rezensionenBig City - von Franz-Benno Delonge zurück
Und
da erzähle noch einer was von wegen 'trockene Juristen'! Der Autor
von Big City, einer hochinteressanten Neuerscheinung im Goldsieber-Verlag,
ist Richter einer Wirtschaftsstrafkammer in München. Und anders als
bei uns, die wir unsere Familie an Weihnachten, Geburtstagen und wann sonst
ein Fest drohte, mit selbstgemalten Bildern, Topflappen oder anderen Grausamkeiten
beschenkten, war das Franz-Bennos Bastelwerk wahrscheinlich hochwillkommen
in der Familie Delonge: er entwickelte Spiele für seine jüngeren
Geschwister. Jetzt hat er sich damit an die Öffentlichkeit getraut,
und wenn man Big City kennt, schämt man sich still und denkt man endgültig
daran, die angestaubte Strickliesel von früher wegzuwerfen.
Ein überraschendes, neuartiges Spielkonzept
liegt 'Big City' zugrunde: der Spielplan besteht aus mehreren Teilen und
kann erweitert bzw. variabel zusammengesetzt werden. Es ist der Grundriß
einer Stadt mit nummerierten Grundstücken. Dazu gibt es Besitzkarten.
Wer die Besitzkarte eines Grundstückes auf der Hand hält, kann
dort bauen und dafür Punkte kassieren. Dabei gibt es verschiedene
Gebäudetypen: Wohn- und Geschäftshäuser sowie Sonderbauten
wie Post, Bank, Kino, Kirche, Rathaus oder Kaufhaus.
Nur Wohn- und Geschäftshäuser können
immer gebaut werden. Es gibt sie in ein-, zwei- und dreifacher Größe
(das größte umfaßt also drei Grundstücke, die nebeneinander
liegen müssen, um das Haus zu errichten (logisch!); außerdem
muß der Bauherr die Grundstückskarten aller drei Grundstücke
besitzen (auch logisch!!)) Der Wert eines Hauses errechnet sich nun nicht
nur nach der Größe, sondern auch nach der Nachbarschaft: eine
Fabrik in der Nähe verringert, Straßenbahn, Park oder Rathaus
in der Nachbarschaft erhöhen den Wert erheblich.
Sonderbauten stellen bestimmte Bedingungen an
den Bauort bzw. an seine Nachbarschaft: zum einen können sie nur errichtet
werden, wenn die Stadt bereits ein Rathaus besitzt; zum anderen müssen
die Nebengrundstücke ansprechend bebaut sein. Ein Kaufhaus zum Beispiel
kann nur errichtet werden, wenn in der Nachbarschaft 1 Wohn-, ein Geschäftshaus
und ein Sonderbau stehen sowie eine Straßenbahn vorbeituckert.
Das
war's schon. Bezahlt werden müssen die Häuser nicht. Wer die
Grundstückskarten besitzt, kann bauen. Sehr realistisch, wie wir seit
Jürgen Schneider wissen: die Beträge, um die es in dem Spiel
gehen könnte, wären wahrscheinlich eh nur Peanuts... Jedes erbaute
Haus bringt dem Bauherrn Punkte. Klar: wer die meisten Punkte hat, gewinnt.
Besonders zu loben ist der interessante, dreilagige Spieleinsatz und die aufwendige Spielausstattung, die dann auch den Preis entschuldigt, der doch sehr moderat im oberen Mittelfeld anzusiedeln ist. Die Übersichtskarten über die Bedingungen für den Häuserbau, für Beispiele zur Spielerläuterung etc. sind im DIN A 4-Format allerdings etwas groß geraten, wenn man bedenkt, daß sie jeder Spieler beim ganzen Spiel im Auge halten soll. Ansonsten ist die Spielanleitung gut gemacht, und Franz Vohwinkels grafisches Geschick verleihen dem Spiel alles, was es braucht, um ein Favorit auf Preise und Auszeichnungen zu sein- aber auch um viele spannende Spielstunden zu garantieren. Ein Spiel, auf das ich mich lange gefreut habe und für das ich ungeduldig Testspieler zusammengetrommelt habe, weil die Anleitung schon Spaß aufs Spielen machte!
Insidertips: Die "Taktischen Hinweise" in der Spielanleitung zeugen davon, daß das Spiel eben schon älter ist, oft gespielt wurde und hier ein erfahrener Spieler spricht. Sie sind also, anders als oft, wirklich nützlich und interessant. Eines sei noch hinzugefügt: es empfiehlt sich, genau darauf zu achten, von welchen Stadtteilen die Mitspieler Karten horten. Denn wenn ein Bauherr ein Viertel sozusagen alleine bauen kann, ist das fast immer der Gewinn. Da baut man ihm doch lieber eine Fabrik vor die Nase!
'Big City'- von Franz-Benno Delonge
Erschienen bei Goldsieber 1999
Preis: 59 DM, für zwei bis fünf
Spieler ab zehn Jahren.
Spieldauer: 45 - 70 Minuten, taktischer beim
Spiel zu zweit.
Grafik: Franz Vohwinkel
Kurzkritik: Neuartig und hochinteressant!
(Michael Ziemons)