Interview mit Schauspieler Jan-Josef Liefers
Pathologie der guten Stube
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| Jan-Josef Liefers (l) und Axel Prahl - ermitteln im Team im neuen "Tatort" |
Im neuen „Tatort“ mimt er den witzigen Rechtsmediziner. Schauspieler Jan-Josef Liefers ist der Star des ersten Münster-Krimis im ARD-Format. Berühmt geworden durch Rollen in „Knocking on Heaven’s Door“ und „Rossini“, hat sich der vielseitige 36jährige auch als Regisseur und Musiker einen Namen gemacht. Mit Michael Aust sprach er über Münster, Männerfreundschaften und das Leben auf der Straße.
draußen!: Herr Liefers, wie waren die Dreharbeiten in der „Metropole“ Münster?
Jan-Josef Liefers: Es ist ganz angenehm hier zu sein. Münster ist ’ne gute Mischung aus Ruhe und Aufregung. Als Berliner komme ich hier ein bisschen runter. Da ich leidenschaftlicher Radfahrer bin, war es toll, hier mit dem Fahrrad rumzugondeln. Münster ist aber nicht gerade der ideale Drehort: Das Wetter ändert sich so schnell, das ist für Dreh-arbeiten Gift. Andererseits sind wir hier sehr freundlich aufgenommen worden. Wir konnten in der richtigen Pathologie drehen und hatten fast freundschaftlichen Kontakt zu den echten Gerichtsmedizinern. Ich quetsche die dann immer aus, und die interessieren sich für das, was wir machen. Das ist viel schöner, als das Gefühl, man stört.
draußen!: Was hat Ihnen an Münster besonders gefallen?
Liefers (lacht): Das Wetter. Alle vier Jahreszeiten an einem Tag - das ist ein Erlebnis. Und es ist eine Studentenstadt. Das finde ich immer gut, wenn der Altersdurchschnitt unterhalb der Sechzig liegt. Das ist ja hier ganz eindeutig so. Mir gefällt die Natur: Viel Wald und alles schön nah. Der kleine See [Herr Liefers meint den Aasee, Anm. d. Red.] ist auch sehr hübsch, da kann man schön joggen. Ich finde am interessantesten, dass Münster die Phantasie anregt. Man fragt sich: Welche großen Kriminalfälle will man in Münster erfinden? Das ist in der ersten „Tatort“-Folge ja schon zu sehen: Weniger spektakuläre Autojagden und Schießereien auf offener Straße. Aber wenn man ehrlich ist - das passiert auch in einer Stadt wie Berlin nicht. Das gibt es nur im Krimi, zumindest in Deutschland. In Münster fragst du dich: Was passiert in der guten Stube hinter den Fassaden? Wie man im „Tatort“ sieht, ist da mächtig viel Dreck unterm Teppich. Und am Ende kulminiert das dann in einem Mord. Aber es geht eigentlich viel mehr um den sozialen Hintergrund und das, was in den Leuten so an kranken Instinkten gearbeitet hat. Das ist ziemlich beunruhigend und fast gruselig. Hat man solche Menschen einmal durchschaut, läuft es einem kalt den Rücken runter.
draußen!: War es schwer, den ganzen Film über zu lispeln?
Liefers: Dafür werde ich ja bezahlt.
draußen!: Sie spielen den etwas geleckten Schlipsträger Prof. Boerne. Wie gefällt Ihnen die Rolle? Liefers: Sehr gut. Mir war der sofort sympathisch. Der ist ganz anders als ich. Schauspieler werden leicht mit den Rollen identifiziert, die sie spielen. Das ist zum ersten Mal jemand, der völlig anders ist als ich. Mir macht’s großen Spaß, den zu spielen. Ein ziemlich lustiger und interessanter Typ, sehr vorlaut, ein bisschen arrogant und extrem selbstbewusst. Kann er auch sein, weil er ein verdammt guter Forensiker ist. Und er ist extravagant. Mir gefallen Leute, die sich nicht immer wie Buchhalter ducken unter ihr eigenes Leben und ihren Beruf. Boerne trinkt guten Rotwein, liebt Zigarren und fährt ein wahnsinnig teures Auto. Obwohl er ein beschissener Autofahrer ist und den Vorwärts- nicht von Rückwärtsgang unterscheiden kann. Ein Exentriker. Das finde ich interessanter als so einen stillen, vertrockneten Wissenschaftlertyp, der unterm Arm nach Knäckebrot riecht. draußen!: Und die Männerfreundschaft zu dem Kommissar?
Liefers: Die Idee ist ja eigentlich, keine Männerfreundschaft zu haben wie in anderen Tatorten, wo zwei Ermittler unterwegs sind. Die stehen dann immer zusammen an der Currywurstbude und trinken Bier, und das ist dann immer so eine Buddy-Story. Hier ist das konträr: Prof. Dr. Boerne stammt aus bürgerlichem Hause, ein richtiger Bildungsbürger. Wenn er sich auch mal daneben benimmt. Er liebt die Ironie, sich gewählt auszudrücken und eine spitze Zunge zu haben. Kommissar Thiel ist ganz anders. Der kommt aus einfachen Verhältnissen, ist ein straighter Typ, der am liebsten gar nicht redet. Ich finde, wir sind ein gutes Paar, weil wir so verschieden sind. Deswegen wird das nie eine richtige Männerfreundschaft.
draußen!: Sie sind auch Regisseur. Wie wär’s mit einem Film zum Thema Wohnungslosigkeit?
Liefers: Man kann nicht wirklich einen Spielfilm über Wohnungslosigkeit machen. Man kann einen Spielfilm drehen über Menschen, von denen vielleicht einige wohnungslos sind. Ich fand das Leben auf der Straße immer schon interessant. Ich will das nicht romantisieren, ich bin mal drei, vier Monate mit dem Fahrrad durch Amerika gefahren. Ich hatte nicht mal ein Zelt dabei und auch kein Geld und musste einfach irgendwo pennen, am Strand oder so. Das hat mich sehr verändert. Als ich zurückkam, bekam ich Platzangst. Ich weiß, dass das Leben auf der Straße einen nicht nur äußerlich, sondern auch im Innern verändert. Das wäre ein Thema für einen Film. Darüber würde ich mich gerne mal mit Leuten unterhalten. Das fände ich sehr schön.