Palast des Schweigens
Mittwoch, 19.09.2012, 18:30 Uhr // Montag, 24.09.2012, 18:30 Uhr

Samtu al-Qusur (OmdtU)
TN, F 1994 // R Moufida Tlatli // 127 min
Die Geschichte spielt im soeben unabhängig gewordenen Tunesien und blendet in die letzten Jahre der französischen Herrschaft zurück.
Der Film erzählt vom Leben der Sängerin Alia, Tochter einer Magd im Palast eines tunesischen Beys. Die junge Frau ahnt, dass ihr Vater einer der Herren sein muss, welche sich Mägde nehmen, wie es ihnen passt. Alia lebt ihrerseits in wilder Ehe mit einem einstigen Freiheitskämpfer. Sie ist schwanger. Am Tag vor der Abtreibung, zu der sie der Mann wegen Alias Herkunft drängt, erfährt sie vom Tod des Beys und lässt ihre Kindheit im Palast Revue passieren.
„Als ich ein Kind war, nannte man die Frauen die ‚Kolonisierten der Kolonisierten‘. Sie
waren von Geburt an unterlegen. […] Seit meiner Jugend hat mich das Schweigen der
arabischen Frau erschüttert. Es war ein schmerzhaftes Schweigen, das ich nicht verstand.
Wenn ein junges Mädchen das Alter der Pubertät erreicht, wird sie von ihrer Familie und ihrer Umgebung mit Sorge beobachtet. Sie wird ein Gegenstand, den es so schnell wie möglich unterzubringen gilt. Sollte sie ihre Jungfräulichkeit vor der Ehe verlieren, würde sie ihre eigene Ehre verlieren und die der Familie aufs Spiel setzen. Dass Schlimmste ist, dass all diese Androhungen nicht ausgesprochen werden.“
(Moufida Tlatli im Gespräch mit Bernard Génin)
Moufida Tlatli wurde 1947 in Sidi Bou Said, in der Nähe von Tunis, geboren. Von 1966
– 1968 studierte sie Film an der Pariser IDHEC, sie arbeitete zunächst beim französischen Fernsehen und kehrte 1972 nach Tunesien zurück. Tlatli hat sich in der gesamten Region einen Namen als Schnittmeisterin gemacht. Sie schnitt Merzak Allouaches bahnbrechendes Regiedebüt Omar Gattlato, sowie Filme von Ferid Boughedir, Michel Khleifi, Nacer Khemir und Salma Beccar. Das Schweigen des Palastes ist ihr Regiedebüt.
Moufida Tlatli gehört zu den 65 Erstunterzeichnenden der aufsehenerregenden Petition
vom August 2010, in der Ben Ali aufgefordert wurde, im Jahr 2014 für eine sechste
Amtszeit zu kandidieren. Sie war Kulturministerin im ersten Übergangskabinett 2011, das wegen zu großer Nähe zum alten Regime nach zehn Tagen aus dem Amt gejagt wurde.
„Sie [Moufida Tlatli] ist ein Kind der Bourguiba Generation, die unter dem Einfluss des tunesischen Präsidenten aufwuchs, der 1956 die Unabhängigkeit von Frankreich erreichte und ein säkulares Regime mit einer Reihe von Gesetzen einführte, die die
tunesischen Frauen vom 14. ins 20. Jahrhundert katapultierten. In diesem Regime wurde Polygamie verboten, Frauen können einen ehebrecherischen Gatten verklagen,
der Schleier wurde freiwillig, Frauen können als Ärztinnen und Anwältinnen arbeiten
und sogar Autos fahren – ein großes Thema in arabischen Ländern. Der Prozess wird
von seinem Nachfolger Ben Ali fortgeführt.”
(Peter Lennon: Sins of the mothers. Moufida Tlatli's new film has an unusual slant on the cause of oppression in Tunisia. The Guardian, 22.6.2001)