filmfestival münster 2007

29.09.07

Helden der Arbeit

Vier Spielfilme über Arbeit, Klassenkampf und den Sinn von Lohnarbeit und Kapital

KARBID UND SAUERAMPFERIn einem Film der Brüder Lumière verlassen 1895 Arbeiter eine Fabrik. Charlie Chaplin hat 1936 in MODERNE ZEITEN dem Malocher zwischen den Zahnrädern ein ewiges Denkmal gesetzt. John Lennon dichtete 1970 ironisch: „A Working Class Hero Is Something To Be". Ken Loach forderte 2000 „Bread and Roses". Und Aki Kaurismäki nimmt 2007 in seinem in Cannes gezeigten Kurzfilm THE FOUNDRY (Die Gießerei) den Film der Brüder Lumière wieder auf.
Das Kino hat sich seit seinen Anfängen immer und in allen Nationen um die gekümmert, die als Arbeiter und Malocher das Salz der Erde waren und die gesellschaftlichen Treibriemen für die, denen die staatlichen oder privaten Produktionsmittel gehörten. „Alle Räder stehen still, wenn mein starker Arm es will" — die Losung der Sozialdemokraten war in Zeiten des Manchester-Kapitalismus so virulent wie Karl Marx und Friedrich Engels 1848 mit dem „Kommunistischen Manifest" („Proletarier aller Länder, vereinigt euch!").

In Zeiten der Globalisierung der Produktivkräfte haben die Parolen an Bedeutung verloren, aber ein Rückblick auf die Filmgeschichte zeigt, wie packend die Zeichnung von Arbeit, HeldInnen der Arbeiterklasse, sozialem Elend und Lohnkämpfen sein kann.

Die kleine Reihe des Filmfestivals Münster zeigt an vier herausragenden Beispielen, dass soziale Bewegungen, Mechanismen der Ausbeutung von Arbeitskraft, Ideen von Solidarität und Utopien keine blinden Parolen waren, sondern sich klarsichtig in Filmen niederschlugen, die spannender als ein Thriller, humorvoller als eine Comedy und nachdenklicher als philosophische Fragmente Bewusstseinsprozesse in Gang setzen, ohne Unterhaltungsbedürfnisse zu vernachlässigen.

 

Unsere vier Filme aus vier Nationen verfolgen die Entwicklungen vom Klassenkampf-orientierten Kino der Weimarer Republik bis zum heutigen Filmschaffen von Aki Kaurismäki, dessen Arbeiter zum Mythos werden.

  • Slatan Dudows KUHLE WAMPE (Deutschland 1932), nach einem Drehbuch von Bertolt Brecht, mit der Musik von Hanns Eisler, („Vorwärts und nicht vergessen … die Solidarität“), führt eine Familie, die die Wohnung verliert, in die Zeltkolonie Kuhle Wampe am Berliner Müggelsee.
  • Frank Beyers KARBID UND SAUERAMPFER (DDR 1963), eine der besten deutschen Komödien überhaupt, hat nichts von ihrer alltagsrealistischen Frische verloren. Die Odyssee eines Fabrikarbeiters (Erwin Geschonneck) mit sieben Fässern Karbid entlang der Besatzungszonen ist ein mit originellen Einfällen gespicktes Road Movie, das die Nachkriegszeit 1945 als Abenteuerpark „verlebendigt“.
  • Mark Hermans BRASSED OFF (GB 1996) ist eine lebenspralle britische Tragikomödie um Solidarität, kollektives Bewusstsein, eine ergreifende Vater-Sohn-Geschichte und die Abrechnung mit der Rotstiftpolitik der Thatcher-Ära, die das nordenglische Kohlenrevier ausbluten lässt. Der Film verbindet spielend bissigen Dialogwitz, soziale Message und skurrilen Galgenhumor und trifft nicht nur mit der mitreißenden Blasmusik immer den richtigen Ton.
  • Aki Kaurismäkis DER MANN OHNE VERGANGENHEIT (SF/D/F 2002) zeigt als Meisterwerk konzentrierter Verknappung, wie ein Namenloser ohne Gedächtnis sich aus dem Nichts neu erschafft, unter den Arbeitslosen im Hafen von Helsinki Arbeit und Heimat findet und mit Energie ungeahnte Bewegung in die Kolonie bringt. Dass er die Frau seines Lebens und den Hund seines Vertrauens findet, krönt das mythische Sozialmärchen, ein Film voll Schönheit, Anmut und Würde.

Dr. Hans Gerhold, Filmwissenschaftler, gibt jeweils eine unterhaltsame und Erkenntnis fördernde Einführung in die Filme.
Die Vorführungen finden in chronologischer Reihenfolge statt: Do. 18./Fr. 19./Sa. 20. Oktober um 18:00 Uhr und So. 21. Oktober um 11:00 Uhr.

Siehe auch KINOKARATE Edition Nr. 3, „Arbeit“:
» www.kinokarate.de

Die Filme

Do 18.10. 18:00
KUHLE WAMPE oder WEM GEHÖRT DIE WELT
D 1932, 74 min
R: Slatan Dudow

Fr 19.10. 18:00
KARBID UND SAUERAMPFER
DDR 1963, 85 min
R: Frank Beyer

Sa 20.10. 18:00
BRASSED OFF — MIT PAUKEN UND TROMPETEN [engl.OmdtU]
GB/USA 1996, 107 min
R: Mark Herman

So 21.10. 11:00
DER MANN OHNE VERGANGENHEIT
SF/D/F 02, 97 min
R: Aki Kaurismäki