rezensionenDa hat sich der alte Ravensburger Spieleverlag nochmal so richtig Mühe
gegeben. Wurde auch Zeit: nach vielen mageren Jahren war der Ruf doch etwas
angekratzt. Jetzt hat Ravensburger seine Marken geordnet: FX ist für
die Paretyspiele zuständig, Ravensburger für Familien und Alea,
eine neue Marke des Ravensburger Verlages versorgt die anspruchsvollen
Vielspieler.
Insofern hätte Tikal eher dorthin gehört. Stattdessen erscheint
das Spiel unter dem blauen Dreieck, was wohl besonders dazu dienen soll,
dessen Ruf wieder hochzupeppeln. Denn Tikal ist ein Klassespiel und mit
Sicherheit ein Favorit auf die Spielepreise des Jahres 1999!
Tikal
ist der Name der größten Maya-Stadt, die im Urwald in Guatemala
liegt und dort immer noch nicht vollständig erforscht und freigelegt
worden ist. Aus diesem Tatsachenhintergrund hat das erfolgreiche Autorenduo
M. Kiesling / W. Kramer ein spannendes Strategiespiel gemacht. Auf der
Spielwarenmesse in Nürnberg überschlugen sich die Kritiker vor
Begeisterung, einer, der das reele Tikal bereits gesehen hat, verstieg
sich sogar zu der Aussage, "die Atmosphäre des Ortes sei genau getroffen"
- nun ja. Aber: die Illustration ist von Franz Vohwinkel, und das ist schon
einmal ein wichtiges Element für ein gut gestaltetes Spiel.
Das Spiel beginnt, der Spielplan ist leer. Vor uns liegt ein undurchdringlicher Urwald. Jeder Spieler wird zum Expeditionsleiter, der immer neue Teile des Urwaldes freilegt und dabei auf Teile der Maya-Stätte stößt. Hierbei bedienen sich die Autoren der erstmals von Klaus Teuber in "Catan" eingesetzten Hexfelder, von denen jeder, der an der Reihe ist, eines aufdeckt, bis der Spielplan voll ist und damit die Entdeckerexpedition am Ende.
Jedes
Feld verbirgt unterschiedliches: entweder eine Tempelruine, verborgene
Schätze oder eine Lichtung, auf der man zum Beispiel Camps errichten
könnte. Pro Zug hat der Spieler zehn Aktionspunkte zur Verfügung,
mit denen er verschiedene Aktionen ausführen kann: er kann seine Expeditionsteilnehmer
ziehen, kann Schätze heben oder tauschen, kann einen Tempel von Unkraut
befreien und damit wertvoller machen oder er kann den Tempel sogar
für sich reservieren und damit die Punkte einkassieren...
Ach ja, Punkte. darum geht es ja eigentlich, vergißt man fast. Punkte gibt es für gehobene Schätze oder für Tempel, bei denen man die Mehrheit der auf dem Feld befindlichen Expeditionsteilnehmer besitzt (ähnlich wie bei El Grande). Unter den aufzudeckenden Feldern befinden sich Vulkane, die Zwischenwertungen auslösen. Die Devise heißt: geschickt seine Aktionspunkte einsetzen, haushalten aber darauf gefaßt sein, was die nächste Karte bringen wird.
Dieses Spiel hat einen entscheidenden Vorteil: es kann sehr gut auch zu zweit gespielt werden. Da der Spielplan immer anders ist, wird es nicht langweilig, auch wenn der Vielspieler einige Spieltaktiken mit der Zeit entwickeln kann. Leider ist das Ganze etwas kompliziert, und gehört zu den Spielen, in die man sich erst reindenken muß. Aber das lohnt sich! Das vom Verlag angegebene Einstiegsalter "zehn Jahre" ist jedoch unrealistisch.
Von diesem Spiel wird man '99 noch hören. Und nicht nur das: Erweiterungen
sind denkbar, und es würde Spaß machen, neue Entdeckungsmöglichkeiten
zu erfinden. Gut auch: es gibt eine Profiversion direkt mit. Genau das
richtige für intelligente Vielspieler, die Lust haben auf ein gut
gestaltetes, anspruchsvolles Spiel.
Schade, das das Spiel nur für drei oder vier Spieler ist. Wahrscheinlich
hat man aus Kostengründen nicht mehr Spieler ermöglicht. Da der
Spielplan nach dem Spielkonzekt jedoch proportional zur Spieleranzahl wächst,
ist das Spiel für jede Spieleranzahl gut geeignet.
Schade ist, daß der Verlag keinen Schieber oder Anzeiger mitentwickelt
hat, auf der man einstellen kann, wieviele Aktionspunkte man verbraucht
bzw. noch zur Verfügung hat.
"Tikal" ist der absolute Favorit auf den Titel "Spiel des Jahres 1999". Es gehört jedenfalls zu den drei Nominierten (erstmals wurden aus der Auswahlliste zum Spiel des Jahres drei Titelkandidaten herausgegriffen, die nun den Titel "Nominiert" tragen dürfen), und ist unter diesen dreien der sichere Gewinner, falls es nicht eine Überraschung gibt. Es wäre eine gute Wahl.
Insidertips: wir empfehlen, die letzte Wertung nach der Profiregel durchzuführen: der letzte Spieler auf der Punkteleiste fängt an, nachdem der letzte Zug beendet worden ist.
Tikal - von Kramer / Kiesling
Erschienen im Ravensburger Spieleverlag 1999
Preis: ca. 59,90 DM
für zwei bis vier Spieler ab 12 Jahren
Spieldauer: ca. 60 Minuten
Kurzkritik: Ein klasse Strategiespiel, auch
zu zweit prima spielbar!
(Michael Ziemons)