film|spiegel
In der deutschlandweit einmaligen niederländischen Filmreihe bieten wir wieder bizarre Einblicke in die uns oft leicht fremde Welt der Filmkultur unserer Nachbarn. Die seit Jahren von der Stiftung film|spiegel organisierte Auswahl aktueller Produktionen renommierter Regisseure bedient wie immer alle Genres und die durchweg diskussionsträchtigen Filminhalte tragen beim „Lullen“ in der Festival-Lounge nach den Vorstellungen sicher zur Völkerverständigung bei!
In der Tragikomödie SIMON (NL 04) erzählt Regisseur Eddy Terstall die skurrile Entwicklung der intensiven Freundschaft zwischen dem machohaft-grotesken Dealer Simon und dem schwulen Dandy Camiel, die bis über den Tod hinausgeht. Im Dokumentarfilm DUTCH LIGHT (NL 03) lässt uns Pieter-Rim de Kroon mit faszinierenden, monumentalen Landschaftsaufnahmen in die Mystik der niederländischen Lichtverhältnisse eintauchen. Bei HET ZUIDEN (NL 04) führt uns Martin Koolhoven in die möglichen Abgründe des Traums von der großen Liebe und die GOLDEN CALF SHORT REEL stellt zum 25. Jubiläum des Nederlands Film Festival Utrecht Kurzfilm-Preisträger der vergangenen Jahre vor.
Wie sicherlich vielen Filminteressierten bekannt, wurde der niederländische Kolumnist, Filmemacher und zynische Provokateur Theo van Gogh am 2. November 2004 auf offener Straße in Amsterdam ermordet. Dieses tragische Ereignis und den in angenehmer Erinnerung bleibenden Besuch Theos auf unserem letzten Filmfestival haben wir zum Anlass genommen, dem „Aktionsregisseur“ innerhalb der Reihe film|spiegel als erstes deutsches Filmfestival eine gesonderte Retrospektive zu widmen. Diese bietet mit sechs Filmen einen beeindruckenden Querschnitt durch seine Werke, zwei Beiträge über ihn zeigen seinen Einfluss als Filmemacher und als politischer Querdenker. Natürlich sind auch viele der Filmemacher jenseits der grünen Grenze unserer Einladung nach Münster gefolgt und stellen sich nach den Vorstellungen gerne der Diskussion mit dem münsterschen Publikum.
Tot ziens!
Retrospektive Theo van Gogh
Auch wenn sich Theo van Gogh nur als „entfernter Verwandter“ des großen niederländischen Malers Vincent van Gogh ausgab, so war er tatsächlich der Urenkel von Vincents Bruder Theo van Gogh. Aufgewachsen im südholländischen Wassenaar, entschied er sich nach Abbruch seines Jurastudiums die Laufbahn als Regisseur einzuschlagen.
Nachdem sein Debütfilm LUGER (1981) allgemein auf große Ablehnung stieß, machte er sich mit seinen weiteren Produktionen schnell einen Namen als typischer „Aktions- und Darstellerregisseur“. Die Qualität seiner Filme besteht vornehmlich darin, ungeahnte Fähigkeiten aus Darstellern herauszuholen, die Story und die Schauspieler waren ihm stets wichtiger als die filmische Umsetzung. Während er sich in Kolumnen und TVDebatten immer provokant und angrifflustig zeigte, war er laut Mitarbeitern am Dreh-Set die Güte in Person.
Nach LUGER wechselte van Gogh in den 80ern zu zurückhaltenden Literaturverfilmungen, ab den 90ern schien er sich auf spannende Beziehungsfilme zu spezialisieren. Im neuen Jahrtausend wandte er sich zielgerichtet politischen Themen zu und arbeitete bis zu seinem Tod an dem Film 06/05 über den 2002 ermordeten Pim Fortuyn und an COOL, seinem Beitrag über kriminelle Jugendbanden.
Die meisten seiner Werke waren Low-Budget-Produktionen und in sechs Fällen (von insgesamt 19 fertig gestellten Filmen) aus eigener Tasche bezahlt. Seit langem galt van Gogh in seiner Heimat als „enfant terrible“ des holländischen „Exploitation“-Films und rief mit polarisierenden Äußerungen und verletzendem Spott in den Medien immer wieder Kontroversen hervor, um die öffentliche Diskussion zu gesellschaftsrelevanten Themen aufrecht zu erhalten.
So kritisierte er die multikulturelle Gesellschaft, die einen Angriff gegen „die Normen und Werte der westlichen Gesellschaft“ darstelle und „den aggressiven und rückständigen Islam“ verteidige. Einer seiner letzten Fernsehbeiträge, SUBMISSION, hatte er zusammen mit der Parlamentsabgeordneten Ayaan Hirsi Ali realisiert. Er handelt von islamischen Frauen, die über ihre Missbrauchserfahrungen sprechen. Die TV-Ausstrahlung im Sommer 2004 führte zu heftigen Reaktionen in der moslemischen Gemeinde, van Gogh und Hirsi Ali erhielten Morddrohungen.
Theo van Gogh wurde am Dienstag, 2. November gegen neun Uhr auf dem Fahrradweg zu seiner Produktionsfirma in Amsterdam durch sieben Kugeln und mehrere Messerstiche auf offener Straße ermordet.
Die darauf folgenden Unruhen haben in den Niederlanden als auch im europäischen Ausland eine breite Diskussion über das Zusammenleben von Europäern und Einwanderern ausgelöst.
Fotos: Theo van Gogh, filmfestival münster 2003
© Ralf Emmerich
Filmografie
Luger (1981)
Een dagje naar het strand (1984)
Charley (1986)
Terug naar Oegstgeest (1987)
Loos (1989)
Vals licht (1993)
Ilse verandert de geschiedenis (1993)
06 (1994)
Reunie (1994)
Eva (1994)
Een galerij: De wanhoop van de sirene (1994)
De Eenzame Oorlog Van Koos Tak (1995)
Blind Date (1996)
Hoe ik mijn moeder vermoordde (1996)
In het belang van de staat (1997)
Au (1997)
De Pijnbank (1998 )
De Kampioen (1999)
Baby Blue (2001)
De nacht van Aalbers (2001)
Najib en Julia (2002)
Interview (2003)
Zien (2004)
Submission (2004)
Cool (2004)
06/05 (2005)
