Behauptung Nr. 1
Bei dem Krieg in Jugoslawien handelt es sich um einen humanitären
Akt der Nothilfe zugunsten der Kosovo-Albaner.
Tatsache ist, daß
selbst in Washington die Meinung vertreten wird, Serbien sei inzwischen
"in die vierziger Jahre zurückgebombt" worden (FAZ 21.4.99). Nach
glaubwürdigen Angaben der Regierung in Jugoslawien sind inzwischen
mehr als 1000 Menschen ums Leben gekommen. Die Sachschäden belaufen
sich mittlerweile auf einen Betrag von 300 Milliarden DM. Ein großer
Teil der Zerstörung betrifft direkt die Bevölkerung - einschließlich
der Kosovo-Albaner, die u.a. auch in Serbien leben (ca. 100.000 alleine
in Belgrad) - ihre Versorgungs- und Lebenslage, Schulen und Krankenhäuser,
ihre Wohn- und Arbeitsbedingungen. Über die Sendung "Monitor" wurde
u.a. bekannt, daß beim Einsatz der "Apache"-Kampfhubschraubern auch
Geschosse mit abgereichertem Uran (Depleted Uran = DU) verwendet werden.
Beim Auftreffen dieser Geschosse zerstäubt sich das Metall zu giftigen
radioaktiven Teilchen, die sich in der Umgebung verteilen. Der Stoff wird
dann eingeatmet oder gelangt durch Wunden in den Körper. Seit dem
Golfkrieg protestieren viele ehemalige US-Soldaten dagegen, ohne ihr Wissen
durch den Einsatz der Munition vergiftet worden zu sein.
Das Militär schätzt, daß insgesamt 30 Tonnen giftigen
Urans auf den irakischen Schlachtfeldern liegen blieben. Das trug nach
Meinung vieler Ärzte dazu bei, daß die Bevölkerung im Süden
des Irak nach dem Krieg an einer fünfmal höheren Krebsrate leidet.
Das ballistische Forschungslabor der US-Army nennt die Belastung durch
die DU-Munition im Krieg allerdings "vertretbar" (taz 21.4.99).
Wir wissen, daß es Vertreibung und Flüchtlingselend im Kosovo
gibt und daß das Milosovic-Regime mit einer ungeheuren Brutalität
gegen die dortige Bevölkerung vorgeht. Aber wir sind nicht auf einem
Auge blind und sehen auch, was die Bomben der NATO dem Land und den Menschen
Jugoslawiens antun.
Der NATO-Krieg hat nichts mit Humanität oder Nothilfe zu tun,
sondern ist gegen die gesamte Bevölkerung Jugoslawiens - egal ob Kosovo-Albaner
oder Serben - gerichtet.
Behauptung Nr. 2
Dieser Krieg wird nicht aus ökonomischen oder aus machtpolitischen
Interessen wie z.B. beim Golfkrieg geführt.
Tatsache ist, daß
Rußland beim Export seines Öls hinsichtlich
der Durchfahrtsgenehmigung durch den Bosporus von der Türkei abhängig
ist. Um dieser Kontrolle zu entgehen ist eine sogenannte "Bypass-Pipeline"
zum Bosporus vom Schwarzmeerhafen Burgas durch Bulgarien und den Kosovo
an die albanische Mittelmeerküste geplant! Parallel dazu wurden politische
und militärische Vereinbarungen getroffen. (ND 6.4.)
Der NATO-Krieg gegen Jugoslawien steht von Anfang an
im Zusammenhang mit einer systematischen Zurückdrängung des Einflusses
Rußlands in Osteuropa.
Dabei spielt der Kampf um die Vorherrschaft in der kaukasisch-kaspischen
Region, wo die weltweit zweitgrößten Erdöl- und riesige
Erdgasvorkommen lagern, eine wesentliche Rolle. "Alle Ressourcenforscher
rechnen damit, daß vor dem Jahr 2050 die Ölquellen versiegt
sein werden." ... "Die Interessenkonflikte zwischen den USA, die
allein etwa 25% des weltweiten Jahresangebots konsumieren, kollidieren
zunehmend vor allem mit den wachsenden chinesischen und indischen Bedürfnissen.
(Hermann Scheer MdB, SPD zitiert nach taz 7.5.99)
Denn laut Hermann Scheer, haben China und Indien einen
"dramatisch wachsenden Ölimportbedarf, der jährlich um 20%
bis 30% steigt." Mit der neuen NATO-Strategie, die auf dem Gipfeltreffen
zum 50. Jahrestag des Bündnisses beschlossen wurde, geht es nach Scheer
darum, "diese Ressourcenregionen politisch zu kontrollieren - das Bündnis
soll Eskorte von Öl- und Gaskonzernen werden." In der verabschiedeten
Resolution wird deutlich, daß sich die NATO den Anlaß und den
Ort eines Krieges vorbehält. Dort heißt es: "Zu diesen Risiken
gehören Ungewissheit und Instabilität im und um den europäisch-atlantischen
Raum sowie die mögliche Entstehung regionaler Krisen an der Peripherie
des Bündnisses, die sich rasch entwickeln können." (...)
"Die Sicherheit des Bündnisses muß jedoch auch den globalen
Kontext berücksichtigen."
Doch die neue NATO-Strategie verfolgt nicht nur das Ziel
der Sicherung und Festigung ökonomischer Interessen, sondern laut
ihrer Resolution auch die Niederhaltung von Befreiungsbewegungen und revolutionären
Kräften. So heißt es in der Resolution: "Sicherheitsinteressen
des Bündnisses können von anderen Risiken umfassenderer Natur
berührt werden, einschließlich Terror-Akte (...) sowie
der Unterbrechung der Zufuhr lebenswichtiger Ressourcen. Die unkontrollierte
Bewegung einer großen Zahl von Menschen insbesondere als Form bewaffneter
Konflikte kann ebenfalls Probleme für die Sicherheit und Stabilität
des Bündnisses aufwerfen."
Mit der Verwirklichung dieser neuen Strategie ist ein
gigantisches Hochrüstungsprogramm verbunden zur Aus- und Aufrüstung
der "Krisenreaktionsstreitkräfte" der NATO-Mitgliedsstaaten. Der entsprechende
Umbau der Bundeswehr hat bereits begonnen und Kriegsminister Scharping
rechtfertigte die dafür notwendigen Milliardensummen, die durch eine
entsprechende Steuer- und Wirtschaftspolitik uns aufgebürdet werden
sollen. So plant der neue Finanzminister Eichel bereits die Einführung
einer "Kriegssteuer", insbesondere die Vorziehung der ohnehin geplanten
Erhöhung der Mehrwertsteuer von 16% auf 18% und auch die Streichung
des Arbeitslosengeldes ist bereits im Gespräch, um ein "deutliches
Loch" im Haushaltsplan des Bundes von 30 Milliarden zu stopfen. Es
ist eine glatte Lüge, wenn der neue Finanzminister behauptet, der
NATO-Krieg würde den Haushalt nicht wesentlich belasten. Denn die
alte Bundesregierung hatte schon damals für den Irak-Krieg 17 Milliarden
DM an die USA gezahlt und über 20 Milliarden DM wurden seit Beginn
der NATO-Aggression buchstäblich verpulvert.
In einem "Beratungskonzept" vom Juni 1994 (BMWI-Dokumentation
Nr. 350) erläutert die Bundesregierung ihre wirtschaftlichen Ziele
gegenüber den mittel- und osteuropäischen Ländern. Dort
heißt es u.a.:" Die geopolitische Lage der Bundesrepublik mit
ihren wirtschaftlichen, sicherheitspolitischen und ökologischen Randbedingungen
zwingt zum Handeln. Ohne wirtschaftliche und politische Stabilisierung
in Osteuropa ist eine anhaltende Stabilität und Prosperität in
Westeuropa nicht möglich. (...) In den osteuropäischen Staaten
existieren Absatzmärkte mit erheblichem Wachstumspotential. So bieten
sich neben dem Absatz von Konsumgütern für die deutsche Wirtschaft
erhebliche Chancen bei der Erneuerung des Kapitalstocks, der Infrastruktur
sowie der Sanierung ökologischer Altlasten. Die Energie- und Rohstoffversorgung
aus Osteuropa, beispielsweise Öl- und Gaslieferungen aus Rußland,
stellen für die Bundesrepublik einen bedeutsamen Inputfaktor dar."
Die Serben allerdings stemmen sich seit 1997 gegen eine
weitere Öffnung gegenüber den internationalen Konzernen. So gab
es nach Angaben des Geschäftsführers des Ost-Ausschusses der
Deutschen Wirtschaft vor Beginn der verstärkten Unterdrückung
im Kosovo "Gespräche zur Wiederbelebung der Handelsbeziehungen" mit
der BRD. Die Projekte zielten unter anderem auf die Modernisierung von
Kraftwerken und Fabriken für den Automobilbau. Jugoslawien habe jedoch
alle Vorschläge deutscher Unternehmen abgelehnt (FAZ 6.4.99).
Behauptung Nr. 3
Der Krieg wird von der NATO mit antifaschistischen Zielen gegen
den "neuen Hitler" Milosevic geführt.
Tatsache ist, daß
die Dämonisierung des Gegners mittels der Gleichsetzung mit dem
Hitlerfaschismus bewußt vorbereitet wurde und der psychologischen
Kriegsführung zur Gewinnung der Bevölkerung für diesen Krieg
dient. So hatte die Werbe-Agentur Ruder Finn 1992 eine aufwendige Werbekamapgne
mit weltweit ausgestrahlten TV-Spots zur Verbreitung eines negativen Serbien-Image
durchgeführt. Dafür erhielt sie 1993 eine Auszeichnung für
ihre "Krisenkommunikation" durch die "Public Relations Society of America".
Agenturchef James Harff berichtet: "In der öffentlichen Meinung
konnten wir mit einem Schlag die Serben den Nazis gleichsetzen ... . Sofort
stellten sich bemerkenswerte Änderungen im Sprachgebrauch ein, begleitet
von der Verwendung solcher Begriffe, die eine starke emotionale Aufladung
hatten, wie etwa ethnische Säuberungen, Konzentrationslager usw. und
all das evozierte einen Vergleich mit Deutschland, Gaskammer und Auschwitz.
Die emotionale Aufladung war so mächtig, daß niemand wagte,
dem zu widersprechen." (taz 14.4.99)
Mit der Gleichsetzung Milosevic = Hitler soll die antifaschistische
Strömung in der Bevölkerung mißbraucht werden.
Behauptung Nr. 4
Allein die Bomben der NATO machen den Weg frei für Verhandlungen
und Frieden.
Tatsache ist, daß
die "Friedenspläne" der NATO und der Bundesregierung
keineswegs auf das Wohl der Menschen abzielen. Im Gegenteil, der sogenannte
Friedensplan von Rambouillet, kann nur als Friedensdikat bezeichnet werden
und ist sowohl für Restjugoslawien als auch für die Kosovo-Albaner
unannehmbar. So beinhaltet der Artikel 8 des Vertrages die Errichtung einer
NATO-Besatzungsmacht über ganz Jugoslawien, was einer vollständigen
Aufhebung der staatlichen Souveränität gleichkommt. Die Artikel
1 und 2 diese Vertrages wollen den Kosovo-Albanern das Selbstbestimmungsrecht
verweigern und jegliche Volksbewaffnung verbieten.
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer charakterisierte diesen Vertrag
mit folgenden Worten:
"Wie ich in meinem Memorandum geschrieben habe, unterzeichnet
einen solchen Vertragstext nur ein Staat nach vollständiger Kapitulation."
Die russische Regierung droht nach wie vor damit, daß
der Übergang zum Bodenkrieg die rote Linie sei, die nicht überschritten
werden dürfe, sonst würde sie sich militärisch auf die Seite
Serbiens stellen. Das würde nicht nur eine Ausweitung des Krieges
zumindest auf die Staaten Mazedonien, Albanien und Bosnien/ Herzegowina
bedeuten, sondern auch die Gefahr eines III. Weltkrieges vergrößern.
Fakt ist auch, daß der militärische Standard der russischen
Atomstreitkräfte im Unterschied zu den restlichen
Armeeteilen relativ gut ist. Sie verfügen über 750 landgestütze
Interkontinental-Raketen mit 3.460 Sprengköpfen. Auch ein Teil der
Atom-U-Boote und strategischen Bomben ist noch einsatzbereit. Darüber
hinaus wurden letztes Jahr noch die neu entwickelten Topol-Raketen aufgestellt,
deren Reichweite 10.000 km beträgt (Welt am Sonntag, 11.4.99).
Für einen erfolgreichen Bodenkrieg kämen allein
von Seiten der NATO ¼ Millionen Soldaten direkt in Jugoslawien zum
Einsatz.
Es ist unsere feste Überzeugung, daß einzig
und allein die oppositionellen Kräfte in Jugoslawien auf der Grundlage
des aktiven Widerstands und im Vertrauen auf die eigene Kraft willens und
in der Lage sind, sich der Milosevics zu entledigen und ein friedliches
und demokratische Leben der Völker Jugoslawiens zu gewährleisten.
Behauptung Nr. 5
Die Medien berichten wahrheitsgemäß.
Tatsache ist, daß
in den Medien und vornehmlich über das Fernsehen der weltweit
anwachsende aktive Widerstand weitestgehend totgeschwiegen wird. Auch Münster
macht hier keine Ausnahme. So werden durch die Lokalpresse die Aktivitäten
der Friedensbewegung systematisch verschwiegen und auch vor der offenen
Manipulierung von Fotomaterial (siehe Foto i. d. WN vom 3. Mai zur 1.Mai-Kundgebung
) nicht zurückgeschreckt.
Der demokratisch legitime Widerstand richtete sich nicht
nur konsequent gegen die Aggressionspolitik der NATO, sondern gleichermaßen
auch gegen die rassistische Vertreibungspolitik des Milosevic-Regimes.
Auch in Serbien mehren sich die Stimmen, die sowohl gegen die NATO als
auch gegen die Milosevic-Regierung eintreten. 27 Künstler und Intellektuelle
veröffentlichten in Belgrad einen Apell an die NATO, die EU, die US-Regierung
und Milosevic, der dazu auffordert, "die Gewalt und alle Militäraktionen
sofort zu beenden und eine politische Lösung zu suchen." Eine
Plattform von 16 "staatsunabhängigen" Organisationen fordert das Ende
des Nato-Bombardements: "Von den serbischen und den internationalen
Medien fordern wir, die Öffentlichkeit sachlich und wahrheitsgemäß
zu informieren und keinen Medienkrieg in Gang zu setzen, nicht zum Völkerhaß
anzustiften ..."
In mindestens in 17 Ländern kommt es immer häufiger
zu Protesten, Demonstrationen und Streiks gegen den NATO-Krieg.
Bereits am 22. April trafen sich über 600 Vertrauensleute
der Gewerkschaft CGIL in Mailand zu einer nationalen Versammlung. Sie forderten
die Führungen der drei größten Gewerkschaften Italiens
auf, einen Generalstreik gegen den Krieg zu organisieren. Weiter wurde
beschlossen, Massenversammlungen in den Betrieben zu dieser Frage durchzuführen.
In Massa (Toskana) führten die drei örtlichen Gewerkschaftsorganisationen
bereits am 19.4. einen vierstündigen regionalen Generalstreik durch.
Es war der erste richtige Streik in Italien, der gegen den Nato-Krieg durchgeführt
wurde. Bei der damit verbundenen Demonstration nahmen insgesamt 5.000 Menschen
teil.
In Wien am Platz um den Stefansdom demonstrieren täglich
ab 20 Uhr zwischen 1.000 und 3.000 in Österreich lebende Jugoslawen
gegen die Nato-Angriffe. An Wochenenden steigt die Zahl auf bis zu 10.000
Demonstranten an.