filmfestival münster 2005

23.10.05

Preisträger

Spielfilmwettbwerb «Growing Up»
Regiepreis: Radu Mihaileanu, LIVE AND BECOME
Lobende Erwähnung: Mijke de Jong, BLUEBIRD

Kurzfilmwettbewerb
Jan Thüring & Stefan Flint MüllerGroßer Preis der Filmwerkstatt:
Jan Thüring, DAS FLOSS
WDR-Förderpreis:
Thomas Wendrich, ZUR ZEIT VERSTORBEN
und Bettina Blümner & Rouven Rech, LA VIDA DULCE
Publikumspreis:
Stephan Flint Müller, FLIEGENPFLICHT FÜR QUADRATKÖPFE

Drehbuchförderpreis Münster.Land
Heinz Winter, HET ACHTERHOEK
Anerkennungspreise: Jaqueline Epskamp, BUGATI; Beatrice Meier, FREUNDINNEN SOLLT IHR SEIN und Pia Strietmann, CLOUDCLASTER.

Radu Mihaileanu gewinnt den 1. Europäischen Spielfilmpreis
Der rumänische Regisseur Radu Mihaileanu wurde beim gestern zu Ende gehenden 11. Filmfestival Münster für seinen Spielfilm VA, VIS ET DEVIENS — LIVE AND BECOME mit dem 1. Europäischen Spielfilmpreis und einem Preisgeld von 10.000 Euro ausgezeichnet. Die fünfköpfige europäische Jury zeichnet den Film für die „herausragende Art aus, in der die Geschichte eines Jungen auf der Suche nach seiner Identität vor dem Hintergrund der Geschichte eines ganzen Volkes auf der Suche nach einer Heimat erzählt wird. Mihaileanu inszeniert diese große Geschichte mit einem beeindruckenden Ensemble und einem klaren Blick für Details. Die Auszeichnung gilt auch der Entscheidung des Regisseurs das Augenmerk auf dieses wichtige Thema zu lenken.“

LIVE AND BECOME machte das Rennen unter acht europäischen Spielfilmen, die in dem neuen Wettbewerb unter dem Thema «Growing Up» zusammengefasst waren. Der Film führt zurück ins Äthiopien der 80er Jahre als das Land von einer schrecklichen Hungerkatastrophe heimgesucht wurde: Die größte Chance dem Hungertod zu entgehen, haben jüdischstämmige Afrikaner, denn die „Operation Moses“ bringt sie außer Landes nach Israel. Radu Mihaileanu erzählt anhand des Schicksals eines 9jährigen Christen, der sich als Jude ausgibt, um zu überleben, das Schicksal vieler Menschen und findet für den Irrsinn der Geschichte beeindruckende und ungeschönte Bilder. Mihaileanu, 1958 in Bukarest geboren, verließ das Land auf der Flucht vor Ceausescus Diktatur 1980 und lebt seitdem in Frankreich. 1993 stellte er mit TRAHIR sein Spielfilmdebut vor und erzielte 1998 mit ZUG DES LEBENS einen internationalen Kinoerfolg. Der Film ist ab April nächsten Jahres in den deutschen Kinos zu sehen.

Die Jury, bestehend aus Karin Wolfs (Filmjournalistin, Niederlande), Till Endemann, (Regisseur, Deutschland, DAS LÄCHELN DER TIEFSEEFISCHE), Alessandro Piva (Regisseur, Italien, LACAPAGIRA), Inger Nilsson (Schauspielerin, Schweden, „Pippi-Langstrumpf“) und Marlies Baak-Witjes (Referentin für Filmbildung, Deutschland) vergab des weiteren eine lobende Erwähnung an die Niederländerin Mijke de Jong. Ihr Film BLUEBIRD portraitiert einfühlsam das Leben einer zwölfjährigen Schülerin und ihren Weg zwischen planloser jugendlicher Rebellion und verantwortungsvollem Handeln.

Im Kurzfilmwettbewerb, der seit 1981 in Münster ausgerichtet wird, waren in diesem Jahr 68 Beiträge zu sehen. Den Großen Preis der Filmwerkstatt in Höhe von 5 000 Euro, gefördert und präsentiert von der Kulturstiftung der Sparkasse, erhielt in diesem Jahr der Aachener Jan Thüring für seinen Film DAS FLOSS, eine Puppen-Animation über die Haifischnatur des Menschen.
Schwere Entscheidungen hatte die Jury – in diesem Jahr vertreten durch Fabian Busch (23, LIEGEN LERNEN), Barbara Kamp („Methode Film“), Irit Neidhart (mec film) und Karl-Heinz Braune (Szenenbildner) - angesichts der hohen Qualität der Wettbewerbsfilme zu treffen.

Bettina Blümner & Rouven RechDaher wurde der Förderpreis des WDR Studio Münster in Höhe von 2500 Euro in diesem Jahr gesplittet. Thomas Wendrich und seine Fabel ZUR ZEIT VERSTORBEN, ein Film über die Zeitlosigkeit der Träume mit einem wunderbaren Michael Gwisdek in der Hauptrolle, teilt sich den Preis mit LA VIDA DULCE, einer humorvollen Kurzdokumentation von Bettina Blümner und Rouven Rech über die Kuchenknappheit am Muttertag in Kuba. Den mit 1000 Euro dotierten Publikumspreis, gestiftet von den Münsterschen Filmtheater-Betrieben, erhielt Stephan Flint Müller für seinen Film FLIEGENPFLICHT FÜR QUADRATKÖPFE, in dem keine Berliner Reklametafel vor dem Asphaltpoeten sicher ist.

Besucherzahl um 20% gestiegen
Der Preisverleihung am gestrigen Sonntagabend war der krönende Abschluss des 11. Filmfestivals, dessen Neupositionierung von Filmemachern, Jurys, Fachleuten und Publikum gleichermaßen begeistert aufgenommen wurde. Mit 6.000 Festivalbesuchern kann Münster stolz einen Zuwachs von 20% gegenüber 2003 vermelden.
Schon seit Jahren hatten herausragende, aktuelle europäische Produktionen neben dem Klassiker Kurzfilmwettbewerb ihren festen Platz im Münsterschen Festival. Die Verankerung in einem Spielfilmwettbewerb mit thematischer Ausrichtung hat sich als erfolgreiche Konzeption erwiesen. Die Auswahl bewies, wie die Auseinandersetzung mit gesellschaftskritischen Themen in spannendem Filmgenuss resultieren kann. Fünf Tage lang ist in Münster der Film gefeiert worden. Mehr als 80 Filmschaffende und Journalisten aus Deutschland und Europa waren zu Gast im Kino Stadt New York. In ihren Arbeiten und angeregten Diskussionen haben sie einmal mehr die große Bedeutung des Films für Kultur und Gesellschaft zum Ausdruck gebracht.

Die Premiere von DER DOPPELTE LOTT, der neuesten Ausgabe des Münster-„Tatort“, die der WDR im Rahmen des Festivals veranstaltete, ist beim Publikum ebenfalls auf große Resonanz gestossen.
Für Fachleute aus der Filmbranche erwies sich auch das Symposium „Growing Up — Die Arbeit mit Kindern und jugendliche Darsteller in Spielfilmen“ als spannende Plattform. Fragen von Inszenierung und moralischen Grenzen des Machbaren wurden ebenso diskutiert wie die einer dringenden Reform bedürfenden Arbeitsschutzbestimmungen für Kindern.
Selbst für bekannte Filme, die den Zuschauerinnen und Zuschauern in der Reihe „Himmel und Hölle: Fünf Liebesgeschichten“ in Kooperation mit dem Bistum Münster gezeigt wurden, öffneten sich neue Blickwinkel. Hochkarätige Referenten lieferten Filmanalysen, mit denen die Bilder auf der Leinwand neu entdeckt werden konnten.
Große Anerkennung bekamen die Spielfilme des film|spiegel aus den Niederlanden, besonders die Retrospektive der Werke des ermordeten Theo van Gogh. Sie war nicht nur eine Reverenz an einen politischen Querdenker, sondern zeigte auch dessen Einfluss als Filmemacher. Die Helden des gestrigen Sonntags waren die jungen Nachwuchsfilmer, die in „Münster Connection“ ein buntes Kaleidoskop von Filmen präsentierten, die in Münster gedreht wurden oder in einem Münster-Kontext stehen. Die Produktionen aus dem Umfeld der Filmwerkstatt, der Kunstakademie oder der Fachhochschule Design wurden ergänzt durch den viel diskutierten Film NICHT LOB NOCH FURCHT über Clemens August Kardinal Graf von Galen sowie die Kurzfilmrolle LOST AND FOUND von Herbert Schwering.