profundal, das
 
Ausstellung mit Künstlerinnen des "Innennetz e.V."

07.11.04 - 09.01.05
Das Profundal umfasst zum einen die tiefste Zone in Seen mit den dort lebenden Organismen und zum anderen in der Philosophie das Gründliche, in die Tiefe Reichende, Grund Legende. Der "Innennetz e.V." lädt zu einer gemeinsamen Ausstellung im Geologisch-Paläontologischen Museum sechs auswärtige Künstlerinnen ein. Die spezifischen Qualitäten des Ausstellungsortes bilden die Plattform, von der die Künstlerinnen ausgehen. Unterschiedliche Arbeitsweisen und -techniken künstlerischer Feldforschung reagieren auf und interagieren mit den wissenschaftlichen Forschungsmethoden und Begriffskategorien.
 
Beteiligte Künstlerinnen aus Münster:...
...und ihre Gäste:
Susanne von Bülow
Margot Protze (Nürnberg)
Holle Frank
Gisela Weimann (Berlin)
Franziska Günther (jetzt Hamburg)
Birgit A. Schumacher (Berlin)
Eva-Maria Kollischan (jetzt Köln)
Kathrin Grundmann (Köln)
Anja Kreysing
Maika Korfmacher (Neukirchen-Vluyn)
Petra Kurze
Sonja Weckenmann (Hamburg)
 
 
Im Erdgeschichteraum:
Die Klangkünstlerin Anja Kreysing durchdringt in Analogie zur geologischen Erforschung von Gesteinsschichten mit "Restlicht" das Geschehen im allgegenwärtigen Hintergrundrauschen. Mit hoch empfindlichem Gerät berührt sie den Rand menschlicher Wahrnehmungsfähigkeit und lässt das "Gras wachsen hören" oder "Gespenster sehen".
 
Im Kreideraum:
Susanne von Bülow ritzt Motive menschlichen Alltags in die geschwärzten Bildschirme von vier funktionstüchtigen Fernsehgeräten. Die Einritzungen geben wie eine Ausgrabung partiell den Blick auf das flimmernde Geschehen dahinter frei.
 
Im Eiszeitsaal:
Holle Frank reflektiert in "Argumentum ornithologicum" die Verschränkung von Natur und Zivilisation mit einem Film über die Starenschwärme, die sich jeden Januar auf ihrem Zug nach Süden in Rom niederlassen. Das ritualisierte und hoch entwickelte Verhalten einer Art wird kommentiert durch einen Text von J.L.Borges. Der wortspielerische Titel verweist auf das so genannte ontologische Argument von Anselm von Canterbury, der diesen versuch eines Gottesbeweises entwickelte.
 
Kathrin Grundmann spürt der Seele im Atemhauch nach. In einem fotografischen Portrait des flüchtigen Moments nach dem Ausatmen wird er bewahrt und archivierbar.
 
Eva-Maria Kollischan zeigt in einer Vitrine eine unbetitelte Arbeit als Resultat ihrer Archäologie des Alltäglichen. Schnell Übersehenenes (weil zu Ephemeres) wird in Form verschiedenster, teilweise obskur anmutender Objekte dokumentiert. Manches bleibt rätselhaft, auch wenn kleine maschinenschriftliche Schildchen eine Erklärung vorgaukeln.
 
Maika Korfmacher ist mit zwei Werkgruppen vertreten. Sie lässt ihre "boxes of memories" - archaisch anmutende Tonplastiken, fein abgestimmt auf den Boden - unter dem Mammut stelenhaft aus dem Boden wachsen. Verborgene Inhalte deuten sich in unklaren Erhebungen auf den Oberseiten an: Verdrängtes, Vergessenes, Unentdecktes?
 
"Räume" kommentieren die großen Huftierskelette formal und inhaltlich: Ausgerichtet am Raster der Fußbodenplatten liegen sperrige graue Keramiktafeln auf Metallsockeln. Ihre Deckelplatten geben teilweise den Blick frei auf schimmernde Innenwelten.
 
Gisela Weimann stellt beim Auerochsen-Skelett die dritte, überarbeitete Auflage des Lehrbuches ihrer 1995 gegründeten "Kuhschule" vor, in der jungen, unerfahrenen Kühen in Europa eine solide Grundausbildung vermittelt wird.
 
Sonja Weckenmann legt mit "Raster, transparent" kleine durchsichtige Aufkleber an den Kreuzungsstellen des Bodenrasters aus. Kaum wahrnehmbar bekommt der Raum dadurch die Ungewissheit eines nicht zu überblickenden Grundmusters; gleichzeitig hat der aufmerksame Betrachter Funderlebnisse, die denen beim Fossilien Sammeln ähnlich sind.
 
Im Geologieraum:
Petra Kurze zeigt mit "Memento mori (Todesstrafe)" einen Zyklus von großformatigen Papierarbeiten, in denen sie Blumen im blühenden, verwelkenden und trockenen Stadium wie hingerichtete Verurteilte präsentiert. Textfragmente geben dokumentarisch die letzten Minuten von verurteilten Menschen in der Todeskammer wieder und brechen die floralen Motive. Damit korrespondieren Urnen, die die Formen von Glasgefäßen in einer Vitrine aufnehmen.
 
Franziska Günthers Arbeit "gruß aus" reduziert Motive von Postkarten - Stadtansichten, Landschaften, Bergwelten - zu monochromen Farbflächen. Orte werden lediglich durch das vorgegebene Raster sowie durch topographische Informationen, Zeichen und Symbole beschrieben.
 
Im Sonderausstellungsraum:
Margot Protzes "Das Feste im Flüssigen" ist eine Metapher für lang dauernde Verwandlungen. Mit dieser mehrteiligen Arbeit aus verschiedenen Medien, gezeigt in drei Vitrinen, greift sie die klassischen Präsentationspraktiken und -inhalte eines Naturkundemuseums auf. Teilweise sind die Objekte dinghaft-deutlich, teils zeichnerisch verrätselt; immer handelt es sich um pflanzliche oder tierische Überreste.
 
Birgit A. Schumacher dokumentiert in Ihrer Arbeit "Zimmer mit Aussicht", einem eindrucksvollen Fries von Fotografien, die individuellen Spuren von 17 Gästen in einer Atelierwohnung in Berlin-Gropiusstadt. Veranschaulicht werden diese durch eigene "Souvenirs" des flüchtigen Lebens im Hotel.
 
Sonja Weckenmann ist hier (neben dem Eiszeitsaal) mit Papierarbeiten vertreten, die Eingriffe in Gefundenes und Alltägliches darstellen. Bestehende Drucksachen, Notizen, die Kopie eines Fotos etc. werden vom Fundstück zum Gegenstand der Anschauung umgewidmet.