Spontaner Redebeitrag auf der Antikriegsdemo am 1. September 1999 in Münster
Von Dr.phil. Bernd Drücke (Soziologe, Redakteur der Graswurzelrevolution)

Liebe KriegsgegnerInnen, liebe FreundInnen und GenossInnen

ich möchte Euch hier ein Dokument vorlesen, das morgen in der aktuellen Graswurzelrevolution veröffentlicht wird:
 
„NATO/Jugoslawien: USA befahlen Angriffe auf die Zivilbevölkerung
„Hier wurde eine der größten Greueltaten der Geschichte begangen.“ Ein spanischer Pilot berichtet: Angriffe auf Zivilbevölkerung in Jugoslawien geschahen auf Befehl der USA

Am 14. Juni veröffentlichte eine spanische Wochenzeitung einen Artikel mit Einzelheiten, wie die amerikanischen NATO-Befehlshaber Angriffe auf zivile Ziele befohlen haben. Der Bericht in der Zeitschrift Articulo 20 (der Name nimmt Bezug auf Artikel 20 der spanischen Verfassung, der die Redefreiheit garantiert) stützt sich auf ein Interview mit dem Hauptmann Adolfo Luis Martin de la Hoz, einem spanischen Piloten der NATO. Der Artikel wurde von Jelena Karovic übersetzt und über das Netz für Frieden auf dem Balkan (BalkanPeaceNetwork@listbot.com) verbreitet. Adolfo de la Hoz hatte seit Kriegsbeginn als Pilot eines Kampfflugzeugs F-18 an den Bombardierungen teilgenommen und kehrte Ende Mai nach Spanien zurück. Er sagte, daß die Operation von den USA geleitet wurde, und daß die NATO all diejenigen mit Medaillen auszeichnete, die zivile Ziele bombardiert hatten. „Unsere schlimmsten Feinde sind unsere eigenen Regierungen, der Verteidigungsminister und sein ganzer Stab, die Regierungsmitglieder, die über Krieg nichts wissen und ihn doch unterstützen, ohne sich in irgendeiner Weise zu informieren und die, was das Schlimmste ist, die Schuld dafür tragen, daß die Bevölkerung von Zeitungen, Radio, Fernsehen, Korrespondenten und Presseagenturen belogen wird,“ betonte er. De la Hoz wies die Behauptung zurück, daß die wiederholten Bombardierungen ziviler Einrichtungen durch die NATO ein Versehen gewesen seien: „Mehrere Male hat unser Oberst gegenüber den NATO-Befehlshabern protestiert, weil es sich bei den gewählten Zielen nicht um militärische Ziele handelte. Er wurde von ihnen verflucht und hinausgeworfen.“ Er berichtete weiter: „Einmal erteilte das amerikanische Militär einen kodierten Befehl, über Pristina und Nis Splitterbomben abzuwerfen. Unser Oberst weigerte sich, diesen Befehl auszuführen. Einige Tage später erhielt er dann seinen Versetzungsbefehl.“  Seine Schilderung über das wahre Gesicht dieses NATO- Krieges läßt uns erschaudern. Er sagte: „Kein einziger Journalist hat auch nur die leiseste Ahnung, was in Jugoslawien wirklich passiert. Sie zerstören das Land, bombardieren es mit neuartigen Waffen, toxischen Nervengasen, platzieren Oberflächenminen, die mit Fallschirmen abgeworfen werden, werfen Bomben ab, die Uran, schwarzes Napalm und sterilisierende Chemikalien enthalten, setzen Spritzmittel ein, die die Ernten vergiften und verwenden Waffen, die auch uns noch völlig unbekannt sind. Die Amerikaner begehen eine der größten Barbareien gegen die Menschheit.“
Chris Marsden, 30. Juni 1999, aus dem Englischen (25. Juni 1999)“

1998 fanden 21 Kriege und 28 kriegerische Auseinandersetzungen statt. 7, 5 Millionen Menschen wurden dabei getötet, 40 Millionen vertrieben und verletzt. In diesem Jahr droht sich diese Schreckensbilanz noch zu erhöhen. Der Krieg in Jugoslawien ist in eine neue Phase getreten. In den letzten Tagen wurden ca. zweihunderttausend Roma und Serben von albanischen NationalistInnen aus dem zerstörten Kosovo vor allem ins zerstörte Serbien vertrieben. Fordern Schröder und die Fischerchöre diesmal wieder „chirurgische NATO-Schläge“ gegen die ethnischen Säuberer? Nein, stattdessen bekennt Schröder im ZDF, daß der Wiederaufbau Jugoslawiens der deutschen Wirtschaft nützen werde. „Alle Kriege entstehen nur um den Besitz von Geld.“ (Plato)
Die „Neue NATO-Strategie“ des militärischen Interventionismus wurde im „humanitären“ Angriffskrieg gegen Jugoslawien „erfolgreich“ erprobt. Und deutet das vertrauliche Zusatzprotokoll im Rambouillet-Abkommen nicht darauf hin, daß dieser Krieg von den NATO-Strategen eingefädelt wurde?
Inhalt dieses für die ebenfalls verbrecherische jugoslawische Regierung unannehmbaren „Annex B“ war u.a., daß die NATO-Truppen in ganz Jugoslawien stationiert werden können. Auf dieses Besatzungsstatut wurde erst bei „Kriegsende“ verzichtet.
Unsere Solidarität gehört den nicht nationalistischen AntimilitaristInnen weltweit, auch hier:
Gegen KriegsgegnerInnen wie z.B. die UnterzeichnerInnen des in der Graswurzelrevolution Nr. 239 abgedruckten „Aufruf(s) an alle Soldaten: Verweigern Sie Ihre Beteiligung an diesem Krieg!“ wird nun strafrechtlich ermittelt. Die Aufforderung zur Desertion sei srafbar, so die Staatsanwaltschaft. Es ist also wichtig, dass wir diese Aufforderung immer wieder und gemeinsam mit vielen Menschen wiederholen. Ingeborg Bachmann bleibt aktuell: „Der Krieg wird nicht mehr erklärt, sondern fortgesetzt. Das Unerhörte ist alltäglich geworden. Der Held bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache ist in die Feuerzonen gerückt. Die Uniform des Tages ist die Geduld, die Auszeichnung der armselige Stern der Hoffnung über dem Herzen.
Er wird verliehen, wenn nichts mehr geschieht, wenn das Trommelfeuer verstummt, wenn der Feind unsichtbar geworden ist und der Schatten ewiger Rüstung den Himmel bedeckt.
Er wird verliehen für die Flucht vor den Fahnen, für die Tapferkeit vor dem Freund, für den Verrat unwürdiger Geheimnisse und die Nichtachtung jeglichen Befehls.“
Vielen Dank.