur eines ,,Konzentrationslagers" gibt. Ich weiß natürlich auch nicht, was genau im Kosovo passiert. Aber die Informationen, die ich von unseren Leuten dort kriege, sind nicht ganz im Sinne dessen, was Sie in der westlichen Presse lesen können. Es ist schon möglich, daß manches davon wahr ist, denn seitdem die Bombardierung dort angefangen hat, gibt es Probleme sowohl mit serbischen als auch mit albanischen Extremisten. Ich spreche vom jüdischen Standpunkt aus, nicht vom serbischen und nicht vom albanischen.

Welches Gefühl haben Sie, wenn Sie erfahren, daß in Deutschland der Begriff ,,Auschwitz" benutzt wird, um die Luftangriffe zu rechtfertigen?

Singer: Ständig hört man diesen Vergleich, ständig heißt es, das sei ein Genozid. Das ist kein Genozid - ein Genozid ist das, was mit den Juden gemacht wurde. Es hat im Kosovo Akte der Grausamkeit gegeben - gegen Albaner und auch gegen Serben. Aber mit Genozid hat das nichts zu tun. Der Genozid, das war der Versuch, ein ganzes Volk auszurotten. Fünfundsechzig Mitglieder meiner Familie sind in Auschwitz geblieben - ich weiß aus eigener Erfahrung, was ,,Konzentrationslager" und ,,Genozid" heißt und finde es unerträglich, wenn diese Begriffe instrumentalisiert werden.

Auch Marek Edelman, der letzte überlebende Anführer des Aufstandes im Warschauer Ghetto, hat den Einsatz von Bodentruppen der NATO mit der Begründung gefordert, nur so könnten ,,die Albaner vor dem Völkermord" geschützt werden.

Singer: Es tut mir sehr leid das zu sagen, weil Marek Edelman ein Leidensgenosse ist, aber er kennt die Situation nicht. Ich bin bestimmt kein Sprecher der serbischen Regierung, wenn ich das sage. Und ich bin zu alt, um so eine Aussage wider besseres Wissen zu machen.

Sie sagten, die serbische Bevölkerung stehe fast geschlossen hinter der Regierung, vereint gegen den äußeren Feind. In solchen Situationen nehmen häufig auch völkische Tendenzen und Antisemitismus zu. Wie ist das zur Zeit in Serbien?

Singer: Bis heute haben wir keine größeren antisemitischen Äußerungen bemerkt. Aber ein großes Problem ist, daß es hier heißt, ein großer Teil der amerikanischen Politiker -Verteidigungsminister Cohen, Außenministerin Albright, der Sondergesandte HoIbrooke - seien ,,alles Juden". Es gibt bereits viele Serben, die fragen: ,,Warum machen das die Juden?", die auch uns anfeinden, weil wir jüdische Kinder evakuieren, während sie hierbleiben müssen. Das bereitet uns schon unangenehme Gefühle. Das haben die Amerikaner nun mit ihrem Bombardement erreicht.